Kategorie-Archiv: Indie

Review: The National – Trouble Will Find Me

 

Ein unglaublich aufkratzendes Album – das ließ das Albumcover mit dem in der Mitte so verstörend gespiegelten Kopf einer Frau im Zusammenspiel mit dem Titel Trouble Will Find Me erwarten. Das passt zu The Natioal und zum Image vom zerbrechlichen Matt Berninger. Der sich auf der Bühne so unglaublich in seine Songs hereinsteigert. Den man in den Arm nehmen möchte, nach seinen Shows. Seine eindringliche Stimme ist es, die dafür sorgt, dass der Zuhörer selbst ein wenig fragil ist nach dem Hören einer The National Platte. Ja, Berningers Stimme nimmt den Zuhörer mit in eine Welt voll von wundervoller Tragik, Schwäche und bitterem Rotwein.

Demons – die so lang erwartete erste Singleauskopplung – sorgte schließlich für Ernüchterung. Ein schwacher Song, ohne richtigen Höhepunkt. Etwas charakterlos. Haben die Amerikaner ihr ganzes Pulver auf dem grandiosen High Violet verschossen? Haben sie nicht! Demons ist zum Glück der schwächste Song eines Albums, das durch eine nicht zu beschreibende Tiefe zu begeistern weiß.

Düster bleibt die Atmosphäre auch auf Trouble Will Find Me. Beim herausragenden Sea Of Love fällt vor allem Bryan Devendorfs eingängiges Schlagzeugspiel auf. Gemeinsam mit der aufwühlenden Stimme von Berninger klingt der Song nach einem Wegrennen vor Ärger und Weltschmerz. Nach einem hoffnungslosen Wegrennen. So auch auf dem auffällig schnellen und ein bisschen verstörenden Graceless, einem weiteren Höhepunkt des Albums. Bei I Need My Girl fällt das für The National eher ungewöhnlich klare und wunderschöne Gitarrenspiel auf, das diesen Song zu einem ganz besonderen macht.

Insgesamt präsentieren sich The National wesentlich ruhiger, als noch auf High Violet. Die Instrumente klingen auf Trouble Will Find Me aber wieder sehr klar und nicht mehr so verwoben wie auf dem Vorgänger. Viel Wert wurde erneut auf die Atmosphäre der einzelnen Songs gelegt, die zwischen düster und dunkel und zwischen hoffnungslos und tragisch schwanken. Wenn man Matt Berninger singen hört, möchte man ja ohnehin in einem Meer aus Rotwein versinken, Tonnen an Zartbitterschokolade essen und stangenweise Zigaretten rauchen. Das ändert sich glücklicherweise auch auf dem neuen The National Album Trouble Will Find Me nicht. Die Band aus Cincinnati, Ohio, hat nach dem großen Erfolg mit High Violet ein großartiges Album mit vielen grandiosen Songs folgen lassen. Ohne viel Schnick-Schnack oder großartige Experimente. Ein simples, großartiges Album für Abende, an denen man ein bisschen leiden möchte.

1. I Should Live In Salt
2. Demons
3. Don’t Swallow The Cap
4. Fireproof
5. Sea Of Love
6. Heavenfaced
7. This Is The Last Time
8. Grace
9. Slipped
10. I Need My Girl
11. Humiliation
12. Pink Rabbits
13. Hard To Find

Zolin sagt: 8 von 10

Review-Runde: Colin Stetson, Dillinger Escape Plan, Vampire Weekend, Deerhunter

Nachdem die letzte Review-Runde ja sehr elektronisch war, gibt’s diese Woche mal was ganz anderes. So hat Bienenjäger eine kleine Rast von all seinen Konzertbesuchen eingelegt, um über den dritten Teil der New History Warfare-Saga des experimentellen Ausnahme-Saxophonisten Colin Stetson namens To See More Light zu berichten. Mit dem Dillinger Escape Plan geht es experimentell weiter. Oder doch nicht? Immerhin erübrigt sich diese Frage bei dem neuen Vampire Weekend Album und auch Deerhunter wandeln für ihre Verhältnisse auf nicht allzu verkopften Pfaden.

