Archiv der Kategorie: Die Goldenen Zitronen

Bienenjäger: Die goldenen Zitronen + Les Trucs im Zakk in Düsseldorf, 31.01.2014

Wieso Les Trucs so heißen wie sie heißen weiß ich allerdings auch nicht. Die Dinge, die Tricks? Besser als der Name des Duos bestehend aus Charlotte Simon (The Latah Movement und Droll Academy) und Tobias Piel (Antitainment) ist ihre Musik, ihr Auftreten. Was aufgenommen teilweise die vermutlich beabsichtigte Wirkung verfehlt, entfaltet live sein Potenzial. Wichtig ist hier auch, zu sehen, wie sie sich bewegen, wie die Körper sich verhalten, während sie Klänge erzeugen, um besser zu verstehen, wie es gedacht ist. Mit einer Intuition von Theaterschulung, stimmlicher Schichtung und irren Niedrigbitbeats senden sie mittels dadaistischer Texte frische Signale aus ihren von allerlei Rucksackgerätschaft beleuchteten Hirnen, mit Liedtiteln wie Analyse und Zerstreuung und Der singende Idiot. Sie tauchen ein in den Moment, gehören zu den Lebenden, nicht den Erloschenen, um mit Roger Willemsen zu sprechen. Die Bühne ins Publikum verlagert verlassen sie vielerlei Konvention, beobachtet von Ted Gaier und Stephan Rath.

Die Goldies selbst schocken nicht mehr wie beim ersten Mal in Aktion, als der Bienenjäger sie in Hamburg erfuhr. Ihre Klamotterie wie Bricolage via Moses und Aron bleibt unverändert, ebenso wie ihre einzigartige Haltung, sich dem Instrumententausch nicht müde einer klassische Aufteilung hierarchielos zu verweigern. Aber fangen wir mit den Geschehnissen vorne an: Zu den verstörenden Klängen Duisburgs betritt Mense Reents zunächst allein die Bühne, um das Intro um ein paar Akkorde zu erweitern. Die anderen folgen; Zeit für das körpermusikalische Klingeling von Der Investor, einem der tanzbarsten neueren Stücke. Das Publikum nimmt nun wie durchgängig das Angebot dankend an. Raumpolitik ist nach wie vor das Thema der Stunde, allein dadurch, dass genügend Songs von Who’s Bad stammen. Durchmischt mit allerlei Klassikern wie Positionen, Auf Dem Platz Der Leeren Versprechungen und Widersprüche gibt es ein bisschen Pogo in einer annäherend ausverkauften Halle. Die für Zitronen übliche Kommunikation mit dem Publikum scheitert diesmal an dem Sinnverlust eines Sprechers. Ted Gaier reagiert bei dem Sprechakt zum Thema Unbehagen und Schuld gelassen; verortet mit distanzloser Distanz.

Bei Widersprüche vom Schafott zum Fahrstuhl möchte Gaier nämlich wie in Hamburg schon – ohne, dass es einstudiert wirkt – auf das in uns wachsende Unbehagen hinaus, das zu dem Gedanken führt, dass es an uns selbst liegt, dass wir uns schuldig fühlen, und nicht am Drumherum, dass manch einer sich fühlt, als stimme etwas nicht. Was in Hamburg humorvolle Sabotage durch Schorsch Kamerun erfuhr, ist hier durch sinnfreie Zwischenrufe mit dem Wunsch nach Kuchen gesegnet, den Gaier mit ironischen Sätzen quittiert. Die musikalisch punkigeren Songs wie besagte Widersprüche und das von ihnen selbst an diesem Abend als in die Manchester Phase eingeordnete Psycho, einmal von Jochen Distelmeyer an einem anderen Ort, einer anderen Zeit sehr einfühlsam in einer Akustikversion interpretiert, lässt gut gehen. Einfachere Lieder wie dieses zeugen von ähnlicher Finesse wie jene, die in ihrer experimentellen Phase entstanden. Diese liegt Krautrock und der Avantgarde Teilmenge der Neuen Deutschen Welle musikalisch näher als jedem stumpfen, konservativen Irokesenbierpunk.

