Die besten Alben des Jahres 2015: 30-21

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Während die Kollegen von Pitchfork und Tiny Mixtapes heute bereits ihre gesamte Liste der besten Alben des Jahres veröffentlicht haben, will sich Zolin weiter etwas Zeit lassen. Gut Ding will Weile haben. Und manche Phantasie-Internetwesen haben schließlich auch noch ein Privatleben. Würglich jetz‘. Also tastet sich Zolin langsam aber bestimmt an die Top 10 vor und nimmt sich nach den Ausgestoßenen nun der Plätze 30 bis 21 an.

30. Bilderbuch – Schick Schock


Zwei Jahre in Folge wurden Bilderbuch als das nächste große Ding in Zolins Jahrespoll gefeiert. Zugegebenermaßen eine gemessen an ihrer stetig wachsenden Beliebtheit keine allzu kühne Prophezeiung. Und siehe da, kaum kommt das neue Album, sind die Österreicher auch schon in aller Munde, spielen ausverkaufte Clubtourneen und laufen selbst beim rückständigsten Jugendsender im Saarland. Ganz zu erwarten war auch die Songauswahl von Schick Schock, die letztlich Fluch und Segen in einem ist. So finden sich auf Schick Schock (bis auf eine Ausnahme) alle Tracks, die sie im Laufe der langen Vorlaufzeit veröffentlicht haben und recht wenig gänzlich neues Material. Glücklicherweise tut das dem Hörgenuss keinen Abbruch, Songs wie OM und Maschin funktionieren immer noch wunderbar. Ganz zu schweigen von den neuen Songs wie Softdrink oder Willkommen im Dschungel, die nochmal untermauern, dass Bilderbuch im deutschsprachigen Raum –  zumindest musikalisch – einzigartig sind.

29. Mount Eerie – Sauna


Denjenigen, denen das Privileg verwehrt bleibt, sich im Wärmeschwall einer hauseigenen Sauna räkeln zu können, sei hiermit die jüngste Platte Mount Eeries unter die Tanne gelegt. Wellness-Gurus haltet euch fest, denn nicht nur der Name sondern auch der Effekt ist derselbe: Mit seinem nunmehr siebten Album, einem Doppelalbum voll von Gegensätzlichkeiten und Brüchen, bringt Mount Eerie Zolin auch ein knappes Jahr nach Release immer noch mindestens genauso ins Schwitzen. Es geht leise und laut zu, klar und chaotisch, man sinniert über Natur und über Industrie, es wird romantisch-sphärisch und im nächsten Moment schmerzlich zerrüttend, sobald die unterkühlten Drones zur Tür hereinschneien. Und doch, so hitzig und kräftezehrend der Schlagabtausch auch noch sein mag, fühlt man sich nach Mount Eeries Sauna bis in die tiefsten Poren entgiftet.

28. Mac Miller – GO:OD AM


Mac Miller kam, sah und lieferte ab. Mit seinem neusten Streich GO:OD AM gelingt ihm die schlüssige Fortsetzung seines letzten Albums und knüpft an Faces und Watching Movies With The Sound off an. Eindimensionale Platitüten sind hier fehl am Platze, stattdessen ist GOOD:AM ein sehr persönliches, emotionales Werk, auf welchem Mac Miller einmal mehr sein Heranreifen als ernstzunehmender Musiker und Künstler darbietet. Der Qualität des Albums kommen auch hervorragende Beats zu Gute, die dem Album eine kohärente Struktur geben. GO:OD AM ist ein weiterer Schritt zur Qualität eines J. Coles oder Kendrick Lamars. Ein Hoch, dass Easy Mac with the cheesy Rap der Vergangenheit angehört.

