Archiv der Kategorie: Dubstep

Review-Runde: Isaiah Rashad, Katy B, Planningtorock, Angel Olsen

Verschiedener könnten die dieswöchigen Alben der Review-Runde gar nicht sein: Da wäre beispielsweise das Debüt des neuen TDE Schützlings Isaiah Rashad, Katy Bs Erfolgsalbum Little Red, Planningtorocks erstes Album auf ihrem eigenen, neu gegründeten Label und schließlich Angel Olsens psychotischer Traum in Albumform, Burn Your Fire For No Witness. Abwechslung ist also garantiert. Qualität bei diesen Namen sowieso. Oder?

Isaiah Rashad – Cilvia Demo

Isaiah Rashad heißt also das neue Talent bei Top Dawg Entertainment. Und anstatt dass er Zeit und Raum bekommt, ist er derjenige, der als Erster nach Kendrick Lamars Überalbum good kid, m.A.A.d city sein Album auf dem Label veröffentlichen darf. Wobei Album gar nicht die richtige Bezeichnung zu sein scheint. Onkel Wikipedia spricht beispielsweise von einer EP, andere Internetmedien gar von einem Mixtape. EP wird wohl bei der Laufzeit von knapp 50 Minuten ein bisschen zu tief gestapelt sein, und auch die Bezeichnung Mixtape wird dem Ganzen nicht gerecht. Außerdem kann man Cilvia Demo, so der Name des Werks, ausschließlich gegen Bezahlung erwerben, was ja einem Grundprinzip des Mixtapes widerstrebt. Aber abseits der ganzen Formats-Problematik – die ja praktisch keine ist – lässt sich festhalten, dass auch Isaiah Rashad seinen Job verdammt gut macht. Ein Flow zwischen André 3000 und Kendrick Lamar auf eher entspannten Based-Beats und in den besten Momenten, wie auf Heavenly Father, nach Outkast klingend. Das perfekte Album/EP/Mixtape für einen entspannten Tag und für sein Debüt auf TDE schon erstaunlich ausgecheckt. Gute Voraussetzungen also, dass sein erstes (richtiges) Debüt qualitativ wieder neue Maßstäbe setzt. Aber darunter scheint’s bei TDE ja momentan eh niemand mehr zu machen.

Zolin sagt: 8 von 10

Katy B – Little Red

Beim Blick auf die momentanen UK Top 40 der Alben fällt ein Name direkt ins Auge: Katy B. Klar, die Gute führt ja auch die Liste an. Trotzdem ist sie den meisten in Deutschland kein Begriff. Eigentlich schade, denn ihr 2011 veröffentlichtes Debüt On A Mission brachte etwas frischen Wind in das von Alex Clare, Linkin Park und Konsorten zerpflügte Feld des Pop-Dubsteps. Ein Grund dafür war wahrscheinlich, dass es sich bei Katy B nicht um ein gecastetes Gesangstalent handelt, sondern sie sich zunächst in der britischen Elektronik Szene unter anderem mit allerlei Gastbeiträgen einen Namen machte. Nun veröffentlicht sie also ihr zweites Album Little Red und erntet den Erfolg, zumindest auf der Insel. Den Erfolg hat sie aber glücklicherweise nicht gegen ihre Qualität eingetauscht, denn auch Little Red ist wieder ein fantastisches Pop-Album geworden. Gerade die Tracks mit den SBTRKT-Kollaboratoren Jessie Ware und Sampha stechen hervor. Aaliyah mit besagter Jessie Ware als textlich sehr durchdachte Uptempo-Reminiszenz an die RnB Ikone und Play als durch und durch verspielter Track, der besonders von den beiden einzigartigen Stimmen Katy Bs und Samphas lebt. So hat Pop im Jahr 2014 klingen.