Erlösend zu empfinden ist die Tatsache, dass sie Kaufleute 2.0.1. via Who’s Bad spielen, das im Grünspan fehlte. Dieses verflucht versöhnliche Lied, zugleich tanzbar und mit einer Message, so einfach wie richtig: „Gebt den Menschen mehr Zeit und schenkt ihnen viel mehr Raum.“ Ein Bruch mit Kameruns Credo, dass Gesang nach der Schule eines Mark E. Smith nerven muss, um zu überzeugen. Ihren Zugabeblock (nicht Julius) läuten sie mit dem „leider viel zu aktuellen Das bisschen Totschlag ein. In damaliger Reaktion zu den Pogromen bei Asylantenheimen zu Beginn der 90er Jahre in allerlei Städten ist der Titel teuflisch zeitgenössisch, ein nach wie vor schmerzlicher Kommentar allgemeiner Idiotie und rassistischer im Speziellen. In diesem Sinne: Goodbye Goldies. Sicherlich nicht die letzte Tour, das letzte Album, der letzte irritierende und humorvolle Auftritt einer selten wichtigen Band.

Die besten Alben des Jahres 2013: 20-11

Die Spannung steigt, wir sind mitten im Jahrespoll, doch noch viel liegt vor uns! So nähern wir uns erst langsam aber sicher den Top-Platzierungen. Nun geht’s aber erstmal zum Sequel des ersten Teils der Hauptkategorie, quasi die besten Alben des Jahres: Die Rückkehr. Naja, so dick muss man dann sicherlich doch nicht auftragen, obwohl es sich bei den Platzierungen 20 bis 11 um allesamt grandiose Werke handelt.

20. Lustmord – Word As Power

Ein Bekannter fragte mich: „Wieso The Word As Power? Meditierst du gerne?“ Es gibt die einen, die bei Musik wie dieser hier nur gähnen und sich langweilen oder einen platten Soundtrack eines nicht gedrehten Films hören. Es gibt aber auch die anderen, welche die Möglichkeit der Erhabenheit der menschlichen Stimme zur Kenntnis nehmen und sich bei einem Brillant dieser Güte voller Demut in die Tiefe stürzen, auf der Suche nach Erkenntnis jenseits von Sprache. Gänsehaut? Auf jeden Fall, unverändert. Very not now, diese dröhnende Einladung, in anderen Erdschalen oder auch Atmosphären zu verweilen.

19. Machinedrum – Vapor City

Dass sich Travis Stewart aka. Machinedrum als eine der führenden Persönlichkeiten etabliert hat, die ihre eigene elektronische Vision – eine ungefähre Mischung aus Dubstep, Footwork und Deep House – verfolgen, ist spätestens seit seinem Kollaboalbum mit Praveen Sharma als Sepalcure und den etlichen Produktionen für Azealia Banks bekannt. Dass Machinedrums kreative Ressourcen aber sogar noch ein Stückchen weiter gehen, hätten vor Vapor City nicht viele für möglich gehalten. So entwarf er einfach eine fiktive Stadt, dessen Stadtteile er jeweils einzeln vertonte. Das Projekt wird übrigens mittels EPs fortgesetzt – auf, das Vapor City die musikalischste Stadt werde.

18. Oneohtrix Point Never – R Plus Seven

Daniel Lopatin scheint 2013 tatsächlich das Rad neu erfunden zu haben. Es rollt nicht mehr ganz so linear, eher völlig eigensinnig, ein wenig wie ein selbstständig gewordenes Laufrad, das sich streckt und wieder zusammenzieht, ohne für uns erschließbare Logik und Regelmäßigkeit. Doch genau das evozierte den einzigartigen Reiz an R Plus Seven, diesem so komplett neu definierten Mikrokosmos aus Ambient-Musik und gefühlten tausend anderen Charakteristika. Beeindruckende Zusammenspiele aus roh belassener, kalter Synthetik, beunruhigenden Sample-Schnipseln und großartig komponierter Atmosphäre ließen R Plus Seven ein Gefühl des Loslösens vom eigentlichen Erschaffer spüren. Fast so, als hätte es sich und seine verstörende Art der Kommunikation mit dem Hörer ganz von selbst geschaffen.

17. Thundercat – Apocalypse

Der goldene Lorbeerkranz steht ihm gut. Auch auf seinem zweiten Album Apocalypse schafft es Thundercat, auf ganzer Linie zu überzeugen, wobei er sich dieses Mal sogar noch mehr von seinem Förderer und Labelkopf Flying Lotus abzusetzen weiß. Das gelingt ihm vor allen durch die stärkere Fokussierung auf Soul und nahezu stürmisch klingende Arrangements. Das Ergebnis ist eins der zeitgemäßesten Alben des Jahres. Der Mann hat also mal wieder alles richtig gemacht.

