Archiv der Kategorie: Hans Unstern

Bienen des Jahres 2013

Ändert sich etwas? Letztes Jahr hieß es an dieser Stelle, dass es keine Rolle spielt, in welchem Erdenjahr wie wir uns befinden, wie der Spin um die Sonne verläuft – jedes Jahr blüht es, jedes Jahr strahlen die Bienen in ihren Waben entspannten Gleichmut aus, wenn sie Honig erzeugen. Daher schauen wir ihnen auf eine weitere Ewigkeit zu und lüften den gelb-schwarzen Vorhang für die entscheidenden Momente auf den Konzerten von Ai, Die goldenen Zitronen, Die Heiterkeit, form, Fuck Buttons, Hans Unstern, Retrogott & Hulk Hodn, Massive Attack, Unknown Mortal Orchestra, BadBadNotGood und Flying Lotus.

Ai am 24. Mai im FFT, Düsseldorf
Ihre Musik lebt – wie es öfter im Krautrock ist – von ihrer Wiederholung. Daher ist es unsinnig, einen einzelnen Moment bestimmen zu wollen – vielmehr zählt wie bei einem Langstreckenlauf durch Berg und Tal nicht der einzelne Schwenk oder Ausblick, sondern der Weg. Während das Konzert mit Damo Suzuki aufgrund seiner Schmerzfreiheit und fehlenden Interaktion nicht volles Potenzial entfaltete und der Auftritt beim Open Source funkelnde Perle vor die Sau war, dem ein bisschen die Setenge fehlte, war bei dem Solo im FFT alles gelungen. Die Spannung steigt hinsichtlich des ersten, noch nicht angekündigten, aber hingebungsvoll erwarteten Langspielers.

Die Goldenen Zitronen am 26. Oktober im Grünspan, Hamburg
„Who’s bad – Entscheiden sie selbst, meine Damen und Herren.“ ließ Schorsch Kamerun zum Einstieg verlauten. Schlecht sind mittels Geld und ohne Herz eroberte Räume, gut sind diskursive Punkbands ohne geistige Alterungserscheinungen und hedonistischer, schaler Bierspießigkeit. Konstitutiver Moment: Vielleicht das Lächeln auf Schorsch Kameruns Gesicht, als sie im Zugabeblock „Das bisschen Totschlag“ anstimmen? Oder doch eher Ted Gaiers charmante Erklärung der Entfremdung, mit der Frage, ob das Publikum es kennt, dass etwas nicht stimmt, aber es nicht an ihnen liegt? Schwer zu sagen…

Die Heiterkeit am 27. Februar im FFT, Düsseldorf
Innerhalb ihrer witzigen Performance sticht ein musikloser Moment heraus – der, als die performativ-ironische Fassade für einen Moment bricht und ein Techniker einen Monitor austauscht. Da schwindet der sorgsam einstudierte, böse Blick und weicht einem heiteren Lachen. Der Rest: Gut geschriebene Lieder; zwischen den Zeilen lauern die Gags. „Die Liebe eines Volkes, die Liebe eines Volkes hat mich zur Königin gemacht“ zitiert inzwischen auch gerne mal Bernd Begemann.

Epos, Form und Luk&Fil am 12. April im Waldmeister, Solingen
Epos vergessen auf der Bühne öfter ihren Text, form spielt die Halle leer, Luk&Fil spielen bewusst ihre Gassenhauer nicht, die Interviews sind dilettantisch – der große Antiabend anlässlich des zweiten Geburtstags von Zolin sagt wies so viele Macken auf, dass der Leser sich fragen mag, wieso, weshalb, warum der Bienenjäger diesen latent familiären Konzertabend hier erwähnt. Der Grund ist ein einfacher: Fehler is‘ King. Für jedes Scheitern sonnige Momente. Persönlicher Favorit: forms heimlicher Hit Nix back in the days in der ersten Reihe, mit vier Yüahs und einem Hallelujah.

