Kategorie-Archiv: Hip Hop

Video der Woche: Celo & Abdi feat. SSIO – Nur Noch 60 Sekunden

Dass Celo & Abdi, natürlich neben Haftbefehl, die sowohl bekanntesten als auch qualitativ hochwertigsten Vertreter des Azzlack-Camps sind, steht sicherlich außer Frage. Doch gerade das letztes Jahr auf dem DCVDNS Album erschienene Feature Frankfurter Zoo hat erst untermauert, wie bewandert die beiden sogar in Sachen Storytelling sind. Nur Noch 60 Sekunden, der erste Vorbote ihres bald erscheinenden zweiten Albums Akupunktur, schließt genau dort an.

Verstärkung haben sich die beiden dafür nicht nur bei dem großartigen SSIO geholt, sondern haben auch die Rollen in der visuellen Umsetzung des Tracks prominent besetzt. Zum einen wäre da die aus Iron Sky bekannte Julia Dietze, zum anderen der mittlerweile scheinbar von McDonalds zu Hollywood rumspringende Moritz Bleibtreu. Das Video selbst kommt dementsprechend ambitioniert daher. Der Hauptstar des Videos ist aber tatsächlich der Track selber, der schon gut Bock auf’s Album macht. Hoffentlich kann Akupunktur dann das hohe Niveau halten.

Video der Woche: Girl Talk feat. Freeway & Waka Flocka Flame – Tolerated

Ihr erinnert euch doch mit Sicherheit noch an das Video von The Verves Bitter Sweet Symphony. Ihr wisst schon, Richard Ashcroft, der singend und alle anderen Leute anrempelnd auf dem Bürgersteig schlendert. Ein bisschen erinnert Tolerated, das neue Video der Mashup-Legende Girl Talk mit dem aus Philly stammenden Rapper Freeway daran. Auch hier rempeln die Beiden beim Laufen die Passanten an, treten ihnen aber nebenbei noch die Beine weg, durchbohren mit der bloßen Faust ihren Torso oder schleudern Omis durch die Gegend.

So geschmacklos wie sich diese Beschreibung liest, ist das Video tatsächlich auch. In jedem Fall sollte man entweder zuvor nicht gegessen haben, oder allgemein mit Gore kein Problem haben. Auch sollte man um unangenehmen Fragen zu entgehen, darauf verzichten, sich dieses Video auf der Arbeit anzusehen. Besonders großen Spaß macht in dem Video übrigens der Auftritt von dem gefeatureten Waka Flocka Flame: Dem schauen wir bei einem Festmahl mit tropischem Hintergrund, inklusive schöner, leicht bekleideter Frauen zu und urplötzlich reißt er einfach seinem Privatdiener ein Auge raus und hält es sich schön Illuminatenmäßig an die Stirn. Man kennt es.

Review: Teebs – E S T A R A

4 Jahre nachdem Mtendere Mandowa aka. Teebs mit seinem Debüt Ardour die emsigen Beobachter des generellen Outputs rund um Flying Lotus‚ Label Brainfeeder mehr als befriedigt in euphorischer Hypnose zurückließ, legt der kalifornische Produzent nun mit seinem zweiten Vollwerk E S T A R A nach. Fans schätzen den verträumten Dreadhead neben seiner sehr eigenen Empfindung für Ästhetik im Sound Design auch für seine visuelle Arbeit als Maler an diversen Projekten. So steht als Beispiel vor allem sein zweiter Beitrag zur Ante Vos-Veranstaltung im Vordergrund. Nachdem er 2009 bereits mit neu interpretierten und verarbeiteten Plattencovern verschiedenster Musiker beeindruckte, nahm er sich für seine zweite Show im Ante Vos-Rahmen ganze 400 Motive vor. Laut Mandowa selbst spielte das Wechseln im künstlerischen Medium für ihn schon immer eine bedeutende Rolle in seinem Schaffensprozess.