16. DJ Rashad – Double Cup

DJ Rashads Debüt auf Hyperdub ist eine der wahrscheinlich heterogensten Footwork Alben. Er beschränkt sich nämlich zu keinem Moment auf sein Genre, sondern lässt allerlei regionale Einflüsse aus seiner Heimatstadt Chicago zu. Das geht von Bounce Rap (Pass That Shit), über klassischen House (Leavin‘), bis zu R&B (Only One). Trotzdem trägt das ganze Album die klare Handschrift von DJ Rashad. Wer damit nichts anfangen kann, der stelle sich einfach eine Mischung aus Dr. Dre, Flying Lotus und Machinedrum vor. Mag sich vielleicht verrückt lesen, klingt aber großartig und vor allen Dingen: Einzigartig.

15. Prezident – Kunst Ist Eine Besitzergreifende Geliebte

Die Leiden des jungen Bertermann in Form eines der atmosphärisch dichtesten und intelligentesten Gesamtpakete des Deutschraps diesen Jahres verpackt. Inhaltlich beweist Prezident einmal mehr außergewöhnliche Themenwahl, die konzeptionell stets kreativ verarbeitet wird. Wobei die Feststellung, dass er dabei lyrisch nicht nur in absoluter Höchstform arbeitet, sondern besonders im Vergleich zu 90 % des schnöden Rests deutscher Rapper brilliert, fast nicht mehr erwähnenswert scheint. Viktor Bertermann zeigt plastisch und stimmungsvoll die dunklen und noch dunkleren Seiten so vieler Welten. Nie ohne eine angenehm selbstkritische Zweitstimme hebt der „Wuppertaler Suffkopp“ den intellektuellen Zeigefinger: schwankend zwischen düsteren Zukunftsvisionen, subtil verstörenden Gradwanderungen des Erzählens und nicht zuletzt technisch zerstörenden Fähigkeiten als Ausnahmekandidat im Rap.

14. Die Goldenen Zitronen – Who’s Bad

Auch dieses Jahr liefern sie das relevanteste, weil politischste deutschsprachige Album ab, um mit Max Dax zu sprechen. Gefragt ist der gesellschaftlich geformte Raum, ein nach wie vor wasserbeworfenes Thema, sofern du denn die Nachrichten in Hamburg am 21. Dezember verfolgtest. Davon abgesehen: Perkussion auf Anschlag, absurd tight. Kamerun in gesanglicher Höchstform – er verblüht, wie seine Kollegen bezeugen. Auch schön: Als Mammutprojekt wollen sie alle 15 Lieder verfilmen. Schaffen sie das? Ungeklärt. Das was bisher kam: Sehr gut. Die goldenen Zitronen sind die Oase in der Wüste Punk.

13. Dexter – The Trip

Deutschlands umtriebigster Produzent veröffentlichte dieses Jahr sein zweites Album nach seinem Beitrag zu Melting Pots Signature Reihe Hi-Hat Club. Während er auf seinem Debüt nahezu ausschließlich Jazz-Platten zu einem der besten deutschen Instrumental HipHop Alben aller Zeiten verwurschtelte, wendet er sich auf seinem zweiten Album nun einer Plattenkiste zu, die prall gefüllt ist mit Psychedlic Platten der 60er und 70er Jahren. Der Titel The Trip ist daher doppelt passend. Das Album eignet sich nämlich sowohl zur Rekapitulation der Zeit als auch als Trip durch die eigenen Sinne und beschreitet damit einen ähnlich hauntologischen Pfad wie DJ Shadow oder Flying Lotus. Dexter bleibt in der deutschen Produzenten-Riege einzigartig.

