Kategorie-Archiv: Tellavision

Review: LADA – Vitamine

Als die Hamburger Band LADA Ende 2012 die Krautrock-Szene mit ihrem Mini-Album Trouble Hat bereicherten, war es schon leicht absehbar, dass sie Fan- und Bloggemeinschaften auch in Zukunft weitere Anlässe für exzessive Lobgesänge bieten würden. Mit ihrer energischen Kombination aus pulsierenden Drums, mantra-artigen Gesängen, pointierenden Gitarreneinschlägen und wabernden Synthesizer-Teppichen, die sogar Aladins fliegendes Exemplar wie ein billiges Frotteetuch aussehen lassen könnten, ließen sie uns alle wieder wissen, wieso Krautrock aktueller und attraktiver denn je ist. Während zur Zeit des letzten Releases Acts wie Beak> oder die fulminante Konzertreihe von Kraftwerk hohe Wellen in der Krautrock-Szene schlugen, scheinen heute diese Wellen langsam verebbt oder in andere Genres versickert zu sein– Grund genug für LADA, ihre Anhänger mit neuem, lebenswichtigem Material zu versorgen. Passenderweise lautet der Titel ihres neuen Albums auch Vitamine.

Die hohe Kunst, derer sich das Hamburger Trio mehr als mächtig erweist, besteht darin, dass die Lieder des neuen Werks Assoziationen hervorrufen, die nichts mit ihrem urbanen Entstehungsort gemeinsam haben; Vitamine katapultiert den Zuhörer in den krautigen, fernen Urwald, in dem LADA die süßen und reifen Früchte vom Krautpop-Baum gepflückt und gegessen zu haben scheinen, um danach barfuß zwischen den Bäumen zu rennen. Trouble Hat, der Opener des Albums, versinnbildlicht die sich ankündigende Reise durch ein brodelndes Intro aus kakophonen Synth-Arpeggios und feurig knisternden Gitarren-Sounds, die sich wie süße Rauchschwaden ineinander verbeißen und aufbäumen, um sich in einem Schwall über die plötzlich einsetzenden, hölzern-knackigen Drums zu ergießen. Hitchhiker setzt dieses Prinzip auf einem gemächlicheren Beat fort; der zarte, düstere Gesang von Tellavision, der ein wenig an Chelsea Wolfe erinnert, nimmt den Zuhörer bei der Hand und zieht ihn noch tiefer in den Synthesizer-Wald, um ihn später bei Enschede von selbst laufen zu lassen. Mit den Drums, die gleichmäßig und belebend wie Äste und Laub unter Füßen knacken, den weiterhin wabernden Synthesizern und den rituell anmutenden Gesangsschüben klingt das Ganze im besten Sinne wie eine Peyote-Session am Lagerfeuer mit Mariam the Believer.

Auf der weiteren Reise scheuen sich LADA nicht davor, interessante De-Tours durch andere musikalische Gefilde zu unternehmen. Somebody zum Beispiel beginnt als eine recht zahme, Reggae-artige Nummer, um sich unter dem Hinzufügen von gruselig-betörenden Vokalharmonien in Richtung eines infernalen Synth-Gewitters zu bewegen. Mit The Little Itch und Rocket Mam liegen sogar gitarrenlastigere, verkopfte und doch verspielte Nummern vor, die mit manchen Werken von Mathrock-Bands wie LITE oder The Physics House Band denselben Geist teilen, ohne dem Flow des Albums zu schaden oder gar zu gekünstelt zu wirken.

Leider stellt die Produktion des Albums dem hoch gesetzten Ziel desselben ein Beinchen; die Synthesizer-Wände sind vereinzelt so vordergründig abgemischt, dass sie mitunter drohen, andere Melodien zu ertränken. Auch sind mit Liedern wie Apostola, Walk und Masel Tov recht monotone und fast schon Filler-artige Lieder vertreten, die beim zuvor erwähnten Motiv des Waldspaziergangs den Moment darstellen, in dem man nach einem langen Marsch wiederholt an einer schon bekannten Lichtung oder demselben Baum ankommt. Letztendlich gelingt es LADA jedoch, mit Vitamine ein Album vorzulegen, das sowohl facettenreich als auch besonders aufregend ist und es versteht, die Zuhörer mehrmals zum sonaren Urwaldspaziergang zu verführen. Und wem das so oft in einem einzigen Album gelingt, kann man nur einen einzigartigen Charme attestieren.

