Schlagwort-Archiv: Jazz

Review: Kamasi Washington – The Epic

Kamasi Washington - The Epic

Zeit ist das, was wir nicht haben, und in drei Stunden davon könnte man so einiges schaffen. Man könnte hunderte von halbherzig überflogenen Artikeln, Binsenweisheiten und angeblich lustigen Bildern im Netz finden und sie allesamt in der Tab-Leiste sammeln, um sie dort vor sich hingammeln zu lassen und nie wieder zu beachten; man könnte eine kleine Reise mit dem Zug antreten, um sich von der langweilig vorbeirauschenden Außenwelt berieselt von Punkt A nach Punkt B, der vielleicht sogar in einem anderen Land liegt, befördern zu lassen – oder einfach abenteuerlustig beim Punkt A verbleiben, sich ein 174-minütiges Jazz-Album anhören und die Punkte B bis Z in den eigenen Hirnwindungen und Synapsen ausmachen. Zugegebenermaßen sind heute solche dreistelligen Spielzeiten eher den verführenden Welten des Films zuzutrauen als einem einnehmenden Album und die Anforderungen, die hier vom Künstler gestellt werden, keine niedrigen; doch wahrscheinlich geht es dem Tenorsaxophonisten und Komponisten Kamasi Washington mit The Epic gerade darum. Sah sich derselbe vor wenigen Monaten noch als Sideman dazu berufen, mit seinem musikalischen Know-How moderne Klassiker wie You’re Dead! vom Label-Papa Flying Lotus oder Kendrick Lamars To Pimp A Butterfly um die professionell jazzigen Noten zu bereichern, für die diese Werke einschlägig als bahnbrechend, saugeil oder zumindest als Next Level Shit deklariert wurden, so scheint das Anliegen seines Debüts in nichts Geringerem als der Zerstörung von Hörgewohnheiten mittels Altbewährtem zu liegen. Das „Einmal komplett durchhören“-Prinzip stößt bei The Epic und seinen drei (!) CD’s auf die Grenzen der eigenen Aufnahmefähigkeit; man kann sich natürlich dem Geiste des Gonzos folgend Hals über Kopf in die Exkursionen aus Soul, Funk, Jazz, Bebop und co schmeißen und so verwirrt aus dem Ganzen herausgehen, dass Jazz eben wie das wirkt, was es in Kamasi Washingtons Augen nicht sein müsste; nämlich unnahbar.

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Review: Flying Lotus – You’re Dead!

Flying Lotus - You're Dead

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“, lautet ein bekanntes Bonmot von Deutschlands beliebtestem Kettenraucher Helmut Schmidt, „…oder anfangen Beats zu machen!“, möchte man im Hinblick auf Flying Lotus hinzufügen. Mindestens seit seinem Album Los Angeles von 2008 beeinflusst er alles und jeden von Hongkong bis Hamburg, was einen Laptop und eine Drummachine besitzt und sich „Producer“ schimpft. Ob Flume, der FlyLos verstolperte Beats und ungerade Rhythmen in den Mainstream schmuggelt, Gaslamp Killer, welcher dessen Psychedelik eine gehörige Portion Wahnsinn beimischt oder jeder beliebige Heimproduzent mit Soundcloud-Profil: Alle gingen sie bei ihm auf die eine oder andere Weise in die Lehre. Dennoch ist er ihnen allen stets drei Schritte vorraus. Denn jedem seiner Alben liegt eine der angesprochenen Visionen zugrunde, sei es die instrumentale Beschreibung seiner Heimatstadt auf Los Angeles, die Entschlüsselung der „Grammatik des Kosmos“ auf Cosmogramma oder der Umsetzung eines Tagtraums auf Until The Quiet Comes. Seine oft skizzenhaften Produktionen sind nie Selbstzweck, sondern fügen sich stets in ein übergeordnetes Konzept ein.

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Zolin Sagt 021: Roberto Echo – 15.10.2014

Podcast-021b

Wie man ins Bad reinruft, so echot es zurück. Roberto Echo ist zwar noch einer der unbekannteren Namen der Kölner Beat-Szene, das ändert aber nichts daran, dass er schon jetzt zu den Besten seiner Zunft gehört. Einige Duftmarken hat er bereits auf seinem Soundcloud-Account veröffentlicht, nun folgt ein exklusiver Mix für Zolin sagt, der neben einigen unveröffentlichten Eigenkreationen auch Kaytranada und Flying Lotus featured. Ein paar Fragen beantwortet er außerdem, unter anderem zur Zukunft der hiesigen Hip Hop Szene. Der Auftrag ist also wie immer der selbe: Mix kostenlos downloaden, Interview lesen und den Namen Roberto Echo lieber gut im Hinterkopf behalten.