12. Tosca – Odeon

Dass die Zeit des großen Kruder & Dorfmeister-Hypes mittlerweile abgelaufen ist und beide nur noch sehr vereinzelt gemeinsam auftreten, scheint Richard Dorfmeister herzlich egal zu sein. In einem Interview verkündete er unlängst, dass sich sowieso kein Club mehr ihre Gage leisten könnte. Um so besser, dass er sich stattdessen in diesem Jahr wieder seines Projektes Tosca mit Rupert Huber annahm und das mittlerweile schon sechste Studioalbum Odeon veröffentlichte. Eine gute Entscheidung, denn im Gegensatz zu Kruder & Dorfmeister, welche sich immer nur auf Compilations, Remixe und einzelne Tracks spezialisierten, haben Tosca bisher ausschließlich grandiose Alben produziert – Odeon ist hiervon keine Ausnahme.

11. Boards of Canada – Tomorrow’s Harvest

Mit ihrem ersten Release nach acht Jahren folgten so viele Erwartungen und Gerüchte, dass die beiden schottischen Brüder des IDM-Duos sich vor der sowieso schon konstant hohen Nachfrage nach Information und Kommentaren kaum noch retten konnten. Fans, die etwas maßgeblich Neuartiges von Tomorrow’s Harvest fürchteten, wurden letztlich nicht enttäuscht: der nostalgische, Sci-Fi-beeinflusste, für Boards Of Canada so typische Sound blieb erhalten. Lediglich aufgefrischt und zu 17 neuen, unheilvoll langsam trottenden Stücken voller elektronischer Hypnose verarbeitet. Aufgrund der deutlich dunkleren Tendenzen in Bezug auf Melodien und Produktion besitzt das Album einen nihilistischeren, hoffnungsloseren Grundklang, der jedoch nur noch zur schwerwiegenden, gelungenen Atmosphäre beisteuert.

Bienen des Jahres 2013

Ändert sich etwas? Letztes Jahr hieß es an dieser Stelle, dass es keine Rolle spielt, in welchem Erdenjahr wie wir uns befinden, wie der Spin um die Sonne verläuft – jedes Jahr blüht es, jedes Jahr strahlen die Bienen in ihren Waben entspannten Gleichmut aus, wenn sie Honig erzeugen. Daher schauen wir ihnen auf eine weitere Ewigkeit zu und lüften den gelb-schwarzen Vorhang für die entscheidenden Momente auf den Konzerten von Ai, Die goldenen Zitronen, Die Heiterkeit, form, Fuck Buttons, Hans Unstern, Retrogott & Hulk Hodn, Massive Attack, Unknown Mortal Orchestra, BadBadNotGood und Flying Lotus.

Ai am 24. Mai im FFT, Düsseldorf
Ihre Musik lebt – wie es öfter im Krautrock ist – von ihrer Wiederholung. Daher ist es unsinnig, einen einzelnen Moment bestimmen zu wollen – vielmehr zählt wie bei einem Langstreckenlauf durch Berg und Tal nicht der einzelne Schwenk oder Ausblick, sondern der Weg. Während das Konzert mit Damo Suzuki aufgrund seiner Schmerzfreiheit und fehlenden Interaktion nicht volles Potenzial entfaltete und der Auftritt beim Open Source funkelnde Perle vor die Sau war, dem ein bisschen die Setenge fehlte, war bei dem Solo im FFT alles gelungen. Die Spannung steigt hinsichtlich des ersten, noch nicht angekündigten, aber hingebungsvoll erwarteten Langspielers.

Die Goldenen Zitronen am 26. Oktober im Grünspan, Hamburg
„Who’s bad – Entscheiden sie selbst, meine Damen und Herren.“ ließ Schorsch Kamerun zum Einstieg verlauten. Schlecht sind mittels Geld und ohne Herz eroberte Räume, gut sind diskursive Punkbands ohne geistige Alterungserscheinungen und hedonistischer, schaler Bierspießigkeit. Konstitutiver Moment: Vielleicht das Lächeln auf Schorsch Kameruns Gesicht, als sie im Zugabeblock „Das bisschen Totschlag“ anstimmen? Oder doch eher Ted Gaiers charmante Erklärung der Entfremdung, mit der Frage, ob das Publikum es kennt, dass etwas nicht stimmt, aber es nicht an ihnen liegt? Schwer zu sagen…

Die Heiterkeit am 27. Februar im FFT, Düsseldorf
Innerhalb ihrer witzigen Performance sticht ein musikloser Moment heraus – der, als die performativ-ironische Fassade für einen Moment bricht und ein Techniker einen Monitor austauscht. Da schwindet der sorgsam einstudierte, böse Blick und weicht einem heiteren Lachen. Der Rest: Gut geschriebene Lieder; zwischen den Zeilen lauern die Gags. „Die Liebe eines Volkes, die Liebe eines Volkes hat mich zur Königin gemacht“ zitiert inzwischen auch gerne mal Bernd Begemann.

