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Review: Dean Blunt – The Redeemer

Am Anfang steht noch das repetitive Fiepen eines Echolot, danach baut sich einer der wohl besten Songs aller Zeiten langsam in knapp 24 Minuten auf, von denen keine einzige langweilig oder unnötig ist. Gemeint ist Pink Floyds Echoes. Nicht nur das Finale und die komplette B-Seite von Meddle, sondern ein Song, der für Pink Floyd den endgültigen Wandel von einer psychedelisch-experimentellen Band zu der großartigsten Bands der Progressive-Geschichte. Auf PAPI, dem Zentrum von Dean Blunts nun erschienenem Solo-Debüt The Redeemer, wird Echoes in nahezu perfekter Weise gesampelt. So gut, dass man kaum merkt, dass es sich bei dem Instrumental um ein gelooptes Sample handelt.

Aber auch abseits des bloßen Samples von Echoes gibt es einige Gemeinsamkeiten zwischen dem Song und The Redeemer. Denn wie auch Pink Floyd war Dean Blunt zuvor in wesentlich experimentelleren Gefilden unterwegs. Gemeint sind die qualitativ fast unhörbaren und quantitativ unendlichen Mixtapes mit seiner besseren Hälfte Inga Copeland als Hype Williams. Letztes Jahr folgte dann Black Is Beautiful, das erste „richtige“ Album der beiden auf Hyperdub, dem Label, wo unter anderem auch Burial und Laurel Halo veröffentlichen, dieses Mal jedoch nicht unter ihrem Hype Williams Alias, sondern, da der gleichnamige HipHop-Regiesseur mit einer Klage gedroht hatte, unter ihrem bürgerlichen (?) Namen Dean Blunt & Inga Copeland. Das Album fiel dieses Mal wesentlich zugänglicher aus, wahrscheinlich da es schon alleine durch die Veröffentlichung über ein Label einem kommerziellerem Anspruch gerecht werden musste. Man könnte fast sagen, es ist das Atom Heart Mother in Dean Blunts Diskographie.

Dann sollte doch jetzt eigentlich Dean Blunts Meddle, oder genauer gesagt, sein qualitatives Durchbruchsalbum erscheinen, damit die Analogie auch noch weiterhin passt. Und siehe da: The Redeemer, dieses mal ohne die flächendeckende Beteiligung von Inga Copeland, ist tatsächlich groß. Denn es knüpft genau dort an, wo Black Is Beautiful offene Enden hinterlassen hat und vor allen Dingen noch sehr zerstreut war. Auf The Redeemer bringt Dean Blunt etwas Ordnung in das Chaos und reduziert den extremen Hall der indirekten Vorgänger und experimentiert wesentlich offensichtlicher mit billig klingenden, aber elegischen Geigen-Samples und atonal wirkenden Synthie-Kompositionen, die aber für eine einzigartige Kühle der Songs sorgen. Am ehesten ist dieser sicherlich sehr unorthodoxe Sound mit WIXIW, dem letzten Album der Liars zu assoziieren.

Im krassen Gegensatz dazu steht die Stimme von Dean Blunt, die bei Songs wie dem bereits erwähnten PAPI fast ein wenig nach Soul klingt. Zum Klischee passend, singt diese Stimme auch nur über Liebe oder deren Ende. Sie wirkt als Gegensatz zu den Instrumentals der Songs wirklich als Redeemer, als Erlöser. Denn Dean Blunts Solo-Debut zeichnet sich vor allen Dingen durch einen famosen Vibe aus, der es dem Hörer trotz seiner unkonventionellen Art einfach macht, dem Geschehen zu folgen. The Redeemer ist also tatsächlich der qualitative Durchbruch, den man von Dean Blunt erwarten konnte. Doch wenn wir nochmal an Pink Floyd zurückdenken, dann fällt uns eine Sache auf: Nach Meddle folgten noch Wish You Were Here und Animals, zwei noch bessere Alben. Es grenzt natürlich an Blasphemie, Pink Floyd als Maßstab für Dean Blunt zu nehmen, aber es wäre ihm durchaus zuzutrauen, dass er noch bessere Alben nach dieser „Erlösung“ veröffentlicht.

