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Review: Animals As Leaders – The Joy Of Motion

 

2009 wurde das selbstbetitelte Debüt-Album von Animals As Leaders mit einer unglaublichen Euphorie empfangen. Diese Euphorie ging über global herunterfallende Kinnladen weit hinaus, denn für viele Musikliebhaber, Kritiker und vor allem Fans der instrumentalen, „härteren“ Musik öffnete sie die Tore zu einem ganz neuen Verständnis des musikalisch Mach- und Vereinbaren. Frontmann Tosin Abasi, seines Zeichens Hyper-Virtuose an der Gitarre und gewissermaßen verkörpertes Werbeschild diverser namhafter Gitarrenhersteller entfachte mittels seiner bis dato ungehörten Zusammenführung von Jazz-Komposition und klassischeren Metal-Elementen eine kleine Revolution in der Szene. Hype wäre in diesem Zusammenhang vielleicht das erste, womit man solch ein mitunter vielleicht medial etwas aufgebauschtes Phänomen beschreiben möchte. Doch selbst jene, die sich seit der Veröffentlichung aus Trotz quer zu dieser relativ neuen Ikone am Gitarrenhimmel stellen, erkennen sein technisches als auch kompositorisches Ausnahmetalent zumindest widerwillig an. Zusammen mit Misha Mansoor, der sich mit seiner Djent-Formation Periphery in vergleichbaren Gewässern befindet, schrieb Tosin Abasi sowohl die größten Teile des ersten als auch des 2011 folgenden zweiten Albums Weightless. Mittlerweile ist aus dem anfänglichen Trend eine allgemein bestätigte, konstante Messlatte für hohe Qualität im instrumentalen sowie im generellen progressiven Metal gewachsen. Nun steht weiterhin das dritte Album The Joy Of Motion seit Ende März auf der Agenda des Fans und unter diversen, kritisch beäugenden Pressemikroskopen.

Getreu dem Titel Ka$cade bescheren Animals As Leaders bereits zu Beginn des Openers wahre Wasserfälle aus herabprasselnden, schwindelerregend schnellen Schreddereien. Diese lassen sich jenseits der technischen Virtuosität jedoch auch melodisch an überwältigendem Potenzial nichts nehmen und kommen nie als zu technische Protzerei daher. Die zusätzlich beigefügten elektronischen Randelemente wirken dabei subtil mit in das Gesamtgeflecht ein, ohne Überhand zu nehmen. Das vorab bereits online verfügbare Lippincott setzt ebenfalls auf kompositorische Feinfühligkeit und ausgefeiltes Sonwriting statt wie oftmals zuvor auf allzu verkopfte Jazz-Harmonien in Verbindung mit aberwitzigen Off-Beats. Zeitweise gipfelt dies schon bei den ersten Tracks in wirklichen Ohrwurmtendenzen, die vor allem das vorangegangene, weitaus melodisch unausgereiftere, technisch dafür umso komplexere Weightless kaum schaffte. Fanden sich vor allem auf dem Debüt noch vergleichsweise eingängige, 2-minütige Oasen des Aufklarens von all den tief verwobenen Tongebilden, trifft den Hörer auf The Joy Of Motion die volle Breitseite. Konstant, mit wenig Zeit zum Aufatmen und doch stets mit stringentem roten Faden, der in den zwölf mindestens 5-minütigen Songs nie zu überfordernd wird. So auch beim anfangs sanfter anmutenden Jazz-Kleinod Another Year, das trotz steigender Komplexität innerhalb des Kerns die gleichen Grundmelodien beibehält und Halt gibt. Hier erscheint allerdings auch eine der wenigen dunklen Kehrseiten, besonders bei vermehrtem Hören: einige der genutzten untermalenden Synthesizer laufen in ihrem Sound-Design ab und an eher dem organischen Grundklang entgegen, als ihm zu folgen.

