Archiv der Kategorie: Deutsch-Amerikanische Freundschaft

Bienen des Jahres 2012

Es ist Zeit, liebe Freunde der Blüten. Zeit für die Bienen des Jahres. Ob dieses Jahr für den Bienenjäger mehr Stoff, aus dem der Honig ist, zu finden war oder weniger als in den letzten Jahren, vermag er nicht zu beurteilen. Eigentlich findet er, dass jedes Jahr wertvolle Blüten wachsen, und es genug fleißige Bienen gibt. Die Bienen des Jahres werden wir in einzelnen Momenten streifen. Stilistisch gibt es keine Grenzen; Gutes findet seinen Weg hierhin, nichts anderes. Freut euch also auf eine Art Geisterbahnfahrt, nur ohne Geister, mit den Bestesten, Radiohead, Balam Acab, Ariel Pink’s Haunted Graffiti, Hans Unstern, DAF, Beak> und Meshuggah.

Die Bestesten am 10. August im Club Bahnhof Ehrenfeld, Köln
Wie bei ihren Releases machen Audio88, Yassin, Morlockk Dilemma, Hiob, V.Raeter und DJ Breaque alles richtig. Dope Raps, begnadete Boom Bap Beats und Texte, die zwischen überspitzt-comichaftem Sexismus und Menschenhass oszillieren, über andere lachen wie über sich selbst und die ganze Tragik einer Plattenbausiedlung auf den Punkt bringen. Wer das ernst nimmt und linke Kritik übt, hat gar nichts verstanden. Kurioses Randereignis: Nach vermutlich zu vielen Joints möchte einer dem Stagediving frönen, springt und landet ungebremst auf dem Boden. Die Bestesten bekommen das nicht mit. Sie machen unbeirrt weiter. Nächstes Mal erscheinen bitte mehr Menschen, dann muss auch niemand stürzen. Es lohnt sich!

Radiohead am 29. September in der Wulheide, Berlin und am 15. Oktober in der Lanxess Arena, Köln
Ein trauriges Ereignis führte zu der Verschiebung der beiden Konzerte in Berlin. Vor einem Konzert in Kanada stürzte das Dach ein, ein Schlagzeugtechniker starb und Teile der Lichtshow wurden zerstört. Grund genug daran zu zweifeln, dass Radiohead wieder zauberten. Es kam natürlich anders. Vor einer irisierierenden Lichttektonik spielten sie ihre depressiven Hymnen, die von einzelnen, sonnigen Augenblicken immer wieder aufgehellt werden. Eine der wenigen Bands ihrer Ära, die immer noch auf hohem Niveau Experimentelles mit Pop paaren und so die Hallen füllen. Verdient.

Balam Acab am 18. Oktober im Salon des Amateurs, Düsseldorf
Balam Acab spielte ein verträumtes Set. Mit dem Charme eines vermutlich ewig jugendlich Aussehenden beugte er sich über diverse Gerätschaften und ließ sonst nur Bilder und Musik sprechen. Im kleinen Salon des Amateurs standen viele starr, andere ließen sich auf die entspannten, meditativen Klängen ein und ließen ihre Sinne von den Naturaufnahmen im Hintergrund vernebeln. Als er nach einer Stunde wieder abbaute, ging der Bienenjäger zu ihm und sagte: „Hey. Nice show. Just wanna show some respect.„, hielt ihm die Faust hin, woraufhin er verschmitzt lächelte und die Geste erwiderte. Süß.

Ariel Pink’s Haunted Graffiti am 16. November im Gebäude 9, Köln:
Gekonnt zwischen Kitsch und Kunst balancierend gelang Ariel Pink und seiner talentierten Band mit Mature Themes dieses Jahr der Durchbruch. Im Gebäude 9 – dessen Booking dieses Jahr wirklich herausragend war, davon abgesehen, dass es ein schöner Veranstaltungsort ist – erlaubte er sich den Scherz, die ersten Songs im Hinterhof gefilmt zu performen, während die Musiker auf der Bühne standen. Um keine absurde Geste verlegen, kehrte er auf die Bühne zurück und spielte viele große Songs. Für den Bienenjäger eine wichtige Entdeckung, dieser Ariel; im Studio wie auf der Bühne.



Hans Unstern am 22. November im Gebäude 9, Köln:
Wie berührend und kunstvoll die Texte Hans Unsterns sind, ließ sich auf den Alben bereits spüren, aber erst wirklich auf dem Konzert erfahren. Auch wenn Hans Unstern mit originellen, selbstgebauten Instrumenten nicht an Sperrigkeit und Dekonstruktion sparte, schälen sich darunter immer wieder Lieder heraus, die unvergesslich sind und sicherlich das Potenzial zum Kanonischen besitzen. Dass hier in Deutschland leider gerade solche Künstler oft übersehen werden, soll uns nicht stören. Auch nächstes Jahr werden wir uns sicherlich an seiner Musik erfreuen. Verstand und Herz gehen bei ihm die richtige Verbindung ein.

DAF am 30. November im Zakk, Düsseldorf:
Im Kampf um die Sonne sind DAF 2012 so lustvoll und hitzig wie eh und je. Von welcher anderen Band ihres Jahrgangs das zu behaupten ist, steht zur Diskussion. Schönster Augenblick: Gabi Delgado Lopéz fordert das Publikum auf, den „süßen“ Adolf Hitler zu tanzen. Vielleicht beschenken sie uns in den nächsten Jahren ja doch noch einmal mit einem neuen Album. Nach den dynamischen Auftritten ist das wünschenswert.

