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Review: HELMUT – POLYMONO

Gründet man eine Band, steht man über kurz oder lang vor der unumgänglichen Herausforderung, ihr einen möglichst schicklichen, einprägsamen oder besonders ausgefuchsten Namen geben zu dürfen. Eher Fluch als Segen, bedenkt man erst einmal die bunte Palette an eingetragenen Mitstreitern, die ihre Spuren einst in die Tiefen des Internets zu legen lernten und sämtliche Namen bis in alle Ewigkeit als ihr Gebiet markierten. Kreativlinge mit Fingerspitzengefühl vor. Vielleicht geht es aber auch viel unkomplizierter, muss sich der Wahl-Berliner Adrian Schull gedacht haben, als er sein musikalisches Alias schlicht und ergreifend auf den Namen HELMUT taufte. Kurz, platt, plakativ in Großbuchstaben und somit ohne fortgeschrittenes Gehirnjogging zu merken; möglicherweise nur nicht mehr ganz up to date, aber wen juckt’s? Ein frisches Lüftchen in den Reihen der Namensvetter Schmidt und Kohl pustet assoziativen Staub beiseite. Und nicht umsonst wird er in einer der zahlreichen Namensdeutungen als „der Mutige“ deklariert.

Nennen wir ihn also HELMUT, den Mutigen. Seine dringliche Mission heißt POLYMONO, sein Erfolgsrezept: die Kunst des Loops. Wer sich also kraft der altmodischen Namensgebung auf die falsche Fährte hat locken lassen und ihn vorschnell in eher traditionellere Gefilde positioniert hatte, der sei schnell eines Besseren belehrt. Innerhalb der musikalischen Machenschaften auf dessen Debüt POLYMONO ist HELMUT nämlich umso mehr heute. Dank gekonnter Loopeffekte gelingt es ihm, von Track zu Track Einzelelemente eines experimentellen Folks häppchenweise elektronisch zu addieren, um sich letztlich zu einem vollendeten Einmannorchester aufzutürmen. Bestes Beispiel dafür ist wohl der sich gemächlich schichtende Track Sepi, den es schon 2012 in einer uncut version auf der HELMUT EP zu hören gab, wohl aber, so wie der gesamte Zehnspurer, bei der Zusammenarbeit mit Marius Bubats, einer Hälfte des Kölner und auf Kompakt beheimaten Produzententeams COMA, renoviert wurde.

Ausschlaggebender Stimulus beim Debüt HELMUTs ist zunächst die Ruhe und Bedachtheit, mit der er seine Tracks präzise und auf den Punkt bestimmt zusammenschustert; und die handwerkliche Metapher ist hier sogar gar nicht mal so fehl am Platze. „Focus on the right thing“ singt er tiefenentspannt in MFYBUNCFM und eröffnet somit sein federführendes und aufgehendes Konzept einer minimalistischen Ordnung. Es sieht vor, sich stets derselben Elemente zu bedienen, diese aber jedes Mal auf eine andere Art und Weise zu kombinieren. Dabei baut HELMUT immerzu auf dem Fundament der einen melodischen, zweifellos der klassischen Schulung verschuldeten Gitarrenlinie, sei es die schwerelos wirkende von Same Same oder das schlichte Picking in Golden Walls. Das anfangs züchtige, dann durch Loops vervielfältigte Gitarrenspiel wird anschließend durch den stechenden Beat bekräftigt und er ist es vermutlich, der POLYMONO diesen teils ambivalenten Charakter verleiht. Auf der einen Seite äußert er sich in Form mechanischer, beinahe frostklirrender Laptopbeats wie beim unterkühlten The Tribe, auf der anderen Seite, wie etwa bei Slow Motion, outet er sich durch einfachste Mittel rhythmischer Handclaps und Schnippereien als fluffige Pop-Nummer. Dem Finale gliedert sich meist eine kratzige Shoegaze-Gitarre ein, die die allmählich angehäufte, nun üppige Klangschiene einreißt und auslöscht, wie beispielsweise bei Overcome.

Lediglich Face up und stellenweise auch sein Nachzügler Triangle fallen ein bisschen aus dem Rahmen. Wie eine etwas heruntergefahrene Version Burials bilden sie mit ihrem fragilen beinahe mystischen Stimmgemurmel und den nervösen, vertrackten Beats einen wesentlich elektronischeren, wohl aber alleinstehenden Gegenpol zu den sonst konformen Mustern. Und das ist wahrscheinlich der einzige Punkt, den manch einer diesem ansonsten in sich runden Album ankreiden möchte. Zwar werden immer wieder neue Soundeffekte über selbstgebastelte Loops eingestrickt, dennoch bleibt aber die Songstruktur oftmals ähnlich. Glücklicherweise nagt sie dabei aber kaum an der Atmosphäre, denn nichtsdestotrotz birgt POLYMONO diesen gewissen widersprüchlichen Charme zwischen rudimentärer Lieblichkeit und verkopfter Nüchternheit.

