Kategorie-Archiv: Metal

Heißer Scheiß: The Ocean

Majestätisch, schön und zugleich so tiefgründig, zu weiten Teilen nahezu völlig düster ist der Ozean. Schon seit ewigen Zeiten fasziniert er auch die Welt der Komponisten. Wenigen gelang es, die Fülle an Eigenschaften der See adäquat zu vertonen. Man denke nur an Wagners Fliegenden Holländer oder Debussys La Mer und führe sich vor Augen, was für ein ambitioniertes sowie – bei erfolgreicher Arbeit des Komponisten – belohnendes Projekt die Vertonung der See doch sein kann. Anno 2013 versuchen sich die deutschen progressive Metaller The Ocean an dieser gewichtigen Aufgabe.

Der Band mit dem überaus zum Thema passenden Namen haben wohl viele zugetraut, das Beste daraus zu machen, schließlich zählen bereits Alben epischen Formats zu anderen bedeutenden Themen wie Religion/moderne Gesellschaft zur Diskographie. In der Tat hat Zolin bislang wenige (Euphemismus für keine) Stimmen wahrgenommen, die nicht Pelagial in den Himmel loben. Die klangliche Erforschung der unendlichen Meereswelt hat sich als so würdig, so überwältigend erwiesen, dass niemand mehr ernsthaft die kompositorischen Qualitäten The Oceans bestreiten kann.

Es mag noch zu früh sein, The Ocean zum Wagner des progressiven Metal zu erklären, der Gedanke ist allerdings spätestens nach dem zweiten Eintauchen in Pelagial so reizend, dass es schwer fällt, ihn auszublenden. In jedem Fall ist The Ocean nach diesem Ausflug in die Tiefsee heiß wie nie; es handelt sich so ziemlich um das Metal Äquivalent der Entdeckung des Feuers durch Spongebob Schwammkopf im prähistorischen Bikini Bottom.

Review: Darkthrone – The Underground Resistance

Wenn es eine Band gibt, die es sich voll und ganz erlauben kann, ein Album namens The Underground Resistance zu veröffentlichen, dann ist das ohne jeden Zweifel Darkthrone. Eher gegen den Willen des Duos – bestehend aus den alten Metal-Hasen Fenriz und Nocturno Culto – ist der Name Darkthrone für immer und ewig fest mit der „Unholy Trinity“ verbunden, den schwarzmetallischen Werken um Transilvanian Hunger, die Anfang 90er den Black Metal Sound schlechthin definierten.

Seitdem hat sich einiges getan. Unzählige Nachahmer bauten schließlich eine Szene voller billiger Stereotypen auf, wie sie gewiss nicht im Sinne der Gründerväter des modernen Black Metal war. Während zur Standardausstattung der diversen „satanischen“ Bands der letzten 10 Jahre Corpsepaint, Nekrosound und alle anderen mitunter von Darkthrone geprägten Trends gehören, ist Darkthrone der extremen Underground Mentalität absolut treu geblieben.

Fenriz mag vielleicht nicht länger aussehen, wie der Cliché Black Metaller, aber er ist noch einer der wenigen, die noch wie einer leben. Das Darkthrone-Duo würde sich dumm und dämlich verdienen, wenn es mit Leichenbemalung live spielen würde, oder einfach einen Transilvanian Hunger Abklatsch auf den Markt schmeißen würde. Aber nein, die Norweger halten sich lieber mit Nebenjobs über Wasser und zeigen den DarkthroneFans„, die auf Black Metal Stereotypen stehen, konsequent den Mittelfinger.

In den leidenschaftlichen Songs von The Underground Resistance spiegelt sich das in der Rückkehr zu den 80er Klassikern à la Venom, Celtic Frost, Hellhammer oder auch dem Crust Punk wider. Man gibt sich nicht länger „ernst“ und „böse„, sondern hat einfach Spaß am guten alten rowdyhaften Heavy Metal. Über die Musik muss man im Grunde gar nicht viel mehr sagen, sie ist unglaublich unterhaltsam sowie kurzweilig, ganz wie es sein soll. Wirklich interessant ist The Underground Resistance eben vorrangig als Metal-Denkmal, wider allen inhaltslosen Trends.

1. Dead Early
2. Valkyrie
3. Lesser Men
4. The Ones You Left Behind
5. Come Warfare, the Entire Doom
6. Leave No Cross Unturned

Zolin sagt: 7 von 10

Die besten Metalalben 2012

Der nun folgende Teil des Jahrespolls 2012 ist so trve, dass Zolin bei dem schreiben dieser Zeilen die Finger abfrieren. Auch dieses Jahr war im Metal nichts mehr heilig und so kommt es nicht von ungefähr, dass mal Black- und Math-Metal miteinander tanzen und sich auch der Hardcore mit progressiveren Einflüssen anfreundet. Hier kommen die Highlights des Metals-Jahres 2012.

