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Review: Beyoncé – Beyoncé

Nicht, dass man zu Beginn noch irgendwelche einleitenden Worte zur Pop-Legende der Beyoncé Knowles-Carter verschwenden müsste. Die Ehefrau von Jay-Z, dem wohl einflussreichsten Pop-Magnaten in der globalen Musikindustrie, steht selbst längst nicht nur als hübsch zu bestaunendes Girlie-Sternchen im schaffenden Schatten ihres Mannes. Sie selbst ist seit Anbeginn ihrer Solo-Karriere das Arbeitstier gewesen, das sich hauptsächlich selbst dafür verantwortlich nennen darf, fünf Studio-Alben mit jeweils einer Nummer 1 Platzierung in den amerikanischen Billboard-Charts geschaffen zu haben. Von all den anderen etlichen Auszeichnungen, Ehrungen und geschichtsträchtigen Live-Momenten mal ganz zu schweigen. Da braucht es auch keine große Werbetrommel im Vorfeld, um ein paar Verkaufsrekorde zu brechen: obwohl das selbstbetitelte Visual-Album Beyoncé von einem Tag auf den Anderen ohne Vorwarnung plötzlich exklusiv bei iTunes zu Verfügung stand, purzelte es in den ersten drei Stunden knapp 80.000 mal in den Warenkorb. Die beeindruckende Arbeitsethik der First Lady des R’n’B-Pop zeichnet sich auch dadurch aus, dass zusammen mit dem 14-tracks starken Album ganze 17 Musikvideos fertig gestellt wurden. Gedreht wurde in New York, Paris, Rio und Sydney, die visuelle Umsetzung sieht im fertigen Produkt vielfältig und wirklich beeindruckend aus. Was auf akustischer Seite besonders auffällt, sind die tendenziell komplexer aufgebauten Songs mit weniger Radio-Appeal.

Dafür dürften neben den wenigen Feature-Gästen wie Drake, Frank Ocean und Ehemann Jay-Z vor allem die zahlreichen Haus- und Gastproduzenten sein: Neben etablierten Pop-Größen wie Timbaland, Pharrell Williams, Justin Timberlake und James Fauntleroy sind auch unbekanntere Macher wie Boots oder Chairlifts Caroline Polachek beteiligt. Mit eröffnenden Worten aus verschiedenen Interviews oder Flashbacks vergangener Girlband-Zeiten beginnen einige der Stücke vielsagend und merklich weniger radioorientiert ihren Lauf. Pretty Hurts dürfte wohl gleich zu Anfang zu einer der gelungensten Pop-Hymnen des letzten Jahres erklärt werden: auf seichtem Kriegspfad mit der oberflächlichen, nach ästhetischer Perfektion strebenden Beauty-Welt setzt sich Beyoncé zwischen pompösen Synthie-Arrangements und großspurig angelegten Drums kämpferisch und trotzig in Szene.

Haunted bringt derweil den besten Beweis für die Intention des großen Produktionsteams rund um die gesamte Platte, deren dunklerer, weniger unmittelbarer, dafür etwas komplexerer Sound bereits auf Beyoncés vorigem Album 4 zu erkennen war. Es finden sich dynamische Umbrüche innerhalb einzelner Songs, die teils völlig verschiedene Rhythmus- und Harmoniekonzepte bergen. So klingt das Instrumental von Boots bei Haunted stellenweise wie glorifizierte Pop-Transformation eines Burial-Songs, über welche sich die makellose Sirenen-Aura von Beyoncé legt. Auch Drunk In Love setzt auf zurückhaltende Synthies, dafür pumpen der großkotzige Bassbeat sowie die deutlich expliziteren Lyrics der lasziv säuselnden Beyoncé das Blut in die Ohren. Selbstverständlich finden sich jedoch neben manchmal zu gewollt düster angehauchten Momenten auch klassischere Pop-Songs wie der glitzernd schwankende Soul-Verschnitt Rocket, das sexy Queen-Porträt Partition oder der sentimental anschwellende Trott in Heaven. Der zuerst dissonant erscheinende, dann jedoch dynamisch in melodische Akkorde gebettete Trap-Beat von ***Flawless mündet nach weniger als zwei Minuten in ein Zitat der nigerianischen Authorin Chimamanda Ngozi Adiche. Nach kritischen Worten gegenüber der konservativen Erziehungsweise für Mädchen bricht Beyoncé noch einmal mit sehr selbstbewusster, dem Kontext auf markante Weise stimmig angepasster Rap-Attitüde herein.

