Kategorie-Archiv: Prezident

Die besten Alben des Jahres 2013: 20-11

Die Spannung steigt, wir sind mitten im Jahrespoll, doch noch viel liegt vor uns! So nähern wir uns erst langsam aber sicher den Top-Platzierungen. Nun geht’s aber erstmal zum Sequel des ersten Teils der Hauptkategorie, quasi die besten Alben des Jahres: Die Rückkehr. Naja, so dick muss man dann sicherlich doch nicht auftragen, obwohl es sich bei den Platzierungen 20 bis 11 um allesamt grandiose Werke handelt.

20. Lustmord – Word As Power

Ein Bekannter fragte mich: „Wieso The Word As Power? Meditierst du gerne?“ Es gibt die einen, die bei Musik wie dieser hier nur gähnen und sich langweilen oder einen platten Soundtrack eines nicht gedrehten Films hören. Es gibt aber auch die anderen, welche die Möglichkeit der Erhabenheit der menschlichen Stimme zur Kenntnis nehmen und sich bei einem Brillant dieser Güte voller Demut in die Tiefe stürzen, auf der Suche nach Erkenntnis jenseits von Sprache. Gänsehaut? Auf jeden Fall, unverändert. Very not now, diese dröhnende Einladung, in anderen Erdschalen oder auch Atmosphären zu verweilen.

19. Machinedrum – Vapor City

Dass sich Travis Stewart aka. Machinedrum als eine der führenden Persönlichkeiten etabliert hat, die ihre eigene elektronische Vision – eine ungefähre Mischung aus Dubstep, Footwork und Deep House – verfolgen, ist spätestens seit seinem Kollaboalbum mit Praveen Sharma als Sepalcure und den etlichen Produktionen für Azealia Banks bekannt. Dass Machinedrums kreative Ressourcen aber sogar noch ein Stückchen weiter gehen, hätten vor Vapor City nicht viele für möglich gehalten. So entwarf er einfach eine fiktive Stadt, dessen Stadtteile er jeweils einzeln vertonte. Das Projekt wird übrigens mittels EPs fortgesetzt – auf, das Vapor City die musikalischste Stadt werde.

18. Oneohtrix Point Never – R Plus Seven

Daniel Lopatin scheint 2013 tatsächlich das Rad neu erfunden zu haben. Es rollt nicht mehr ganz so linear, eher völlig eigensinnig, ein wenig wie ein selbstständig gewordenes Laufrad, das sich streckt und wieder zusammenzieht, ohne für uns erschließbare Logik und Regelmäßigkeit. Doch genau das evozierte den einzigartigen Reiz an R Plus Seven, diesem so komplett neu definierten Mikrokosmos aus Ambient-Musik und gefühlten tausend anderen Charakteristika. Beeindruckende Zusammenspiele aus roh belassener, kalter Synthetik, beunruhigenden Sample-Schnipseln und großartig komponierter Atmosphäre ließen R Plus Seven ein Gefühl des Loslösens vom eigentlichen Erschaffer spüren. Fast so, als hätte es sich und seine verstörende Art der Kommunikation mit dem Hörer ganz von selbst geschaffen.

17. Thundercat – Apocalypse

Der goldene Lorbeerkranz steht ihm gut. Auch auf seinem zweiten Album Apocalypse schafft es Thundercat, auf ganzer Linie zu überzeugen, wobei er sich dieses Mal sogar noch mehr von seinem Förderer und Labelkopf Flying Lotus abzusetzen weiß. Das gelingt ihm vor allen durch die stärkere Fokussierung auf Soul und nahezu stürmisch klingende Arrangements. Das Ergebnis ist eins der zeitgemäßesten Alben des Jahres. Der Mann hat also mal wieder alles richtig gemacht.