5. Ancestors – In Dreams and Time

Lange Songs zu komponieren, die nicht nur nicht langweilen, sondern von der ersten bis zur letzten Minute spürbaren Hörgenuss ausstrahlen, zählt sicherlich zu den Königsdisziplinen in der modernen Musik. Ein prominentes Beispiel, das einem direkt in den Sinn kommt, wäre Pink Floyds Klassiker Dogs. Im Metal-Bereich gibt es ein Subgenre, welches sich perfekt für diese Materie eignet und zwar der Doom. Ancestors zählen zu den eher farbenfrohen Vertretern dieser eher pessimistischen Richtung und trotzdem gelingt es ihnen auf In Dreams and Time erneut, Klangbilder von epischer Breite zu erschaffen. Besonders ins Auge sticht der 19-minütige Koloss First Light. Sämtliche Elemente greifen hier ineinander; man braucht sich eigentlich nur noch zu entspannen und die Früchte der makellosen Gitarrenarbeit über sich ergehen lassen. Die sympathische Band wird der Musikgeschichte zwar nie ihren Stempel so prägnant aufdrücken, wie es Pink Floyd einst taten, die Verewigung im Jahrespoll haben sich Ancestors aber redlich verdient.

4. Deftones – Koi No Yokan

Deftones, oh Deftones. Wie könnte man von euch jemals ein schlechtes Album erwarten? Ok, ihr vorletztes Album Diamond Eyes konnte nicht mehr unbedingt wahre Begeisterungsstürme unter den Hörern auslösen, dafür gelingt dies Koi No Yokan umso besser. So hat das Album Ecken und Kanten, obwohl es das bislang wohl kommerziellste Deftones Album ist. An vorderster Front maschiert Poltergeist, welches durchaus als der beste Deftones Track seit Hole In The Earth betitelt werden kann. Somit bleibt eigentlich kein Raum für Kritiker, die Deftones schon tot geglaubt haben. Wie hat Oma immer so schön gesagt: Totgesagte leben länger.

3. Ihsahn – Eremita

Ihsahn gibt – wie der Großteil der Skandinavier – nahezu immer eine gute Figur ab, sogar als Balletttänzer. Ohne solch strahlende Galionsfiguren käme der Metal überhaupt nicht aus. Geradezu kriminell wäre es jedoch, Ihsahn auf seinen Stil zu reduzieren. Was er unter dem mysteriös-verlockenden Namen Eremita wieder für Kompositionen hervorgezaubert hat, ist nun einmal ebenso beachtlich, wie die Ausführung der selben durch Ihsahn, seine geliebte 8-String Guitar sowie einige nicht minder talentierte Kumpanen aus den kalten Regionen Europas. Abgesehen von dem jüngsten Geistesblitz selbst, kann man Ihsahns Platzierung hier auch gut und gerne als eine Art „Oskar für das Lebenswerk“ verstehen. Eine solche Ehrung für das Genie hinter den legendären Emperor ist ohnehin schon lange überfällig.

2. Ashes of Pompeii – Places

Places ist ein wirklich in allerlei Bereichen sehr spezielles Album geworden. Für sich allein betrachtet, ist es ein in jeder Beziehung gutes Post-Hardcore Album, was gelegentlich mit diversen Progressive-Einflüssen rumkuschelt. Wenn man sich jedoch tiefer mit der Banddiskographie beschäftigt, fällt einem erst auf, wie wichtig Places für die Band gewesen sein muss. Auf der Platte klingt alles so, wie es Ashes Of Pompeii sei jeher versucht haben klingen zu lassen. Das macht ihnen hörbar Spaß und so geben sie das auch an den Hörer weiter. Unvergleichlich.

1. Blut Aus Nord – 777: Cosmosophy

Blut Aus Nord schimpfen sich also die diesjährigen Gewinner der Metal-Kategorie. Was haben die geheimnisvollen Gestalten denn dafür geleistet? Fangen wir mit etwas scheinbar oberflächlichem an: Der zweite Track Cosmosophys, des finalen Aktes der monumentalen 777-Trilogie, beginnt mit einer trip-hoppigen Sprechgesangspassage. Und siehe da, selbst die härtesten und intolerantesten Black Metal Kreise konnten sich der Poesie Blut Aus Nords nicht entziehen. Die Versöhnung der Metaller mit „Rap“ ist dabei nur eine einzelne Manifestation des absoluten Durchbruchs, den Cosmosophy tatsächlich darstellt. Fünf lange wie erhabene Lieder bezeugen die einzigartige Fähigkeit der Band, in die dunklen, chaotischen Regionen des Geistes vorzudringen, um sie schließlich zum Vergnügen der willigen Hörerschaft zu vertonen. Da nimmt selbst das anspruchsvolle Niveau der französischen Sprache, das Blut Aus Nord an den Tag legen fast schon eine periphäre Bedeutung an. Hut ab also vor den neuen Pionieren des finsteren Klangs. In diesem Sinne: „Ce qui fût n’est plus, ce qui sera n’est pas… et le chaos se tût.