Mit XO bringt Beyoncé eine riesig scheinende Halle voller euphorischer Mitstreiter zum Anstimmen des wohl eingängigsten Refrains, der mit synthetischen Pauken und Trompeten und einer pathetisch zelebrierten, simplen Melodie davonspringt. Ein langsam swingender, organisch schmal besetzter Rhythmus führt in Superpower die summenden Chor-Akkorde, zu denen sich zeitweise zurückhaltende Streicher gesellen. Die Gaststimme Frank Oceans liefert einen unspektakulären, aber dennoch passenden Beitrag ab. Beyoncés Finalsong Blue, den sie ihrer Tochter Blue Ivy gewidmet hat, leitet mit vollen Piano-Harmonien ein, die von den dumpfen Bässen aufgesaugt und auf einen wunderbar leichtfüßig tänzelnden Drum-Beat abgelegt werden. Der Umbruch im Refrain ist deutlich synthetischer und lässt ein wenig den zuvor aufgekommenen Zauber der simplen Organik verfliegen, bildet in sich jedoch ein rundes Ganzes und ist vor allem in Bezug auf die Thematik des Songs ein würdiger Abschluss. Mit all den iTunes-Rekorden, den ab und an zu konstruiert wirkenden Anti-Pop-Ansätzen, der nachfolgenden „Kontroverse“ rund um zu expliziten Inhalt oder die verweigerten Amazon-Verkäufe bleibt Beyoncé letztlich über die meisten Zweifel erhaben und liefert ein mehr als grundsolides, dynamisches Pop-Album mit sehr erfrischendem Ansatz ab.

1. Pretty Hurts
2. Haunted
3. Drunk in Love (ft. Jay Z)
4. Blow/Cherry
5. No Angel
6. Yoncé/Partition
7. Jealous
8. Rocket
9. Mine (ft. Drake)
10. XO
11. ***Flawless (ft. Chimamanda Ngozi Adichie)
12. Superpower (ft. Frank Ocean)
13. Heaven
14. Blue (ft. Blue Ivy)

Zolin sagt: 7 von 10

Review: Burial – Rival Dealer EP

Der seltsame Fall des William Bevan setzt seinen undurchschaubaren Lauf fort. Als eines der bekanntesten und begehrtesten Phantome der heutigen elektronischen Musik kursierten im Laufe der Jahre immer wieder skurrile Gerüchte und Mythen um seine Identität: 2013 toppte ein Satire-Magazin mit der „bewiesenen“ These, es handele sich bei der Person hinter Burial um Kieran Hebden aka Four Tet. Die Geheimhaltung kommt dem britischen Produzenten der „alten Schule“ rund um das Dubstep-Geschehen ab 2005 in Bezug auf Nachfrage definitiv zugute, zumal sich sein Alleinstellungsmerkmal in der Musik parallel dazu auch nicht zu verflüssigen scheint. Obwohl der Volksmund ihm mit Klassifizierungen wie 2-Step, Future Garage oder Dubstep gerecht zu werden versucht, will keines der Genres letztlich so recht den einzigartigen, dunklen, atmosphärisch-melancholischen Signatur-Sound des Vorzeigetalents von Hyperdub Records definieren.

Dickflüssig verschwimmende Wände aus weinerlichen Akkorden, stimmungsvoll eingebundene R’n’B-Vocal Samples, subtile, nach UK Clubsound klingende Skip & Swing Drums und ein ewig scheinendes Raumgefühl, das mit jeder Menge Melancholie vervollständigt wird. So oder so ähnlich lässt sich Burial gezwungenermaßen subsumieren, jedenfalls wenn man den Rückblick über seine von vielen Die-Hards fast schon vergötterte Diskografie schweifen lässt: Das selbstbetitelte erste Album überraschte EDM- und UK Bass Music-Fans allerorts und ließ unzählige dürstend nach mehr schreien. Ein Jahr später legte Burial mit Untrue einen wegweisenden modernen Klassiker nach, der endgültig die unsagbaren Ambitionen des Phantoms bestätigte. Was dann folgte, war quälende Stille. Vier lange Jahre ließ William Bevan Fans und Kritiker hungern, abgesehen von Remix-Arbeiten oder der nicht zu verachtenden Kollaborations-EP Moth / Wolf Club mit Four Tet. 2011 brach er das Schweigen und begann seine momentane Release-Tradition mit mehreren EPs über die letzten drei Jahre.

Der Kern blieb, jedoch tendierten die wenigen Stücke zu progressiverer Ausarbeitung über epische Längen von bis zu 13 Minuten. So auch bei Bevans aktuellstem Werk: Rival Dealer.Vorab ließ William Bevan der BBC-Moderatorin Mary Anne Hobbs eine Nachricht zukommen, die den Kontext und Hintergrund von Rival Dealer erklären sollte: „I wanted the tunes to be anti-bullying tunes that could maybe help someone to believe in themselves, to not be afraid, and to not give up, and to know that someone out there cares and is looking out for them.“ Dass gerade Burials triste, romantisch-weinerliche 2-Step Balladen Mobbingopfern über Selbstzweifel hinweghelfen sollen, weckt im ersten Moment eher Skepsis. Doch es hat sich etwas in der Produktion und Konzeption von Rival Dealer getan, über das man nicht hinweghören kann, vor allem dann nicht, wenn man bereits mit vorigen Werken warm geworden ist.