Epos, Form und Luk&Fil am 12. April im Waldmeister, Solingen
Epos vergessen auf der Bühne öfter ihren Text, form spielt die Halle leer, Luk&Fil spielen bewusst ihre Gassenhauer nicht, die Interviews sind dilettantisch – der große Antiabend anlässlich des zweiten Geburtstags von Zolin sagt wies so viele Macken auf, dass der Leser sich fragen mag, wieso, weshalb, warum der Bienenjäger diesen latent familiären Konzertabend hier erwähnt. Der Grund ist ein einfacher: Fehler is‘ King. Für jedes Scheitern sonnige Momente. Persönlicher Favorit: forms heimlicher Hit Nix back in the days in der ersten Reihe, mit vier Yüahs und einem Hallelujah.

Fuck Buttons am 3. Oktober im CBE, Köln
Schimmer, schimmer. An dem irisierenden Flügel eines roten Falken kann der Bienenjäger sich schwer satt sehen. Die Musik dazu singt „Boing, ding, ding, ding“ und ein sehr weit gedehntes „Dschuu“. So einfach geht Noise-Hop. Ihre ästhetische Vision schillert und wächst von Aufnahme zu Aufnahme. Im Teilchenquast sind Fuck Buttons die Paranuss, die oben auf surft. Kannst du ihre Welle sehen? Den Moment sehen, aber nicht halten können. Verflixtes, unzugenähtes Menschsein.

Hans Unstern am 23. November im Ringlokschuppen, Mülheim
Nun ist es dem Bienenjäger beinahe unangenehm, schon wieder über Unstern nur Gutes sagen zu können. Aber wenn er nicht die Saiten schlechter Platten und Konzerte führen möchte, sondern gekonnt theatrig auf höchstem Niveau dichtet und singt lässt sich eben nur sagen: Bitte mehr davon. Und in Sachen Moment: Schön zu sehen, wie sich seine Tandempartnerin amüsiert, als Unstern an der Gitarre den Text sucht und leer läuft. Unvorstellbar, wie das nächste Werk klingt – selten so unberechenbar, ein Musiker.

Retrogott & Hulk Hodn am 1. März im Gloria, Köln
Der Retrogott sabbelte drei Stunden lang mit steilem Flow witzig und geistreich, zelebriert die Werte der Hip Hop Tradition, ohne ins Konservative zu kippen und tänzelte gekonnt den Drahtseilakt des Taktloss’schen Verständnisses des Lebens als Freestyle, bei dem niemand weiß, was als nächstes kommt. Anstrengend und erhellend. Es sei ihnen verziehen, dass sie immer wieder das Gleiche wiederholen, nur ein bisschen anders – das Niveau stimmt.

Unknown Mortal Orchestra am 2. Februar im Prince Charles, Berlin
Unknown Mortal Orchestras erster Gig in Deutschland war tatsächlich sehr außergewöhnlich, denn abseits ihres ersten Halts in Berlin fiel bei dem Gig eine Seite der Band auf, die auf keinem ihrer beiden Alben bisher so deutlich zum tragen gekommen ist: Sänger und Frontmann Ruban Nielson ist ein Gitarrengott der alten Schule! Was er an Soli rausholte ist schier unglaublich. Die schwitzende Menge im relativ kleinen Prince Charles dankte es ihm mit wilden Tanzmoves. Aber wie soll man auch bei einer solchen Band stillstehen bleiben?

Massive Attack V Adam Curtis am 29. August im Landschaftspark, Duisburg
Diesen Gig bei den besten Konzerten des Jahres aufzuführen, grenzt eigentlich fast an eine Untertreibung. Nicht alleine deswegen, da der Auftritt eigentlich weniger eine Live-Performance von Massive Attack war – die übrigens Aviciis Levels coverten – sondern vor allen Dingen durch die eindringlichen Bilder des britischen Dokumentarfilmers Adam Curtis getragen wurde. Am Ende steht die Erkenntnis, dass das kein Konzert gewesen sein kann – es war Kunst.