1. The tribe
2. Overcome
3. Sepi
4. Same same
5. Mfybuncfm
6. Holiday
7. Slow motions
8. Face up
9. Triangle
10. Golden walls

Zolin sagt: 8 von 10

Jahresabschluss 2013

Da ist es. Das Ende. 2013. Nur, was ist uns geblieben? Die Einsicht, dass kein Marketing wie im Falle Beyoncé das Marketing von morgen ist und sich nur noch so Verkaufserfolge erzielen lassen und dass selbst eigentlich wasserdichte Erfolgsschlager wie Lady Gagas drittes Album Artpop floppen können? Ein Jahr jedoch nur auf diese wirtschaftlichen Fakten zu beschränken, würde der Vielfalt an guten Alben kein Stückchen gerecht werden. Denn neben den im letzten Monat aufgezählten besten Alben des Jahres haben sich auch einige junge Bands hervorgetan, die in diesem Jahr endlich ihr Debüt und/oder Durchbruchsalbum veröffentlichen könnten. Daher lohnt sich nach dem ganzen Jahresrückblicken endlich mal wieder ein Blick nach vorne.

Nach vorne Schauen lohnt sich beispielsweise besonders bei der österreichischen Band Bilderbuch. Sie veröffentlichten zwar schon zwei Alben, mit ihrer letztes Jahr erschienenen EP Feinste Seide gehen sie aber in eine ganze andere Richtung als mit ihren bisherigen Alben. Wenn das kommende Album nämlich tatsächlich die Qualität der EP halten kann, dann steht uns endlich das deutschsprachige Äquivalent zu Metronomy bevor. Wo wir gerade schon bei Metronomy sind: Deren neues Album Love Letters erscheint ja auch endlich in diesem März. Aber das nur am Rande, schnell zurück zu den Newcomern: Da wäre nämlich noch Tellavision, die uns gleich zum Jahresanfang das großartige Funnel Walk, auf dem sie Art-Pop á la Kate Bush mit Krautrock und weiteren experimentellen Einflüssen paart, präsentiert. Passend zum Valentinstag folgt dann auch Polymono, das Debüt von dem Großmeister des Loops, Helmut.

Weitere Hochkaräter im Januar sind außerdem noch die neuen Alben von Marteria, Warpaint, Broken Bells und Ja, Panik. Außerdem kann man sich im Verlaufe des Jahres noch auf neue Alben von Beck, The Notwist, Frank Ocean, TV On The Radio, Flying Lotus und Kanye West freuen! Die dunklen Zeitgenoßen sparen da lieber schon mal ihr Geld für die kommenden Werke von Woods of Desolation, Alcest und Wolves In The Throne Room. Dazu kommen natürlich noch die „Beyonc’esque“ veröffentlichten Überraschungsalben. Aber naja, eigentlich mag doch jeder Überraschungen, oder?

PS: Putin scheint auch ein so großer Fan des DJ Koze Artworks zu sein, dass er es nachstellte. Verrückt!

Heißer Scheiß: Helmut

Erst Heißer Scheiß: Cäthe, jetzt Heißer Scheiß: Helmut. Was kommt als nächstes? Heißer Scheiß: Jürgen? Aber jetzt mal Spaß beiseite: Scheinbar sind eigentlich nicht so schicke Namen momentan schick. Wie wir schon durch Die Türen gelernt haben: „Er ist uncool, aber uncool ist das neue cool.“ Bei Helmut, bürgerlicher Name Adrian Scholz, trifft diese Theorie sogar zu.

Helmuts Musik in wenigen Worten zusammenzufassen ist eine äußerst schwierige Aufgabe, denn einerseits gibt es die klassischen Indie Momente à la Pavement und anderseits wird großer Wert auf Harmonien und den Minimalismus des Sounds gelegt. Das Wichtigste in Helmuts Songs sind aber nicht eine Gitarre oder ein Klavier, sondern seine Stimme. Das ist zwar nicht unbedingt neu, aber mit sehr viel liebe zum Detail umgesetzt.

Die Tatsache, dass es Helmut mit recht einfachen Mitteln gelingt, eine ernsthafte Konkurrenz zu anderen großartigen Bands wie The Notwist zu sein, macht ihn schon jetzt, nach nur einer bisher veröffentlichten EP, zu einem der wichtigsten Musiker der Zukunft.