Der Titeltrack Rival Dealer steigt vorerst typisch ein, hallende Geräusche, die an gedimmte, einsame Londoner U-Bahnschächte erinnern, das vertraute Knistern, sirenenhafte Hintergrundstimmen. Dann ein emporsteigender Raum mit einer geradezu brennenden Synth-Bassline, umschwirrt von Echostimmen eines Vocal Samples, das immer wieder bewusst in leichte Dissonanz verfällt, was den ersten Minuten bedrohlichen Charakter verleiht. Plötzlich der erste markante Umbruch: Klare, ungewohnt lineare Drums, die an UK Jungle oder Drum’n’Bass erinnern. Hintergründig bäumen sich indes immer wieder hell röhrende, dabei harmonische Maschinenklänge auf. Zwischendurch blitzen hier und da Spoken Word-Samples auf. Nach überrumpelnden und ungewöhnlich fordernden zehn Minuten folgt in klassischer Burial-Manier ein Ambient-Ausstieg und der Track hievt sich unter weiteren Geisterrufen in Richtung Ende. Die letzten Tracks fallen weitaus weniger spektakulär aus. „Excuse me, I’m lost“ beginnt Come Down To Us mit surreal anmutender Silent Hill-Ästhetik unter einem langsamen drumbeat, der beinahe an Trip-Hop denken lässt, Zupfer einer Zitar begleiten den Kurs. Das genutzte Vocal Sample lässt Hoffnungen und Fragen aufkommen: man fragt sich, ob William Bevan die Singstimme absichtlich so oft neben den Ton schießen lässt, man hofft, dass sich der Einsatz von Auto-Tune innerhalb dieses Rahmens noch irgendwie richten lässt. Abgesehen von kleinen Details und einem unfassbar schnulzig klingenden letzten Drittel bietet Come Down To Us einen seltsamen, neuartigen Ansatz des typischen Burial-Sounds, der vorerst jedoch noch einiges an Stirnrunzeln zulässt.

1. Rival Dealer
2. Hiders
3. Come Down to Us

Zolin sagt: 6 von 10

Review: Robot Koch – Unpaved

Auch wenn Los Angeles in Sachen Beatszene à la Low End Theory nach wie vor das einflussreichste Kreativzentrum weltweit repräsentieren dürfte: der Rest der Welt zieht in emsigem Tempo selbst mit die Sporen an. Während sich hierzulande futuristische Beatbastler aus den USA wie Flying Lotus, Tokimonsta, Shlohmo, Baths oder The Gaslamp Killer erst spät einen Namen machten, entwickelt sich der Anspruch und die Blickrichtung der Experimental Beatszene rasend schnell weiter. Doch auch europäische Vertreter der stolpernden Off-Beat-Synthie-Fantasien werkeln unentwegt an Produktionen, die keineswegs nur an Nachzügler eines Trends erinnern. Innovatives Eigenmaterial wird nicht zu knapp geboten und die Tendenz ist deutlich steigend. Neben Jeremiah Jae, Dimlite, DZA und etlichen anderen Pionieren des europäischen Raums sticht vor allem ein Pseudonym auch auf internationaler Ebene groß heraus: Robert Koch, besser unter seinem Alias Robot Koch bekannt, wird seit Jahren als Deutschlands ambitionierteste Antwort auf die experimentelle Beatszene aus den Staaten gehandelt.

Der gebürtige Kassler und selbstbetitelte Gesundheits-Freak ist sesshaft in Berlin und kann dank zahlreicher anderweitiger Arbeit als Produzent neben dem erfolgreichen Solo-Projekt mittlerweile komfortabel von seiner Musik leben. Ob als Robot Koch oder Mitglied des Electroclash-Trios Jahcoozi, mit Sängerin Sasha Perera und Produzent Oren Gerlitz tourte er bereits weltweit. Kochs Audio-Output erzeugt er mit jeder Menge kleinlicher Arbeit am Sequenzer und viel Micro-Editing. Wenige analoge Synthies liefern die ursprünglichen Aufnahmespuren für seine umarmende Riesenspannweite an elektronischen Sounds. Das Drum-Arrangement hält er dabei meist dynamisch und ungewöhnlich im Rhythmus, mit allerlei zusätzlicher Perkussion, die nach amerikanischem Vorbild gerne auch mal neben den Takt schießt und so den einzigartigen Groove der Wonky-Beats-Attitüde verleiht. Death Star Droid, Songs For Trees and Cyborgs und The Other Side heimsten international Loblieder von Kritikern wie anderen Produzenten des kleinen aber wachsenden Genres ein. Obwohl Koch selbst wenig von den klassischen, dabei schon manischen Versuchen der Kategorisierungen seiner Musik hält, blieb ihm persönlich der Kommentar von BBC am treffendsten in Erinnerung: „artificial intelligence discovering religion.