Zolin sagt: 7 von 10

Planningtorock – All Love’s Legal

Als Misogyny Drop Dead im letzten Jahr erschien, schieden sich an diesem Track, noch mehr als am allgemeinen Œuvre Planningtorocks, die Geister. Für die einen eine unwiderstehliche Tanznummer im Stile einer sehr experimentellen Version eines Deep House-Tracks auf einem DFA-Basslauf, für die anderen nichts anderes als ein arhythmisches krächzen auf einem langweiligen Disco-Beat. Aber das ist selbstverständlich alles kalkuliert, The Knife suchen sich schließlich nicht beliebig ihre Kollaborateure aus. Selbstverständlich trifft dies auch auf Planningtorocks neusten Streich All Love’s Legal zu. Einmal mehr ist hier die Gender-Problematik im Zentrum angesiedelt. Diese wird aber nicht wie beispielsweise bei The Knifes letzten Album mittels Aggressivität übermittelt, sondern bleibt eigentlich immer relativ soulig, mit kleinen elektronischen Einschlägen. Dadurch ist All Love’s Legal letzlich doch nicht so verkopft wie man meinen könnte. Nun gibt es also nichts mehr, das noch davon abhalten könnte, den weisen Worten Planningtorocks zu lauschen. Oder zu tanzen. Oder einfach beides gleichzeitig.

Zolin sagt: 7 von 10

Angel Olsen – Burn Your Fire For No Witness

Angel Olsen begann ihre Karriere als Musikerin mit lo-fi Folk, der oft an die Atmosphäre erinnerte, die Groupers Musik heraufbeschwört. Oft war es nur Sie, ihre Gitarre und ihre Stimme mit reverb-Effekten, doch Burn Your Fire For No Witness ist ihr erstes Album mit einer vollen Band. Der Sound ist insgesamt rockiger geworden, die Single Hi-Five ist ein Stück schwungvoller, mit Country-Einflüssen durchzogener Rocker, den man von so einer zaghaften Stimme vielleicht nicht erwartet. Leider sind die rockigen Songs im Stil des Psych-Pop der späten sechziger Jahre doch die größte Schwäche der Platte, denn sie wirken deplatziert neben den oft wunderbar fragil und einsam wirkenden Folk-Pop-Songs wie White Fire, das mit seinem dronigen Gitarrenriff und geflüsterten Vocals den Hörer in einen sieben-minütigen Trancezustand treiben kann. Zu oft wirkt das Album jedoch wie ein Kombination aus zwei Eps, die gerne auch von zwei völlig verschiedenen Künstlern stammen könnten. Allerdings steht ihr es besser, wenn die Instrumentierung etwas herunterfährt und Platz für ihre intimen Momente lässt, anstatt sie im Sumpf der 60er-Revival Bands versinken zu lassen, wie es auf Burn Your Fire For No Witness leider etwas zu oft geschieht.

Zolin sagt: 6 von 10

Review: Lee Bannon – Alternate/Endings

EDM hat in den letzten Jahren stark an Popularität gewonnen und befindet sich nach wie vor auf dem Weg nach oben auf der Beliebheitsskala nahezu jeder Hörerschaft, ob nun eher in den Top 40-Charts oder im Underground angesiedelt. Fast in jedem Feld der Musik ist mittlerweile ein kleiner Einfluss tanzbarer elektronischer Beats zu hören, und gerade im letzten Jahr ritten Alben wie Disclosure’s Settle und vor allem Daft Punk’s Riesenerfolg Random Access Memories eine nahezu beängstigend große Welle des Erfolges, so dass es nur wahrscheinlich scheint, dass dieser Trend in allzu naher Zeit nicht abreißen wird. Warum auch, denn selbst Rapper wie Drake zeigen, dass subtil und minimal arrangierte elektronische Soundflächen auch ein maximales Ergebnis erzeugen können. Doch trotz dieses Trends bleibt es einigen Genres verwehrt, den großen Durchbruch zu schaffen und Mainstream-Hörern den Kopf zu verdrehen. Zu diesen gehört Drum and Bass. Hier mag es wohl an der Unzugänglichkeit der oft harten, komplexen und unberechenbaren Beats liegen, dass ein größeres Publikum fernbleibt und nur Szene-Hörer ihren Spaß daran haben, doch vielleicht ändert sich auch dies bald. Schließlich präsentierte Future Garage-Pionier Burial auf seiner Ende des letzten Jahres erschienenen Rival Dealer-EP seine eigene Vision von Drum and Bass und seinen Möglichkeiten. Zumindest auf dem ersten Track.

So ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, wenn mehr Musiker versuchen, ihre eigenen Ideen mit bereits vorhandenen Genre-Grenzen zu vermischen und damit etwas komplett Neues zu schaffen. Einer dieser Musiker ist Lee Bannon, seines Zeichens Beat-Produzent, unter anderem für die New Yorker Pro.Era-Crew um Joey Bada$$. Unbekannt ist Bannon also nicht, verwunderlicher erscheint da eher sein Ansatz für sein neues Album Alternate/Endings. Bisher war seine Musik nämlich meistens von der Vergangenheit geprägt, von der „goldenen Zeit“ des Hip Hops der 90er Jahre. Dieses Solowerk greift auch in die Vergangenheit, versucht jedoch an anderen Genres (Drum and Bass), auf eine andere Art und Weise. Alternate/Endings klingt nämlich wie eine Verbindung aus alten Genre-Konventionen und den aktuellen Trends der elektronischen Musik. Dies wird schon auf dem ersten Song der Platte klar deutlich. Resorectah beginnt wie ein klassischer DnB-Track, mit verwinkelten, nervösen Beats, einer unfreundlichen Atmosphäre und doch wird beim Hörer die Lust zum tanzen oder zumindest zum Kopf nicken geweckt. Dass der Song mittendrin allerdings eine gewaltige Ambient-Schlagseite erfährt mag unerwartet kommen, ist jedoch ein im Laufe des Albums oft wiederkehrendes und immer effektives Stilmittel, das niemals die Atmosphäre zerstört, sondern sie um Welten erweitert.

You see the maddening complexy of the endless string of numbers“ ist ein Zitat, welches das Genre Drum and Bass gut zusammenfasst und im Outro des ersten Tracks gesamplet wurde. Doch wie schon erwähnt, sind komplexe Beats, die das Gehirn in einen Notzustand versetzen, nur eine Seite der Münze. Stücke wie Shoot Out the Stars and Win variieren gekonnt zwischen ratterndem Geklacker und Ambient-Synths, die mal wie ein startender Flugzeugmotor, mal wie ein Blick in die Sterne außerhalb der Stadt klingen. Phoebe Cats erinnert oft an das underground-theme eines Capcom SNES-Games, während das fast zehnminütige Readly/Available, eines der Highlights der Platte, Gedanken an den Blick in einen leeren Aufzugschacht hervorkommen lässt, während in einem der unteren Stockwerke die letzten Momente einer intensiven und langen Party zu hören sind.

Alternate/Endings erinnert in seinen besten Momenten an die Anfangszeiten von Burial, als sein Sound noch weitaus rauer und dancefloor-tauglicher war. Doch das ist der größte Vorwurf, den man dem Album neben der möglicherweise etwas anstrengenden Laufzeit von knapp über einer Stunde bei weitem machen kann. Bannon verbindet gekonnt Tanzbarkeit mit den ruhigen Momenten der Future Garage-Szene und schafft somit eine Platte, die entspannt die dünne Linie zwischen Retro und Zukunft entlangspaziert und sich sicher ist, dass eine Kombination der beiden die beste Lösung ist. Alternate/Endings sei somit allen ans Herz gelegt, die ein Herz für elektronische Musik und ihre Geschichte sowie ihre hell strahlende Zukunft haben.