16. DJ Rashad – Double Cup

DJ Rashads Debüt auf Hyperdub ist eine der wahrscheinlich heterogensten Footwork Alben. Er beschränkt sich nämlich zu keinem Moment auf sein Genre, sondern lässt allerlei regionale Einflüsse aus seiner Heimatstadt Chicago zu. Das geht von Bounce Rap (Pass That Shit), über klassischen House (Leavin‘), bis zu R&B (Only One). Trotzdem trägt das ganze Album die klare Handschrift von DJ Rashad. Wer damit nichts anfangen kann, der stelle sich einfach eine Mischung aus Dr. Dre, Flying Lotus und Machinedrum vor. Mag sich vielleicht verrückt lesen, klingt aber großartig und vor allen Dingen: Einzigartig.

15. Prezident – Kunst Ist Eine Besitzergreifende Geliebte

Die Leiden des jungen Bertermann in Form eines der atmosphärisch dichtesten und intelligentesten Gesamtpakete des Deutschraps diesen Jahres verpackt. Inhaltlich beweist Prezident einmal mehr außergewöhnliche Themenwahl, die konzeptionell stets kreativ verarbeitet wird. Wobei die Feststellung, dass er dabei lyrisch nicht nur in absoluter Höchstform arbeitet, sondern besonders im Vergleich zu 90 % des schnöden Rests deutscher Rapper brilliert, fast nicht mehr erwähnenswert scheint. Viktor Bertermann zeigt plastisch und stimmungsvoll die dunklen und noch dunkleren Seiten so vieler Welten. Nie ohne eine angenehm selbstkritische Zweitstimme hebt der „Wuppertaler Suffkopp“ den intellektuellen Zeigefinger: schwankend zwischen düsteren Zukunftsvisionen, subtil verstörenden Gradwanderungen des Erzählens und nicht zuletzt technisch zerstörenden Fähigkeiten als Ausnahmekandidat im Rap.

14. Die Goldenen Zitronen – Who’s Bad

Auch dieses Jahr liefern sie das relevanteste, weil politischste deutschsprachige Album ab, um mit Max Dax zu sprechen. Gefragt ist der gesellschaftlich geformte Raum, ein nach wie vor wasserbeworfenes Thema, sofern du denn die Nachrichten in Hamburg am 21. Dezember verfolgtest. Davon abgesehen: Perkussion auf Anschlag, absurd tight. Kamerun in gesanglicher Höchstform – er verblüht, wie seine Kollegen bezeugen. Auch schön: Als Mammutprojekt wollen sie alle 15 Lieder verfilmen. Schaffen sie das? Ungeklärt. Das was bisher kam: Sehr gut. Die goldenen Zitronen sind die Oase in der Wüste Punk.

13. Dexter – The Trip

Deutschlands umtriebigster Produzent veröffentlichte dieses Jahr sein zweites Album nach seinem Beitrag zu Melting Pots Signature Reihe Hi-Hat Club. Während er auf seinem Debüt nahezu ausschließlich Jazz-Platten zu einem der besten deutschen Instrumental HipHop Alben aller Zeiten verwurschtelte, wendet er sich auf seinem zweiten Album nun einer Plattenkiste zu, die prall gefüllt ist mit Psychedlic Platten der 60er und 70er Jahren. Der Titel The Trip ist daher doppelt passend. Das Album eignet sich nämlich sowohl zur Rekapitulation der Zeit als auch als Trip durch die eigenen Sinne und beschreitet damit einen ähnlich hauntologischen Pfad wie DJ Shadow oder Flying Lotus. Dexter bleibt in der deutschen Produzenten-Riege einzigartig.

12. Tosca – Odeon

Dass die Zeit des großen Kruder & Dorfmeister-Hypes mittlerweile abgelaufen ist und beide nur noch sehr vereinzelt gemeinsam auftreten, scheint Richard Dorfmeister herzlich egal zu sein. In einem Interview verkündete er unlängst, dass sich sowieso kein Club mehr ihre Gage leisten könnte. Um so besser, dass er sich stattdessen in diesem Jahr wieder seines Projektes Tosca mit Rupert Huber annahm und das mittlerweile schon sechste Studioalbum Odeon veröffentlichte. Eine gute Entscheidung, denn im Gegensatz zu Kruder & Dorfmeister, welche sich immer nur auf Compilations, Remixe und einzelne Tracks spezialisierten, haben Tosca bisher ausschließlich grandiose Alben produziert – Odeon ist hiervon keine Ausnahme.

