Kategorie-Archiv: Elektronic

Heißer Scheiß: Jon Hopkins

Gab es vielleicht schon, ist trotzdem stimmungsvoll genug: Ein Album mit Straßenrauschen zu beginnen und dem Einstieg in ein Automobil. So beginnt der Trip Immunity von Jon Hopkins. Jon wer? Trotz der Kollaboration mit der Upper Class Prominenz à la Brian Eno ist Hopkins nach wie vor mehr oder minder ein Geheimtipp; da dürfen auch gestandene Musikmagazine zur Platte des Monats ausrufen. Spätestens mit Immunity dürfte dieser Status passé sein. Auf acht schimmernden Tracks an der Schnittstelle von Techno (We Disappear, Open Eye Signal) und Ambient (Breathe This Air) schafft es Hopkins, diesem weitläufigen und viel ausgetretenem Genre eine unmittelbare Dringlichkeit abzugewinnen, die zu einem hörenswertem Album führt und dieser Form gerecht wird. Spezialisten hören eventuell Spuren von Modeselektor zu ihrer Hochphase – natürlich Happy Birthday – heraus, ebenso Moderat; eine Assoziation, die sich über die von ihm in Mixes gefundenen Einflüsse bestätigen lässt.

Besonders gelungen an diesem musikalischen Zeugnis seiner Kreativität ist das Kunststück, trotz vieler sich wiederholender Elemente keine Langeweile aufkommen zu lassen und die richtige hypnotische Qualität zu finden. Das liegt sicherlich auch an der Emotionalität, die niemals in Kitsch abdriftet, oder schaler Sentimentalität. Zusätzliche Tupfer auf dem Klavier sorgen für geschmackvolles, stimmungsvolles Kurzweil, wie ein Interlude, nur auf Songlänge (Abandon Window). Nettes Nebenbei: Remixe schieben den Groove gelungen Richtung Downtempo (Nosaj Thing), aber auch scheiternd Richtung Stadion (Lord of the Isles). Ein besseres Exempel statuiert Luke Abbotts perlende Variante.

Aber wie kann das sein, dass Jon Hopkins – wenn überhaupt – zunächst nur durch die Zusammenarbeit mit der Achse Eno/Abrahams, King Creosote und – wir verzeihen es ihm hiermit stellvertretend – Coldplay auffiel und bisher mehr oder weniger unter dem Radar daherflog? Immunity lässt einen da recht ratlos zurück, die Mitschnitte seiner intensiven Liveshows ebenfalls. Vielleicht muss manchmal ein bisschen Zeit verstreichen, und seine ist nun gekommen.

Video der Woche: Vitalic – Fade Away

Vitalic – Fade Away (Official Video) from Vitalic Official on Vimeo.

Letzte Woche ging es ja schon um das Thema style over substance bei Musikvideos. Während sich bei Azealia Banks letzte Woche jedoch herrausstellte, dass man in ihrem Video mehr Substanz findet, als man erwarten würde, sucht man bei Vitalics neustem Video Fade Away bis auf ein paar Kalendersprüche à la „Lebe dein Leben, denn es ist kurz“ vergeblich. Das war bei ihrem davor erschienenen Video zu Stamina noch anders.

Nichtsdestotrotz ist das Video zu Fade Away sehr schön anzusehen, wobei „schön“ wohl eine reichlich zynische Beschreibung für das Video ist. Erzählt wird nämlich die Geschichte eines Koffers, der am laufenden Band seinen Besitzer wechselt. „Wechselt„, schon wieder so eine zynische Beurteilung. Abgeknallt werden sie! Naja, aber der Mensch ist ja sowieso Voyeur und ob man es zugeben möchte oder nicht, das Video macht Spaß. Wahrscheinlich auch da der Regiesseur wirklich hochwertige Arbeit geleistet hat. Da kann man auch mal den Kopf aus machen und sich an all der Gewalt ergötzen.

Heißer Scheiß: David August

Foto von Linn Kuhlmann

Hamburg is For Lovers – Dieser Slogan stammt weder aus einer Tourismus Offensive der Hansestadt Hamburg, noch von unserem in Englisch ja so bewanderten Außenminister. Nein, er stammt von David August, der mit eben diesem Song Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Mit seinen Pressephotos hat er sich ohnehin schon längst für DJs looking depressed qualifiziert. Hamburg is For Lovers ist ein netter Deep House Track. Nicht mehr und nicht weniger. In erster Linie hat er jedoch dafür gesorgt, dass man von David Augusts nun veröffentlichtem Debut Times mehr Notiz nimmt. Und das ist wirklich ganz großartig.