BadBadNotGood am 18. Juli beim Dour Festival, Belgien
Auf den weiten Weg von Toronto aus zur Europa-Tour begaben sich die sehr junge Jazz-Fusion-Trap-Funk-Acid-Heads Matthew Tavares (Keyboard), Chester Hansen (Bass) und Alexander Sowinski (Drums) wahrlich nicht umsonst. Bekannt wurden die drei Jungspunde vor allem durch ihre höchst interessanten Cover-Versionen verschiedener Hip-Hop-Klassiker, Videospiel-Anthems sowie ihre eigenen handfesten Arrangements. Ihr markantes Merkmal des viel improvisierten, angenehm zeitgemäßen, frischen Sounds mit einem Fokus auf Fender Rhodes-Harmonien brannte auch live im großen Zelt des Dour-Festivals den Zuschauern ein euphorisches Strahlen in die verschwitzten Gesichter. Drummer Sowinski macht einen hervorragenden Job als Animateur der Massen, das unglaublich virtuose Handwerk an ihren Instrumenten aller drei liefert den Rest. Als die drei nach einer geschlagenen Stunde voller wunderbar organischer Blasts und Breakbeats auch noch ein Instrumental-Cover des TNGHT Hits Buggin‘ anstimmten, geriet die Meute endgültig außer Rand und Band, was einen absolut großartigen Gig des kleinen Trios zur Live-Überraschung des Jahres machte.

Flying Lotus am 20. Juli beim Dour Festival, Belgien
Bei einer schwindelerregenden Auswahl von knapp 200 (!) Live-Acts auf einer einzigen Veranstaltung über vier Tage inmitten einer beschaulich kleinen belgischen Provinz fiel es 2013 auf dem Dour wahrlich schwer, sich seine Energie und Stunden richtig einzuteilen. Die Frage, ob Flying Lotus zumindest unter den höchsten fünf Must-Sees auf der Liste steht, dürfte sich für uns Europäer, wenn sich die Chance denn bietet, sowieso erübrigen. Und tatsächlich war Steven Ellison, der wohl einflussreichste und zukunftsweisendste Beat-Produzent der Vereinigten Staaten über jeden möglichen Zweifel erhaben: Mit einer atemberaubenden, dreidimensionalen Visual-Show mithilfe von zwei gleichzeitig betriebenen Bildprojektoren, die übereinander gelegt wurden, läutete Flying Lotus für viele Konzertbesucher eine komplett neuartige Vorstellung elektronischer Live-Musik ein. Dazu grandios verknüpfte Konstellationen zwischen markerschütternden Bass-Beats und psychedelischer Traumsphäre, bei denen sich auch sein Rap Alter Ego Captain Murphy die Ehre gab.

Bienenjäger: Die goldenen Zitronen + Die Heiterkeit im Grünspan in Hamburg, 26.10.2013

Für ein dröges, ödes Musikspektakel könnte jemand Die Heiterkeit halten, schlechter Geschmack bei der Auswahl ihres neuen Albumcovers für die neue Vinyl EP Daddy’s Girl und Stella Sommers irrsinnig gute Stimme inklusive. Wäre da nicht diese Doppelbödigkeit und performativ ironische Haltung, die entweder den Humornerv des Publikums bisher nicht trifft oder von diesem missverstanden wird und ihre Konzerte in kurzweilige, gut geschauspielerte Episoden verwandelt. Im Vergleich zu Herz aus Gold, ihrem ansehnlichen Erstling, tut sich musikalisch auf das erste Ohr bei den neuen Stücken nicht viel – ihre Mischung aus leicht herbstlicher Atmosphäre und schlicht-schönen Spaziergängen auf Gitarre, Bass und Schlagwerk überzeugt nach wie vor, auch mit der neuen Schlagzeugerin Anna-Leena Lutz, die Stefanie Hochmuth ablöste. Die Texte sind aufgrund der Tonmische leider nicht immer gut zu verstehen; das, was akustisch verständlich ist, deutet auf ein ungebrochenes Geschick mit der Sprache hin. Nach wie vor eine erinnerungswürdiges Erfahrung, ein Konzert der Heiterkeit.