Fuck Buttons am 3. Oktober im CBE, Köln
Schimmer, schimmer. An dem irisierenden Flügel eines roten Falken kann der Bienenjäger sich schwer satt sehen. Die Musik dazu singt „Boing, ding, ding, ding“ und ein sehr weit gedehntes „Dschuu“. So einfach geht Noise-Hop. Ihre ästhetische Vision schillert und wächst von Aufnahme zu Aufnahme. Im Teilchenquast sind Fuck Buttons die Paranuss, die oben auf surft. Kannst du ihre Welle sehen? Den Moment sehen, aber nicht halten können. Verflixtes, unzugenähtes Menschsein.

Hans Unstern am 23. November im Ringlokschuppen, Mülheim
Nun ist es dem Bienenjäger beinahe unangenehm, schon wieder über Unstern nur Gutes sagen zu können. Aber wenn er nicht die Saiten schlechter Platten und Konzerte führen möchte, sondern gekonnt theatrig auf höchstem Niveau dichtet und singt lässt sich eben nur sagen: Bitte mehr davon. Und in Sachen Moment: Schön zu sehen, wie sich seine Tandempartnerin amüsiert, als Unstern an der Gitarre den Text sucht und leer läuft. Unvorstellbar, wie das nächste Werk klingt – selten so unberechenbar, ein Musiker.

Retrogott & Hulk Hodn am 1. März im Gloria, Köln
Der Retrogott sabbelte drei Stunden lang mit steilem Flow witzig und geistreich, zelebriert die Werte der Hip Hop Tradition, ohne ins Konservative zu kippen und tänzelte gekonnt den Drahtseilakt des Taktloss’schen Verständnisses des Lebens als Freestyle, bei dem niemand weiß, was als nächstes kommt. Anstrengend und erhellend. Es sei ihnen verziehen, dass sie immer wieder das Gleiche wiederholen, nur ein bisschen anders – das Niveau stimmt.

Unknown Mortal Orchestra am 2. Februar im Prince Charles, Berlin
Unknown Mortal Orchestras erster Gig in Deutschland war tatsächlich sehr außergewöhnlich, denn abseits ihres ersten Halts in Berlin fiel bei dem Gig eine Seite der Band auf, die auf keinem ihrer beiden Alben bisher so deutlich zum tragen gekommen ist: Sänger und Frontmann Ruban Nielson ist ein Gitarrengott der alten Schule! Was er an Soli rausholte ist schier unglaublich. Die schwitzende Menge im relativ kleinen Prince Charles dankte es ihm mit wilden Tanzmoves. Aber wie soll man auch bei einer solchen Band stillstehen bleiben?

Massive Attack V Adam Curtis am 29. August im Landschaftspark, Duisburg
Diesen Gig bei den besten Konzerten des Jahres aufzuführen, grenzt eigentlich fast an eine Untertreibung. Nicht alleine deswegen, da der Auftritt eigentlich weniger eine Live-Performance von Massive Attack war – die übrigens Aviciis Levels coverten – sondern vor allen Dingen durch die eindringlichen Bilder des britischen Dokumentarfilmers Adam Curtis getragen wurde. Am Ende steht die Erkenntnis, dass das kein Konzert gewesen sein kann – es war Kunst.

BadBadNotGood am 18. Juli beim Dour Festival, Belgien
Auf den weiten Weg von Toronto aus zur Europa-Tour begaben sich die sehr junge Jazz-Fusion-Trap-Funk-Acid-Heads Matthew Tavares (Keyboard), Chester Hansen (Bass) und Alexander Sowinski (Drums) wahrlich nicht umsonst. Bekannt wurden die drei Jungspunde vor allem durch ihre höchst interessanten Cover-Versionen verschiedener Hip-Hop-Klassiker, Videospiel-Anthems sowie ihre eigenen handfesten Arrangements. Ihr markantes Merkmal des viel improvisierten, angenehm zeitgemäßen, frischen Sounds mit einem Fokus auf Fender Rhodes-Harmonien brannte auch live im großen Zelt des Dour-Festivals den Zuschauern ein euphorisches Strahlen in die verschwitzten Gesichter. Drummer Sowinski macht einen hervorragenden Job als Animateur der Massen, das unglaublich virtuose Handwerk an ihren Instrumenten aller drei liefert den Rest. Als die drei nach einer geschlagenen Stunde voller wunderbar organischer Blasts und Breakbeats auch noch ein Instrumental-Cover des TNGHT Hits Buggin‘ anstimmten, geriet die Meute endgültig außer Rand und Band, was einen absolut großartigen Gig des kleinen Trios zur Live-Überraschung des Jahres machte.