11. Boards of Canada – Tomorrow’s Harvest

Mit ihrem ersten Release nach acht Jahren folgten so viele Erwartungen und Gerüchte, dass die beiden schottischen Brüder des IDM-Duos sich vor der sowieso schon konstant hohen Nachfrage nach Information und Kommentaren kaum noch retten konnten. Fans, die etwas maßgeblich Neuartiges von Tomorrow’s Harvest fürchteten, wurden letztlich nicht enttäuscht: der nostalgische, Sci-Fi-beeinflusste, für Boards Of Canada so typische Sound blieb erhalten. Lediglich aufgefrischt und zu 17 neuen, unheilvoll langsam trottenden Stücken voller elektronischer Hypnose verarbeitet. Aufgrund der deutlich dunkleren Tendenzen in Bezug auf Melodien und Produktion besitzt das Album einen nihilistischeren, hoffnungsloseren Grundklang, der jedoch nur noch zur schwerwiegenden, gelungenen Atmosphäre beisteuert.

Review: Prezident/Whiskeyrap – Kunst Ist Eine Besitzergreifende Geliebte

Wer den, zumindest quantitativ riesigen Aufschwung an Medieninteresse und Aufmerksamkeit für Sprechgesangsartisten aus deutschem Raum der letzten Jahre noch nicht auf dem Schirm hatte, wird spätestens 2013 hier und da auf verschiedenen Internetplattformen der Popmusik immer wieder Häppchen davon aufgeschnappt haben. Nicht, dass man nun noch mal beiläufig die seit jeher gern ausufernden „Deutschrap ist tot„-Debatten noch mal aufrollen müsste. Mittlerweile ist recht sicher, dass Jeder, der sich als potenzieller neuer Hörer sein textliches Eckchen in diesem Genre suchen will, auf seine Kosten kommen kann, seien sie noch so speziell. Denn Vielfalt kann man der momentanen Auswahl an releasestarken MCs und Produzenten nicht absprechen, besonders im Vergleich zur Prä-Internet-Ära. Es gibt für jedermann den ein oder anderen technisch Brillanten, Realkeeper der ersten und neuen Stunde, Konzeptfanatiker, Splatter- und Horrorschreiberlinge, authentischen Gangsterrap, Weltkritiker, Melancholiker und auch Gimmick- oder Rollenspielrapper finden ihr Plätzchen bei Fans. Dass die Szenepresse dabei leider zu oft die eher einfältigen und schlicht massen- bzw. radiotauglichen zu sehr heraushebt ist schade, doch wer sorgfältig unter dem Radar nach Qualitätsminen sucht, der wird fündig. In diesem Fall liegt besagte Mine in einer grauen, kleinen Großstadt am Tor zum Ruhrpott.

Viktor Bertermann, Szenekennern wie Fans besser bekannt als Prezident, sieht und sah sich selbst dabei jedoch bewusst stets abseits der großen Manege. Seit über 10 Jahren rappt der selbstbetitelte Wuppertaler Suffkopf, seit 2005 hat der Anti-Charismatiker mit Schepperstimme aus heiserem Rachen nicht ein Release für Geld an den Mann gebracht, was sicher nicht daran liegt, dass er von Qualität und Aussage seines Werks nicht überzeugt ist. Prinzip und Purismus hat der Mann, immerhin blicken Hörer auf 2 kostenlose Alben, etliche Mixtapes und EPs sowie zahllose Features und Freetracks zurück. Die immer schneller wachsende Fanbase dankt es ihm manchmal teils mehr als ihm angenehm zu sein scheint. Die Rufe des treuen Publikums nach einem ersten kauf- und greifbaren Album wurden lauter und werden am 27. September diesen Jahres dennoch reich belohnt: Whiskeyrapper Prezident veröffentlicht seine erste käuflich zu erwerbende LP mit dem trotzig langen, aber einprägsamen Titel Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte.