Dass Animals As Leaders trotzdem einen durchweg idealen Querschnitt aus den von ihnen präsent vertretenen Attitüden geschaffen haben, zeigt sich vor allem an der Dynamik im Songwriting zwischen den Stücken. Jedes der Stücke bietet zu ganz eigenem Grad Klimax und instrumentalen Fokus an verschiedensten Stellen und trotzdem ordnen sie sich klar und deutlich dem von Fans und Kritikern gekannten Sound-Schema wunderbar unter. So verfügen auch einzigartige Slap-Variationen auf E-Gitarre und Bass bei Physical Education über eine derartige Präzision und produktionstechnische Klarheit, dass es schwer fiele, sie nicht rein assoziativ sofort Tosin Abasi und Kollegen zuzuordnen. Würden andere New Prog-Bands und -Projekte sich an solchen an sich schon beeindruckenden Spielereien als Hauptmotiv innerhalb eines Songs bereits zufrieden geben, lassen Abasi, Reyes und Mansoor zu keiner Zeit ein zu einseitiges Versteifen auf solche Elemente zu. Sie erweitern die Motive um Begleitmelodien, variieren sie, finden dann jedoch zurück zu ihnen und sind sich stets des Refrain-Charakters bewusst. Einen geradezu futuristisch wirkenden Eindruck macht die Gesamtproduktion dabei besonders bei Crescent. Schwere Drops werden im Vorfeld von kleinen Synth-Arpeggios und digitalen, begleitenden Drum-Fills eingeleitet und selbst im Sog der großspurigen, stürmischen Passagen finden sich bei genauem Hinhören passend unterlegte digitale Zutaten.

Dabei finden die einzigartigen, wirklich facettenreichen Melodien und Rhythmen sich durchweg in äußerst weitläufigen, klaren Klangräumen wieder, wie z.B. bei The Future That Awaited Me. Einerseits verleiht ihnen das die nötige Sauberkeit, die es braucht, um jedes Detail der komplizierten Arrangements aufzunehmen. Andererseits entzieht es vor allem in Bezug auf die Perkussion ein wenig die organische Grundauslegung, die mit dem erstmalig kompletten Einsatz von Live-Drums erzielt werden sollte. Matthew Garstka vollbringt die, vor allem technisch höchst anspruchsvolle Arbeit live als auch im Studio mit merklicher Kunstfertigkeit und doch gelingt durch die Produktionsarbeit der natürliche Drum-Sound weniger als erwünscht. Besonders in den lauteren, instrumental dichteren Passagen nehmen die dominanten Becken eine zu einnehmende, zu überschattende Rolle ein, die teils zu wenig Platz für Gitarren lässt. Deutlich zu hören ist dies z.B. bei Para Mexer, wobei es hier nicht auch zuletzt an der eher akustisch anmutenden Gitarre und der damit fehlenden Durchschlagskraft liegt. Die so hervorgezauberten Flamenco-Verschnitte sind eindrucksvoll und geben ein weiteres Mal zu erkennen, dass die Genre-übergreifenden Einflüsse, die auf Tosin Abasis Komposition einwirken die Grenzen zwischen eben jenen immer schneller verschwimmen lässt. Genau das ist es, was The Joy Of Motion letztlich zum ausgereiftesten Werk der Band macht. Neben den unmittelbar beeindruckenden Aspekten des technisch überragenden Niveaus auf allen Ebenen schaffen es Animals As Leaders hier, einen erstaunlichen Spagat zwischen verkopften Nerd-Fantasien der Musiktheorie und zugänglicher, teils sogar seicht und beflügelt scheinender Harmonie hinzulegen.

1. Ka$cade
2. Lippincott
3. Air Chrysalis
4. Another Year
5. Physical Education
6. Tooth and Claw
7. Crescent
8. The Future That Awaited Me
9. Para Mexer
10. The Woven Web
11. Mind-Spun
12. Nephele

Zolin sagt: 8 von 10

Review: Ihsahn – Das Seelenbrechen

Es bedarf wohl keiner großen einleitenden Worte mehr für die norwegische Metal-Legende Ihsahn, schließlich ist nur unwesentlich länger als ein Jahr vergangen, seit der mit steigendem Alter offenbar immer fleißiger werdende Solo-Künstler sein letztes Album, Eremita, veröffentlicht hat. Obwohl es durchaus abwegig wirken mag, einen ehemaligen Satanisten ausgerechnet in der frohen Adventszeit auszugraben, lohnt es doch, einen Blick auf dessen jüngste Bescherung Das Seelenbrechen zu werfen. Immer dann wenn Ihsahn zuschlägt, kommt man schließlich nicht drum herum, sich ein paar Gedanken zum Thema Metal an sich zu machen.

