Review: Archy Marshall – A New Place 2 Drown

Archy Marshall

Stille Wasser sind die tiefsten, und wenn Archy Marshall von einem Ort zum Ertrinken spricht, so dürften sich einige Herzen schon voller Vorfreude in Badestimmung versetzt haben. Mit einer kläffenden Bariton-Stimme, die in jeder Zeile unter der Schwere des Gesprochenen fast wegzubrechen scheint, versorgte der junge Brite uns bisher schließlich zuverlässig mit Einsichten in seine verworrene bis verzweifelte Gedankenwelt – sei es als Zoo Kid oder als King Krule, der Speerspitze seiner Armada aus Künstlernamen. Letzteres Alter Ego bestach vor allem durch seine simple band-artige Instrumentierung auf dem Feuilleton-Liebling 6 Feet beneath the Moon, das sich dem gegenwärtigen Beatmaker-Trend nicht vollständig verschloss, sondern Ansätze davon gekonnt in sein jazziges Songwriting einarbeitete; nun scheint die Faszination für Hip Hop-Beatkonstrukte die Oberhand gewonnen zu haben.

Bar jeglicher Alter Ego-Allüren, dafür jedoch mit musikalischer Unterstützung seitens seines Bruders im Gepäck, schickt uns Archy Marshall unter seinem echten Namen auf A New Place 2 Drown in die Weite von seinen 12 wässrigen, fast schon unterkühlten Beats. Wie sehr man dazu bereit ist, sich in dieser schemenhaften Kollektion zu verlieren oder gar zu ertränken, sei jedem selbst überlassen. Nur weil man vom Ertrinken spricht, müssen die Gewässer dafür nicht unbedingt tiefgründig sein – mit viel Mühe ließe sich der Tod durchs Ertrinken bestimmt auch in einer Regenpfütze grandios vollführen. Auf A New Place 2 Drown zeugen nämlich ausnahmslos alle Tracks von einer Seichte, die den Titel des Albums schon fast ins Lächerliche zieht.

Any God of Yours zum Beispiel wabert als vollständig instrumentales Intro formlos hin und her, während einzig die gelegentlichen Seufzer Marshalls darauf schließen lassen, dass er in dieser Angelegenheit involviert war. Der Beat baut eine Atmosphäre auf, die nicht aneckt, sondern höchstens vertröstend die Frage in den Mund legt, wie denn sowas mit einer Rap-Einlage wohl klingen würde – und die Antwort darauf lässt nur einen Track lang auf sich warten. Swell markiert den Einstieg von Archy’s Sprechgesang, der sich fortan mit der dB-Anzahl der Beats einen fortwährenden Kampf leistet. Die Stimme wurde hier wie auch überall leiser abgemischt, sodass sich das Gesprochene nur schwer aus dem instrumentalen Hintergrund fischen ließe – wenn dies jedoch klappt, so sieht man sich mit der Gehalt- bis Belanglosigkeit des Textes konfrontiert, der sogar die Beats teilweise zu unterbieten versteht.

Textlich bewegt sich Archy Marshall nicht weit von seinen amourösen Ausflüchten, der Flucht aus denselben und der dazugehörigen Portion psychonautischer Selbstzerfleischung. Wie etwa in Ammi Ammi, dem einzigen Ausfallschritt auf A New Place 2 Drown, der von der vorangegangenen Jazz-Sensibilität zeugt; oder dem etwas schneller angehauchten Sex with Nobody, das einzig und allein dadurch das Highlight des Albums bietet, dass es dessen durchgehend komatöses Feeling zumindest einen Track lang auszublenden vermag. An gelegentlichen Samples aus seinem Alltag und dem Track Arise Dear Brother lässt sich zweifellos schließen, dass A New Place 2 Drown eine äußerst persönliche Angelegenheit, eine Family Affair für Archy Marshall war. Bei dem Gehalt dahinter stellt sich allerdings die Frage, ob sich der Tausch „Persönliches gegen Musik mit Persönlichkeit“ wirklich gelohnt hat – ein Album, dessen Charme in seinem Mangel an aneckender, vielleicht fordernder Persönlichkeit liegt, lädt nun wirklich nicht zum beherzten Kopfsprung darin ein. Und schon gar nicht erst zum darin Ertrinken.

1. Any God of Yours
2. Swell
3. Arise Dear Brother
4. Ammi Ammi
5. Buffed Sky
6. Sex With Nobody
7. Eye’s Drift
8. The Sea Liner MK 1
9. Empty Vessels
10. New Builds
11. Dull Boys
12. Thames Water

Zolin sagt: 3 von 10

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