1. Resorectah
2. NW/WB
3. Prime/Decent
4. Shoot Out The Stars And Win
5. Bent/Sequence
6. Phoebe Cates
7. 216
8. Perfect/Division
9. Value 10
10. Cold/Melt
11. Readly/Available
12. Eternal/Attack

Zolin sagt: 8 von 10

Review: Burial – Rival Dealer EP

Der seltsame Fall des William Bevan setzt seinen undurchschaubaren Lauf fort. Als eines der bekanntesten und begehrtesten Phantome der heutigen elektronischen Musik kursierten im Laufe der Jahre immer wieder skurrile Gerüchte und Mythen um seine Identität: 2013 toppte ein Satire-Magazin mit der „bewiesenen“ These, es handele sich bei der Person hinter Burial um Kieran Hebden aka Four Tet. Die Geheimhaltung kommt dem britischen Produzenten der „alten Schule“ rund um das Dubstep-Geschehen ab 2005 in Bezug auf Nachfrage definitiv zugute, zumal sich sein Alleinstellungsmerkmal in der Musik parallel dazu auch nicht zu verflüssigen scheint. Obwohl der Volksmund ihm mit Klassifizierungen wie 2-Step, Future Garage oder Dubstep gerecht zu werden versucht, will keines der Genres letztlich so recht den einzigartigen, dunklen, atmosphärisch-melancholischen Signatur-Sound des Vorzeigetalents von Hyperdub Records definieren.

Dickflüssig verschwimmende Wände aus weinerlichen Akkorden, stimmungsvoll eingebundene R’n’B-Vocal Samples, subtile, nach UK Clubsound klingende Skip & Swing Drums und ein ewig scheinendes Raumgefühl, das mit jeder Menge Melancholie vervollständigt wird. So oder so ähnlich lässt sich Burial gezwungenermaßen subsumieren, jedenfalls wenn man den Rückblick über seine von vielen Die-Hards fast schon vergötterte Diskografie schweifen lässt: Das selbstbetitelte erste Album überraschte EDM- und UK Bass Music-Fans allerorts und ließ unzählige dürstend nach mehr schreien. Ein Jahr später legte Burial mit Untrue einen wegweisenden modernen Klassiker nach, der endgültig die unsagbaren Ambitionen des Phantoms bestätigte. Was dann folgte, war quälende Stille. Vier lange Jahre ließ William Bevan Fans und Kritiker hungern, abgesehen von Remix-Arbeiten oder der nicht zu verachtenden Kollaborations-EP Moth / Wolf Club mit Four Tet. 2011 brach er das Schweigen und begann seine momentane Release-Tradition mit mehreren EPs über die letzten drei Jahre.

Der Kern blieb, jedoch tendierten die wenigen Stücke zu progressiverer Ausarbeitung über epische Längen von bis zu 13 Minuten. So auch bei Bevans aktuellstem Werk: Rival Dealer.Vorab ließ William Bevan der BBC-Moderatorin Mary Anne Hobbs eine Nachricht zukommen, die den Kontext und Hintergrund von Rival Dealer erklären sollte: „I wanted the tunes to be anti-bullying tunes that could maybe help someone to believe in themselves, to not be afraid, and to not give up, and to know that someone out there cares and is looking out for them.“ Dass gerade Burials triste, romantisch-weinerliche 2-Step Balladen Mobbingopfern über Selbstzweifel hinweghelfen sollen, weckt im ersten Moment eher Skepsis. Doch es hat sich etwas in der Produktion und Konzeption von Rival Dealer getan, über das man nicht hinweghören kann, vor allem dann nicht, wenn man bereits mit vorigen Werken warm geworden ist.