Das Kollektiv Project Mooncircle unterstützt derweil weiterhin immer neuartige, interessante Projekte und Musiker in globalem Radius. Zwischen Beatgenossen wie dem japanischen Daisuke Tanabe und dem australischen Ta-Ku findet sich auch ein gewisser Lukas Feigelfeld, seines Zeichens Regisseur. Neben standhaften Werken im Bereich Kurzfilm wie México, Pilz und Beton arbeitete er auch mit Robot Koch schon 2011 im Rahmen des Videos zu Autodreams zusammen. Nun wurde durch die erneute Kollaboration an einer Konzept-EP ein kleiner Kindheitstraum für Robert Koch wahr: Musik für einen Film zu komponieren. Das Projekt Unpaved, mit dem gleichnamigen EP-Titel, erhebt vor allem den Anspruch der Gleichberechtigung von Video und Audio. Statt der beiläufigen Funktion eines untergelegten Stimmungsrahmens sollen sich Musik und Film zu gleichen Teilen ergänzen und vervollständigen. So kommt es, dass während der Dauer von knapp zwölf Minuten kein einziges Geräusch aus dem tatsächlichen Geschehen im Bild an das Ohr des Betrachters dringt, einzig die wenigen Stücke der EP erzeugen das akustische Element.

Zu Beginn wird mit den kräftigen, saugenden Bassschlägen, einem Rauscheffekt und den unheilvoll hallenden Synthies beim Opener und Titeltrack Unpaved der Protagonist des Streifens präsentiert: Der Obdachlose. Eingewickelt in Plastiktüten und mit einem Hund als einzigem Begleiter zeigt Feigelfeld ein stimmungsvolles Bild zwischen Bäumen und Laub. Das ungewöhnlichste Erscheinungsmerkmal ist dabei nicht zu übersehen: aus der Stirn des Unglücklichen ragen nach klassischer Vorstellung des Pans, des Gottes der Hirten und Herden in der griechischen Mythologie, zwei große Hörner. Zunächst schläfrig durch grüne Flora schwankend wandelt er schon bald zu den Piano-Akkorden und swingenden Glitch-Drums des dunklen Poder del Perro durch die morgendliche Großstadt, die für ihn befremdlich und feindselig wirkt. Sein Alltag scheint trist, isoliert und hoffnungslos. Die verzweifelte Suche nach dem entlaufenen, vermeintlich einzig loyalen Freund wird dann durch das treibende, rhythmisch fein gespickte Moving Objects vertont. Nach einer fatalen, bewegenden Konfrontation mit Fremden scheint die bedrückende Odyssee durch die Nacht am Morgen wie ein böser Traum.. oder? Die letzten idyllischen und doch melancholischen, einsamen Momente des ausgestoßenen Duos drückt mit dem fast akustisch gehaltenen Calle Tierra auf die Tränendrüse. Dann die Schlusssequenz. Was von Konzept und Beschreibung her interessant klingt, ist letztlich jedoch nur ein weiteres Musikvideo in Überlänge, ein Format, das sich über die letzten zwei bis drei Jahre immer häufiger in verschiedensten Genres breit gemacht hat. Die Bilder sind eindrucksvoll, aber nicht von herausragender Tragweite oder Aussagekraft, der dazugehörige Soundtrack in Form der Unpaved EP besticht durch gewohnt dynamische Produktion. Die Stücke erfüllen ihre Aufgabe innerhalb des Konzepts, ohne den Kurzfilm jedoch bleiben fünf Songs, die zwar nicht begeistern, aber doch befriedigen.

1. Unpaved
2. Sugar Owl
3. Poder Del Perro
4. Calle Tierra
5. Moving Objects

Zolin sagt: 7 von 10

Review: NMZS – Der Ekelhafte

„Düsseldorf ist mies. Bahnen kommen zu spät. Ganz klein, wie grässlich. Junkies leben hier. Alles wird kaputt gemacht. In Häusern wird eingebrochen.“ Das ist das Statement eines anonymen, jungen Menschen zur Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens. Düsseldorf ist der Schauplatz einer guten Dreiviertelstunde mit NMZS als Gastgeber, der den Ekelhaften mimt, zu seinem 29. Geburtstag. Mit dabei – in ein paar Vororten – sind die Kollegen von der Gazellenbande Panik Panzer, Danger Dan und Koljah sowie Illoyal und im Kleinen, Kurzen auch Xénia Saquet, Jan Geuer, Walter Druck, Manuel Boden und Helge Schneider. Für den Boden, auf dem sie stehen, sind Pitlab verantwortlich. Vorhang auf für die reichste Landeshauptstadt Deutschlands und seinen angewiderten Betrachter, der zu dem Kleinkarierer und dem Bienenjäger spricht. Was sie über seine Geschichten und Statements denken lest ihr im Folgenden.

