Kategorie-Archiv: Zolin Empfiehlt

Review: Joanna Newsom – Divers

joanna newsom divers

Joanna Newsom – die Frau der vielen und großen Worte. Allein ihren grandiosen Song Emily des zweiten Albums Ys bestückte sie mit rund 850 Worten, was vermutlich der Länge dieses Reviews gleichkommen wird. Und wenn die aus Nevada stammende, begnadete Harfenistin nicht gerade dermaßen lange Songs schreibt, dann zumindest unzählige kurze, wie bei dem nachfolgenden, vor gut fünf Jahren erschienenen Triple-Album Have One On Me, das bei 18 Songs und einer stolzen Laufzeit von über zwei Stunden dennoch in keinem Moment an Pathos verliert. Viel zu rätselgebend ist die gewieft verklausulierte Lyrik, beinahe schon ans Absurde grenzend die inbrünstige Liebe zum Detail und unerschöpflich aufregend der Gebrauch von orchestralen Arrangements in völlig neuen Kontexten. Im Rampenlicht steht dabei jedoch stets eines der ältesten und traditionellsten Zupfinstrumente der Menschheitsgeschichte: die Harfe, mit der Newsom sowohl E- als auch U-Kultur charmant zu bezirzen weiß.

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Review: Deerhunter – Fading Frontier

Deerhunter - Fading Frontier

Die Faustregel des Jägers, dass ein verwundetes Tier ein gefährliches Tier ist, scheint auch für den Jäger selbst zu gelten. Vor allem nach dem schweren Autounfall Bradford Coxs und dem darauf folgenden mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt, aber auch nach der vergleichsweise nervenaufreibend verzerrten Kakophonie auf Monomania hätte man von Deerhunter erwarten können, dass das Folgewerk der Psych-Pop-Formation verstärkt die Abgründe des Noise-Rock im Scheinwerferlicht ihres immer wieder bewiesenen, genialen Songwritings erkunden würde. Doch stattdessen legt die Truppe um Cox a.k.a. Atlas Sound, Moses Archuleta, Lockett Pundt a.k.a. Lotus Plaza, Josh McKay und Frankie Broyles einen (un-)erwarteten linken Haken vor – Fading Frontier zeigt den brachialen Pop Chop, den sie bisher unterschwellig hinter Noise, Shoegaze oder punkigen Ausfällen versteckt hielten, mehr denn je.

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Review: Unknown Mortal Orchestra – Multi-Love

Unknown Mortal Orchestra - Multi-Love

Nach einer gewissen Zeit ohne Schlaf erreicht man bekanntlich, ob nun gewollt oder nicht, diesen humoristisch wertvollen, jedoch nur schwer teilbaren Zustand der Schlaftrunkenheit, in dem laut Hans Arndt der Schlaflose die Ereignisse multipliziert; angesichts dessen kann schon allein aus dem Titel Multi-Love herausgelesen werden, auf welchen somnambulen Pfaden Unknown Mortal Orchestra gewandelt sein müssen, um zu diesem Album zu gelangen. Respektive der vergangenen musikalischen Ausflüge Ruban Nielsons wie dem schizophren-schlaftrunken wirkenden, selbstbetitelten Erstlingswerk oder dem Song-orientierteren und interessanter strukturierten II von vor zwei Jahren erschließt sich sein aktuellstes Werk einfacher denn je. Es wirkt weniger verkopft um der Verkopftheit willen, es klingt aufgeräumter – klingt es da etwa nach Pop? Tatsächlich trägt ein Gros der Tracks auf Multi-Love das selbe Banner wie Hot Chip oder andere entwaffnende Pop-Bataillone. Es wirkt im Vergleich zu den Vorgängern vor allem zum Beginn durch die neuartige, weniger auf Lo Fi bedachte Produktion bedrohlich unbedrohlich.

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Review: Kamasi Washington – The Epic

Kamasi Washington - The Epic

Zeit ist das, was wir nicht haben, und in drei Stunden davon könnte man so einiges schaffen. Man könnte hunderte von halbherzig überflogenen Artikeln, Binsenweisheiten und angeblich lustigen Bildern im Netz finden und sie allesamt in der Tab-Leiste sammeln, um sie dort vor sich hingammeln zu lassen und nie wieder zu beachten; man könnte eine kleine Reise mit dem Zug antreten, um sich von der langweilig vorbeirauschenden Außenwelt berieselt von Punkt A nach Punkt B, der vielleicht sogar in einem anderen Land liegt, befördern zu lassen – oder einfach abenteuerlustig beim Punkt A verbleiben, sich ein 174-minütiges Jazz-Album anhören und die Punkte B bis Z in den eigenen Hirnwindungen und Synapsen ausmachen. Zugegebenermaßen sind heute solche dreistelligen Spielzeiten eher den verführenden Welten des Films zuzutrauen als einem einnehmenden Album und die Anforderungen, die hier vom Künstler gestellt werden, keine niedrigen; doch wahrscheinlich geht es dem Tenorsaxophonisten und Komponisten Kamasi Washington mit The Epic gerade darum. Sah sich derselbe vor wenigen Monaten noch als Sideman dazu berufen, mit seinem musikalischen Know-How moderne Klassiker wie You’re Dead! vom Label-Papa Flying Lotus oder Kendrick Lamars To Pimp A Butterfly um die professionell jazzigen Noten zu bereichern, für die diese Werke einschlägig als bahnbrechend, saugeil oder zumindest als Next Level Shit deklariert wurden, so scheint das Anliegen seines Debüts in nichts Geringerem als der Zerstörung von Hörgewohnheiten mittels Altbewährtem zu liegen. Das „Einmal komplett durchhören“-Prinzip stößt bei The Epic und seinen drei (!) CD’s auf die Grenzen der eigenen Aufnahmefähigkeit; man kann sich natürlich dem Geiste des Gonzos folgend Hals über Kopf in die Exkursionen aus Soul, Funk, Jazz, Bebop und co schmeißen und so verwirrt aus dem Ganzen herausgehen, dass Jazz eben wie das wirkt, was es in Kamasi Washingtons Augen nicht sein müsste; nämlich unnahbar.

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Review: Steven Wilson – Hand. Cannot. Erase.

Steven Wilson - Hand. Cannot. Erase.

Wer von allen heutigen Progressive Rock Virtuosen wäre wohl am besten geeignet, ein bedrückendes modernes Drama über großstädtische Entfremdung und Isolation in Form eines differenzierten Konzeptalbums an den Mann zu bringen? Natürlich kann es nur er sein, der Prog Guru schlechthin unserer Zeit, Steven Wilson. Spätestens seit seinem Solo-Meisterwerk Grace for Drowning schafft es der außergewöhnliche Musiker, gleichermaßen Kritiker wie Normalsterbliche zu begeistern und auch hier beim Zolin kam er über die Jahre stets sehr gut weg – abgesehen vom ein oder anderen Seitenhieb auf dessen nicht allzu kleines Künstler-Ego. An Wilsons Versuch, mit dem neuen Album Hand. Cannot. Erase. den realen, tragischen Todesfall der Engländerin Joyce Carol Vincent zu erzählen, sind demnach wie immer hohe musikalische sowie inhaltliche Ansprüche gestellt.

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