27. Hop Along – Painted Shut


Hop Alongs Painted Shut ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Zu allererst ist es wahrscheinlich das erste Album, das eine nicht furchtbar peinliche Social Media-Referenz macht. Allein das genügt sicherlich schon, um irgendein thinkpiece zu inspirieren. Aber das ist auch nur eine selbstauferlegte Ablenkung, um nicht über das zu sprechen, was Painted Shut wirklich so herausragend macht: Sängerin Frances Quinlain. Diverse Reibeisen-Vergleiche mögen zwar naheliegen, aber die kitschige Diamanten-Metapher zieht hier effektiver, denn definitiv stark angespannte Stimmbänder schreddern selbst auf den akustischen Nummern durch jede noch so verzwickte Instrumentierung und trotzdem verliert sie nie ihren Glanz und ihren Wert in einer Szene voller Stimmen, die sich nicht für ihre Umgebung zu interessieren scheinen. Diese Umgebung mag langweilig erscheinen, doch das richtige Auge macht aus ihr faszinierende Geschichten über alles und nichts. Inklusive überraschenden und humoristischen Momenten, die dieses Jahr wenige Platten boten. Wenn „I wish you and your friends/would leave“ auf Waitress Platz für einen kleinen Moment Stille macht, sieht man ein Gesicht vor sich, dass gleichzeitig mit den Augen rollt und ein kleines Lachen zu verstecken versucht.

26. Knowsum – HiHat Club Vol. 7: Hyasynthus


Eigentlich ist die HiHat Club-Reihe ja Garant für gute BoomBap-Unterhaltung. Anstatt aber nur einen weiteren guten, aber insgesamt sehr unspektakulären Reihenbeitrag zu produzieren, wie es die letzten waren, führt Knowsum das Konzept des Boom Bap-Beats ad absurdum. Wer hat denn behauptet, dass Boom Bap-Beats immer im Hip Hop zu verorten sein müssen? Hyasynthus, so der kryptische Name seines Beitrages, klingt nach vielem, aber garantiert nicht nach klassischem Golden Era-HipHop. Mrsfcfoe klingt beispielsweise nach Aphex Twin zu seinen SAW 2 Zeiten, Bubbles experimenteller als Erykah Badu auf Pilzen. Der letzte, der so mit den HipHop Konventionen zu spielen vermochte, war ein gewisser Flying Lotus. Von diesem ist Knowsum spätestens seit Hyasynthus nicht mehr weit entfernt.

25. Carly Rae Jepsen – Emotion


Zwei Musiker beherrschten im Jahre des Herren 2015 das Genre des introspektiven Bangers wie kein anderer: Young Thug und, ja, Carly Rae Jepsen. Emotion (dessen Pseudo-Lautschrift Namensgebung den Inhalt auf magische Weise verstärkt) ist eine makellose, exzellent berechnete Sammlung von grandiosen, strahlenden Popsongs irgendwo zwischen Burial und Rom-Com Liebe. Was sich zu allererst nach schmalem Grad anhört, offenbart sich schnell als detailverliebt, stets stilvoll und sich seinen Einflüssen und Interessen gleichzeitig leidenschaftlich hingeben, aber stets einen kleinen Abstand gewährend. Dass der kommerzielle Erfolg ausblieb, ist wahrlich ironisch, denn Emotion ist vollgepackt mit ohrwurmigen Momenten und quasi ein Pop-Best Of: LA Hallucinations‚ Intro auf das Daniel Lopatin vielleicht etwas neidisch wäre, Saxophon-Blumensträuße, Basslines direkt aus Lady In Red oder wie wäre es gleich mit Carlys Version, All That? Emotion ist zartbitter, blutrot, neondurchflutet und, pardon, emotional.

24. Father John Misty – I Love You, Honeybear


Zumindest im Geiste ist einer der punkigsten Outputs dieses Jahres ausgerechnet von J. Tillman bzw. Father John Misty, seines Zeichens ehemaliger Drummer und Folk-Apostel der Fleet Foxes. Wie verträgt sich diese ungeheure Behauptung mit dem zahmen Genre, das den zu durchbrechenden Rahmen für I Love You, Honeybear bietet? Als Antwort reicht schon der Verweis auf eine der letzten Zeilen des Albums des Closers I Went to the Store One Day, wo er die Vergangenheit, Gegenwart und erhoffte Zukunft mit seiner Geliebten in einem gewagten, fast nonchalanten Satz kulminiert: “Insert here a sentiment re: our golden years“. Im Kontrast zum liebevollen Aussagegehalt des Albums brodelt irgendwo unter den zahlreichen Schichten aus Gitarren, Bläsern, Streichern und anderen folkigen musikalischen Höflichkeiten der rüde, selbstzerfleischende und immer punktgenaue Blick Tillmanns auf die Welt, stetig dazu bereit, dieses Lebkuchenherz von einem Album in dem Maße zu verbrennen, dass es fast so schwarz wie der Humor dahinter wird und doch absolut genießbar bleibt. Der zuckersüßen Glasur des Folks sei Dank.