Ein Blick auf seine Arbeiten als Maler gibt unmittelbaren Eindruck seiner kollagierten, surrealen Vorstellung und Projektion des umgarnenden Klangs, den er sein Eigen nennt. Warme Farben und Motive werden plastisch zu seinen einnehmenden EP- und Mix-Covern verarbeitet. In den 4 Jahren nach Veröffentlichung von Ardour ruhte sich Teebs eben keineswegs auf seinen früh verdienten Lorbeeren aus, sondern brachte bereits im selben Jahr noch ganze drei EPs an den Mann. Zusammen mit dem stets in bordeauxrotem Blazer zu sehenden Labelkollegen Daedalus veröffentlichte er die Los Angeles 6/10-EP. Neben dem Ardour-Aperitif Why Like This? tat er sich außerdem noch mit dem klanglich gleichgesinnten britischen Produzenten Jackhigh für die Tropics EP zusammen. Auf all den bisherigen Releases strotzten die reich geschmückten, vage als Ambient-Hip-Hop-Instrumentals beschreibbaren Stücke vor dichter, traumartiger Rausch-Atmosphäre. Die Basslines waren kaum greifbar, die Samples nur schwer voneinander trennbar, so eng und wirkungsvoll verwoben wurden die Einzelteile in ein Gemisch aus leicht verdaulichen Melodien, seicht-sonniger Atmosphäre und einer tiefgehenden Liebe zum Detail bei jedem noch so kurzen Loop.

Auf dem vorangegangenen Album Ardour erschöpften sich die Meisten der immerhin 18 Tracks in Zeitfenstern von unter 3, wenn nicht sogar unter 2 Minuten. E S T A R A hingegen präsentiert 13 ätherisch murmelnde Stücke, von denen über die Hälfte an der 5 Minuten-Marke nagt. Songs wie das einführende Endless, View Point oder die aufeinanderfolgenden Interludes Piano Days und Piano Months bilden kleinere Brücken zwischen den nun länger konzipierten Stücken. Dabei spielen vor allem wieder jede Menge undurchsichtige Nebelflächen aus Statik, hochgetriebenes Vinylknistern und unkenntlich verzerrte Sample-Harmonien große Rollen. Die Struktur dieser größtenteils ohne Perkussion auskommenden Ambient-Arbeiten hat Teebs im Vergleich zu vorigen Projekten nicht maßgeblich verändert: Statt klassischen Verse-Bridge-Refrain-Schemata gibt es anschwellende Flächen, die sich eigensinnig und dynamisch in ihren Höhepunkten wandeln. Nach View Point folgt als dritter Halt mit Jonti, dem ersten australischen Mitstreiter des Experimental Hip-Hop-Labels Stones Throw bereits der erste Featuregast. Zwischen rauschendem Sog aus hypnotischen Synthies und jeder Menge Spielerei im Drum- und Sample-Arrangement findet sich der Wunderknabe mitsamt seiner zarten Stimme gut zurecht. Dass Teebs auf Ardour zuvor so gut wie keine Featuregäste mitwirken ließ, scheint seltsam, wimmelt es auf E S T A R A doch nur so von Gastmusikern verschiedener Couleur.