Colin Stetson – New History Warfare Vol. 3: To See More Light

Colin Stetsons beeindruckende Liste an Kollaborationen zeigt schon viel Verdienst; Namedropping erspart sich der Bienenjäger. Sein jüngstes Machwerk demonstriert, dass er sich nicht hinter diesen Namen verstecken muss – der dritte Teil der New History Warfare Reihe zelebriert einen Primat des Primalen und zeigt eine angenehm kathartische Wirkung, ideal für die illusionäre Suche nach vorzivilisatorischem Mythos. Schmuh ist das allerdings nicht; eher ein interessantes Experiment, ein narratives Albumkonzept musikalisch anregend zu vertonen. In Adornos Hirn kann hierzu vermutlich immer noch marschiert werden. Aber der hat den Jazz ja leider nicht verstanden. Stetsons Ausgangspunkt ist das Basssaxophon, dass er zwischen Atmosphärischem (In Mirrors) und einer akustischen Tour de Force (Brute) inklusive gutturalen Befreiungsschreien pendeln lässt; teilweise am Rande des Erträglichen, doch auch das immer wieder: ästhetisch. Hymnisch öffnet und schließt sich der Kreis in diesem Fall; runde Sache!

Zolin sagt: 8 von 10

The Dillinger Escape Plan – One Of Us Is The Killer

Seit der legendäre Provokateur Seth Putnam – Gott habe ihn selig – im Jahre 2001 den Anal Cunt Song Anyone Who Likes The Dillinger Escape Plan Is A Faggot veröffentlichte, haben die Erben John Dillingers einiges getan, um ihren guten Ruf wieder herzustellen. Mit Ire Works platzierten sie sich auf dem Thron des Mathrock und mit Operation Paralysis gestaltete die Band ihren exzentrischen Stil etwas zugänglicher für das einfache Volk. Mit dem neuen Album One of Us Is the Killer wird diese Entwicklung ziemlich konsequent fortgesetzt. Dieser groteske Dillinger Escape Plan Flow, bestehend aus aggressiven Blastbeats, melodischen Passagen, Dissonanzen, Jazz-Einschüben, technischer Metal-Spielweise und nicht zu vergessen die äußerst dynamischen Vocals, ist wieder so lebhaft, dass das Album den Hörer wohl kaum kalt lassen wird. Gegen Ende geht leider etwas an Fahrt verloren und die abermals erhöhte Zugänglichkeit dürfte den einen oder anderen Zyniker an den guten alten Anal Cunt Songtitel erinnern, aber insgesamt beweisen Dillinger Escape Plan erneut, dass es eher ein gutes Omen ist, von Seth Putnam beleidigt zu werden.

Zolin sagt: 7 von 10

Vampire Weekend – Modern Vampires Of The City

Als Liebhaber von physischen CDs hat man ja eigentlich schon Grund genug, Vampire Weekend zu mögen. Ihre zwei bisher veröffentlichten Alben Vampire Weekend und Contra sehen nebeneinanderstehend durch das ähnliche, aber trotzdem nicht zu ähnliche, Artwork sehr schick aus. Auch das dritte Album Modern Vampires Of The City macht dabei einen sehr guten Eindruck und übernimmt die minimalistische Grundhaltung der Vorgänger, überzeugt aber durch ein noch schöneres Covermotiv des in Nebel umhüllten New Yorks. Die äußerliche Gestaltung wird aber natürlich nicht der Grund sein, weshalb Vampire Weekend stets herausragende Wertungen verliehen bekommen. Ihre Mischung aus Ethno-Pop à la Paul Simons Graceland, gemischt mit Spitzen aus Indie und R&B ist mindestens so geschmacksvoll wie das Artwork der CD. Ihr drittes Album ist, was die bunte Mischung der verschiedeneen Stile betrifft, zwar nicht mehr so experimentell, es scheint dafür so, als habe sich die Band mehr auf den poppigen Kern des Albums konzentriert . Dadurch ist Modern Vampires Of The City wohl eine der reinsten Pop-Erfahrungen des Jahres und das ist noch wesentlich wichtiger als das schöne Artwork.

Zolin sagt: 8 von 10

Deerhunter – Monomania

Deerhunters letztes Album Halcyon Digest ist für verkifften Dreampop das Nonplusultra. Ein kluger Schachzug von der Band um Bradford Cox, einfach Monomania, ein Album aufzunehmen, das wesentlich lauter und vor allen Dingen mehr nach Rock klingt. Nur in einzelnen Songs wie The Missing wird man an den – im wahrsten Sinne des Wortes – traumhaften Vorgänger erinnert. Tatsächlich ist das aber gar nicht Monomanias Intention, permanent an den Vorgänger erinnert zu werden. Schließlich steht es besonders kontextlos gut da und beweißt abermals, was für großartige Songschreiber Deerhunter sind. Die Rolle des Albums in der Banddiskographie ist dagagen schwieriger herauszufinden. So könnte es sich bei Monomania zwar durchaus für einen einzelnen Ausritt in die Welt des „Lärms“ handeln, andererseits aber auch einen Gesinnungswechsel hin zu dauerhaftem „Lärm“ ankündigen. Und dann steht bei den Referenzen, ganz plakativ ausgedrückt, nicht mehr Beach House, sondern Ty Segall.