1. Trouble Hat
2. Hitchhiker
3. Enschede
4. Masel Tov
5. Walk
6. Somebody
7. The Little Itch
8. Apostola
9. Rocket Mam
10. Talk

Zolin sagt: 7 von 10

Tour-Präsentationen: Tellavision + Plumes

Es gibt mal wieder Neues zu einer von Zolins Lieblingshamburgerinnen Tellavision. Ab heute ist die Gute nämlich auf Tour, um ihr aktuelles Album Funnel Walk auch audiovisuell – bis auf eine Ausnahme – in Deutschlands Clubs vorzustellen. Mit im Gepäck hat sie dabei nicht nur ihre Platte, sondern auch den polnischen Experimentalmusiker Normal Echo. Doch nicht nur Zolins Vorfreude, sondern auch Tella springt einem fast ins Gesicht:

Oh yea-yeah! we are so ready to take off!

Give us another two days and we’ll hitch to the eastern part which is Dresden, Berlin and Leipzig I love you. After we’ll clinch a little off towards Würzburg. then we’ll show what our mamas gave us in Ulm, Köln, Bielefeld am Wackelpeter and flippin‘ Münster- visit Moon Dog in the foggy morning. Hike abroad to the Dutch at The „smokey“ Loch in Enschede and after no more than towards the east-east-east. Poproszę masło.

come by and shred with us!

In diesem Sinne, viel Spaß! Hier die Tourdates:

05.03.14 Dresden, Thalia
06.03.14 Berlin ://about blank
07.03.14 Leipzig, Horns Erben
14.03.14 Würzburg, Jugendkulturhaus Cairo
15.03.14 Ulm, Hahnengasse 15
20.03.14 Köln, Klub Genau
21.03.04 Bielefeld, Stupa Keller
22.03.14 Münster, Der Stur
23.03.14 Enschede (NL), The Loch

Doch damit nicht genug, denn ab diesem Freitag geht auch die fantastische kanadische Band Plumes auf ausgiebige Tour durch’s deutschsprachige Europa. Auf ihrem selbstbetitelten Debüt kredenzen sie eine wunderschöne Mischung aus den einfühlsamen Gitarrenspuren Dirty Projectors, mit der hauchzarten Stimme von Veronica Charnley, die ähnlich elfenhaft daher kommt wie die von St. Vincent oder Hundred Waters. Ruhig ist das Ganze aber nur bedingt, es atmet vor allen Dingen durch seine leicht progressiven Songstrukturen und ist oft sehr tanzbar. Die ideale Liveband also! Für dieses Jahr sind übrigens gleich zwei Nachfolger zu ihrem Debüt geplant. Man darf gespannt bleiben, denn mit Plumes könnte uns das ganz große Ding erwarten. Bis dahin kann man sich schon mal live von ihren Qualitäten überzeugen, um dann später sagen zu können, dass man sie schon vor dem Ruhm live erleben durfte.

Bis Freitag um 12 Uhr gibt es 3×2 Karten für das Konzert eurer Wahl (die Konzerte mit unentgeltlichem Eintritt natürlich ausgeschlossen, siehe *) zu gewinnen. Dafür einfach eine Email mit eurer Wunschstadt an contact(ät)zolinsagt.de. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

08. 03. 14: Erfurt – Franz Mehlhose
12. 03. 14: Lübeck – Tonfink*
15. 03. 14: Bad Hersfeld – Buchcafé
16. 03. 14: Darmstadt – Zucker*
17. 03. 14: Münster – Pension Schmidt
18. 03. 14: Düsseldorf – BiBaBuZe
19. 03. 14: Stuttgart – Café Galao*
21. 03. 14: Ravensburg – Figurentheater
22. 03. 14: Karlsruhe – NUN
23. 03. 14: Karlsruhe – Wohnzimmerkonzert
24. 03. 14: Winterthur (AT) – Portier*
25. 03. 14: Tübingen – Wilhelmina*
27. 03. 14: Offenbach – Parkside Studios
28. 03. 14: Aachen – Raststätte
29. 03. 14: Köln – Café Lichtung*
02. 04. 14: Berlin – Schokoladen
03. 04. 14: Hamburg – Astrastube
05. 04. 14: Magdeburg – Volksbad Buckau

Review: Tellavision – Funnel Walk

„Es war einmal die tapfere Prinzessin Tellavision…“. Mit diesen Worten beginnt das Video eines feinen Märchens, das vor einiger Zeit durch’s Internet geisterte. Es erzählt die Geschichte der Hamburgerin Fee Ronja Kürten alias Tellavision, die durch ihr übermütiges Musizieren ein unzähmbares Monster geschaffen hatte. Doch anstatt traditionell nach einem holden, schwerterschwingenden Prinzen zu rufen, zieht die gewitzte, emanzipierte Tellavision ein uraltes Geheimnis zu Rate, mit dem sie es auf eigene Faust zu besiegen versucht. Was sie dafür braucht ist lediglich ein bisschen Cash für einen magischen Gegenstand, der das schreckliche Monster in einen harmlosen Tonträger verwandeln sollte. So viel zur Geschichte.