Review: Neurosis – Honor Found in Decay

Wer erinnert sich noch an die Jahrtausendwende? All die Weltuntergangshysterie, die Welt ginge unter, hieß es und unzählige haben den Unsinn auch noch willig geschluckt. Heute belächelt man solche Verschwörungstheorien, zumindest die meisten, und doch kann der Mensch sich nie ganz von seiner Affinität zu apokalyptischen Vorstellungen trennen. In der Musik spielt diese Art von Gefühl ebenfalls eine wichtige Rolle. Man schaue sich nur jene oberflächlichen Menschen an, die Orffs Carmina Burana hören und denken: „Episch“ oder „Das hör ich bei der Apokalypse“.

Im Bereich des doomigen Metal spielt, wie es das Genre-Adjektiv schon ankündigt, die Untergangsstimmung hingegen ganz bewusst eine große Rolle. Bei den sieben gewaltigen Sludge-Märschen, die uns die Alten Hasen von Neurosis hier präsentieren, kann man es keinem verübeln, den einen oder anderen Gedanken gen Ende 2012 zu richten.

Das Soundgewölbe Honor Found In Decays ist pessimistisch, schwerfällig und post-metallig bis zum Gehtnichtmehr. Neurosis nehmen sich hier wirklich die Zeit, ihre Kompositionen sorgfältig zu konzipieren, sie mit Samples und weiteren raffinierten Effekten zu verfeinern, wodurch sich die allesamt recht langen Songs angemessen aufbauen und ihre apokalyptische Wirkung entfalten können. Wenn dann nach einer ruhigeren, nachdenklichen Passage die Drums, Gitarren und Scott Kellys Stimme einschlagen, hat das schon was.

Früher oder später setzt dann aber der Punkt ein, an dem Honor Found In Decay vorhersehbar wird. Die einzelnen Songs, etwa Bleeding The Pigs, welches die besagte atmosphärische Harmonie in ihrer höchsten Form darbietet, gehen zwar weiterhin auf, im gesamten Album-Kontext ermüden gewisse Aspekte jedoch. Da wäre zum Beispiel die Schwere, die in Langatmigkeit entartet sowie der Gesang Kellys, über den sich streiten lässt. Bel canto bekommt man von ihm jedenfalls nicht geboten.

Zählt man letztlich alles positive und negative am neuen Epos der Altmeister um Scott Kelly zusammen, kann man jedenfalls eines nicht ignorieren: Das Klangbild des Albums ist ausgesprochen harmonisch. Es mag abgedroschen klingen, aber irgendwie kann man sich das Honor Found In Decay nicht ohne die zu kritisierenden Elemente vorstellen. Es ist, als hätte das Album die gebrochene Stimme und die Schwermütigkeit nötig, um dem inhaltlichen Anspruch gerecht zu werden. Wir haben es also mit einem unvollkommenen Album, in einer unvollkommen Welt, die sehnsüchtig auf die Erlösung Ende des Jahres wartet, zu tun. Wahrlich biblische Ausmaße.

1. We All Rage In Gold
2. At The Well
3. My Heart For Deliverance
4. Bleeding The Pigs
5. Casting Of The Ages
6. All Is Found… In Time
7. Raise The Dawn

Zolin sagt: 7 von 10

Video der Woche: An Early Cascade – Everything Is Wrong. Everything Is OK.

Die Schreckensnachricht Anfang des Jahres kam von An Early Cascade. Drummer Daniel Wied gestorben. Oh Mann. Es wäre verständlich gewesen, wenn diese Hiobsbotschaft eine Trennung nachsichgezogen hätte. Zum Glück kam es nicht dazu – im Gegenteil. Die Jungs aus Stuttgart haben nämlich endlich das schon seit längerer Zeit fertig gestellte Video zu dem besten Song ihres letzten Jahres erschienenen Albums Versus, nämlich Everything Is Wrong. Everything Is OK. veröffentlicht.

Und man mag es kaum glauben: Das Video ist ähnlich gut, wie der Song. So gut sogar, dass man es kaum glauben mag, dass diese Band tatsächlich nicht aus Seattle stammt, sondern aus Süd-Deutschland. Man darf wirklich gespannt sein, welche Formen die weitere Karriere von An Early Cascade noch annehmen wird. Auf lange Zeit werden sie sich wohl nicht mehr in Deutschland halten können, sondern hoffentlich die internationale Aufmerksamkeit erlangen, die ihnen gebührt.