1. I RUN NEW YORK
2. THE PEDIGREE
3. DEMON
4. FLAXEN
5. V
6. THE REDEEMER
7. SEVEN SEALS OF AFFIRMATION
8. WALLS OF JERICHO
9. MAKE IT OFFICIAL
10. NEED 2 LET U GO
11. DREAD
12. Y3
13. PAPI
14. MMIX
15. ALL DOGS GO TO HEAVEN
16. IMPERIAL GOLD
17. PREDATOR
18. BRUTAL
19. PAR

Zolin sagt: 9 von 10

Heißer Scheiß: Exchampion

Benjamin Horne seines Zeichens erfolgreicher Geschäftsmann, reichster Bewohner der US-Amerikanische Kleinstadt US-Amerikanischen Twin Peaks und Archetyp des Vollblut-Kapitalisten, der stets auf der Suche nach neuen Möglichkeiten ist, seinen finanziellen Reichtum zu vergrößern. Um dieses Ziel sind Horne auch unseriöse Mittel, wie etwa Prostitution, Glücksspiel, Drogenhandel oder Brandstiftung recht. Trotzdem steckt hinter Hornes Motiven noch mehr als die Aussicht auf mehr Geld. Wer immer noch keinen Schimmer hat, um was oder wen es hier eigentlich geht, der sollte sich lieber schleunigst David Lynchs meisterhafte Serie Twin Peaks besorgen und sich selbst ein Bild von dem interessanten Charakter Ben Horne und dem Treiben der Kleinstadt machen.

Benjamin Köveners, unter anderem Live-Drummer der Denovali-Band Bersarin Quartett und Racquets, hat sich mit seinem Soloprojekt Exchampion eben diesen Charakters angenommen und eine EP-Trilogie namens Attaboy Ben! zu dessen Ehren aufgenommen, die nun zusammen inklusive Bonustracks als MC veröffentlicht wurde. Wie auch Horne sind die EPs zuerst schwer zu durchschauen und kommen einem beim Hören sogar ein bisschen befremdlich vor. Das liegt vor allen Dingen daran, dass die Songs hauptsächlich auf dem unglaublich guten Schlagzeugspiel Köveners beruhen und nur von einem Synthesizer begleitet werden, der mal dubstepartig, wie eine dicke Wand (Straits), mal aber auch leicht und sphärisch klingt und sich sogar gut in einem Scuba Set machen würde (Calgary Shuffle Encore).

Doch der wahre Grund wieso Exchampion so befremdlich klingen ist, dass die Musik wirklich verdammt fett ist und Zolin so ein One-Man-Project bisher noch nie gehört hat. Sowohl von der künstlerischen Leistung etwas so Einzigartiges zu erschaffen als auch von Köveners Können, die Drumsticks zu schwingen. Wenn Benjamin Horne hören könnte, mit welcher akribischen Hingabe er vertont wird, wäre er mit Sicherheit angetan und würde versuchen, mindestens 90 der 100 vorrätigen MCs bei Age Of Delay zu bestellen. Und da Ben Horne ohnehin ein Charakter aus den frühen 90er Jahren ist, wird er auch noch einen Kassettenrekorder besitzen. Für euch bedeutet das, schnell euer Exemplar abzustauben und noch eine der restlichen MCs zu bestellen, bevor Horne euch alle weggeschnappt hat. Wie ihr ja jetzt wisst, geht er über Leichen um das zu bekommen, was er möchte.