Zolin sagt: 7 von 10

Heißer Scheiß: Ralfe Band

Heute begibt Zolin sich auf eine kleine Reise. Im Koffer mit dabei ist ein bunter Reiseführer namens Ralfe Band, der für heute das Kommando übernimmt und uns die Route navigieren wird. Ansprechpartner und Reiseleiter: Oly Ralfe, ein ziemlich komischer Kauz. Bitte alle anschnallen, es kann los gehen. Aber wohin geht denn nun die Reise überhaupt? Gute Frage. Müsste man sich einen Ort vorstellen, der den schrägen Folk, den Ralfe im Laufe der letzten Jahre so fabriziert hat, naturgetreu verbildlicht, so denkt man sich am besten in die vergilbten Seiten eines alten Märchenbuches, in eine Welt von Fabelwesen und florierender Phantasie. Wie sagt man doch so schön? Märchenstund hat Gold im Mund!

Der gute Mann muss eine äußerst lebendige Vorstellungskraft haben. Man höre sich einmal sein Debut Swords oder das darauffolgende Attic Thieves an und man erhält den Eindruck eines unerschöpflichen Phantasiereichtums. Wie ein Zauber schwirren Klavier, Kirmesorgel, Akkordeon, Glockenspiel und eine spanische Gitarre durch den Raum und kitzeln Trommelfelle mit verschiedenster, kurioser Folklore aus allen Ecken Europas. Die Kompassnadel kann sich einfach nicht entscheiden, ob sie lieber zum Polka klatscht oder sich den verwunschenen, französischen Melodien hingibt, in denen sich auch eine Amélie Poulain wiegen würde. Hält man sein Ohr ganz nah dran, schleicht im Hintergrund aber dennoch immer eine unterschwellige Rätselhaftigkeit mit, ganz im Stile Belle & Sebastians.

An einer Raststätte lässt Ralfe Zolin einmal in sein grandioses Drittwerk Son Be Wise schnuppern, welches Ende des Monats in die Läden kommen wird. Sehr betörend. Wer nun immer noch nicht so recht weiß, wie er sich die fiktive Reise der etwas sonderbaren Art letztendlich vorzustellen hat, der folgt einfach den Spuren der Diskographie. Stoßen wird er auf einen charmanten Soundtrack, den die Ralfe Band 2010 für den originellen Film Bunny and the Bull schusterte, der mit seiner abstrakten Pappmache-Welt sicherlich zur Visualisierung hilft. Spätestens damit sollte die Ralfsche Aura auch bis in die letzten Köpfe der Reiseteilnehmer diffundiert sein und sie mit in die surreale Odyssee gerissen haben. Zolin hängt schon in den Sternen. „Sie haben Ihr Ziel erreicht.

Review: Savages – Silence Yourself

Versuche von Bands, die ihre Musik – in Kombination mit ihrem Auftreten in der Öffentlichkeit – als Manifest preisen, gehen meistens nach hinten los. Man denke nur einmal an den wirren Redeschwall von Liturgys Hunter Hunt Hendrix über seine Ansichten zum „Transcendental Black Metal“ oder an das letzte The Knife Album, was mehr rauchende, als nickende Kopfe zurückließ. Die Londoner Damen Savages sind da zum Glück ernster zu nehmen. Vor allen Dingen deshalb, da sie sich im Gegensatz zu den zuvor erwähnten Bands weder politisch noch ideologisch positioniert. Es geht ihnen einzig und allein um die Musik, wie diese aufgenommen wird und dass sie immer noch auf den Punkt sein kann, ohne zu langweilen. Dafür beginnen sie ihre Konzerte grundsätzlich mit der Aufforderung an die Zuschauer, ihre Handys auszumachen und sich voll und ganz auf die Musik zu konzentrieren.