Flying Lotus am 20. Juli beim Dour Festival, Belgien
Bei einer schwindelerregenden Auswahl von knapp 200 (!) Live-Acts auf einer einzigen Veranstaltung über vier Tage inmitten einer beschaulich kleinen belgischen Provinz fiel es 2013 auf dem Dour wahrlich schwer, sich seine Energie und Stunden richtig einzuteilen. Die Frage, ob Flying Lotus zumindest unter den höchsten fünf Must-Sees auf der Liste steht, dürfte sich für uns Europäer, wenn sich die Chance denn bietet, sowieso erübrigen. Und tatsächlich war Steven Ellison, der wohl einflussreichste und zukunftsweisendste Beat-Produzent der Vereinigten Staaten über jeden möglichen Zweifel erhaben: Mit einer atemberaubenden, dreidimensionalen Visual-Show mithilfe von zwei gleichzeitig betriebenen Bildprojektoren, die übereinander gelegt wurden, läutete Flying Lotus für viele Konzertbesucher eine komplett neuartige Vorstellung elektronischer Live-Musik ein. Dazu grandios verknüpfte Konstellationen zwischen markerschütternden Bass-Beats und psychedelischer Traumsphäre, bei denen sich auch sein Rap Alter Ego Captain Murphy die Ehre gab.

Bienenjäger: Hans Unstern + Mary Ocher im Ringlokschuppen in Mülheim, 23.11.2013

Mary Ocher und Bob, eine leicht eingebeulte, große Weihnachtskugel. Ein ungleiches, von Hans Unstern eingeladenes Paar, das die Bühne betritt. Im Dunkeln schlummernd liegen die Unstern’schen, selbstgebauten Instrumente, zwischen denen Ocher entlangläuft, zielsicher Mikrophon und E-Gitarre anvisierend. Mit einer bemerkenswert starken Stimme und Vibrato in den Höhen – sonst dem Bienenjäger verhasst, hier ein seltener Fall eines ästhetischen, nicht rein technischen Gelingens – singt sie poetische Zeilen auf Englisch. Sie pendelt zwischen mythisch aufgeladenen Naturbetrachtungen, altmodischen, dem Folk entlehnten Erzählformen und aufgearbeitetem Privatem. Dabei stammen alle Lieder von ihrer aktuellen Langspielplatte Eden, ein herrlich schrulliges, minimalistisches Werk, das in seiner Reduktion nur durch die Art und Weise übertroffen wird, wie Ocher es live darbietet. Ein kleiner Korg-Synthesizer, eine E-Gitarre, zwischenzeitlich ein Klavier, viel Hall auf dem Gesang – all das genügt, all das lässt sie für sich stehen. Kurz und charmant kündigt sie Songs an oder geht ebenso knapp auf die Publikumsreaktion respektive ihr Ausbleiben ein. Am Ende geht sie von der Bühne und nimmt Bob wieder mit; der Kreis öffnet sich.