Denn im Gegensatz zu all den anderen aufsprießenden, momentan erfolgreichen Deep House DJs wie Wankelmut oder Nils Hoffmann, beweist David August, dass seine Stärke gar nicht unbedingt bei der Produktion von einzelnen Tracks liegt, sondern dass er gerade auf Albumlänge überzeugt. Ein Grund dafür könnte sein, dass Times nicht direkt Clubtauglich ist. So basiert eine Vielzahl der Tracks auf eher schleppenden, langsameren Beats, ungefähr vergleichbar mit Nicolas Jaar. Trotzdem gibt es beispielsweise mit I Don’t Care About Your Goal bei Times durchaus Momente, zu denen man das Tanzbein schwingen kann. Hier klingt David August dann fast ein bisschen wie seine französichen Kollegen Nôze.

Diese Tatsache ist unter anderem auch dem Umstand geschuldet, dass David August, ähnlich wie Henrik Schwarz, keine Probleme hat, mit Jazz und anderen für Deep House eher unorthodoxen Mitteln zu experimentieren. Das Ergebnis ist aber im Gegensatz zu Nicolas Jaars Meilenstein Space Is Only Noise weniger experimentell und um einiges zugänglicher. Dadurch bekommt Times sogar einen kleinen Chill Out Einschlag und wird zum idealen Album für die nun endlich eintretenden, sommerlichen Tage! In diesem Sinne ist Zolin spazieren. Mit David Augusts Times.

Review: The Knife – Shaking The Habitual

 

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Review zu einem von Zolin am meisten herbeigesehnten Album des Jahres kommen. Gemeint ist damit Shaking The Habitual, das vierte Studioalbum der Schweden The Knife. Also hat Zolin auch auf alle vorab veröffentlichten Tracks verzichtet, sich einfach das Album vorbestellt und sich den Veröffentlichungstag herbeigewünscht. Als sie dann sogar einen Tag vor dem Release in seinem Briefkasten lag, waren die Erwartungen immens. Zumal er auch mittlerweile herausgefunden hat, dass das Album gleich mit zwei CDs und über 100 Minuten Spielzeit kommt. Das hört sich doch schon mal gut an! Schnell die CD ausgepackt, kurz das grelle, aber recht schicke Artwork bewundert, dann ab in die Stereoanlage und los geht die Fahrt.

Schon erhebt sich der fast ein bisschen nach Jungle klingende Opener A Tooth For An Eye. Nach wenigen Sekunden fühlt sich Zolin auch schon wieder in den Himmel hinaufgefahren, den The Knife bei der Veröffentlichung des Vorgängers Silent Shout kreierten. Dieser Zustand hält aber nur die sechs Minuten, die der Opener dauert. Das danach folgende Full of Fire stößt in mit seinem brutalen Bass und den hinterlistig bösen Synthesizern wieder zu Boden. Am Ende des Tracks bleibt vor allen Dingen eins bei Zolin zurück: Kopfschmerzen. Schmerzen, die sich auch bei den folgenden Tracks nicht mehr legen. Nicht unbedingt auf Grund der zugegebenermaßen teilweise sehr quietschigen Synthesizern, sondern eher da Shaking The Habitual den Hörer komplett für sich einnimmt.

Bevor es an die zweite CD geht, schmeißt Zolin schnell eine Aspirin ein und widmet sich den beiden mitgelieferten Booklets. Beide beinhalten einen Comic, der sich auf recht plumpe Weise über die Wohlstandsgesellschaft, Sexismus und Faschismus auskotzt. Hier kommt Zolin langsam die erste Befürchtung: Ist das Intellektuell wertvoll oder nur prätentiös? Bevor er jedoch wieder Kopfschmerzen bekommt, schmeißt er die zweite CD in das Laufwerk und hat ein Déjà-vu. Auch die zweite Seite von Shaking The Habitual beginnt mit Raging Lung, einem „normalen“ The Knife Song! Doch so einfach ist es dieses Mal nicht. Nach sechs Minuten nimmt der neunminütige Song wieder die anstrengende Gestalt an, die dem bisherigen Album gleicht. Schon wieder! Immerhin folgt auch kein Song mehr, der erneut die Erwartung eines angenehm zu konsumierenden The Knife-Tracks erfüllt. Die Kopfschmerzen bleiben. Trotz Aspirin.