Das Seelenbrechen ist in jeder Hinsicht ein passender Name. So dürfte so manche Metaller-Seele, insbesondere die ursprünglichen Fans von Emperor, an diesem Album verzweifeln und vielleicht gar den Glauben an den allmächtigen Ihsahn überdenken. Es ist fast als wäre Ihsahn so weit in Sachen Avantgarde vorgerückt, dass er sich von sich selbst und den grundlegenden Säulen des Heavy Metal – die trotz aller Progression der Solo-Zeit bisher stets verblieben waren, an die man sich stützen konnte – entfremdet hat.

Bevor es zu bedrückend wird, machen wir allerdings erst einmal einen Schritt zurück in das weniger Abstrakte. Das Album kann man insgesamt grob in zwei Teile gliedern. Der erste Teil führt wohlgemerkt nicht unbedingt zu den oben offenbarten Sorgen und Bedenken. Man wird gar euphorisch angesichts des wohlkomponierten, rhythmisch ergreifenden Openers Hiber. Ebenso überzeugen die nächsten drei Lieder, insbesondere Regen, das so ziemlich Ihsahns wesentliche Trademark Sounds zum besten gibt: Zusammenspiel von exzellentem Klar-und Schreigesang, mitreißendes wie virtuoses Gitarrenspiel und einen melodisch ambitionierten Refrain. So kann es weiter gehen!

Leider tut es das nicht. Um den Track Tacit 2 rum – das in der Tracklist übrigens vor dem ersten Teil erscheint, voll avantgarde und so – nimmt das Seelenbrechen eine tragische Wende. Die Lieder sind zunehmend chaotisch aufgebaut, wobei die Dissonanz in diesem Falle weniger von tiefer gehendem kompositorischen Genie als von skandinavischer Langeweile sowie sinn-und zielloser Experimentierfreudigkeit zollt. Selbst liebgewonnene, Ihsahn-typische Eigenarten und Spielweisen, die z.B. in dem 2010 erschienenen After so wohldosiert waren, präsentieren sich hier zu wirr eingestreut, um einen Bezug zum Hörer aufbauen zu können. Alles in allem hat Das Seelenbrechen trotz der vereinzelten sehr starken Lieder eine überaus ernüchternde Wirkung. Das launische Treiben eines genialen Kopfes eben.

1. Hilber
2. Regen
3. NaCl
4. Pulse
5. Tacit 2
6. Tacit
7. Rec
8. M
9. Sub Alter
10. See

Zolin sagt: 6 von 10

Reissue-Review: Mike Oldfield – Five Miles Out/Crises

Mike Oldfield feiert. Sein Monumentalwerk, das damals maßstäblich stilprägende Debütalbum Tubular Bells wird 40. Als der damals gerade mal 19-Jährige Mike 1979 im Alleingang ein dermaßen bahnbrechendes Prog-Rock Album komponierte und aufnahm, steigerte sich die allgemeine Musikpresse- wie Kritikerreaktion in ungeahnte Lobeshymnen hinaus. Endlos lang scheinende Charts Platzierungen, auch auf Spitzenpositionen, gaben ihm außerdem Recht. Als an sich eher bodenständiger und sehr schüchterner Charakter ließ sich Oldfield den Über-Nacht-Ruhm nicht zu Kopf steigen, wenn er auch anfängliche Probleme mit dem überwältigenden Interesse an seiner Person hatte und einige Fluchtversuche durchlief. Auch die zahllosen Veröffentlichungen post-Tubular Bells wussten überwiegend sehr zu überzeugen. Multitalent wie Multi-Instrumentalist, episch langer Proggressive-Folk-Rock wie seichte, eingängige Pop-Balladen, organische, mühsam ausgefeilte Gitarrensoli wie kinderhaft komponiert erscheinende Plastik-Keyboard Arrangements. Über die Jahrzehnte gab es kaum ein Instrument, kaum einen Rhythmus oder Stil, an dem sich Oldfield nicht probiert und ihn (fast immer) auch auf seine verkopfte Art gemeistert hätte.