Der große Hans Unstern Schwindel jährt sich, ein Werk, das zurecht kanonisch werden könnte; wenn sie denn hier wollten, aber sie wollen nicht, wie das oft bei herausragenden, künstlerischen Arbeiten ist. Krautrock, wir vergessen dich nicht. Unstern fährt unbeirrt fort. Ausgestattet mit glitzerndem Lidschatten und Nagellack bittet er das Publikum, näher zu treten und eröffnet das Konzert mit Unbenannte Datei, jenes nach wie vor intensive Kindheitstrauma, am hochkant gestellten Saitenbezug eines Pianos. Was diesem wie den anderen Stücken eine besondere Note gibt und das Konzert in eine wirklich sehens- und hörenswerte Erfahrung verwandelt, selbst für eingefleischte Kenner seines bisherigen Schaffens, ist die Variation der Lieder. Instrumentell wie formell stellt er mit der eingespielten Bande Songs um, dehnt Teile, verkürzt andere, kurz: Langeweile ist ihm fremd. Entlegene Winkel und Areale im Kopfe und Bauch berührt er mit heller Stimme und im besten Sinne merkwürdigen Texten unangestrengt und mühelos, liefert mit vielen selbstgebauten Musikinstrumenten originell ab. Die Weise, in der er sich artikuliert, nimmt der deutschen Sprache mit hoher Musikalität das Eckige und Kantige, gibt ihr einen selten gehörten Schliff. Einige Stücke gehen nahtlos ineinander über – die vielen beweglichen Augenblicke erlangen beinahe Charakter einer Jamsession. Für den Bruch dieses Textes: Bevor wir uns weiter in verschwurbeltem, aspektorientiertem Schreiben verlieren, zurück zur chronologischen Betrachtung; der Leser ist nicht im Stich zu lassen, lautet eines der zehn musikliterarischen Gebote.

Der Datei folgt Bea Criminal, hymnischer Schlusspunkt des Schwindels: „Wann ist Autos anzünden endlich Street Art?„, eine Zeile die zum Farbstich unter der Haut taugt. Viele Sätze weisen diese Qualität auf, von daher beginnt und endet die Liste unmittelbar. Begib dich auf Spurensuche. Entweder&Oder rückt nun ins Auge der Betrachtung. Auf der Holzstuhlharfe schrammelt er wie auch auf dem Tonträger und bei der Konzertreise vor einem Jahr wild, gibt Rätsel auf, lässt eine diffuse Ahnung zurück, dass hier Mutter Theresa und Achilles für jeden eine unglückliche Liaison eingehen; kein exklusives Ereignis ist der Sumpf, der sich Eltern nennt. Für den tiefen Treffer der Hookline begibt sich Unstern erneut zur Klavierharfe, weitet diesen erhabenen Moment von Poesie und existenzieller Frage aus: „Woher kommt diese Einsamkeit?„. Für Hülle hingegen ergibt sich eine vergleichsweise klassische Situation, mit Akustikgitarre auf einem Barhocker. Zwischendurch verliert er den Faden, nimmt ihn nonchalant wieder auf – der Fehler ist zulässig im System Unstern. Mit dem Schuhe-zuverlässig-ausziehendem, unschöne Wörter in schöne verwandelndem ergiebig und erschwinglich und dem Posterboy – „Reden ist Plastikgold, was aber ist Schweigen?“ – befinden wir uns schon auf der Zielgeraden: Mit schwarzen Lippen sitzen wir hinten ist eine nach wie vor gelungene Spitze gegen die Schulbank, Ich schäme mich die Bekenntnis zu nackten, roten Wangen. Entwaffnende Verletzlichkeit und Theater sind Konstanten dieser Show.

Der letzte Block ist der Zugabe gewidmet. Hier greift er auf Material von dem Erstling Kratz dich raus zurück. Tief unter der Elbe ist der vielleicht intimste Moment – allein, ohne elektrische Verstärkung der Akustikgitarre, Stimme und Mundharmonika, steht er am vorderen Rand der Bühne, zum Greifen nah. Dieser Folksong: Ein Geschenk. Dass Paris ebenfalls ein Kleinod ist, dürfte eine Eule nach Athen sein. Hervorstechend: Die Umbildung von Endlos Endlos. Fein schleichen sich technoide Rhythmen ein, als ob geradliniger, elektronischer Klang schon immer ein Geschehen analoger Instrumente gewesen wäre und nicht Maschinenmusik, High Tech Soul. Am Ende verabschieden sie sich mit einer Improvisation, an der sich auch Ocher beteiligt; der Kreis schließt sich. Nur Liebe für dieses Kollektiv. Als die Musik schließlich verklungen ist und der Bienenjäger flüchtig mit Unstern spricht, ist er zu verlegen, ihn zu fragen, wie es mit einem dritten Album aussieht. Wohin führt die Unordnung Unstern? Mit viel Phantasie bleibt es dennoch ungewiss. Nur das Vertrauen bleibt, das Hans Unstern noch viele Kinder schaukelt.