Der Titeltrack Rival Dealer steigt vorerst typisch ein, hallende Geräusche, die an gedimmte, einsame Londoner U-Bahnschächte erinnern, das vertraute Knistern, sirenenhafte Hintergrundstimmen. Dann ein emporsteigender Raum mit einer geradezu brennenden Synth-Bassline, umschwirrt von Echostimmen eines Vocal Samples, das immer wieder bewusst in leichte Dissonanz verfällt, was den ersten Minuten bedrohlichen Charakter verleiht. Plötzlich der erste markante Umbruch: Klare, ungewohnt lineare Drums, die an UK Jungle oder Drum’n’Bass erinnern. Hintergründig bäumen sich indes immer wieder hell röhrende, dabei harmonische Maschinenklänge auf. Zwischendurch blitzen hier und da Spoken Word-Samples auf. Nach überrumpelnden und ungewöhnlich fordernden zehn Minuten folgt in klassischer Burial-Manier ein Ambient-Ausstieg und der Track hievt sich unter weiteren Geisterrufen in Richtung Ende. Die letzten Tracks fallen weitaus weniger spektakulär aus. „Excuse me, I’m lost“ beginnt Come Down To Us mit surreal anmutender Silent Hill-Ästhetik unter einem langsamen drumbeat, der beinahe an Trip-Hop denken lässt, Zupfer einer Zitar begleiten den Kurs. Das genutzte Vocal Sample lässt Hoffnungen und Fragen aufkommen: man fragt sich, ob William Bevan die Singstimme absichtlich so oft neben den Ton schießen lässt, man hofft, dass sich der Einsatz von Auto-Tune innerhalb dieses Rahmens noch irgendwie richten lässt. Abgesehen von kleinen Details und einem unfassbar schnulzig klingenden letzten Drittel bietet Come Down To Us einen seltsamen, neuartigen Ansatz des typischen Burial-Sounds, der vorerst jedoch noch einiges an Stirnrunzeln zulässt.

1. Rival Dealer
2. Hiders
3. Come Down to Us

Zolin sagt: 6 von 10

Review: Robot Koch – Unpaved

Auch wenn Los Angeles in Sachen Beatszene à la Low End Theory nach wie vor das einflussreichste Kreativzentrum weltweit repräsentieren dürfte: der Rest der Welt zieht in emsigem Tempo selbst mit die Sporen an. Während sich hierzulande futuristische Beatbastler aus den USA wie Flying Lotus, Tokimonsta, Shlohmo, Baths oder The Gaslamp Killer erst spät einen Namen machten, entwickelt sich der Anspruch und die Blickrichtung der Experimental Beatszene rasend schnell weiter. Doch auch europäische Vertreter der stolpernden Off-Beat-Synthie-Fantasien werkeln unentwegt an Produktionen, die keineswegs nur an Nachzügler eines Trends erinnern. Innovatives Eigenmaterial wird nicht zu knapp geboten und die Tendenz ist deutlich steigend. Neben Jeremiah Jae, Dimlite, DZA und etlichen anderen Pionieren des europäischen Raums sticht vor allem ein Pseudonym auch auf internationaler Ebene groß heraus: Robert Koch, besser unter seinem Alias Robot Koch bekannt, wird seit Jahren als Deutschlands ambitionierteste Antwort auf die experimentelle Beatszene aus den Staaten gehandelt.

Der gebürtige Kassler und selbstbetitelte Gesundheits-Freak ist sesshaft in Berlin und kann dank zahlreicher anderweitiger Arbeit als Produzent neben dem erfolgreichen Solo-Projekt mittlerweile komfortabel von seiner Musik leben. Ob als Robot Koch oder Mitglied des Electroclash-Trios Jahcoozi, mit Sängerin Sasha Perera und Produzent Oren Gerlitz tourte er bereits weltweit. Kochs Audio-Output erzeugt er mit jeder Menge kleinlicher Arbeit am Sequenzer und viel Micro-Editing. Wenige analoge Synthies liefern die ursprünglichen Aufnahmespuren für seine umarmende Riesenspannweite an elektronischen Sounds. Das Drum-Arrangement hält er dabei meist dynamisch und ungewöhnlich im Rhythmus, mit allerlei zusätzlicher Perkussion, die nach amerikanischem Vorbild gerne auch mal neben den Takt schießt und so den einzigartigen Groove der Wonky-Beats-Attitüde verleiht. Death Star Droid, Songs For Trees and Cyborgs und The Other Side heimsten international Loblieder von Kritikern wie anderen Produzenten des kleinen aber wachsenden Genres ein. Obwohl Koch selbst wenig von den klassischen, dabei schon manischen Versuchen der Kategorisierungen seiner Musik hält, blieb ihm persönlich der Kommentar von BBC am treffendsten in Erinnerung: „artificial intelligence discovering religion.

