Archiv der Kategorie: Bienenjäger

Bienenjäger: Bergfilm + Moglebaum im Kölner Urwald, 20.06.2014

bergfilm bienenjäger
Foto von Lena Mrachacz

Ein nicht näher identifizierbarer Veranstaltungsort im Außenbezirk Kölns, Aufruf zur Geheimhaltung desselben in Social Media-Netzwerken und eine ständige Vorahnung, dass doch irgendeine überempfindliche Seele die Exekutive wegen Ruhestörung schicken könnte, sind nun wirklich nicht die Umstände und Voraussetzungen, die Konzertgänger einen guten Abend erahnen lassen. Was jedoch die Organisatoren der Open Air-Veranstaltung zum Anlass der Veröffentlichung von „Open Home“, der im Oktober erscheinenden EP von Bergfilm, auf die Beine stellten, war eine Szenerie, die zum Träumen einlud; bunte Lichter, die sich auf die Blätter der Bäume legten und sich in den Nachthimmel fraßen, riesige Origami-Kraniche, die über den Köpfen der überraschenderweise zahlreichen Besucher baumelten und von innen beleuchtete Teepees, die das Ganze wie den Peyote-Traum von Sitting Bull aussehen ließen.

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Bienenjäger: Tosca im CBE in Köln, 23.02.2014

Schon wieder der Club Bahnhof Ehrenfeld, schon wieder eine Verspätung. Doch dieses Mal ist es weder dem Veranstalter noch der Band in die Schuhe zu schieben, denn kurz vor dem eigentlichen Gig Mitte Dezember hat wohl die Technik gestreikt. Wohl denn, wenn die Technik so wichtig erscheint, dass dafür eine komplette Tour gecanceled wird, dann muss nun aber auch wirklich etwas von dieser Seite geboten werden. Tosca selbst sind ja, zumindest musikalisch, sowieso über jeden Zweifel erhaben und Richard Dorfmeister verfügt über eine schier endlos wirkende Liste an besonderen Erfahrungen, die er während seiner Karriere als Teil von Kruder & Dorfmeister, sowie als Solo-DJ gesammelt hat. Aber nun wieder zurück zur besonderen Unterhaltungs-Technik: Wie zu erwarten war, bestand diese hauptsächlich aus Visuals. Im Vorfeld noch groß als das Werk des berühmten Ars Electronica Future Lab aus Linz angekündigt, bestanden die Visuals tatsächlich nur aus simpelsten 3D-Animationen. Viel mehr technische Raffinesse wurde, zumindest optisch, nicht geboten.

Akustisch sah es da zum Glück weitaus besser aus. Der Sound im CBE war gewohnt klar und auch die Tracklist Toscas konnte weitestgehend überzeugen. Wenig überraschend war der Opener Zur Guten Ambience, also jener Track mit dem sie auch ihr aktuelles Album Odeon beginnen. Was danach folgte, war schon wesentlich überraschender: Sie feuerten direkt danach Chocoalte Elvis raus. Ihr vielleicht bekanntester Klassiker wurde auch mit großen Applaus in einem fast ausverkauften CBE bejubelt. Doch damit nicht genug, denn Rupert Huber und Richard Dorfmeister spielten nicht einfach nur den Track ab, nein, Acid-Jazz Legende Earl Zinger, mittlerweile unter seinem bürgerlichen Namen Robert Gallagher performend, betrat die Bühne und besang Chocolate Elvis. Danach folgte erstmal eine Pause. Zinger richtete das erste Mal das Wort an das Publikum und begrüßte es frenetisch. Daraufhin konnte man auch das erste Mal ein Grinsen über die Gesichter von Rupert Huber und Richard Dorfmeister huschen sehen.