Bienenjäger: Bevor wir hier auf einzelne Stücke eingehen möchte ich generell feststellen: Erfrischend, eine Hip Hop Platte zu hören, die auf ein sexistisches, homophobes Vokabular verzichtet und sich frei von Kategorien der Nation und Religion artikuliert. Etwas, was mir nach und nach aufgegangen ist, als ich die Platte mehrmals hintereinander hörte.

Kleinkarierer: Jetzt wo du es sagst, fällt es mir ehrlich gesagt auch erst auf, aber ja, stimmt. Ohne mich sofort in Kleinigkeiten stürzen zu wollen, fallen mir da als erstes die Anfangszeilen von Nie so wie ihr ein: „Alles, was ihr sagt, meint ihr ironisch / sogar eure Mode, wie komisch, ihr Homos!“ Nach Bruchteilen von stirnrunzelnden Sekunden folgt dann aber sofort in repräsentativer NMZS-Manier das Augenzwinkern: „Und ich rede nicht von schwul, nein, ich meine, ihr seid gleich / in der Art, wie ihr meint, dass es cool wär‘, zu sein / wie im Wort homolog oder Homogenität, nicht wie homosexuell, wenn ihr Homos mich versteht.“ Solche humorvollen Twists’n’Turns finden sich hier auch bei Tracks mit jeder erdenklichen Thematik, NMZS übertreibt dabei auch gerne mit gewollt überspitzten und komischen Beleidigungen oder provokanten Aussagen.

Bienenjäger: Da stimme ich dir zu, sein Humor zeichnet sich definitiv durch Übertreibung aus. Glücklicherweise hat er ja in dem bereits etwas älteren Stück Go Homo witzig klargestellt, wie sehr er sich an der weit verbreiteten Homophobie stört und sich dementsprechend distanziert. Ich selbst habe nichts gegen ein entsprechendes Vokabular im Battle Rap Bereich beispielsweise, der ja im Schlagabtausch besteht und mittels Übertreibung einen entsprechenden Humor vermittelt, ohne zwangsläufig eine derartige Ideologie zu transportieren. Morlockk Dilemma, Retrogott & Hulk Hodn und Taktlo$$ beispielsweise verehre ich sehr. Trotzdem fällt es im Jahre 2013 angenehm auf, einmal nicht die üblichen Schimpfwörter dieser Art in einem Album deutschsprachiger Rapmusik zu hören.

Kleinkarierer: Im Vergleich zur restlichen, oft schnöde stereotypen Raplandschaft der BRD definitiv erfrischend! Zumal ich NMZS und den Antilopen trotzdem nie Tendenzen zum allzu zahmen „Studentenrap“ oder dergleichen vorwerfen könnte; ich kenne sie seit jeher für ihre bodenständige Direktheit und Ehrlichkeit. Oft mit Nachdruck.

Bienenjäger: In der Tat, dadurch zeichnen sie sich aus. Aber wenden wir uns dem Inhalt vom Ekelhaften zu, die politischen Werte im Hintergrund sind ja geklärt. Auffällig sind die popkulturellen – von Nintendo über Comics zu Pro7 – und bildungsbürgerlichen – von Sartre über Heidegger zu Nietzsche und Kant – Referenzen, die sich in den öfter klamaukigen und seltener persönlichen Texten ihren Weg bahnen.

Kleinkarierer: Gleich im Intro wird klargestellt: NMZS sendet „live und direkt aus dem Großstadtdschungelcamp“, außerdem stellt er im gleichen Atemzug fest: „Andy Warhol hat gesagt, jeder kriegt ’ne Viertelstunde Fame“. Solch breit gefächerte Querverweise finden sich auf etlichen Tracks wieder. Schön ist, dass es NMZS gelingt, diese Mixturen aus Pop-Kultur und geistigen Wissenschaften bzw. Kunst abwegig, aber stimmig zu Pointen zu führen, die nie überspitzt sind oder elitär anmaßende Tendenzen vorweisen. Mit dem Titeltrack Der Ekelhafte läutet NMZS gleich nach dem deutlichen Intro seine Wut-Tiraden gegenüber Kategoriebürgern wie Spießern, vermeintlichen Künstlern und Pseudo-Intelektuellen ein: „Zwischen Gutmenschen und Misanthropen brauchst du ein Schwert, Ellenbogenschützer und Schienbeinschoner“. Dabei spuckt er keineswegs vom hohen Ross, sondern übt sich auf dem überproduzierten Synthetik-Beat in gewohnt makaberem Humor mit bildhaften Vergleichen an Themen wie Selbstisolierung und Selbstironie: „Und ich drücke eine Kippe auf dem Augapfel aus, stell‘ meinen eigenen Kadaver in ’nem Schaukasten aus.“ Inwiefern lässt dich dieser Humor an albernen Klamauk denken?