Mit beachtlichem Rückblick auf immerhin über 30(sic!) Album Veröffentlichungen und etliche Re-Releases hält der mittlerweile 60-Jährige Brite außerdem für sein Debüt nach wie vor den Rekord als „erfolgreichstes Instrumentalalbum eines einzelnen Musiker„. Doch nicht nur Tubular Bells, welches mittlerweile bereits zwei mal wiederveröffentlicht wurde, sondern auch andere, kommerziell erfolgreiche Platten erfahren wieder und wieder Bedarf an Neuauflagen. So auch die chronologisch nacheinander innerhalb von zwei Jahren erschienenen Five Miles Out (1982) und Crises (1983), die von Universal am 2. September diesen Jahres wiederveröffentlicht wurden. Wie so oft bei Oldfield, in allerlei sich gegenseitig überschattenden Deluxe und Ultimate-Versionen mit unzähligen Extras für den treuen Prog-Fan: rare Interview-Footage, unvollkommene Demos, Kassettenexperimente, Handbücher etc. Darüber hinaus gibt es diesmal den neu gemasterten Sound der beiden Alben auf farbiges, transparentes Vinyl gepresst, das eine limitiert auf 500 gelbe, das andere auf grüne Platten. Doch genug des Werbefernsehens.

Obwohl die beiden Scheiben damals in relativ zeitigem Abstand voneinander entstanden sind und immerhin am selben Tag neu auf den Markt gelegt wurden, ist der Sound teils grundverschieden. Die beiden in dieser Rezension aus vergleichender Perspektive zu beurteilen liegt also recht nah. Gemeinsam haben die beiden eins: das Schaffenszentrum der Titelreihen liegt definitiv bei den mit Abstand längsten Stücken. Nicht etwa so experimentelle-Nachwuchsprogband-6-12 Minuten lang, sondern eher so Yes-Progväter-20-25-Minuten lang. Von diesen gibt es auf jedem der beiden Eines. Titeltrack Crises beim einen, Taurus II beim anderen, welches das Mittelstück einer inhaltlich nur sehr lose zusammenhängenden Track-Trilogie namens Taurus bildet. Abseits der beiden 25-Minutentürme, die vom Klangaufbau her noch am ähnlichsten zueinander gestaltet sind, unterscheidet sich Five Miles Out vor allem durch organischeren, warmen und komplexer arrangierten Klang, während Crises viel eher mit Keyboard-Synthetik, 80s-Ästhetik und klassischen Pop-Songs anbändelt.

Neben dem Charts-Ohrwurm Moonlight Shadow, oder In High Places, was den Meisten vor allem als Vocal-Sample auf Kanye Wests Album My Dark Twisted Fantasy noch im Unterbewusstsein kitzeln müsste, sympathisieren Songs wie Foreign Affair vor allem durch die Tatsache, dass sie für die Entstehungsjahre erstaunlich zeitlos und ihrer Ära voraus klingen, trotz des schon fühlbaren 80s-Plastikflavour. Five Miles Out ist quasi das letzte Album, bei dem sich Folk-Prog Zauberer Mike Oldfield den längeren, verkopfter komponierten Symphonieverschnitten widmet, bevor er auf Crises mit einigen Ausnahmen hier und da in sehr viel seichterem Gewässer seinen Feinschliff gibt. In ihren jeweiligen Sparten erfüllen die beiden Werke ein sehr eigenständiges Auftreten, gerade für die Entstehungszeit der Songs. Trotzdem kommt Crises zu oft einfach etwas albern und als zu stumpf kombiniertes Puzzle daher, was zwar Oldfields erste Fußstapfen in jenem Pop-Bereich markieren mag, dennoch klingen Songs wie Shadow On The Wall, The Mistake oder besagtes Moonlight Shadow zu sehr nach gewollt simpel gestrickten Crowdpleasern. Dagegen liefert Five Miles Out mit den liebevoller und detailreicher komponierten Progressive- und größtenteils instrumental gehaltenen Stücken einfach ein eigenständigeres und probierfreudigeres Gesamtbild ab. Dudelsäcke, Glockenspiel, Vocoder, Vocalsamples und scheuernde Gitarrenriffs machen die immer wieder überraschenden Klimäxe auch in den kurzen Stücken sehr hörenswert.