Kurz darauf war er schon wieder verschwunden. Dafür folgte eine Art Medley aus den Klassikern Suzuki, Annanas und Oscar. Nun betrat zum ersten Mal Cath Coffey die Bühne, die als Backgroundsängerin der Stereo MCs bekannt wurde. Im Gegensatz zu Zinger geht ihre Performance jedoch mehr oder weniger unter, da sie stimmlich nicht ganz mithalten kann. Nichtsdestotrotz heizte sie gut die Stimmung an, bis ihr wieder Earl Zinger auf die Bühne folgte. Gemeinsam funktionierten sie schon wesentlich besser als Coffey alleine. Höhepunkt ihrer Reihe gemeinsam performter Tracks war Richard Dorfmeisters Remix von In My Brain, der zweite und (leider) schon letzte Track des aktuellen Albums. Ein Grund für die spärliche Auswahl an aktuellen Tracks wird mit Sicherheit das Funk und Uptempo Übergewicht des Sets gewesen sein. Für Ambient Stücke, wie eben hauptsächlich auf Odeon vorzufinden, bleibt da kein Platz. Aber gemessen daran, dass sich das Publikum scheinbar ohnehin eher auf Bewegung eingestellt hatte, keine allzu schlechte Entscheidung. Mit dem weiteren Voranschreiten des Sets verfiel das Publikum dann auch immer mehr in eine große Tanz-Ekstase, welche ihre Climax bei dem technoiden Rodney Hunter Remix des No Hassle-Stücks Rosa fand.

Beim offiziell letzten Track des Abends Outta Here kündigte Earl Zinger indes noch an, dass es schon in kurzer Zeit ein neues Tosca Album geben werde. Gemessen an dem Funk Einschlag des Abends ist wohl zu erwarten, dass der Nachfolger von Odeon wieder viel mehr in diese Richtung gehen wird. Außerdem offenbarte er, dass alle Gäste als Entschädigung für die Verschiebung sowie als Dankeschön der Band, am Ende des Konzertes noch Souveniers, die Remix CD des Albums J.A.C., kostenlos überreicht bekommen. Ein guter Move, doch bevor es soweit war, folgten noch drei Zugaben. Zunächst den Klassiker Wonderful, danach aber die noch unbekannten und wahrscheinlich vom kommenden Album stammenden My Sweet Monday und Have Some Fun. Alles in allem ein durchaus gelungener Abend, wenn man denn das Konzert nicht wegen Toscas Ambient, sondern deren Funk Tracks besucht hat.

Bienenjäger: Die goldenen Zitronen + Les Trucs im Zakk in Düsseldorf, 31.01.2014

Wieso Les Trucs so heißen wie sie heißen weiß ich allerdings auch nicht. Die Dinge, die Tricks? Besser als der Name des Duos bestehend aus Charlotte Simon (The Latah Movement und Droll Academy) und Tobias Piel (Antitainment) ist ihre Musik, ihr Auftreten. Was aufgenommen teilweise die vermutlich beabsichtigte Wirkung verfehlt, entfaltet live sein Potenzial. Wichtig ist hier auch, zu sehen, wie sie sich bewegen, wie die Körper sich verhalten, während sie Klänge erzeugen, um besser zu verstehen, wie es gedacht ist. Mit einer Intuition von Theaterschulung, stimmlicher Schichtung und irren Niedrigbitbeats senden sie mittels dadaistischer Texte frische Signale aus ihren von allerlei Rucksackgerätschaft beleuchteten Hirnen, mit Liedtiteln wie Analyse und Zerstreuung und Der singende Idiot. Sie tauchen ein in den Moment, gehören zu den Lebenden, nicht den Erloschenen, um mit Roger Willemsen zu sprechen. Die Bühne ins Publikum verlagert verlassen sie vielerlei Konvention, beobachtet von Ted Gaier und Stephan Rath.