Das Kollektiv Project Mooncircle unterstützt derweil weiterhin immer neuartige, interessante Projekte und Musiker in globalem Radius. Zwischen Beatgenossen wie dem japanischen Daisuke Tanabe und dem australischen Ta-Ku findet sich auch ein gewisser Lukas Feigelfeld, seines Zeichens Regisseur. Neben standhaften Werken im Bereich Kurzfilm wie México, Pilz und Beton arbeitete er auch mit Robot Koch schon 2011 im Rahmen des Videos zu Autodreams zusammen. Nun wurde durch die erneute Kollaboration an einer Konzept-EP ein kleiner Kindheitstraum für Robert Koch wahr: Musik für einen Film zu komponieren. Das Projekt Unpaved, mit dem gleichnamigen EP-Titel, erhebt vor allem den Anspruch der Gleichberechtigung von Video und Audio. Statt der beiläufigen Funktion eines untergelegten Stimmungsrahmens sollen sich Musik und Film zu gleichen Teilen ergänzen und vervollständigen. So kommt es, dass während der Dauer von knapp zwölf Minuten kein einziges Geräusch aus dem tatsächlichen Geschehen im Bild an das Ohr des Betrachters dringt, einzig die wenigen Stücke der EP erzeugen das akustische Element.

Zu Beginn wird mit den kräftigen, saugenden Bassschlägen, einem Rauscheffekt und den unheilvoll hallenden Synthies beim Opener und Titeltrack Unpaved der Protagonist des Streifens präsentiert: Der Obdachlose. Eingewickelt in Plastiktüten und mit einem Hund als einzigem Begleiter zeigt Feigelfeld ein stimmungsvolles Bild zwischen Bäumen und Laub. Das ungewöhnlichste Erscheinungsmerkmal ist dabei nicht zu übersehen: aus der Stirn des Unglücklichen ragen nach klassischer Vorstellung des Pans, des Gottes der Hirten und Herden in der griechischen Mythologie, zwei große Hörner. Zunächst schläfrig durch grüne Flora schwankend wandelt er schon bald zu den Piano-Akkorden und swingenden Glitch-Drums des dunklen Poder del Perro durch die morgendliche Großstadt, die für ihn befremdlich und feindselig wirkt. Sein Alltag scheint trist, isoliert und hoffnungslos. Die verzweifelte Suche nach dem entlaufenen, vermeintlich einzig loyalen Freund wird dann durch das treibende, rhythmisch fein gespickte Moving Objects vertont. Nach einer fatalen, bewegenden Konfrontation mit Fremden scheint die bedrückende Odyssee durch die Nacht am Morgen wie ein böser Traum.. oder? Die letzten idyllischen und doch melancholischen, einsamen Momente des ausgestoßenen Duos drückt mit dem fast akustisch gehaltenen Calle Tierra auf die Tränendrüse. Dann die Schlusssequenz. Was von Konzept und Beschreibung her interessant klingt, ist letztlich jedoch nur ein weiteres Musikvideo in Überlänge, ein Format, das sich über die letzten zwei bis drei Jahre immer häufiger in verschiedensten Genres breit gemacht hat. Die Bilder sind eindrucksvoll, aber nicht von herausragender Tragweite oder Aussagekraft, der dazugehörige Soundtrack in Form der Unpaved EP besticht durch gewohnt dynamische Produktion. Die Stücke erfüllen ihre Aufgabe innerhalb des Konzepts, ohne den Kurzfilm jedoch bleiben fünf Songs, die zwar nicht begeistern, aber doch befriedigen.