Beak> am 5. Dezember im Gebäude 9, Köln:
Wer den besten Post-Punk informierten, minimalistischen Krautrock spielt, weiß jeder Konzertgänger spätestens seit Anfang Dezember. Der Schnabel steht ihnen gut. Mit << haben Beak> ihren Status als Nebenschauplatz von Portishead endgültig gegen den einer eigenständigen, respektierten Band eingetauscht. Das in Kombination mit dem bemerkenswerten Konzert lässt Beak> als erstes Tier mit Schnabel und Stachel dastehen. Glückwunsch!

Meshuggah am 13. Dezember in der Essigfabrik, Köln:
Ihr Koloss definierte schweren Groovemetal neu, ihr Auftritt in der Essigfabrik revidierte den ansonsten notorisch schlechten Sound dieses Veranstaltungsorts. Im Moshpit eine Freakshow, stehen einige Herren nach ein paar Stücken schon mit zerrissenem T-Shirt da; andere lassen sich nach jedem Stagedive von der muskulösen Security auf den Arm nehmen. Meshuggah Fans brauchen Liebe. Kurzer Moment, der einen Anflug von Humor durchschimmern lässt: Jens Kidman fragt das Publikum, ob es „ready“ sei. Kurze Stille, daraufhin ein gewohnt brachialer Einstieg des nächsten Songs.

Bienenjäger: Deutsch-Amerikanische Freundschaft in Düsseldorf, 30.11.2012

Kaum weggeschaut, schon ist es passiert: Zolin sagt hat eine neue Rubrik. Bienenjäger, was soll das denn sein? Und wer ist dieser Paulka Dot? Der wurde fies verschluckt, von dem wilden Zolin. Über die Maya heißt es, dass sie glauben, die Seelen verbinden sich, wenn jemand jemand anderes isst. Wünschen wir uns das einfach für ihn. Davon abgesehen erwartet ihr nun Antworten auf die genannten Fragen. In Teilen sollen sie euch sogar geliefert werden.

Ein Bienenjäger ist der Autor dieser Zeilen. Jagt Musikern hinterher und hört ihnen zu, wie sie auf der Bühne Blüten umfliegen und Honig schaffen. In loser Folge ist er so gnädig, euch daran teilhaben zu lassen. Geschrieben, aber nicht photographiert. Woran das liegt? Der Bienenjäger möchte eure Phantasie fordern, nicht rauben. Er ist ein Jäger, nicht ein Räuber.

Die Deutsch-Amerikanische Freundschaft summte dieses Mal im Düsseldorfer Zakk. Das schöne ist, dass DAF ihrem ikonenhaften Status gerecht werden. Es gibt nicht viele Bands, die seit Ende der 70er Jahre ihr kreatives Unwesen treiben, und nicht entweder genüsslich den Status ihres eigenen Werks zerstören, sich endgültig in den Mainstream verkaufen oder wegen schlechter Lebensführung viel zu früh das Zeitliche segnen, zum Nachteil aller Beteiligten, Künstler wie Fans.

DAF ist anders. Sie versprühen immer noch auf charmante Weise eine Energie, die im Keller des Ratinger Hof geboren sein muss. Damals, als dort noch Kreatives entstand, und sich nicht Schüler zu unabhängig-abhängiger Rockmusik verrenkten, wie es heute der Fall ist. Gabi Delgado López gibt dabei den Sympathen und die Rampensau, schüttet sich in den Pausen Wasser über den Körper, schwitzt und spricht das Publikum konsequent mit Jungs und Mädchen an. Bei Robert Görl wiederum sitzt am Schlagzeug alles. Vielleicht etwas schade, dass dem Publikum oberflächlich und spekulativ gesehen gar nicht aufgeht, dass er in seiner glorreichen Tightness eine eigentlich schwarze Musik spielt. Für das Publikum zählt lediglich, dass nur Hits gespielt werden. Bei DAF ist jeder Song ein Hit, zumindest fühlt es sich so an. Deswegen tanzen sie auch in den ersten Reihen, als wäre es das letzte Mal.

Ein DAF Konzert ist eine einzige Peaktime. Doppelt gepiekt: Der Mussolini. Damals eine Provokation für die Linke, die – lasst euch das von einem Linken sagen – vermutlich zu dieser Zeit nicht mehr oder weniger verblödet war wie sie es jetzt weitenteils ist. Dass sie damit die Beliebigkeit der Ideologien spielerisch ad absurdum führten ist inzwischen glücklicherweise niemandem mehr entgangen. Gabi gehört trotzdem geknutscht für die Variation der Textzeile „Und jetzt den Adolf Hitler“ zu „Und jetzt den süßen Adolf Hitler„. Neben der Provokation linker Kreise reizten sie mit ihrer hedonistisch lustvollen Haltung, etwaige Homoerotik eingeschlossen, das Bürgertum. Das spielt aber heute keine Rolle mehr. Und für diesen Abend eh nicht. 20 Songs, zwei Musiker in ihrem Element, die nichts zu wünschen übrig lassen. Noch Fragen?

So viel zu DAF. Demnächst gibt es Berichte zu Beak> und Meshuggah, und einen Jahresrückblick mit einer Auswahl von Konzertmomenten, die den Bienenjäger besonders beeindruckten.