Die Goldies selbst schocken nicht mehr wie beim ersten Mal in Aktion, als der Bienenjäger sie in Hamburg erfuhr. Ihre Klamotterie wie Bricolage via Moses und Aron bleibt unverändert, ebenso wie ihre einzigartige Haltung, sich dem Instrumententausch nicht müde einer klassische Aufteilung hierarchielos zu verweigern. Aber fangen wir mit den Geschehnissen vorne an: Zu den verstörenden Klängen Duisburgs betritt Mense Reents zunächst allein die Bühne, um das Intro um ein paar Akkorde zu erweitern. Die anderen folgen; Zeit für das körpermusikalische Klingeling von Der Investor, einem der tanzbarsten neueren Stücke. Das Publikum nimmt nun wie durchgängig das Angebot dankend an. Raumpolitik ist nach wie vor das Thema der Stunde, allein dadurch, dass genügend Songs von Who’s Bad stammen. Durchmischt mit allerlei Klassikern wie Positionen, Auf Dem Platz Der Leeren Versprechungen und Widersprüche gibt es ein bisschen Pogo in einer annäherend ausverkauften Halle. Die für Zitronen übliche Kommunikation mit dem Publikum scheitert diesmal an dem Sinnverlust eines Sprechers. Ted Gaier reagiert bei dem Sprechakt zum Thema Unbehagen und Schuld gelassen; verortet mit distanzloser Distanz.

Bei Widersprüche vom Schafott zum Fahrstuhl möchte Gaier nämlich wie in Hamburg schon – ohne, dass es einstudiert wirkt – auf das in uns wachsende Unbehagen hinaus, das zu dem Gedanken führt, dass es an uns selbst liegt, dass wir uns schuldig fühlen, und nicht am Drumherum, dass manch einer sich fühlt, als stimme etwas nicht. Was in Hamburg humorvolle Sabotage durch Schorsch Kamerun erfuhr, ist hier durch sinnfreie Zwischenrufe mit dem Wunsch nach Kuchen gesegnet, den Gaier mit ironischen Sätzen quittiert. Die musikalisch punkigeren Songs wie besagte Widersprüche und das von ihnen selbst an diesem Abend als in die Manchester Phase eingeordnete Psycho, einmal von Jochen Distelmeyer an einem anderen Ort, einer anderen Zeit sehr einfühlsam in einer Akustikversion interpretiert, lässt gut gehen. Einfachere Lieder wie dieses zeugen von ähnlicher Finesse wie jene, die in ihrer experimentellen Phase entstanden. Diese liegt Krautrock und der Avantgarde Teilmenge der Neuen Deutschen Welle musikalisch näher als jedem stumpfen, konservativen Irokesenbierpunk.

Erlösend zu empfinden ist die Tatsache, dass sie Kaufleute 2.0.1. via Who’s Bad spielen, das im Grünspan fehlte. Dieses verflucht versöhnliche Lied, zugleich tanzbar und mit einer Message, so einfach wie richtig: „Gebt den Menschen mehr Zeit und schenkt ihnen viel mehr Raum.“ Ein Bruch mit Kameruns Credo, dass Gesang nach der Schule eines Mark E. Smith nerven muss, um zu überzeugen. Ihren Zugabeblock (nicht Julius) läuten sie mit dem „leider viel zu aktuellen Das bisschen Totschlag ein. In damaliger Reaktion zu den Pogromen bei Asylantenheimen zu Beginn der 90er Jahre in allerlei Städten ist der Titel teuflisch zeitgenössisch, ein nach wie vor schmerzlicher Kommentar allgemeiner Idiotie und rassistischer im Speziellen. In diesem Sinne: Goodbye Goldies. Sicherlich nicht die letzte Tour, das letzte Album, der letzte irritierende und humorvolle Auftritt einer selten wichtigen Band.

Bienen des Jahres 2013

Ändert sich etwas? Letztes Jahr hieß es an dieser Stelle, dass es keine Rolle spielt, in welchem Erdenjahr wie wir uns befinden, wie der Spin um die Sonne verläuft – jedes Jahr blüht es, jedes Jahr strahlen die Bienen in ihren Waben entspannten Gleichmut aus, wenn sie Honig erzeugen. Daher schauen wir ihnen auf eine weitere Ewigkeit zu und lüften den gelb-schwarzen Vorhang für die entscheidenden Momente auf den Konzerten von Ai, Die goldenen Zitronen, Die Heiterkeit, form, Fuck Buttons, Hans Unstern, Retrogott & Hulk Hodn, Massive Attack, Unknown Mortal Orchestra, BadBadNotGood und Flying Lotus.