Bienenjäger: Klamauk deshalb, weil NMZS einen bewusst asozialen Sprachgestus verwendet, der in den persönlicheren Stücken seiner eigentlichen Art zu reden weicht. Wie siehst du das, Kleinkarierer, bietet der asoziale Ton einen humoristischen Mehrwert oder ist es eine misslungene Umsetzung einer guten Absicht?

Kleinkarierer: Gute Frage, die ich mir persönlich zweigeteilt beantworten müsste: Einerseits gelingt es NMZS durch die aufgesetzte Attitüde, derben Humor und sehr provokante Aussagen mit einer ironischen Schutzhülle abzuliefern. Andererseits kritisiert er diese zwanghafte Ironie und Plattitüde mehr als einmal an seinen Mitmenschen. Natürlich sollte man zwischen Gestus im Rap und im realen Leben unterscheiden, denn NMZS prangert ja zweiteres an, dennoch wirkt es beizeiten widersprüchlich.

Bienenjäger: Einige Widersprüche tun sich mir ebenfalls intuitiv auf, aber ich denke, es ist in seinem Sinne, Widersprüche zuzulassen und nicht pedantisch auf ein tertium non datur zu pochen. Über die Widersprüche kommen wir nämlich jetzt zu den biographischen Liedern. Was ist näher am Widerspruch als das Leben? Sehr, sehr stark finde ich Zimmer aus Papier, in dem er reich an Bildern und Referenzen seinen Vater darstellt und in dem Refrain Xénia Saquet launig, lautmalerisch die Zeilen vervollständigen lässt. Ohne ihn allzu sehr zu überhöhen oder schlecht zu reden ist es ein sanfter Song. Ähnliches lässt sich über jetzt ist es vorbei sagen, dem Schlussstück, auf das ein spaßiger, Helge Schneider sampelnder Track folgt. Wie war das? Fiel dir nicht besonders eine Textstelle auf?

Kleinkarierer: Jetzt ist es vorbei ist an sich ein recht gelungenes Schlusslicht. Doch auch hier finde ich einen mir wichtigen Aspekt noch zu wenig beleuchtet: das Persönliche. Obwohl NMZS an einzelnen Stellen des Liedes intim mit dem Hörer zu werden scheint, distanziert er sich in entscheidenden Momenten meiner Meinung nach wieder zu sehr, was für mich eine intensive Porträt-Erfahrung des „Ekelhaften“ sehr unvollständig macht. Die Textstelle, auf die du anspielst, ist im Prinzip der Refrain: „Jetzt ist es vorbei, aber okay / Ich kann damit leben, es tut halt noch weh / Jetzt ist es vorbei, bin noch n bisschen benebelt / Aber ich habs überlebt, hey, danke, das geht schon“.

Bienenjäger: In der Tat eine bemerkenswerte Textstelle – er bringt etwas auf den Punkt, das jeder kennt. Von den inhaltlichen Stationen, die wir angesprochen haben, möchte ich zur musikalischen Untermalung weiterziehen. Wie beurteilst du die musikalische Umsetzung?

Kleinkarierer: Hier liegt für mich persönlich ein großer Knackpunkt, der seit meinem ersten gehörten Antilopen-Release eine Rolle spielt. Da sind Tracks wie beispielsweise Frag mich nicht oder Tik Tok, deren Instrumentals in ihrer Anti-Alles-Haltung wie nebenbei produziert oder von der Beathalde geholt klingen. Was sich zwar vom Konzept her gut mit NMZS humoristischer Radikalität in der Lyrik deckt, stößt bei mir persönlich eher auf taube bzw. vergraulte Ohren. Dann gibt es wiederum Tracks wie Siegen oder Zimmer aus Papier. Der Grad liebevoller Sorgfalt für solche Instrumentals scheint auf Der Ekelhafte mit der Ernsthaftigkeit der Lyrik einher zu gehen. Siegen bietet schmerzlich ehrlich reflektierte Einblicke in das Eigenheim, Studentendasein und die Selbstwahrnehmung des Jakob Wich. Griffige Beispiele aus seinem Leben, die er dem Hörer zusammen mit dem grandiosen Beat aus Streicher-Sample, dunklem Piano-Anschlag und den großspurigen, langsamen Drums unglaublich stimmungsvoll präsentiert. Dazwischen finden sich mäßig bis sehr solide produzierte Einzelstücke wie Trance, Sarkophag oder NMZS 2. Was hältst du von besagter Umsetzung?