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Review: BadBadNotGood – III

badbadnotgood iii

Das erste Mal, dass die drei Kanadier aus Toronto mit ihrem eigenwilligen Jazz-Hip-Hop-Projekt BadBadNotGood größere Aufmerksamkeit erlangen konnten, war 2011 durch das Rap-Phänomen Tyler, the Creator. Dieser befand die damals von den dreien aufgenommenen Odd Future Sessions als sehr interessant, wodurch sich im Verlauf des nächsten Jahres neben gemeinsamen Jamsessions auch ekstatische Live-Performances entwickeln sollten. Ihre ersten beiden Releases BBNG I und II gelangen über ihr ab dem Punkt sehr gut besuchtes Bandcamp an wohlwollende Kritikermeinungen und eine seither stetig wachsenden Fanbase, die sowohl dem Jazz als auch dem modernen Hip-Hop entspringen. Live liefern die drei Jungspunde eine geballte Performance ab, die in Bezug auf Energiepegel und Crowd Control in kaum einer Weise an den Altherren-Muff einer Free Jazz-Session erinnert. Nun steht das Trio nach knapp zwei Jahren mit ihrem ersten kommerziellen Release über Innovative Leisure Records in den Startlöchern. Beim Betrachten der Titel und der jeweiligen Länge von meist über fünf Minuten macht sich im Vergleich zu den Vorläufern schnell bemerkbar, dass die Kombination aus Live-Drums, Fender Rhodes / Piano und E-Bass / Kontrabass diesmal mit einem noch ambitionierteren Ansatz an das Projekt herangeht.

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Review: Bohren & Der Club of Gore – Piano Nights

Dear friends of uneventful music“ heißt es da selbstironisch begrüßend auf der Homepage von Bohren & Der Club of Gore, der wohl langsamsten Band, die je die BRD beschallt hat. Das Quartett aus dem beschaulichen Mülheim an der Ruhr heimste über zwei wacker gehaltene Dekaden Stück für Stück auch international hohe Anerkennung ein, obwohl oder gerade weil das ewig trottende Emblem der Ausnahme-Formation des Metal sich Album um Album spärlicher ausfällt. Das Repertoire an Soundfacetten wird kontinuierlich gekürzt, der immer klarere, dickflüssig wabernde Monolith aus schwerwiegenden Piano-Akkorden und Kontrabass-Zupfen immer ein wenig kompromissloser. Was von der hiesigen Blogosphäre händeringend seit jeher mit Begriffsbasteleien à la Doom-Jazz, Dark Jazz oder sogar Funeral Jazz beschrieben wird, lässt für Unwissende allerdings eher düstere, puristisch angehauchte Metal-Ästhetik in der Klangvorstellung zu. Der wohl häufigste Vergleich fällt auch nach den vielen Jahren des stilsicheren Slowmotion-Soundtracks auf David Lynchs Hauskomponist und langjährigen Freund Angelo Badalamenti. Trotz der inflationär gebrauchten Parallele zwischen dem legendären Italo-Amerikanischen Tonzauberer und den bodenständigen Crossover-Musikern aus dem Ruhrpott liegen einige Assoziationen doch näher als dem ein oder anderen lieb zu sein scheint.

Phänomenaler Weise kommt der charakteristische, melancholisch aufatmende Trott trotz kitschbehafteter Vorwürfe des Easy Listenings (gern auch mit der Randerwähnung des Twin Peaks-Soundtracks) nach wie vor originell und vor allem so meditativ wirkungsvoll daher wie eh und je. Die kleinen großen Veränderungen im Klangarsenal wirkten auf vergangenen Werken mal in Form von organischen Chören auf dem mitunter schwerer verdaulichen Geisterfaust, mal als das neu probierte Fragment des einsam säuselnden Tenorsaxophons auf Midnight Radio. Christoph Clöser (Saxophon, Piano, Fender Rhodes) und Morten Gass (Piano, Synthesizer, Vibraphon), zwei der vier Mitglieder des Club of Gore, bilden das schreib- und kompositionstechnische Herzstück. Zwischen zwei Besen-Anschlägen auf den Drums könnte sich Schlagzeuger Thorsten Benning derweil vermutlich bequem seinen Studio-Kaffee brühen, während Kontrabassist Robin Rodenberg sich beim Umgreifen an den Saiten ebenfalls nicht weniger Zeit lässt. All das sei jedoch minutiös geplant, eine Fertigkeit, die sich seit den Anfängen als 0815-Hardcore-Band 1988 konstant entwickelt hat. Auch das amüsante Cover zum aktuellen Frischling Piano Nights bot unlängst neben der bandeigenen, verheißungsvollen Vorbotschaft Grund zur Neugierde.