Ai am 24. Mai im FFT, Düsseldorf
Ihre Musik lebt – wie es öfter im Krautrock ist – von ihrer Wiederholung. Daher ist es unsinnig, einen einzelnen Moment bestimmen zu wollen – vielmehr zählt wie bei einem Langstreckenlauf durch Berg und Tal nicht der einzelne Schwenk oder Ausblick, sondern der Weg. Während das Konzert mit Damo Suzuki aufgrund seiner Schmerzfreiheit und fehlenden Interaktion nicht volles Potenzial entfaltete und der Auftritt beim Open Source funkelnde Perle vor die Sau war, dem ein bisschen die Setenge fehlte, war bei dem Solo im FFT alles gelungen. Die Spannung steigt hinsichtlich des ersten, noch nicht angekündigten, aber hingebungsvoll erwarteten Langspielers.

Die Goldenen Zitronen am 26. Oktober im Grünspan, Hamburg
„Who’s bad – Entscheiden sie selbst, meine Damen und Herren.“ ließ Schorsch Kamerun zum Einstieg verlauten. Schlecht sind mittels Geld und ohne Herz eroberte Räume, gut sind diskursive Punkbands ohne geistige Alterungserscheinungen und hedonistischer, schaler Bierspießigkeit. Konstitutiver Moment: Vielleicht das Lächeln auf Schorsch Kameruns Gesicht, als sie im Zugabeblock „Das bisschen Totschlag“ anstimmen? Oder doch eher Ted Gaiers charmante Erklärung der Entfremdung, mit der Frage, ob das Publikum es kennt, dass etwas nicht stimmt, aber es nicht an ihnen liegt? Schwer zu sagen…

Die Heiterkeit am 27. Februar im FFT, Düsseldorf
Innerhalb ihrer witzigen Performance sticht ein musikloser Moment heraus – der, als die performativ-ironische Fassade für einen Moment bricht und ein Techniker einen Monitor austauscht. Da schwindet der sorgsam einstudierte, böse Blick und weicht einem heiteren Lachen. Der Rest: Gut geschriebene Lieder; zwischen den Zeilen lauern die Gags. „Die Liebe eines Volkes, die Liebe eines Volkes hat mich zur Königin gemacht“ zitiert inzwischen auch gerne mal Bernd Begemann.

Epos, Form und Luk&Fil am 12. April im Waldmeister, Solingen
Epos vergessen auf der Bühne öfter ihren Text, form spielt die Halle leer, Luk&Fil spielen bewusst ihre Gassenhauer nicht, die Interviews sind dilettantisch – der große Antiabend anlässlich des zweiten Geburtstags von Zolin sagt wies so viele Macken auf, dass der Leser sich fragen mag, wieso, weshalb, warum der Bienenjäger diesen latent familiären Konzertabend hier erwähnt. Der Grund ist ein einfacher: Fehler is‘ King. Für jedes Scheitern sonnige Momente. Persönlicher Favorit: forms heimlicher Hit Nix back in the days in der ersten Reihe, mit vier Yüahs und einem Hallelujah.

Fuck Buttons am 3. Oktober im CBE, Köln
Schimmer, schimmer. An dem irisierenden Flügel eines roten Falken kann der Bienenjäger sich schwer satt sehen. Die Musik dazu singt „Boing, ding, ding, ding“ und ein sehr weit gedehntes „Dschuu“. So einfach geht Noise-Hop. Ihre ästhetische Vision schillert und wächst von Aufnahme zu Aufnahme. Im Teilchenquast sind Fuck Buttons die Paranuss, die oben auf surft. Kannst du ihre Welle sehen? Den Moment sehen, aber nicht halten können. Verflixtes, unzugenähtes Menschsein.