1. Unpaved
2. Sugar Owl
3. Poder Del Perro
4. Calle Tierra
5. Moving Objects

Zolin sagt: 7 von 10

Review: Machinedrum – Vapor City

Wie ein so unglaublich versierter Top-Produzent wie Travis Stewart es geschafft hat, nach mehr als einer Dekade Arbeit in verschiedensten elektronischen Projekten so vergleichsweise wenig öffentliche Anerkennung zu erfahren, ist erstaunlich. Sicher, EDM-Heads allerorts schätzen ihn vor allem als Hälfte des elektronischen Super-Duos Sepalcure. Der gebürtige US-Amerikaner aus North Carolina kam bereits früh durch seine Großeltern zu musikalischer Bildung und Interesse. Später sollte er unter anderem in zwei lokalen Alternativ-Bands und als Djembe-Spieler in einem afrikanischen Ensemble mitwirken, bevor er erstmals einen Alleingang bestritt. Bei seinem ersten handfesten Release unter Merck Records mit dem Titel Now You Know ist Stewart gerade einmal 19. Mit Beginn des Colleges zieht es ihn nach New York, hier kann er z.B. auf Kollaborationen mit Azealia Banks, Theophilus London oder Mickey Factz zurückblicken. Auch die unermüdliche Arbeitsethik als Eigenbrötler zahlt sich sichtlich aus: unter seinem bekanntesten Solo-Pseudonym Machinedrum veröffentlichte er immerhin knapp zehn vollständige LPs auf verschiedensten Labels, viele davon zählen zum guten Ton im verkopften Genre des Glitch-Hop. Die größten kommerziellen Erfolge feierte er jedoch zusammen mit Partner Praveen Sharma als Sepalcure.

Der nächste vielversprechende Schritt wurde Anfang 2013 getan: Stewart unterzeichnete den Vertrag bei Ninja Tune, unter anderem Heimat von Bonobo, Amon Tobin, The Cinematic Orchestra und The Herbaliser. Das damit einhergehende Mammut-Projekt von Travis Stewart, das durch Ninja Tune erst einen realistischen Rahmen bekommt, klingt nicht minder spektakulär: Machinedrum baut eine Stadt. Vapor City bildet dabei in LP-Form das Fundament dieser audiovisuellen Traumstadt, die sich im Laufe der nächsten Jahre durch sogenannte District EPs detailliert entwickeln wird. Wie vermutet beschreibt jede District EP so ein spezielles Viertel von Vapor City, einem Ort, den sich Travis Stewart in immer wiederkehrenden Träumen auf Tour nach und nach unterbewusst ausgemalt hat. Auf der offiziellen Website von Machinedrum findet sich die dazugehörige Stadtkarte, Großstadtlärm inklusive und in schwarz-weiß gehaltener Skizzenoptik. Insgesamt zehn Stadtviertel werden letztlich erforschbar sein, sieben davon sind jedoch derzeit noch in Arbeit, die Baustellen werden zu verschiedenen Zeitpunkten im Laufe 2014 fertiggestellt. All das mag großspurig inszeniert klingen, doch mit der Konstanz und dem unermüdlichen Einsatz eines Travis Stewart sowie dem umfangreichen, wachsenden Team aus Visual Artists darf man gespannt sein. Ihm selbst geht es dabei in erster Linie auch nicht um präzise audiovisuelle Wiedergabe seines Unterbewusstseins, sondern um einen interessanten Projekt-Ansatz, an dem Erschaffer wie Hörer gleichermaßen Teil haben können.