Einen Blick ins Publikum werfen dabei zwischenzeitlich Ted Gaier und Schorsch Kamerun, von der Empore aus. Unaufgeregt sehen sie dabei aus. Das ändert sich, als sie nach einem kurzen Umbau mit ihren Mitstreitern die Bühne betreten. Wie sie einlaufen, das ist besonders. Selten sieht ein Kollektiv so gut aus wie hier. Jedes Outfit eine kleiderische Ausnahme. Besonders gelungen: Gaiers Damenschuhe mit Absatz, das wildwuchsige Oberteil und sein gekonnt platzierter Lidschatten, vom Bart ganz zu schweigen – eine Rotzbremse dieser Art haargewordene Unmöglichkeit; ihm aber steht er. Genug der Äußerlichkeiten: Ihre Ausstrahlung ist bemerkenswert, ebenso ihre Instrumentrotation. In totaler Entspannung und mit viel Spielfreude und Humor verläuft dieser Abend. Zu zählen sind sie zu eine der wenigen, relevanten deutschsprachigen Gruppen, die zuletzt mit ihrem Ende September erschienenen Langspieler Who’s bad die Raumpolitik und Mechanismen wie die Gentrifizierung in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellte, eingefangen in Momenten zwischen dir und den Anderen. Somit sind sie wie so häufig dem Zeitgeist sehr nah, ohne zu konkret zu sein, was die Halbwertszeit ihrer Texte verringern könnte.

Im Hintergrund zu sehen: Der Spielfilm Moses und Aron, der zu einer sonderbaren Bricolage führt – damals Holger Meins gewidmet, zunächst Kunststudent, später Filmemacher und Mitglied der ersten Generation RAF. Auf der Grundlage der Bilder des Films geschieht Ihr musikalischer Einstieg per Investor. Sie lassen den Dämon frisch aus der neoliberalen Marketing- und Investitionshölle auferstehen, der nicht weiter entfernt vom Kunstkundigen und -interessierten sein könnte; die Hieroglyphen lesen sich schwer. Ein Ellbogen wäscht den Anderen. Dass sich dazu ausgezeichnet Gliedmaßen schütteln lassen ist das eigentlich Witzige und bestimmt diesen Abend. Quatschige Sprache, ernste Inhalte, wilder Tanz. Vom Investor hangeln sie sich zu dem kultigen Positionen. Die Mischung aus elektronischen Elemente, der flirrenden Akustikgitarre und dem engen Groove – wer liefert das sonst schon? Scheinwerfer und Lautsprecher führt diesen Vibe ungeändert fort, der erste Bruch kommt erst auf dem Platz der leeren Versprechungen, der das Publikum zurück in das Jahr 2001 führt, als die Musik der Goldies noch anders tickte. Auch diese älteren Stücke nimmt das Publikum wohlwollend auf, dazu zählt auch Angst und Bange am Stück und Widersprüche.

Richtig spannend wird es in der Mitte von Wenn ich ein Turnschuh wär, als die Instrumente verhallen und Schorsch Kamerun die Stille nutzt, um zu improvisieren und eine neue Stelle einzuführen, die er mit Ausweiskontrolle betitelt. Die Absurdität, den Ausweis zu fordern und zu bestimmen, ob und wie zu sanktionieren und zu gehorchen ist bringt er in seiner spontanen Performance humorvoll auf den Punkt, um schließlich wieder die Situation aufzulösen und zurückzuschwenken zu der aus der Perspektive eines Turnschuhs geschilderten Kritik einer Globalisierung. Ebenfalls respektabel: Die Entscheidung, nach der Hälfte des Konzerts dessen Ende zu verkünden und auf einen ebenso langen Zugabeblock zu verweisen. Gespickt mit Klassikern wie Das bisschen Totschlag und 80 Millionen Hooligans ist noch die Schilderung der Lage der Essohäuser hervorzuheben. Ein Investor vertreibt Bewohner und Off-Kultur an den alten Essotankstellen am Reeperbahnende. Zwei Betroffene berichten, bevor sie Backing Vocals zu dem Solidaritätslied Echohäuser beisteuern. Zudem ist die Chick on Speed Melissa Logan zu Gast, die ihre Leadvocals beisteuert. Eine klare politische Positionierung und Raum für Kritik und Aktion könnten gerne öfter Musiker bei Konzerten eröffnen. Dafür und überhaupt: Danke, Goldies.

Videos der Woche: Atoms For Peace, Tocotronic, Die Goldenen Zitronen

Atoms for Peace – Before Your Very Eyes from LEGS MEDIA on Vimeo.