Bienenjäger: Ich weiß gut, was du meinst, muss aber sagen, dass ich mich daran nicht störe. Wie du sagtest, sind die Beats und Texte symmetrisch. In den ernsten Stücken hätte ich mir aber noch mehr musikalischen Feinschliff gewünscht – ein Aspekt, bei dem ein bisschen Potenzial nach oben verloren geht. Die drei einzelnen 1984 Teile halte ich beispielsweise für musikalisch gediegen. Benannt nach seinem Geburtsjahr rollt er verschiedene Phasen seines Lebens auf. Zudem möchte ich den Gastpart von Illoyal bei Trance hervorheben: Absichtlich off in Taktfragen liefert er einen bemerkenswerten Gastbeitrag ab und erzählt mit NMZS plastisch vom Schwindel, der uns oft genug im Alltag ereilt.

Dieser Diskurs ließe sich noch lange weiter führen. Daher möchte ich zum abschließenden Urteil einlenken: Ich halte Der Ekelhafte für ein gutes Rapalbum, das musikalisch ausbaufähig ist, textlich aber durch seine Haltung zu überzeugen weiß. Lob auch an die hingebungsvolle Gestaltung der Verpackung wie des Booklets. Wie urteilst du, Kleinkarierer?

Kleinkarierer: Für mich stellt Der Ekelhafte das erste längerfristig genießbare Release von NMZS, bzw. der Antilopen Gang dar. Einige Tracks sind sehr gelungen, inhaltlich wie technisch, einzig an der Produktion stoße ich mir noch zu oft den Kopf. Abgesehen von diesen wenigen Perlen des Albums und des erwähnten Mankos bei den Instrumentals fehlt mir persönlich jedoch die konstant gehaltene Substanz. Die meisten Tracks haben nur wenig bis mäßigen Erinnerungswert für mich: ich hätte gern noch tiefere, drastischere Beispiele und Einblicke bei persönlichen Stücken, noch ausgefeiltere Technik, noch derberen und kreativeren Humor bei den unterhaltenden Stücken gehabt. So oder so werden Antilopen– wie NMZS-Fans und Interessierte großen Gefallen an diesem Album finden. Der Ekelhafte besetzt als Konzept-Album und letztes verbliebenes Werk des Rappers definitiv einen besonderen Platz der diesjährigen Releases.

1. Intro
2. Der Ekelhafte
3. Düsseldorf Skit
4. 1984 I
5. Frag mich nicht
6. Amok Amok
7. Tik Tok
8. Nie so wie ihr
9. 1984 II
10. Siegen
11. Zimmer aus Papier
12. NMZS Skit
13. NMZS 2
14. Gazellenbande feat. Panik Panzer, Danger Dan & Koljah
15. 1984 III
16. Sarkophag
17. Trance feat. Illoyal
18. Jetzt ist es vorbei

Bienenjäger sagt: 7/10
Kleinkarierer sagt: 7/10

Bienenjäger: Hans Unstern + Mary Ocher im Ringlokschuppen in Mülheim, 23.11.2013

Mary Ocher und Bob, eine leicht eingebeulte, große Weihnachtskugel. Ein ungleiches, von Hans Unstern eingeladenes Paar, das die Bühne betritt. Im Dunkeln schlummernd liegen die Unstern’schen, selbstgebauten Instrumente, zwischen denen Ocher entlangläuft, zielsicher Mikrophon und E-Gitarre anvisierend. Mit einer bemerkenswert starken Stimme und Vibrato in den Höhen – sonst dem Bienenjäger verhasst, hier ein seltener Fall eines ästhetischen, nicht rein technischen Gelingens – singt sie poetische Zeilen auf Englisch. Sie pendelt zwischen mythisch aufgeladenen Naturbetrachtungen, altmodischen, dem Folk entlehnten Erzählformen und aufgearbeitetem Privatem. Dabei stammen alle Lieder von ihrer aktuellen Langspielplatte Eden, ein herrlich schrulliges, minimalistisches Werk, das in seiner Reduktion nur durch die Art und Weise übertroffen wird, wie Ocher es live darbietet. Ein kleiner Korg-Synthesizer, eine E-Gitarre, zwischenzeitlich ein Klavier, viel Hall auf dem Gesang – all das genügt, all das lässt sie für sich stehen. Kurz und charmant kündigt sie Songs an oder geht ebenso knapp auf die Publikumsreaktion respektive ihr Ausbleiben ein. Am Ende geht sie von der Bühne und nimmt Bob wieder mit; der Kreis öffnet sich.