Five Miles Out

1. Taurus II
2. Family man
3. Orabidoo
4. Mount teidi
5. Five miles out
6. Waldberg (The Peak)
7. Five miles out (Demo)

1. Tubular bells part one – live in cologne’82/five miles tour
2. Sheba – live in cologne 1982/ five miles out tour
3. Mirage – live in cologne 1982/ five miles out tour
4. Family man – live in cologne 1982/ five miles out tour
5. Taurus II – live in cologne 1982/ five miles out tour
6. Mount teidi – live in cologne 1982/ five miles out tour
7. Five miles out – live in cologne 1982/ five miles out tour
8. Guilty – live in cologne 1982/ five miles out tour

Zolin sagt: 7 von 10

Crises

1. Crises
2. Moonlight Shadow
3. In High Places
4. Foreign Affair
5. Taurus 3
6. Shadow On The Wall
7. Moonlight Shadow
8. Shadow On The Wall
9. Mistake
10. Crime Of Passion
11. Jungle Gardenia
12 Moonlight Shadow Start
13 Shadow On The Wall

Zolin sagt
: 6 von 10

Review: Leprous – Coal

Das Jahr 2013 steht allem Anschein nach unter dem Segen des Progressive Gottes höchstpersönlich; zumindest den vielen Kostbarkeiten, an denen wir bereits schnuppern durften, nach zu urteilen. Cult of Luna legten einen phänomenalen Start hin, kurz darauf gab es neues von Riverside zu hören, der große Stevie Wilson gab sich auch mal wieder solo die Ehre und unsere Landsleute The Ocean schossen mit Pelagial wahrlich den Vogel ab. Eine Glückswelle die immer noch nicht aufgehört hat, geniales Material an Land zu spülen. Heute wird es Zeit für Zolin, Leprous unter die Lupe zu nehmen.

Die skurrilen Norweger haben sich schon im Schicksalsjahr 2001 formiert, wobei deren Blütezeit erst 10 Jahre später im Rahmen des Geniestreichs Bilateral ihren Lauf nahm. Spätestens seit diesem Werk, ist Leprous fester Platz an der Vorhut der nordischen Extremmusik nicht wegzudenken. Mit Coal erscheint ein Nachfolger, der diese verblüffende Entwicklung fortsetzt bzw. ihr das i-Tüpfelchen aufsetzt. Ganz gleich dem gepriesenen Vorgänger ergibt sich auf Coal ein eigenwilliger Soundkosmos, unvorhersehbare Kreativität schafft es dort irgendwie, sich mit einer Prise altehrwürdigem Metal-Pathos – das zu großen Teilen durch Einar Solbergs enorm dynamische Stimme aufkommt – zu verbinden.

Von Anfang bis Ende lässt der willige Hörer Coal über sich ergehen, er ergötzt sich an den raffinierten Riffs, den extravaganten Songstrukturen, findet in entspannten Momenten kurz Ruhe, bis es dann mit der Achterbahnfahrt durch Leprous‚ pfiffige Gedankenwelt weitergeht. Sobald man ein wenig rationale Distanz zu dem Hörerlebnis erlangt hat, gibt es keinen Zweifel mehr darüber, dass bei Leprous keine Willkür vorherrscht (höchstens bizarre künstlerische Impulse), sondern alle Teile – sei es der enigmatische Opener Foe oder das alles zerstörende Ende Contaminate Me – sinnvoll miteinander verbunden sind und aufeinander aufbauen, ähnlich wie das bei einer hochwertigen Fernsehserie geschieht.

Bis man erst einmal bei der analytischen Distanz angekommen ist, kann durchaus ein wenig Zeit verstreichen, denn Contaminate Me hat es wie gesagt in sich. Der Closer formt Leprous Ideenreichtum nämlich zu einer bizarren auditiven Horrorshow um, die auch noch von Ihsahns böser Stimme begleitet wird – und der alte Haudegen, der mit Leprous an seiner Seite in jüngster Zeit selbst wieder an der Spitze der Extremmusik angelangt ist, hat sich wahrscheinlich nicht mal zu Emperor Zeiten so eindrucksvoll die Seele aus dem Leib gekreischt und gefaucht. Contaminate Me ist in jedenfalls ein Imperativ, dem Leprous weiterhin folgt. Der Progressive Fan lässt sich von diesem Aussatz gerne kontaminieren.

1. Foe
2. Chronic
3. Coal
4. The Cloak
5. The Valley
6. Salt
7. Echo
8. Contaminate Me

Zolin sagt: 8 von 10