Dass das natürlich nicht nur für die Liveshows, sondern auch für ihr nun erschienenes Album gilt, ist ja logisch. Hier kommt zu Beginn jedoch keine Ansage, dafür aber der programmatische Opener Shut Up. Also ruhe und zuhören. Was beim ersten Hördurchgang auffällt, ist die rohe Energie, die Savages hier in ein Post-Punk Gewand kleiden. Alle Songs sind bis auf das Nötigste reduziert und verlassen sich auf die proklamatischen, ermahnenden Worte von Sängerin Jenny Beth über Entfremdung und Selbstzweifel, einen an Peter Hook erinnernden Leadbass und wütende Gitarrenwände. Zusätzlich werden zwischendurch noch einige Ambientgeräusche eingestreut, die besonders beim zentralen Track Dead Nature sehr an Akira Yamaoka und seine Silent Hill Soundtracks erinnert.

Natürlich sind weder die Kritik an der Vereinsamung und Inuhmanisierung durch Fortschritt noch die tatsächliche Musik innovativ. Aber darum geht es bei Silence Yourself in erster Linie auch gar nicht. Es geht für die Band vor allen Dingen darum, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und endlich die selber geschaffene Emotionskälte zu überwinden und endlich mal wieder zu fühlen: Schmerz, Glück, Liebe und natürlich die Musik. Dennoch muss man sagen, dass Silence Yourself auch abseits der Botschaft ein musikalischer Hochgenuss ist. Savages sind also eine der wenigen Bands, denen es gelingt ihr Manifest sowohl inhaltlich als auch musikalisch bis zu dem Punkt zu denken, bei dem es auch für Außenstehende greifbar wird. Genau so erreichen Savages übrigens auch ihr Ziel, dass sich die Hörer durch Stille nur auf die Musik fokussieren. Nach dem Hördurchgang von Silence Yourself ist man nicht nur still, nein, man ist sprachlos.

1. Shut Up
2. I Am Here
3. City’s Full
4. Strife
5. Waiting For A Sign
6. Dead Nature
7. She Will
8. No Face
9. Hit Me
10. Husbands
11. Marshal Dear

Zolin sagt: 9 von 10


Savages ‚Shut Up‘ from Pulse Films on Vimeo.

Heißer Scheiß: Jet Flower

Der Lichtkegel ist doch grundsätzlich fast immer auf die stimmliche Präsenz einer Band gerichtet. Sei es ein Frontsänger oder eine Frontsängerin, sie sind es, die den meisten Erfolg ernten, die Klatschzeitschriften zieren und das Aushängeschild der Band darstellen. Ihrer Stimme fühlt man sich nah, den Worten verbunden und den Gefühlen verbrüdert. Der Rest kann seine Nische im Schatten suchen und den Hintergrund erfüllen. So – vielleicht nicht ganz so drastisch, aber mit Sicherheit dieselbe Richtung anpeilend – sieht nun mal die veraltete Hierarchie in den meisten Bands aus. Kein Wunder, dass das dänische Quartett von Jet Flower dieser eingebürgerten Rangordnung entsagen will.

Ihr Bandkonzept basiert auf absoluter Gleichberechtigung, in der vier wunderbare Stimmen agieren, sich harmonisch in die instrumentalen Flächen einordnen und jeweils einen gleich wichtigen Teil zum Endprodukt beitragen, was einfach wunderbar funktioniert. Besagtes Endprodukt ist ein vorzügliches Debut mit dem entsprechenden Titel We Walk Alike. Wie hätte es auch anders heißen sollen. Und nicht nur in dieser Hinsicht herrscht ein ausgewogenes Gleichgewicht, so scheint We Walk Alike auf sämtlichen Ebenen absolut ausbalanciert zu sein, sodass man die zehn Songs ohne Verdauungsprobleme in einen rein schütten kann. An genau den richtigen Stellen werden die komplexeren Klangwände aufgestoßen und als schwebende Splitter von zarten Gitarren- und Klaviernoten davongetragen.

Zwölf Monate haben die vier Jungs für ihr Erstwerk gebraucht und darin all das verarbeitet, was sich im Laufe des Jahres wie ein Geflecht aus Erfahrungen um sie herum gespannt hat. In Form von erzählten Geschichten verschiedenster Ecken, wird das Unscheinbare an den Tag gelegt und die kleinen zu den großen Momenten gemacht. Und das Ganze ist dazu noch schön analog aufgenommen. Der folkigen Grundstimmung à la Fleet Foxes wird hier und da ein Beigeschmack von Indie und Postrock beigerührt. Es lohnt sich auf alle Fälle, dem ganzen mal sein Ohr zu schenken und Jet Flower ins Rampenlicht zu holen. Aber alle Vier, versteht sich!