Hans Unstern am 23. November im Ringlokschuppen, Mülheim
Nun ist es dem Bienenjäger beinahe unangenehm, schon wieder über Unstern nur Gutes sagen zu können. Aber wenn er nicht die Saiten schlechter Platten und Konzerte führen möchte, sondern gekonnt theatrig auf höchstem Niveau dichtet und singt lässt sich eben nur sagen: Bitte mehr davon. Und in Sachen Moment: Schön zu sehen, wie sich seine Tandempartnerin amüsiert, als Unstern an der Gitarre den Text sucht und leer läuft. Unvorstellbar, wie das nächste Werk klingt – selten so unberechenbar, ein Musiker.

Retrogott & Hulk Hodn am 1. März im Gloria, Köln
Der Retrogott sabbelte drei Stunden lang mit steilem Flow witzig und geistreich, zelebriert die Werte der Hip Hop Tradition, ohne ins Konservative zu kippen und tänzelte gekonnt den Drahtseilakt des Taktloss’schen Verständnisses des Lebens als Freestyle, bei dem niemand weiß, was als nächstes kommt. Anstrengend und erhellend. Es sei ihnen verziehen, dass sie immer wieder das Gleiche wiederholen, nur ein bisschen anders – das Niveau stimmt.

Unknown Mortal Orchestra am 2. Februar im Prince Charles, Berlin
Unknown Mortal Orchestras erster Gig in Deutschland war tatsächlich sehr außergewöhnlich, denn abseits ihres ersten Halts in Berlin fiel bei dem Gig eine Seite der Band auf, die auf keinem ihrer beiden Alben bisher so deutlich zum tragen gekommen ist: Sänger und Frontmann Ruban Nielson ist ein Gitarrengott der alten Schule! Was er an Soli rausholte ist schier unglaublich. Die schwitzende Menge im relativ kleinen Prince Charles dankte es ihm mit wilden Tanzmoves. Aber wie soll man auch bei einer solchen Band stillstehen bleiben?

Massive Attack V Adam Curtis am 29. August im Landschaftspark, Duisburg
Diesen Gig bei den besten Konzerten des Jahres aufzuführen, grenzt eigentlich fast an eine Untertreibung. Nicht alleine deswegen, da der Auftritt eigentlich weniger eine Live-Performance von Massive Attack war – die übrigens Aviciis Levels coverten – sondern vor allen Dingen durch die eindringlichen Bilder des britischen Dokumentarfilmers Adam Curtis getragen wurde. Am Ende steht die Erkenntnis, dass das kein Konzert gewesen sein kann – es war Kunst.

BadBadNotGood am 18. Juli beim Dour Festival, Belgien
Auf den weiten Weg von Toronto aus zur Europa-Tour begaben sich die sehr junge Jazz-Fusion-Trap-Funk-Acid-Heads Matthew Tavares (Keyboard), Chester Hansen (Bass) und Alexander Sowinski (Drums) wahrlich nicht umsonst. Bekannt wurden die drei Jungspunde vor allem durch ihre höchst interessanten Cover-Versionen verschiedener Hip-Hop-Klassiker, Videospiel-Anthems sowie ihre eigenen handfesten Arrangements. Ihr markantes Merkmal des viel improvisierten, angenehm zeitgemäßen, frischen Sounds mit einem Fokus auf Fender Rhodes-Harmonien brannte auch live im großen Zelt des Dour-Festivals den Zuschauern ein euphorisches Strahlen in die verschwitzten Gesichter. Drummer Sowinski macht einen hervorragenden Job als Animateur der Massen, das unglaublich virtuose Handwerk an ihren Instrumenten aller drei liefert den Rest. Als die drei nach einer geschlagenen Stunde voller wunderbar organischer Blasts und Breakbeats auch noch ein Instrumental-Cover des TNGHT Hits Buggin‘ anstimmten, geriet die Meute endgültig außer Rand und Band, was einen absolut großartigen Gig des kleinen Trios zur Live-Überraschung des Jahres machte.