Nun ja, denkt sich Zolin, kann bei dem ersten Hördurchgang eines sperrigen Albums ja mal passieren, dass man nicht mehr den Überblick behält. Doch im Gegensatz zu diesen anderen Alben, hat sich an Shaking The Habitual auch nach dem 50sten Hördurchgang nichts erschlossen. Und trotzdem ist sich Zolin immer noch nicht sicher, woran es scheitert. An seinem Verstand dieses Werk zu erfassen, oder letztendlich an dem überdimensionierten Versuch von The Knife, ein musikalisches Manifest anzufertigen, welches am Ende mit mehr heißer Luft gefüllt ist als ein Luftballon. Aus diesem Grund möchte sich Zolin dieses Mal nicht anmaßen eine Wertung für ein Album zu vergeben, dass er nicht nachzuvollziehen vermag. Es bleibt also bei dem Versuch.

1. A Tooth for an Eye
2. Full of Fire
3. A Cherry on Top
4. Without You My Life Would Be Boring
5. Wrap Your Arms Around Me
6. Crake
7. Old Dreams Waiting to Be Realized
8. Raging Lung
9. Networking
10. Oryx
11. Stay Out Here
12. Fracking Fluid Injection
13. Ready to Lose

Zolin sagt: x von 10

Review: James Blake – Overgrown

Als James Blake Anfang 2011 sein selbstbetiteltes Debut veröffentlichte, war das schon was dolles. Schließlich brachte er Post-Dubstep auf einen Nenner mit R&B und Pop. Was folgte, waren viele Nachahmer wie Jamie Woon, The Weeknd oder Ghostpoet und zwei Jahre später ist der einst so besondere Sound gar nicht mehr so besonders. Und genau darunter leidet Overgrown, der Zweitling von James Blake, auch ein wenig. Das liegt vor allem auch daran, dass das Debut zu seiner Zeit von seiner Andersartigkeit lebte und jetzt, da dieser Faktor verloren vergegangen ist, sollte man meinen, dass das Thema James Blake durchgekaut ist.

Denkste, denn Overgrown klingt zwar immer noch unverkennbar nach James Blake, aber trotzdem fühlt es sich kein bisschen abgenutzt an. Wohl auch da Blake scheinbar die Proportionen verschoben hat. Stand bei seinem Debut noch der Dubstep Sound klar im Zentrum des Albums, so ist es auf Overgrown viel eher ein Mittel zum Zweck und der Soul gewinnt an Bedeutung. Dieser Eindruck entsteht vor allem durch den starken Einsatz von Gospel Elementen, die besonders bei der letzten Minute von Digital Lion, welches übrigens von Brian Eno produziert wurde, ins Gewicht fallen. So kommt es, dass man sich an dieser Stelle sehr an das Debut von Jamie Woon erinnert fühlt.

Aber nicht nur mit Soul, bzw. Gospel flirtet Blake auf Overgrown mehr als auf seinem Debut. So ist auch ein deutlich stärkerer HipHop Einschlag zu hören. Besonders auffällig bei einem der besten Tracks des Albums Life Round Here, das bezogen auf den Takt nahezu an einen BoomBap Beat erinnert. Bei dem direkt folgenden Take a Fall For Me ist der HipHop Flair eher weniger dem Beat, sondern Wu-Tang Mastermind RZA zu verdanken, der hier eine wie gewohnt astreine Arbeit abliefert. Das besondere an dem Track ist wohl eher, dass er sich im Verhältnis zu dem restlichen Album nicht wie ein Fremdkörper anfühlt, sondern Overgrown homogen bleibt.

Diese Homogenität ist es wohl auch, die Overgrown am Ende wohl doch noch so gut und nicht austauschbar macht. Trotzdem bleibt Overgrown hinter der Qualität des Debuts zurück. Doch wesentlich besser als James Blake hätte man die Problematik des Zweitlings nicht lösen können. Eine vollständige Kopie des Vorgängers wäre langweilig geworden, ein zu harter Stilbruch hätte wahrscheinlich alle Fans verprellt. Dementsprechend kann man James Blake nur gratulieren zu diesem gelungenem Drahtseilakt. Nun darf man gespannt sein, wie James Blake die Problematik des dritten Albums löst.

1. Overgrown
2. I Am Sold
3. Life Around Here
4. Take a Fall for Me
5. Retrograde
6. DLM
7. Digital Lion
8. Voyeur
9. To the last
10. Our Love Comes Back

Zolin sagt: 7 von 10