Die besten Alben des Jahres 2012: 20-11

Und weiter geht es mit den besten Alben des Jahres. Auf den Plätzen 20 bis 11 tummeln sich Vertreter allerhand verschiedener Genres. Von der besten und speziellsten deutschen Hardcore Band, über eine nicht James Blake ähnliche, aber trotzdem gelungene Fusion von Dubstep und Pop, bis hin zu instrumentalem Hiphop, der mal so gar nicht nach seinem Entstehungsland klingt.

20. Bat For Lashes – The Haunted Man

Eigentlich war’s ja nicht anders zu erwarten. Nach zwei grandiosen Alben veröffentlicht Natasha Khan, besser bekannt als Bat For Lashes, mit The Haunted Man ein weiteres tolles Album, welches dem Hörer Pop in seiner feinsten Form serviert. Quasi oben drauf bekommt der Käufer dieser CD sogar noch das beste Artwork des Jahres. Wen das kalt lässt, verschenkt zu Weihnachten Unheilig Special Edition CDs!

19. alt-J – An Awesome Wave

Dieses Album und damit Alt-J sind vor nicht allzu langer Zeit vollkommen zu recht mit dem renomierten Mercury Price ausgezeichnet worden. Auch wenn diese Hipster Dreiecks-Polemik langsam auf den Sack geht, ist an dem Album selber eigentlich gar nichts hipsterig. Tatsache ist nämlich, dass An Awesome Wave ein wirklich ungewöhnliches Album ist, zu dem es gar nicht mal so einfach fällt, Vergleiche zu finden.

18. Godspeed You! Black Emperor – Alleujah! Don’t Bend Ascend

Wer hätte gedacht, dass es jemals noch zu einem weiteren Godspeed You! Black Emperor Album kommen könnte und vor allen Dingen, dass es so verdammt gut werden würde. Nach all den Post-Rock/Black Metal Experimenten im letzten Jahr tut es doch mal wieder gut, ein Album kredenzt zu bekommen, welches endlich mal wieder das Label Post-Rock verdient hat.

17. Hans Unstern – The Great Hans Unstern Swindle

The Great Hans Unstern Swindle, große Poesie und Scharlatanerei vereint. Musikalisch dem Song verpflichtet, und doch durch Selbstgebautes à la Harry Partch auch an anderen Ufern unterwegs. Für den Bienenjäger jetzt schon ein Klassiker, fragt es sich, was danach noch kommen soll. Viele Zeilen werden uns Jahre lang begleiten. „Jeden Tag eine andere Sauerei Mensch.“ sagt ein Kind in Unbenannte Datei. Danke dafür!

16. Chromatics – Kill For Love

Auch 2012 kamen wieder unendlich viele Dream Pop Alben auf den Markt. Die Highlights waren mit Sicherheit Beach House und Chromatics. Wieso die Wahl für den Jahrespoll letztendlich auf letztere viel, ist eigentlich ganz einfach: Während Chromatics mit ihrem Album Kill For Love einen Schritt nach vorne gegangen sind, haben Beach House mit Bloom wahrlich nicht das Rad neu erfunden. Außerdem mag doch wohl jeder den Drive Soundtrack!

15. Suff Daddy – Suff Sells

Suff Sells. Der hörbare Beweis, dafür und dass deutsche Beats sich schon längst nicht mehr hinter den amerikanischen verstecken müssen. Obwohl Suff Sells sage und schreibe 29 Tracks beinhaltet, kann man diese Aussage bereits nach spätestens zwei Liedern unterschreiben. Außerdem soll Suff Daddy aus der selben verschlafenen, westlichen Hood wie Zolin stammen. Wenn das mal nichts ist!