23. Audio88&Yassin – Normaler Samt


Man könnte an dieser Stelle einfach den gesamten Text des Intros abtippen und man hätte alle Signature-Moves, Themenschwerpunkte und Stärken des Albums eingefangen. Ach, einen Moment noch: Die Beats von Torky Tork und die Gastbeiträge an sich sind noch ziemlich groß. Jetzt aber: „Normal ist nur der, der normale Dinge tut[…]Wer hat gesagt, dieses Album kommt niemals?[…]Ein paar klärende Worte zur Lage der Nation mit Anlauf gespuckt durch unser Fenster zum Hof[…] Normaler Samt – Pump ihn bis du runter schluckst“. Eine Sache noch: Was normal ist und was nicht, bestimmt immer noch Zolin!

22. Future – DS 2


What a time to be alive. Offiziell war 2015 ja Drakes Jahr, was nicht zuletzt an zwei Nummer 1 Alben in den USA und Hotline Bling lag. Aber zieht man andere Quellen hinzu, wird schnell klar: Future ist der wahre Gewinner. Er drehte nicht nur eine kollaborative Ehrenrunde mit seinem kanadischen Crooner-Kollegen, sondern verewigte sich nach seinem unglaublichen Dauersprint, der Ende letzten Jahres mit Monster begann, mit DS2 entgültig in Form einer Platinplakette in den Herzen aller Rapliebhaber, die ihn nicht auf Youtube darauf hinwiesen, doch mal bitte „anständiges Englisch“ zu rappen. Doch Genies werden gerne mal missverstanden und man darf gut und gerne behaupten, dass jeder der in DS2 nicht mehr als ein weiteres turn up-Tape sieht, die wahren, lilagetünchten und manisch-depressiven Abgründe des Projektes nicht wahrhaben wollte. Verständlich, denn selten schockte ein Rap-Album nach näherer Betrachtung mehr. „That remind me when I had nightmares“ indeed.

21. Death Grips – The Powers that B


Auch wenn sie uns schon im letzten Jahr mit der ersten Hälfte ihres Doppelalbums wiederholt gezeigt haben, dass sie der blut- und schweißgetränkte musikalische Sandsack für Aggressionen und all das Verruchte, Nicht-Salonfähige in uns bilden, blieben Death Grips den Erwartungen entsprechend verschlossen, wenn es um die Einordnung von Niggas on the Moon im Gesamtkonzept von The Powers that B ging. Teils der bisherigen Band-Historie voller punkiger (Nicht-)Promo-Moves, teils der ungewöhnlichen Ästhetik auf Niggas on the Moon verschuldet – schließlich wurde hier die Stimme Björks, dem menschgewordenen Mutterschiff der stimmlichen Lieblichkeit, kurzerhand zur Klang-Kettensäge umfunktioniert – musste man also blindlings in Jenny Death hineinstolpern, um zu erkennen: entgegen ihrer eigenen, zum Anlass der angeblichen Band-Auflösung auf eine Serviette dahingerotzten Formulierung sind Death Grips gerade post mortem auf bestem Wege zur Höchstform. Denn Jenny Death bildet nicht nur die schließende Klammer für das erste Doppelalbum von Death Grips. Dank der Mixtur aus kompromisslosem Hip Hop und Punk/Hardcore-Allüren, die sich zum ersten Mal sowohl im Text als auch der gitarrenlastigeren Instrumentierung gleichermaßen erkennen lassen, gelingt der Band ein weiterer Stilbruch und Meilenstein in ihrer ohnehin schon schizophrenen und hoffentlich endlosen Diskographie.

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