Dahinter steckt die geschickte Idee des Crowdfundings, oder in anderen Worten: eines Spendenaufrufs zur direkten finanziellen Unterstützung seitens der Fans, um schon im Vorfeld die Pressung Tellavisions Zweitlings Funnel Walk zu ermöglichen. Besonders am Herzen lag es dem selbstbetitelten Kontrollfreak, das Album in Eigenregie zu produzieren, um nicht an fiese Knebelverträge gebunden zu sein oder Einschränkungen und Kompromisse in Kauf nehmen zu müssen. Dass eine solche Finanzierung auch heute in einer Zeit des grenzenlosen Streamings und skrupellosen Downloads noch immer möglich ist, bezeugte schon die gemeinsame Split EP mit Touchy Mob im vergangenen Jahr. Und auch für Funnel Walk fanden sich genug Wohltäter, die der Hamburgerin in ihrem künstlerischen Schaffen nur zujubeln. Zugegeben, es ist ein wenig eigen. Von daher sei die bemäntelnde Umschreibung eines „harmlosen“ Tonträgers nochmal so dahin gestellt, denn Funnel Walks hat’s in sich.

Schon bei der groben Zuordnung eines Genres kommt man in’s Grübeln. Die vielen aufeinandergestapelten Soundschichten, die Tellavision hoch und runter, vor- und rückwärts loopt, betten Elemente des experimentellen Folks, Lo-Fis sowie Pops. Vielleicht kann man das Ganze mal vorsichtig zu einem Abstract-Pop-Hybriden resümieren? Was auch immer das nun sein soll. Dann halt keine Schubladen; aber Kartons. Auf letzteren sowie leeren Dosen und anderweitig unkonventionellen Lauterzeugern unentdeckter Qualitäten trommelt Tellavision nämlich heiter durch ihr Album. Da wäre einmal die kantige Promosingle 15 Miles, die einen roten Rhythmusteppich ausrollt, nur damit die stolze Tellavision mit ihrer markanten Stimme in Begleitung der dröhnenden Synthesizer darüber schreiten kann. Vielleicht erinnert sie dabei ein bisschen an einer souligere Version Fever Rays, wenn sie ihre verschlungenen Zeilen durch die Beats von Singularity faucht.

Ob mit dem auffordernd bluesigen Gitarrenriff von Sub Species, der abgründigen Ballade Cruel Kids oder dem poppigen Ohrwurm Haters You Love; immer wieder auf’s Neue formt Tellavision unvorhersehbare, absolut gelungene Wendepunkte und wird aus diesem Grund auch keine Sekunde langweilig. Meint man einmal halbwegs in Fahrt gekommen zu sein, reißt sie das Steuerrad blitzartig in die entgegengesetzte Richtung, peilt neue schräge Ideen an, zerstanzt alles wieder mit einem größenwahnsinnigen, schneidenden Rhythmus. Dadurch entsteht ein spürbar dynamisches Spannungsfeld voll verzerrter, teils sperriger Klangästhetik, dem man sich kaum mehr entziehen kann und mag. Unsere Prinzessin Tellavision hat die Herausforderung somit souverän gemeistert und das Monster mit Hilfe ihrer ergebenen Schirmherren besiegt.

1. Haller
2. 15 Miles
3. Laughter
4. Singularity
5. Is This Soup or Sauce?
6. Sub Species
7. Cruel Kids
8. Haters You Love
9. Betony
10. Apex‘ Apex

Zolin sagt: 8 von 10

Jahresabschluss 2013

Da ist es. Das Ende. 2013. Nur, was ist uns geblieben? Die Einsicht, dass kein Marketing wie im Falle Beyoncé das Marketing von morgen ist und sich nur noch so Verkaufserfolge erzielen lassen und dass selbst eigentlich wasserdichte Erfolgsschlager wie Lady Gagas drittes Album Artpop floppen können? Ein Jahr jedoch nur auf diese wirtschaftlichen Fakten zu beschränken, würde der Vielfalt an guten Alben kein Stückchen gerecht werden. Denn neben den im letzten Monat aufgezählten besten Alben des Jahres haben sich auch einige junge Bands hervorgetan, die in diesem Jahr endlich ihr Debüt und/oder Durchbruchsalbum veröffentlichen könnten. Daher lohnt sich nach dem ganzen Jahresrückblicken endlich mal wieder ein Blick nach vorne.