14. Death Grips – The Money Store

Dass Death Grips das Streitthema des Jahres waren, steht sicherlich außer Frage. War ihr Signung bei Epic nur Inszenierung, um dann die beiden folgenden Alben des Jahres noch mehr zu zelebrieren? Für die Musik selber ist dies sicherlich wurscht, denn gerade The Money Store führt die Tradition ihres Debuts Exmilitary weiter: Kompromisslosen Rap.

13. Rudi Zygadlo – Tragicomedies

Rudi Zygadlos Zweitling Tragicomedies ist ein ausgesprochen seltsames Album. Endlich hatte Zolin sich damit abgefunden, dass es nicht mehr dazu kommt, dem Dubstep ein fröhliches Gesicht zu verleihen, bzw. Pop mit Dubstep so zu mischen, dass das Ergebnis nicht nach James Blake klingt. Doch da kommt Rudi Zygadlo mit einem Album daher, welches nicht nur fröhlicher, sondern auch experimenteller klingt, als all das, was man sonst von Dubstep erwartet hätte.

12. The Hirsch Effekt – Holon: Anamnesis

Kaum eine deutsche Hardcore Band hat es bisher geschafft, zwei Alben zu veröffentlichen, die zurecht Ausnahmestatus genießen. Welche andere vergleichbare Band betreibt schon so viel Aufwand, Streicher und einen Chor in einer Kirche aufzunehmen? Keine, und deswegen ist The Hirsch Effekts Zweitling Holon: Anamnesis auch eines der stärksten Hardcore Alben aller Zeiten.

11. Luk&Fil – All That Glitter Ain’t Soul

Endlich kam es mal wieder zu einem Album der Sorte All That Glitter Ain’t Soul. Nun ja, der Huss&Hodn Vergleich scheint mittlerweile ein bisschen ausgelutscht bei Luk&Fil zu sein, dennoch ist All That Glitter Ain’t Soul endlich mal wieder eine Bereicherung im Buddy-Rap. Hinzu kommen noch sehr feine Ami-Einflüsse wie Blu und fertig ist das freshste Undergroud Debut seit langer Zeit.

Bienen des Jahres 2012

Es ist Zeit, liebe Freunde der Blüten. Zeit für die Bienen des Jahres. Ob dieses Jahr für den Bienenjäger mehr Stoff, aus dem der Honig ist, zu finden war oder weniger als in den letzten Jahren, vermag er nicht zu beurteilen. Eigentlich findet er, dass jedes Jahr wertvolle Blüten wachsen, und es genug fleißige Bienen gibt. Die Bienen des Jahres werden wir in einzelnen Momenten streifen. Stilistisch gibt es keine Grenzen; Gutes findet seinen Weg hierhin, nichts anderes. Freut euch also auf eine Art Geisterbahnfahrt, nur ohne Geister, mit den Bestesten, Radiohead, Balam Acab, Ariel Pink’s Haunted Graffiti, Hans Unstern, DAF, Beak> und Meshuggah.

Die Bestesten am 10. August im Club Bahnhof Ehrenfeld, Köln
Wie bei ihren Releases machen Audio88, Yassin, Morlockk Dilemma, Hiob, V.Raeter und DJ Breaque alles richtig. Dope Raps, begnadete Boom Bap Beats und Texte, die zwischen überspitzt-comichaftem Sexismus und Menschenhass oszillieren, über andere lachen wie über sich selbst und die ganze Tragik einer Plattenbausiedlung auf den Punkt bringen. Wer das ernst nimmt und linke Kritik übt, hat gar nichts verstanden. Kurioses Randereignis: Nach vermutlich zu vielen Joints möchte einer dem Stagediving frönen, springt und landet ungebremst auf dem Boden. Die Bestesten bekommen das nicht mit. Sie machen unbeirrt weiter. Nächstes Mal erscheinen bitte mehr Menschen, dann muss auch niemand stürzen. Es lohnt sich!