Flying Lotus am 20. Juli beim Dour Festival, Belgien
Bei einer schwindelerregenden Auswahl von knapp 200 (!) Live-Acts auf einer einzigen Veranstaltung über vier Tage inmitten einer beschaulich kleinen belgischen Provinz fiel es 2013 auf dem Dour wahrlich schwer, sich seine Energie und Stunden richtig einzuteilen. Die Frage, ob Flying Lotus zumindest unter den höchsten fünf Must-Sees auf der Liste steht, dürfte sich für uns Europäer, wenn sich die Chance denn bietet, sowieso erübrigen. Und tatsächlich war Steven Ellison, der wohl einflussreichste und zukunftsweisendste Beat-Produzent der Vereinigten Staaten über jeden möglichen Zweifel erhaben: Mit einer atemberaubenden, dreidimensionalen Visual-Show mithilfe von zwei gleichzeitig betriebenen Bildprojektoren, die übereinander gelegt wurden, läutete Flying Lotus für viele Konzertbesucher eine komplett neuartige Vorstellung elektronischer Live-Musik ein. Dazu grandios verknüpfte Konstellationen zwischen markerschütternden Bass-Beats und psychedelischer Traumsphäre, bei denen sich auch sein Rap Alter Ego Captain Murphy die Ehre gab.

Bienenjäger: Hans Unstern + Mary Ocher im Ringlokschuppen in Mülheim, 23.11.2013

Mary Ocher und Bob, eine leicht eingebeulte, große Weihnachtskugel. Ein ungleiches, von Hans Unstern eingeladenes Paar, das die Bühne betritt. Im Dunkeln schlummernd liegen die Unstern’schen, selbstgebauten Instrumente, zwischen denen Ocher entlangläuft, zielsicher Mikrophon und E-Gitarre anvisierend. Mit einer bemerkenswert starken Stimme und Vibrato in den Höhen – sonst dem Bienenjäger verhasst, hier ein seltener Fall eines ästhetischen, nicht rein technischen Gelingens – singt sie poetische Zeilen auf Englisch. Sie pendelt zwischen mythisch aufgeladenen Naturbetrachtungen, altmodischen, dem Folk entlehnten Erzählformen und aufgearbeitetem Privatem. Dabei stammen alle Lieder von ihrer aktuellen Langspielplatte Eden, ein herrlich schrulliges, minimalistisches Werk, das in seiner Reduktion nur durch die Art und Weise übertroffen wird, wie Ocher es live darbietet. Ein kleiner Korg-Synthesizer, eine E-Gitarre, zwischenzeitlich ein Klavier, viel Hall auf dem Gesang – all das genügt, all das lässt sie für sich stehen. Kurz und charmant kündigt sie Songs an oder geht ebenso knapp auf die Publikumsreaktion respektive ihr Ausbleiben ein. Am Ende geht sie von der Bühne und nimmt Bob wieder mit; der Kreis öffnet sich.

Der große Hans Unstern Schwindel jährt sich, ein Werk, das zurecht kanonisch werden könnte; wenn sie denn hier wollten, aber sie wollen nicht, wie das oft bei herausragenden, künstlerischen Arbeiten ist. Krautrock, wir vergessen dich nicht. Unstern fährt unbeirrt fort. Ausgestattet mit glitzerndem Lidschatten und Nagellack bittet er das Publikum, näher zu treten und eröffnet das Konzert mit Unbenannte Datei, jenes nach wie vor intensive Kindheitstrauma, am hochkant gestellten Saitenbezug eines Pianos. Was diesem wie den anderen Stücken eine besondere Note gibt und das Konzert in eine wirklich sehens- und hörenswerte Erfahrung verwandelt, selbst für eingefleischte Kenner seines bisherigen Schaffens, ist die Variation der Lieder. Instrumentell wie formell stellt er mit der eingespielten Bande Songs um, dehnt Teile, verkürzt andere, kurz: Langeweile ist ihm fremd. Entlegene Winkel und Areale im Kopfe und Bauch berührt er mit heller Stimme und im besten Sinne merkwürdigen Texten unangestrengt und mühelos, liefert mit vielen selbstgebauten Musikinstrumenten originell ab. Die Weise, in der er sich artikuliert, nimmt der deutschen Sprache mit hoher Musikalität das Eckige und Kantige, gibt ihr einen selten gehörten Schliff. Einige Stücke gehen nahtlos ineinander über – die vielen beweglichen Augenblicke erlangen beinahe Charakter einer Jamsession. Für den Bruch dieses Textes: Bevor wir uns weiter in verschwurbeltem, aspektorientiertem Schreiben verlieren, zurück zur chronologischen Betrachtung; der Leser ist nicht im Stich zu lassen, lautet eines der zehn musikliterarischen Gebote.