Ein wichtiger Punkt ist für Travis Stewart, dass die Musik trotzdem für sich selbst steht. Wer will, kann sich auf die zusätzlich verfügbare Reise in das Gesamtprojekt begeben, doch Vapor City ist auch jenseits dessen genießbar. Krönte Machinedrum mit seiner Want To 1 2 LP 2009 noch seine frickelige Detailverliebtheit in ihm vertrauten Glitch-Hop Gefilden, nahm seine Klangästhetik mit Room(s) 2011 eine deutliche Wendung. Aus MC Sampling wurden melancholisch hallende RnB-Ausschnitte, aus pointierten, knurrigen Synthies wurden weitflächigere, warme Felder. Der mittlerweile in Kreuzberg residierende Stewart wandte sich den polyrhythmischen Merkmalen der UK Bass Music à la Jungle, Drum’n’Bass und Future Garage zu. All das passiert nun auch auf Vapor City. Selbstverständlich hantiert Machinedrum trotz den typischen Einflüssen besagter Genres auf ganz eigene, verkopfte Weise. Da ist zunächst einmal der Opener Gunshotta, der Vapor City gleich mit immensem Hit-Potenzial einzuleiten weiß. Skippend und swingend mit jeder Menge Soundschichten, komplex arrangierten 2-Step Drums und einem äußerst kraftvollen Soundboy-Sampleloop bewegt sich der Track mit gewohnter Liebe zum Detail fort. Nach dem hektischen Herzpumpen dann Infinite Us, das mit gefühlvollen, leicht verzerrten Piano-Akkorden und dumpf klopfendem Bass in das nach und nach aufblühende IDM-Feingerüst aus Drums fließt.

Auch bei Don’t 1 2 Lose U fliegen einem die Sequencer-Drums nur so um die Ohren, dahinter breitet sich jedoch im Gegenzug ein endlos gezogenes, warmes Synth-Feld auf geschmeidigem Bass aus, das dem wehleidigen RnB-Sample nach Burial-Konzept optimalen Raum zum Ausweinen bietet. Eyesdontlie brettert nach stimmigem Einstieg aus schmalen Percussions und dem langsam auftauchenden Refrain-Loop „Eyes don’t lie“ einen überraschend kräftigen Bruch: Nach anderthalb Minuten reduziert sich der Track mit einem Schlag auf wuchtig stampfende Bassschläge und das stimmungsvoll hin und her pitchende Vocal-Sample, nur um dann in einen komplexen Breakbeat mit Tanzflächen-Potenzial überzugehen. Die meisten Tracks gewichten ihren harmonischen Aspekt vor allem auf sehr kurze, flächenhaft geloopte Samples, die von warmen, originellen Synthies und den zahlreichen perkussiven Elementen umrahmt werden. So auch bei SeeSea, das, anstatt sich auf ein oder zwei gelungenen Neuinterpretationen eines Samples auszuruhen, über 4 Minuten unglaublich dynamisch mit den nostalgisch klingenden Stimmchen umgeht. U Still Lie stützt sich auf 80er-Ästhetik und lässt in einem endlos räumlich erscheinenden Klanggefäß mit 808-Bass einen atmosphärisch ausgewaschenen Schlepp-Rhythmus entstehen. Mit gerade mal 11 Stücken fühlt sich Vapor City definitiv alles andere als kurzweilig an. Es ist feinfühlig, höchst komplex arrangiert und in gewisser Weise sehr romantisch. Jedes Stück verdient seinen Platz – Stewart wählte immerhin aus über 50 Songs – und wird mit der überragenden Produktion dem audiovisuellen Gigant-Projekt der Traumstadt Vapor City gerecht.

1. Gunshotta
2. Infinite Us
3. Dont 1 2 Lose U
4. Center Your Love
5. Vizion
6. Rise N Fall
7. SeeSea
8. U Still Lie
9. Eyesdontlie
10. Baby Its U

Zolin sagt: 9 von 10


Machinedrum – Gunshotta from Institute For Eyes on Vimeo.