Radiohead am 29. September in der Wulheide, Berlin und am 15. Oktober in der Lanxess Arena, Köln
Ein trauriges Ereignis führte zu der Verschiebung der beiden Konzerte in Berlin. Vor einem Konzert in Kanada stürzte das Dach ein, ein Schlagzeugtechniker starb und Teile der Lichtshow wurden zerstört. Grund genug daran zu zweifeln, dass Radiohead wieder zauberten. Es kam natürlich anders. Vor einer irisierierenden Lichttektonik spielten sie ihre depressiven Hymnen, die von einzelnen, sonnigen Augenblicken immer wieder aufgehellt werden. Eine der wenigen Bands ihrer Ära, die immer noch auf hohem Niveau Experimentelles mit Pop paaren und so die Hallen füllen. Verdient.

Balam Acab am 18. Oktober im Salon des Amateurs, Düsseldorf
Balam Acab spielte ein verträumtes Set. Mit dem Charme eines vermutlich ewig jugendlich Aussehenden beugte er sich über diverse Gerätschaften und ließ sonst nur Bilder und Musik sprechen. Im kleinen Salon des Amateurs standen viele starr, andere ließen sich auf die entspannten, meditativen Klängen ein und ließen ihre Sinne von den Naturaufnahmen im Hintergrund vernebeln. Als er nach einer Stunde wieder abbaute, ging der Bienenjäger zu ihm und sagte: „Hey. Nice show. Just wanna show some respect.„, hielt ihm die Faust hin, woraufhin er verschmitzt lächelte und die Geste erwiderte. Süß.

Ariel Pink’s Haunted Graffiti am 16. November im Gebäude 9, Köln:
Gekonnt zwischen Kitsch und Kunst balancierend gelang Ariel Pink und seiner talentierten Band mit Mature Themes dieses Jahr der Durchbruch. Im Gebäude 9 – dessen Booking dieses Jahr wirklich herausragend war, davon abgesehen, dass es ein schöner Veranstaltungsort ist – erlaubte er sich den Scherz, die ersten Songs im Hinterhof gefilmt zu performen, während die Musiker auf der Bühne standen. Um keine absurde Geste verlegen, kehrte er auf die Bühne zurück und spielte viele große Songs. Für den Bienenjäger eine wichtige Entdeckung, dieser Ariel; im Studio wie auf der Bühne.



Hans Unstern am 22. November im Gebäude 9, Köln:
Wie berührend und kunstvoll die Texte Hans Unsterns sind, ließ sich auf den Alben bereits spüren, aber erst wirklich auf dem Konzert erfahren. Auch wenn Hans Unstern mit originellen, selbstgebauten Instrumenten nicht an Sperrigkeit und Dekonstruktion sparte, schälen sich darunter immer wieder Lieder heraus, die unvergesslich sind und sicherlich das Potenzial zum Kanonischen besitzen. Dass hier in Deutschland leider gerade solche Künstler oft übersehen werden, soll uns nicht stören. Auch nächstes Jahr werden wir uns sicherlich an seiner Musik erfreuen. Verstand und Herz gehen bei ihm die richtige Verbindung ein.

DAF am 30. November im Zakk, Düsseldorf:
Im Kampf um die Sonne sind DAF 2012 so lustvoll und hitzig wie eh und je. Von welcher anderen Band ihres Jahrgangs das zu behaupten ist, steht zur Diskussion. Schönster Augenblick: Gabi Delgado Lopéz fordert das Publikum auf, den „süßen“ Adolf Hitler zu tanzen. Vielleicht beschenken sie uns in den nächsten Jahren ja doch noch einmal mit einem neuen Album. Nach den dynamischen Auftritten ist das wünschenswert.

Beak> am 5. Dezember im Gebäude 9, Köln:
Wer den besten Post-Punk informierten, minimalistischen Krautrock spielt, weiß jeder Konzertgänger spätestens seit Anfang Dezember. Der Schnabel steht ihnen gut. Mit << haben Beak> ihren Status als Nebenschauplatz von Portishead endgültig gegen den einer eigenständigen, respektierten Band eingetauscht. Das in Kombination mit dem bemerkenswerten Konzert lässt Beak> als erstes Tier mit Schnabel und Stachel dastehen. Glückwunsch!