Der Datei folgt Bea Criminal, hymnischer Schlusspunkt des Schwindels: „Wann ist Autos anzünden endlich Street Art?„, eine Zeile die zum Farbstich unter der Haut taugt. Viele Sätze weisen diese Qualität auf, von daher beginnt und endet die Liste unmittelbar. Begib dich auf Spurensuche. Entweder&Oder rückt nun ins Auge der Betrachtung. Auf der Holzstuhlharfe schrammelt er wie auch auf dem Tonträger und bei der Konzertreise vor einem Jahr wild, gibt Rätsel auf, lässt eine diffuse Ahnung zurück, dass hier Mutter Theresa und Achilles für jeden eine unglückliche Liaison eingehen; kein exklusives Ereignis ist der Sumpf, der sich Eltern nennt. Für den tiefen Treffer der Hookline begibt sich Unstern erneut zur Klavierharfe, weitet diesen erhabenen Moment von Poesie und existenzieller Frage aus: „Woher kommt diese Einsamkeit?„. Für Hülle hingegen ergibt sich eine vergleichsweise klassische Situation, mit Akustikgitarre auf einem Barhocker. Zwischendurch verliert er den Faden, nimmt ihn nonchalant wieder auf – der Fehler ist zulässig im System Unstern. Mit dem Schuhe-zuverlässig-ausziehendem, unschöne Wörter in schöne verwandelndem ergiebig und erschwinglich und dem Posterboy – „Reden ist Plastikgold, was aber ist Schweigen?“ – befinden wir uns schon auf der Zielgeraden: Mit schwarzen Lippen sitzen wir hinten ist eine nach wie vor gelungene Spitze gegen die Schulbank, Ich schäme mich die Bekenntnis zu nackten, roten Wangen. Entwaffnende Verletzlichkeit und Theater sind Konstanten dieser Show.

Der letzte Block ist der Zugabe gewidmet. Hier greift er auf Material von dem Erstling Kratz dich raus zurück. Tief unter der Elbe ist der vielleicht intimste Moment – allein, ohne elektrische Verstärkung der Akustikgitarre, Stimme und Mundharmonika, steht er am vorderen Rand der Bühne, zum Greifen nah. Dieser Folksong: Ein Geschenk. Dass Paris ebenfalls ein Kleinod ist, dürfte eine Eule nach Athen sein. Hervorstechend: Die Umbildung von Endlos Endlos. Fein schleichen sich technoide Rhythmen ein, als ob geradliniger, elektronischer Klang schon immer ein Geschehen analoger Instrumente gewesen wäre und nicht Maschinenmusik, High Tech Soul. Am Ende verabschieden sie sich mit einer Improvisation, an der sich auch Ocher beteiligt; der Kreis schließt sich. Nur Liebe für dieses Kollektiv. Als die Musik schließlich verklungen ist und der Bienenjäger flüchtig mit Unstern spricht, ist er zu verlegen, ihn zu fragen, wie es mit einem dritten Album aussieht. Wohin führt die Unordnung Unstern? Mit viel Phantasie bleibt es dennoch ungewiss. Nur das Vertrauen bleibt, das Hans Unstern noch viele Kinder schaukelt.