Die über das belgische Label PIAS erscheinende Platte wurde mit nüchternen Worten angekündigt: „9 pieces or 60 minutes of music on its way to a full stop„. Vor 20 Jahren war da Gore Motel. Das unfreiwillig albern wirkende, an B-Schinken erinnernde Bruce Lee-Cover, das noch mit vergleichsweise merklich Metal-typischerer Attitüde vorankroch und Titel wie Dangerflirt mit der Schlägerbitch präsentierte. Vor fünf Jahren war da Black Earth. Besagte Metal-Mentalität war hier schon deutlich der Ambient-Sphäre gewichen, ab und an gaben herausbrechende Drum-Akzente oder ähnliche Feinheiten noch Fläche dafür. Rund um die beiden Obelixe ragen für viele Fans und Kritiker selbstverständlich auch weitere, wichtige Alben aus dem Gefüge hervor, doch in Bezug auf die markante Entwicklung dürften Gore Motel und Black Earth wohl mit die wichtigsten Eckpfeiler repräsentieren. Nun ist da Piano Nights. Trotz satirisch anmutendem Cover und dem vergleichsweise etwas kitsch-romantisch wirkenden Titel birgt der Langspieler neun Titel, von denen die Mülheimer Originale selbst behaupten, es seien für sie persönlich die besten seit dem gigantischen Black Earth.

Im Rauch beginnt mit einer warmen, sich langsam ausbreitenden Fläche aus nachschweifenden Synthesizern, über die sich in gewohnter Manier die ersten ausdrucksstarken Basszupfer zusammen mit gefühlvollen Piano-Akkorden legen. Der für Bohren-Verhältnisse recht kurze Einstieg mit gerade einmal knapp fünf Minuten bewegt sich merklich schneller fort: die kriechend vorankommenden Akkorde bäumen sich schnell zu regelrechten Klavierläufen auf. Das Saxophon wechselt im Zusammenspiel mit Drums, Bass und Piano für Bohren-Tempo sprunghafter die Dynamik. Unheilvoll knarzende Hintergrundgeräusche unterstreichen die dunkler angehauchten Stellen immer wieder. Fahr Zur Hölle leitet seine Orgelsphäre mit leicht verzerrtem Bassspiel und knisternd peitschenden Becken ein, während das Klavier wohlig warme, dennoch dunkle Töne anschlägt. Auch das Saxophon wirkt zwar tragisch, doch von musikalischer Nähe zum düsteren Titel keine Spur, viel mehr besänftigt das Stück die Fahrt. Deutlich sehnsüchtiger, ja beinahe verzweifelt, klingt das von weit her schallende Saxophon in Kombination mit dem missmutig zustimmenden Vibraphon in Ganz Leise Kommt Die Nacht, die kräftigen Anschläge zum Taktbeginn schwellen unruhiger an. Mit knapp einer Stunde Länge schöpfen Bohren aus einer ergiebigen, stimmigen, jedoch auch zur Monotonie tendierenden Quelle, die sich gerade bei zeitintensiveren Epen wie Verloren (Alles) und Komm Zurück Zu Mir bei konzentriertem Hören in Ungeduld zu erschöpfen drohen. Als atmosphärisch reichlich spendender Ruhepol im Hintergrund allerdings entfaltet Piano Nights eine beeindruckende Wirkung, die immer wieder die hypnotisch bezirzten Ohren spitzen lässt.

1. Im Rauch
2. Bei rosarotem Licht
3. Fahr zur Holle
4. Irrwege
5. Ganz leise kommt die Nacht
6. Segen ohne Wind
7. Unrasiert
8. Verlonen (Alles)
9. Komm zuruck zu mir

Zolin sagt: 7 von 10


Bohren & Der Club Of Gore – Piano Nights (Album Teaser) from PIASGermany on Vimeo.