Meshuggah am 13. Dezember in der Essigfabrik, Köln:
Ihr Koloss definierte schweren Groovemetal neu, ihr Auftritt in der Essigfabrik revidierte den ansonsten notorisch schlechten Sound dieses Veranstaltungsorts. Im Moshpit eine Freakshow, stehen einige Herren nach ein paar Stücken schon mit zerrissenem T-Shirt da; andere lassen sich nach jedem Stagedive von der muskulösen Security auf den Arm nehmen. Meshuggah Fans brauchen Liebe. Kurzer Moment, der einen Anflug von Humor durchschimmern lässt: Jens Kidman fragt das Publikum, ob es „ready“ sei. Kurze Stille, daraufhin ein gewohnt brachialer Einstieg des nächsten Songs.

Review: Hans Unstern – The Great Hans Unstern Swindle

Alles nur Swindle. Ghostwriter, Burn-Out-Bekenntnisse und Weihnachtsalben. Nichts von alledem ist wahr. Wozu dann ein Review zu einem Album schreiben, an dem alles gelogen zu sein scheint und man sich sowieso auf nichts verlassen kann? Eines ist jedoch Tatsache: Je mehr man sich mit The Great Hans Unstern Swindle beschäftigt, desto mehr verliert man den Draht zur tatsächlichen Kritik. Grund genug, sich einerseits mit der Wirklichkeit zu beschäftigen und am besten eine weitere gefestigte Meinung einzuholen.

Und wer hat schon eine gefestigtere Meinung, als ein Philosophie-Student? Natürlich keine Poser-Philosoph-Philister, sondern so ein richtiger Student. Einer, der sich für solchen Kram wirklich interessiert. Also allerhöchste Eisenbahn für eine fundierte Zusammenfassung der Ereignisse des 21. Novembers, verfasst von Paulka Dot:

Hans Unstern. Ein Schwindler, ein Schelm. Täuscht die Medienwelt und schämt sich. So wie die Läuse. Heute Abend ist er wirklich. Ein bemerkenswertes Sammelsorium selbstgebauter Instrumente auf der Bühne, Höhepunkt: Ein Holzstuhl, an dessen Seiten Saiten gespannt sind. Eröffnet er mit Bea Criminal von seiner brillianten, aktuellen Veröffentlichung namens The Great Hans Unstern Swindle, sind die Augen groß. Der Refrain – für die Ewigkeit. Gewarnt ist das Publikum nicht, und es ist nicht so voll wie Unstern es verdient. Der singt so gut wie auf Platte, und verändert jeden Song etwas. Ganzheit, nur in anderer Reihenfolge findet sich in der Setlist. Schlagzeug, Bass, Gitarre und Tuba dazu reichen. Irre: Unbenannte Datei. Auf dem Album nur vom Zupfen des präparierten Klaviers begleitet, schraubt sich das Stück trauriger Kindheitszustände aktueller Couleur live manisch in die Höhe, straighte four-to-the-floor Bassdrum inklusive. Hauch, hauch. Entweder&oder hält sein Versprechen, als Unstern sich auf besagten Stuhl setzt und wild schrammelt. „Woher kommt diese Einsamkeit?“ singt er, zur Herzschmelze führt das. Zumindest bei mir. Zur Zugabe spielt er Tief unter der Elbe und Paris. Für letzteres packt er ein kleines, selbstgebautes mechanisches Klavier aus einer Dose und dreht. Dreht, bis er den Text vergisst. Da muss er selbst lachen. Groß!

Jetzt gibt es mehrere Möglichkeiten: Entweder ist selbst unsere Elite Hans Unstern auf den Leim gegangen oder The Great Hans Unstern Swindle sowie die dazugehörige Tour sind einfach großartig. Und je mehr Leute sich äußern, desto wahrscheinlicher scheint diese Option. Oder ist alles doch nur Swindle?

1. Ich schäme mich
2. Entweder & oder
3. Mit schwarzen Lippen sitzen wir hinten
4. Ergiebig und erschwinglich
5. Unbenannte Datei
6. Hülle
7. Posterboy
8. Bea criminal

Zolin sagt: 9 von 10