Nach vorne Schauen lohnt sich beispielsweise besonders bei der österreichischen Band Bilderbuch. Sie veröffentlichten zwar schon zwei Alben, mit ihrer letztes Jahr erschienenen EP Feinste Seide gehen sie aber in eine ganze andere Richtung als mit ihren bisherigen Alben. Wenn das kommende Album nämlich tatsächlich die Qualität der EP halten kann, dann steht uns endlich das deutschsprachige Äquivalent zu Metronomy bevor. Wo wir gerade schon bei Metronomy sind: Deren neues Album Love Letters erscheint ja auch endlich in diesem März. Aber das nur am Rande, schnell zurück zu den Newcomern: Da wäre nämlich noch Tellavision, die uns gleich zum Jahresanfang das großartige Funnel Walk, auf dem sie Art-Pop á la Kate Bush mit Krautrock und weiteren experimentellen Einflüssen paart, präsentiert. Passend zum Valentinstag folgt dann auch Polymono, das Debüt von dem Großmeister des Loops, Helmut.

Weitere Hochkaräter im Januar sind außerdem noch die neuen Alben von Marteria, Warpaint, Broken Bells und Ja, Panik. Außerdem kann man sich im Verlaufe des Jahres noch auf neue Alben von Beck, The Notwist, Frank Ocean, TV On The Radio, Flying Lotus und Kanye West freuen! Die dunklen Zeitgenoßen sparen da lieber schon mal ihr Geld für die kommenden Werke von Woods of Desolation, Alcest und Wolves In The Throne Room. Dazu kommen natürlich noch die „Beyonc’esque“ veröffentlichten Überraschungsalben. Aber naja, eigentlich mag doch jeder Überraschungen, oder?

PS: Putin scheint auch ein so großer Fan des DJ Koze Artworks zu sein, dass er es nachstellte. Verrückt!

Heißer Scheiß: Tellavision

Foto von Florian Rosier

Wir erinnern uns, Anfang des Jahres haben der gute Touchy Mob und seine Kollegin Tellavision mit großen, leuchtenden Augen vor der Vinylpresse gestanden. Ein tiefer Herzenswunsch ist für beide in Erfüllung gegangen, als sie es mit Hilfe von Spenden schafften, ihre Split EP Cake gemeinsam zu produzieren. Lecker und exotisch war sie. Touchy Mob gelang der verwaschene, sonnige Verschnitt aus Folk und Elektronik, während Tellavision das Licht zu dimmen begann und sich mit ihrer mächtigen Stimme auf den geloopten, etwas surreal anmutenden Soundschichten räkelte.

Soundschichten, die sich jeglicher einfacher Genrebezeichnung entziehen. Vielleicht ein bisschen Folk, Lo-Fi, Art-Pop und Kraut-Rock der Can-Schule, wobei diese Schlagwörter nicht ansatzweise Tellavisions Schaffen in irgendwelche Schubladen komprimieren können. Die Hamburgerin wirkt viel eher wie die perfekte Symbiose aus starken weiblichen Vokalistinnen wie Cat Power, Björk oder Micachu und ähnlich experimentellen deutschen Artgenossen wie Petula oder Hans Unstern. Auch gewisse Paralellen zu Liars sind nicht zu verbergen, ähnlich wie diese scheut sich Tellavision nämlich nicht vor unkonventionellen „Instrumenten“ wie beispielsweise Kartons, besonders wenn es um das Percussion-Grundgerüst geht.

Um sich davon zu überzeugen kann man entweder die bereits erwähnte, äußerst empfehlenswerte Split-EP mit Touchy Mob ans Herz legen, oder auch ihr Debüt Album Music on Canvas sowie ihre letzte Solo-EP We Love the Omniscient Narrator; alle kostenlos über ihre Bandcamp Seite streambar. Die volle Wirkung entfaltet ihre Musik aber vor allen Dingen, wenn man sie gleichzeitig noch bei ihrem Treiben beobachten kann. Umso mehr freut sich Zolin, dass ihr im Niedervolthoudini Studio aufgenommener Live-Take von Permanent, veröffentlicht auf der EP We Love the Omniscient Narrator, heute Videopremiere auf Zolin sagt feiert. Doch das ist nicht der einzige Anlass zu feiern, schließlich veröffentlicht Tellavision Anfang nächsten Jahres endlich mal wieder ein komplettes Album! Nähre Infos gibt’s dann ab dem 14. Oktober auf ihrer Webpräsenz.