Wer sich seinem Gesamtwerk schon länger aussetzt, hofft schon, dass Markenzeichen wie die meist düster und industrieller angehauchten Boombap-Beatgerüste und der stimmliche Vorschlaghammer des Wuppertalers zu tragen kommen. Dass er einmal mehr mit wortreich ausgeklügelten, plastisch geschriebenen Erzähl-Tracks und jeder Menge in alkoholischer Selbstreflexionskomik wie Tragik gebadete Reimketten einen Rapstil präsentiert, der auch in der Vielfalt des aktuellen Deutschraps noch seinesgleichen sucht. Festzuhalten ist jedenfalls: die für Prezident auf Abruf stehenden, altbekannten Qualitäts-Produzenten wie Epic Infantry, Bojanglez und Jay Beaz sind wieder vertreten und können auf Albumlänge nahezu durchweg komplett überzeugen.

Rote Fäden ziehen sich definitiv wieder durch fast alle einzelnen Tracks des Albums, wenn sich auch nicht alles gleich beim ersten Hinhören ergibt. Das surreal-makabere Schlingpflanzen steht unter anderem als glänzendes Paradebeispiel für einen subtilen, intelligenten Storyteller, dessen schaurig schöner Beat den optimalen Rahmen stellt. Ein weiteres narratives Rap-Highlight liefert Sechs Kammern. Über 4 Minuten steigert Prezident sehr gekonnt in 2 Rollen den Klimax in einem Dialog-Track bei einer gemütlichen Runde Russischen Roulettes. Auch die teils fast selbstbemitleidenden Stücke über die Person des Viktor Bertermann bzw. über sein Rap-Alias Prezident wie Signatur, Zuviel gewusst oder Chancenverwertung kommen nie unreflektiert oder ohne eine dezente Portion rabenschwarzen Humor daher. Ganz zu schweigen von den unbestreitbaren lyrischen Stärken, die der literarisch belesene junge Mann nie zu kurz kommen lässt. Selbst scheppernde Tracks wie Napposchokolade, Classic Coke oder der Opener Shub-Niggurath kommen mit ungewöhnlich plastischer Metaphorik und erfrischendem Wortwitz daher, dessen Aussagen sich nicht immer sofort von selbst ergeben. Ein einziges Feature mit den Tourpartnern Kamikazes bei Einerseits gleich findet sich zwischen den 14 Stücken, was Fans gefallen dürfte, ob der zu oft eher dürftigen Mithalte-Qualität anderer bisheriger Gästerapper. Grundsätzlich sind es wenige Kleinigkeiten und Geschmacksdetails in Bezug auf Produktion oder Inhalte, die dem Hörer missfallen könnten, an und für sich ist das Album jedoch sicherlich mit das Beste, was zumindest in diesem Jahr an deutschen Rap-Releases unters Volk gebracht wurde und sich wahrscheinlich auch gegen alle kommenden Releases behaupten wird.

1. Shub-Niggurath (prod. v. Epic Infantry)
2. Schlingpflanzen (prod. v. Epic Infantry)
3. Succubus (prod. v. Epic Infantry)
4. Chancenverwertung (prod. v. Jay Baez / Cuts: Jay Baez)
5. Signatur (prod. v. Epic Infantry)
6. Napposchokolade (prod. v. DJ Jefkoe / Cuts: DJ KB)
7. Menschenpyramiden (prod. v. Epic Infantry / Cuts: Jay Baez)
8. Sechs Kammern (prod. v. Bojanglez)
9. Antimärchen (prod. v. Bojanglez)
10. Tag des Zornes (prod. v. Beat Manufaktur Potsdam)
11. Zuviel gewusst (prod. v. Epic Infantry)
12. Classic Coke (prod. v. Epic Infantry / Cuts: Epic Infantry)
13. Einerseits gleich (mit Kamikazes) (prod. v. Epic Infantry / Cuts: Epic Infantry)
14. Succubus (Remix v. Epic Infantry)

Zolin sagt: 9 von 10