Der große Hans Unstern Schwindel jährt sich, ein Werk, das zurecht kanonisch werden könnte; wenn sie denn hier wollten, aber sie wollen nicht, wie das oft bei herausragenden, künstlerischen Arbeiten ist. Krautrock, wir vergessen dich nicht. Unstern fährt unbeirrt fort. Ausgestattet mit glitzerndem Lidschatten und Nagellack bittet er das Publikum, näher zu treten und eröffnet das Konzert mit Unbenannte Datei, jenes nach wie vor intensive Kindheitstrauma, am hochkant gestellten Saitenbezug eines Pianos. Was diesem wie den anderen Stücken eine besondere Note gibt und das Konzert in eine wirklich sehens- und hörenswerte Erfahrung verwandelt, selbst für eingefleischte Kenner seines bisherigen Schaffens, ist die Variation der Lieder. Instrumentell wie formell stellt er mit der eingespielten Bande Songs um, dehnt Teile, verkürzt andere, kurz: Langeweile ist ihm fremd. Entlegene Winkel und Areale im Kopfe und Bauch berührt er mit heller Stimme und im besten Sinne merkwürdigen Texten unangestrengt und mühelos, liefert mit vielen selbstgebauten Musikinstrumenten originell ab. Die Weise, in der er sich artikuliert, nimmt der deutschen Sprache mit hoher Musikalität das Eckige und Kantige, gibt ihr einen selten gehörten Schliff. Einige Stücke gehen nahtlos ineinander über – die vielen beweglichen Augenblicke erlangen beinahe Charakter einer Jamsession. Für den Bruch dieses Textes: Bevor wir uns weiter in verschwurbeltem, aspektorientiertem Schreiben verlieren, zurück zur chronologischen Betrachtung; der Leser ist nicht im Stich zu lassen, lautet eines der zehn musikliterarischen Gebote.

Der Datei folgt Bea Criminal, hymnischer Schlusspunkt des Schwindels: „Wann ist Autos anzünden endlich Street Art?„, eine Zeile die zum Farbstich unter der Haut taugt. Viele Sätze weisen diese Qualität auf, von daher beginnt und endet die Liste unmittelbar. Begib dich auf Spurensuche. Entweder&Oder rückt nun ins Auge der Betrachtung. Auf der Holzstuhlharfe schrammelt er wie auch auf dem Tonträger und bei der Konzertreise vor einem Jahr wild, gibt Rätsel auf, lässt eine diffuse Ahnung zurück, dass hier Mutter Theresa und Achilles für jeden eine unglückliche Liaison eingehen; kein exklusives Ereignis ist der Sumpf, der sich Eltern nennt. Für den tiefen Treffer der Hookline begibt sich Unstern erneut zur Klavierharfe, weitet diesen erhabenen Moment von Poesie und existenzieller Frage aus: „Woher kommt diese Einsamkeit?„. Für Hülle hingegen ergibt sich eine vergleichsweise klassische Situation, mit Akustikgitarre auf einem Barhocker. Zwischendurch verliert er den Faden, nimmt ihn nonchalant wieder auf – der Fehler ist zulässig im System Unstern. Mit dem Schuhe-zuverlässig-ausziehendem, unschöne Wörter in schöne verwandelndem ergiebig und erschwinglich und dem Posterboy – „Reden ist Plastikgold, was aber ist Schweigen?“ – befinden wir uns schon auf der Zielgeraden: Mit schwarzen Lippen sitzen wir hinten ist eine nach wie vor gelungene Spitze gegen die Schulbank, Ich schäme mich die Bekenntnis zu nackten, roten Wangen. Entwaffnende Verletzlichkeit und Theater sind Konstanten dieser Show.

Der letzte Block ist der Zugabe gewidmet. Hier greift er auf Material von dem Erstling Kratz dich raus zurück. Tief unter der Elbe ist der vielleicht intimste Moment – allein, ohne elektrische Verstärkung der Akustikgitarre, Stimme und Mundharmonika, steht er am vorderen Rand der Bühne, zum Greifen nah. Dieser Folksong: Ein Geschenk. Dass Paris ebenfalls ein Kleinod ist, dürfte eine Eule nach Athen sein. Hervorstechend: Die Umbildung von Endlos Endlos. Fein schleichen sich technoide Rhythmen ein, als ob geradliniger, elektronischer Klang schon immer ein Geschehen analoger Instrumente gewesen wäre und nicht Maschinenmusik, High Tech Soul. Am Ende verabschieden sie sich mit einer Improvisation, an der sich auch Ocher beteiligt; der Kreis schließt sich. Nur Liebe für dieses Kollektiv. Als die Musik schließlich verklungen ist und der Bienenjäger flüchtig mit Unstern spricht, ist er zu verlegen, ihn zu fragen, wie es mit einem dritten Album aussieht. Wohin führt die Unordnung Unstern? Mit viel Phantasie bleibt es dennoch ungewiss. Nur das Vertrauen bleibt, das Hans Unstern noch viele Kinder schaukelt.