Shoouss Lullaby wartet mit voluminösen Live-Drums zwischen Engelsstimmchen und vorsichtigen Gitarrenzupfern auf, was jedoch trotz der klanglichen Fülle des Songs auf einer Länge von 4 Minuten schon früh seinen flachen Zenith erreicht. Ähnlich verhält es sich auch bei längeren Tracks wie SOTM, Hi Hat oder dem Schlusslicht Grattitude. Die Lo-Fi-Elemente, die wabernden Flächen, das aufdringlich Unaufdringliche der Detailverliebtheit und die ewig wiederkehrenden Mini-Interludes in den tatsächlichen Songs können bei aufmerksamem Hören durchaus weniger spektakulär anmuten. Wobei die ruhige Geduldsnatur eines Teebs auch kaum auf eben jene spektakuläre Wirkung aus sein wird. Trotzdem erschöpfen sich gerade die längeren Passagen des Albums in ihrem einlullenden Leerlauf, der zwar bewusst als solcher konzipiert klingt, es aber dennoch nicht schafft, dem Hörer brennende Neugierde zu entlocken. Dazu verbleibt Teebs zu oft in seiner eigenen klanglich gut abgedichteten Komfortzone des Loopings. Was bei Ardour mit Songlängen von durchschnittlich 2 Minuten noch wunderbar funktioniert hat, stagniert auf E S T A R A oft genug. Kleinste Veränderungen des jeweiligen Loops helfen nur wenigen Tracks, wie z.B. dem Kollabo-Stück NY Pt. 2, auf dem Glitch-Beat Legende Prefuse 73 aushilft. Trotz allem bleibt E S T A R A ein solider Output mit klarer Handschrift von einem der eigenständigsten Künstler des kalifornischen Brainfeeder-Labels. Obwohl die stärker beatlastigen Arbeiten nun dringlicher die Aufmerksamkeit des Hörers als noch auf dem hintergründig säuselnden Ardour verlangen, erzielen sie ihren hypnotischen Effekt auf beständige Weise. Zumal E S T A R A letztlich definitiv wieder wie aus einem zielgerichteten Guss aus dem immer noch beeindruckenden Sound-Repertoire Teebs zu kommen scheint.

1. The Endless
2. View Point
3. Holiday feat. Jonti
4. Shoouss Lullaby
5. SOTM
6. Hi Hat feat. Populous
7. NY Pt. 1
8. Piano Days
9. Piano Months
10. NY Pt. 2 feat. Prefuse 73
11. Mondaze
12. Wavxxes feat. Lars Horntveth

Zolin sagt: 7 von 10

Heißer Scheiß: Mars One

Die zweite Runde des von 16-Bars-Moderatorin Visa Vie eingeläuteten Raputation-Contests spitzt sich in diesen Tagen noch einmal zu. Nachdem der Düsseldorfer Paradiesvogel Marabu, seines Zeichens MC der EPOS Crew, es letztes Jahr in der ersten Runde des Polit-Rapcontests aus ca. 300 Teilnehmern auf Platz 3 schaffte, gilt es jetzt für Lokalveteran MARS ONE diese Hürde zu meistern. Kennen werden ihn vor allem die regionalen Rap-Fans, die seit nun bereits acht Jahren live als auch auf Kopfhörern immer wieder Neues von MARS ONE, seinem Bruder BUSY BEAST und Produzent/DJ LKWD zu hören bekommen. Zusammen bilden sie das berüchtigte Rap-Trio Mental Movement. Anfang des Jahres erschien mit Nachts bin ich Reimer die erste handfeste LP in digitaler Reinform, die nach wie vor umsonst über die bandeigene Facebook-Seite feilgeboten wird. Außerdem dort erwerbbar ist die reine Instrumentalversion, das Beatpaket der LP. Neben dem beiläufigen, dennoch dringlichen Wink mit dem Zaunpfahl an Interessierte, beide Versionen definitiv auszuprobieren, gilt es außerdem, MARS ONE in den nächsten Tagen wieder besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Mit der audiovisuellen Bewerbung für den Contest in Form des Tracks Kontemporär verlieh MARS ONE sich vorab bereits gewissermaßen selbst den von der Jury bestätigten Titel des originellen Außenseiters. Boombap-Kür in schwarz-weißer Optik ließ neben säuberlichen Cuts von LKWD Nostalgie und Erfrischendes gleichermaßen zu. Politische Verdrossenheit und ein klarer Kopf standen sich hier ebenfalls kaum im Wege, statt Lethargie war den bisherigen Beiträgen MARS ONEs stets eine erquickende Portion wütender Kritik anzumerken. In Runde 2 verarbeitete der Querkopf das vorgegebene Thema „I have a dream“ wieder originell und mit einer detailverliebten, persönlichen Geschichte aus der Perspektive eines türkischen Gastarbeiters. Aus den zu dem Zeitpunkt noch aktiven zehn MCs pickten die Jury-Mitglieder Sokee, Weekend und MoTrip weitere fünf Kandidaten, zu denen weiterhin auch MARS ONE gehörte. Runde 3 konfrontierte die fünf übrig gebliebenen Teilnehmer mit dem Thema „Rap da News„, durch das es galt, ein mehr oder minder aktuelles Thema der einschlägigen Presse durch einen Track plus Video näher zu beleuchten und kreativ auszufüllen. #110 schlug mit eingängiger Hook, emotional wie inhaltlich authentischer Haltung und LKWDs gepfefferter Arbeit am Instrumental mit Nachdruck ein und katapultierte MARS ONE in die Finalrunde der letzten Drei.