Manche Stimmen unterstellten Atoms for Peace Marketingkalkül, als Thom Yorke im Video zu Ingenue erneut mit dem Choreographen Wayne McGregor kollaborierte, der auch schon für Radioheads Video zu Lotus Flower einen Bewegungsablauf erdachte. Dass das weit hergeholt ist und der stinkreiche Yorke im Verlauf seiner Karriere kommerzielle Sicherheiten nicht verfolgte – unzählige Aufgüsse von OK Computer anstelle von Abenteuern wie Kid A wären da weitaus lukrativer gewesen – ist anzunehmen. Andernfalls könnte man ihnen auch vorwerfen, dass sie schon seit The Bends immer wieder mit Nigel Godrich als Produzenten zusammenarbeiteten; eine absurde Kritik. Im neuen Atoms for Peace Video zu Before your very eyesgeschieht ein ästhetischer Bruch mit der erhabenen, intimen Tänzelei mit Fukiko Takase in besagtem Video. Der Musik gelingt es mittels ihrer Perkussivität und ihren krautigen Synthphantasien die Bühne für Yorkes zerbrechlichen, gefühlvollen Gesang zu bieten. Die Bilder zeigen verschlungene Landschaften aus Sand, Schluff und Ton, aus der sich Yorke als Golem erhebt. Gebäude entstehen und vergehen, Yorke streckt sich empor und zerbricht. Am Ende verschlingt ein Loch allen Stoff ins Nirgendwo. In einer Höhle von Stalagmiten und Stalaktiten schwebt Yorke schließlich als Still, im Ganzen. Andrew Thomas Huang dürfte sich mit der Regie hierfür als Videokünstler weiter etablieren.

Mehr Videos von Tocotronic gibt es hier auf tape.tv

Tocotronic hingegen sind weit von der musikalischen und ästhetischen Sphäre besagter Veteranen entfernt – ein Paralleluniversum, weder konträr noch upside down, vielmehr eine eigene Geschichte. Ihre 20-jährige Bandhistorie setzten sie dieses Jahr mit wie wir leben wollen gebührend fort, nach wie vor mit klaren Positionen und Wünschen gesellschaftlichen Wandels, angekommen im analogen Pop. Nach Auf dem Pfad der Dämmerung und Ich will für dich nüchtern bleiben folgt als Drittes eine Videoarbeit von Aron Krause, die ihre von ihnen als „Trilogie der Außenseiter“ benannte Reihe abschließt. Zu sehen sind berührende Szenen exemplarischer Kindheitsmomente und späterer Auszüge eines Lebens als Transfrau, die mit ihren familiären und sinnlichen Bezugspunkten in Konflikt steht. Dirk von Lowtzows metaphernreicher Text lässt dabei begehren, versöhnen – ein mitreißender Augenblick von tragenden Wellen; als pars pro toto eine Episode, so harmonisch wie der Langspieler. Sicherlich ein Grund, ihre künstlerische Tätigkeit mit Freude weiterzuverfolgen.

Zum Schluss begeben wir uns nach Hamburg, zu den Goldenen Zitronen. Früher der selben Szene wie Tocotronic angehörig, sind sie ebenfalls der anfänglichen, musikalischen Form der Diskursmusik entwachsen, nur in eine andere Richtung. Lorbeeren heimsten sie zurecht für diese Entwicklung einer Art „linker“ Musik ein, die ästhetisch inkompatibel mit aller rechten Spinnerei ist. Ihr letztes, brillantes Album Who’s Bad führte bisher zu einer Videoauskopplung zu Scheinwerfer und Lautsprecher, diese Woche veröffentlichten sie Der Investor. Zu sehen ist eine Choreographie auf einem verlassenen Bahnhofsgleis, untermalt von der elektronisch starken Musik. Zunächst ein Laufsteg, lösen sich Individuen im weiteren Verlauf in eine Gruppe auf, die Kollektives suggeriert. Die Kluft zwischen finanzstarken Investoren und den Künstlern, deren Ziele nicht verschiedener sein könnten, ist riesig. Für die Regie zeigen sich Ted Gaier mit Katharina Duve & Timo Schierhorn verantwortlich, für die Choreographie Jenny Beyer. Jedem weiteren Schritt der Zitronen dürfen wir mit Spannung entgegensehen – vermutlich nicht die letzte Videokunst zu Who’s Bad.