Review: Daft Punk – Random Access Memories

Über kein anderes Album wurde in letzter Zeit so viel gesprochen, geschweige denn geschrieben, wie über Daft Punks viertes Album Random Access Memories. Doch der Release ist mittlerweile auch schon zwei Wochen her. Und deswegen tauchte auch immer wieder die selbe Frage auf: „Zolin, wann kommt denn endlich das Daft Punk Review?„, nur um diese Frage dann selbst zu beantworten. „Das Daft Punk Album ist das beste Tanzalbum was ich je gehört hab, fast unmenschlich!„, und all die anderen Kollegen scheinen dieser Auffassung recht zu geben. Wieso sollte Zolin dann also noch zusätzlich seinen Senf zu einem Album absondern, zu dem eh alles gesagt zu sein scheint? Ganz einfach: Weil es eben doch nicht so einfach ist und Random Access Memories vor allen Dingen nicht unbedingt das beste Tanzalbum ist.

Fangen wir erst einmal bei den Dingen an, die auf Random Access Memories wirklich gelungen sind. Zum einen verschreibt sich Random Access Memories voll und ganz der Retromanie. Das bedeutet im Klartext, dass nicht ein Teil des Albums ohne Bezug zu popkulturellen Ereignissen steht. Damit dieser Eindruck entsteht, haben sich Daft Punk aller nicht organisch klingender Instrumente entsagt und Gäste eingeladen, die diesen Eindruck verstärken. Allen voran Nile Rodgers, Produzent und Gitarrist der Funk-Gruppe Chic, der mit seinem wiedererkennbaren Gitarrenspiel den Singles Get Lucky und Lose Yourself To Dance sowie dem Opener Give Life Back to Music das letzte bisschen Funk einhaucht und Synthie-Pionier Giorgio Moroder, dessen einziger Beitrag mehr ein Monolog als wirkliche musikalische Beteiligung ist. Popkulturell sind Daft Punk also wieder brisant.

Doch der erwähnte Nile Rodgers steht symptomatisch für eines der Hauptprobleme des Albums. So hat man nicht nur das Gefühl, dass schon alles an diesem Album dagewesen zu sein scheint, sondern, dass man unweigerlich an all die Songs erinnert wird, die man durch die aggressive Audio-Penetration durchs Radio schon viel zu oft gehört hat. Hinzu kommt die Tatsache, dass bis auf eine Ausnahme – nämlich den besten Song des Albums Doin‘ It Right – jeder Song auf dem gleichen Viervierteltakt, 120 Beats pro Minute und Clip-Beat basiert. Oder nochmal deutlich: dum-tss-dum-tss. Das ist weder grandios minimalistisch gedacht, noch auf andere Weise innovativ, sondern in erster Linie nur langweilig und führt auch nicht dazu, dass man seine Beine nicht mehr unter Kontrolle hat und zur Tanzfläche gezogen wird.

Interessanterweise sagt das aber nur der Kopf während das Hörens. Die Realität sieht scheinbar anders aus. Denn auch Zolin muss gestehen, dass er trotz all der negativen Punkte das Hören tatsächlich genossen hat. Vor allem da die Laufzeit des Albums ganze 74 Minuten beträgt und damit fast die Kapazität einer CD ausschöpft. Zum abschalten ist das Album nämlich viel zu cheesy. Die Erhoffte Erlösung der Tanzmusik ist Random Access Memories dadurch sicherlich nicht, zum Glück aber auch nicht die Enttäuschung, die es hätte werden können. Denn auch wenn die nagelneuen Anzüge von Daft Punk anderes erwarten lassen: Sie sind ja schließlich auch nur Menschen.

1. Give Life Back to Music (featuring Nile Rodgers)
2. The Game of Love
3. Giorgio by Moroder (featuring Giorgio Moroder)
4. Within (featuring Chilly Gonzales)
5. Instant Crush (featuring Julian Casablancas)
6. Lose Yourself to Dance (featuring Pharrell Williams and Nile Rodgers)
7. Touch (featuring Paul Williams)
8. Get Lucky (featuring Pharrell Williams and Nile Rodgers)
9. Beyond
10. Motherboard
11. Fragments of Time (featuring Todd Edwards)
12. Doin’ It Right (featuring Panda Bear)
13. Contact (featuring DJ Falcon)

Zolin sagt: 6 von 10