Das Thema: „Identitäter“ oder „Was würdest du tun, wenn du selbst ein Politiker wärst„. Auch hier hat sich der Rapper im wieder einmal knapp bemessenen Zeitrahmen von fünf Tagen nichts nehmen lassen und all seine Zeit und Arbeit in die Vollendung seines Finalbeitrags gepumpt. Heraus kam dabei Wer hat die Macht?. Vor der Kulisse des Landtags fährt einer aus zwanzig optisch gleichgeschalteten Anzugträgern sein Skateboard in den Eingang während vor der Rheinpromenade Podiumsbeiträge zum Besten gegeben werden. MARS ONEs sinnbildliche und ausdrucksstarke Lyrik wird von etlichen Passanten und Freigeistern visuell kundgetan. Die Message ist dabei unmissverständlich: Du hast die Macht. Der Rapper regt zum eigenständigen, reflektierten politischen Ausdruck an, vermittelt Selbstvertrauen und macht aktiv. Instrumental gibt es auch hier ein weiteres Mal sauber produzierte Ware mit Hit-Potenzial im Refrain, der ins Ohr geht, wie kein Zweiter. Das Wichtigste dabei kommt erst jetzt: Um ein weiteres Mal die schamlose Lokal-Promomaschinerie schalten und walten zu lassen, braucht der Mann Punkte. Diese gibt es abermals in Form von YouTube-Daumen, die wichtigste Währung dieser Runde der politischen Rapplattform. Der Countdown läuft ab heute.

Video der Woche: Tua – Keiner Sonst

Zugegeben, es gab in dieser Rubrik sicherlich Videos, die noch ein Stückchen besser aussahen, aber Tuas Video zu Keiner Sonst kann im Gesamtkonzept überzeugen. Vor allen Dingen liegt das an dem bärenstarken Track selbst. Den „Skrillex-Dubstep“ seiner Raus-Tage scheint Tua glücklicherweise überwunden zu haben und somit knüpft er mit Keiner Sonst an seine großartigen Beats des letzten Orsons Album an. Der Beat ist zunächst herrlich unaufgeregt und melancholisch, gegen Ende dann sogar pompös und könnte auch gut und gerne von James Blake höchstpersönlich stammen.

Das Video fängt diese melancholische Stimmung auf und setzt sie – natürlich – in Schwarz/Weiß entsprechend um. Hauptsächlich sehen wir Tua, entweder wie er abgeklärt in die Kamera blickt, oder von hinten, wie er durch Landschaften gemorpht wird. Der Song ist im Übrigen auf seiner neuen und ebenfalls guten EP Stevia zu finden, die jetzt über Chimperator rauskam. Wenn Tua auf seinem nächsten Solo-Release dann auch mal wieder (mehr) rappt, ist er mit Sicherheit endlich zurück unter den Besten des Landes.