Ausgestoßen 2015

Ausgestoßen14

Wer denkt, dass die Fühls schon bei den Enttäuschungen ganz oben waren, der sollte erstmal lesen was bei den Ausgestoßenen aus den Top 30 so geht. Denn wie es so in der Natur einer Top 30 liegt, können – Überraschung – nur 30 Alben dabei sein. Trotzdem gibt’s noch den ein oder anderen Liebling von Zolin aus diesem Jahr, der unbedingt erwähnt werden sollte. Besonders die, an die man zunächst gar nicht denken würde. Wusstest Du zum Beispiel schon, dass sich das gemeinsamme Album von Skrillex und Diplo gut konsumieren lässt? Oder das auf Four Music in diesem Jahr tatsächlich doch ein gutes Pop Album veröffentlicht wurde? Nein, dann jetzt aber aufgepasst:

Jack Ü – Skrillex & Diplo Present Jack Ü

jack ü
Dass es sich bei Diplo und Skrillex um Ausnahmemusiker mit „Hate it or love it“-Garantie handelt, haben uns beide in den letzten Jahren oft genug unter Beweis gestellt. Als dann Gerüchte groß wurden, dass sich ein Projekt beider EDM-Kasper anbahnen würde, waren die Erwartungen bei den nicht wenigen „Nicht-Hatern“ immens. Das Ergebnis ist alles andere als eine Enttäuschung. Die beiden haben es geschafft, ihre pure Energie in Musik umzumünzen und mit ihrem knüppelharten EDM/Trap-Hybrid den Nerv der Zeit zu treffen. Sprich, all das was Spaß macht, auf einem Album zu vereinen. Und das solch ein Projekt von seinen Gastbeiträgen lebt, liegt auf der Hand. Was macht man also, wenn man per du ist mit der halben Musikindustrie? Richtig, man holt sich einen der erfolgreichsten Popstars des Planeten, gemeint ist Justin Bieber, und haut mal ebenso einen der besten Tracks des Jahres raus, selbst für nicht-Belieber. Und die Prämisse der beiden? Stets der totale Abriss!

Viet Cong – Viet Cong

Viet Cong
Der sensationsgefräßigen Hörerschaft lieferten Viet Cong im Grunde genommen schon von klein auf deftige Schlagzeilen: Sei es noch zu Zeiten ihrer skandalträchtigen Mutterband Women, mit ihrem äußerst heiklen, dem Vietnamkrieg würdigenden Bandnamen oder zuletzt der finalen Kapitulation jenes viel umstrittenen Namens. Wie sie jetzt letztendlich heißen? Keine Ahnung. Dennoch gilt hier nicht „viel Wirbel um nichts“, schließlich soll nicht unbeachtet bleiben, dass die Band „formerly known as Viet Cong“ trotz allem ein ganz fantastisches Debüt hinterlässt. Mit ihren wuchtig sperrigen Gitarrenwänden, sprudelnden Drums und frenetisch hämmernden Bässen erweisen sie sich als souveräne Bauherren eines krachig hallenden LoFi-Sounds, der sich 36 wunderbare Minuten lang dem gnadenlosen Noise Punk verpflichtet. Viet Cong klingt harsch und dreckig, scheißt auf Songstrukturen und sprengt ohne falsche Zurückhaltung den letzten Ohrwurm Interpols, der noch in den tief verwinkelten Gehörgängen spukte.

Fatoni & Dexter – Yo, Picasso

Fatoni & Dexter - Yo, Picasso
Der selbsternannte Benjamin Button des Raps und der wahrscheinlich musikalischste Kinderarzt Heilbronns, was ein bisschen nach den Hauptrollen des neuen Pixarfilms klingt, sind in Wirklichkeit die Protagonisten eines der stärksten Deutschrap Alben der jüngeren Vergangenheit. Fatoni spittet stets mit doppeltem Boden und durchgrast dabei sämtliche Rapklischees, ohne jedoch selbst zu einem zu werden: Sei es als Storyteller (Stalingrad), Swagger (Semmelweisreflex) oder auch als Rapper mit politischem Anspruch (32 Grad). Unterstützt wird das ganze nicht nur von Dexters Beats, die auf Yo, Picasso sogar nochmal besser sind als auf seinem letzten Album Palmen & Freunde, sondern es sich auch nicht nehmen lässt, selber ans Mic zu steppen und bei ADHS einen grandiosen Part auszuspucken.

Mutoid Man – Bleeder

Mutoid Man - Bleeder
Wenn gefühlt jeder einzelne Track auf einem Album die Durchschlagskraft eines Rammbocks von Opener innehat und die unterschwellige Komplexität die vordergründige Eingängigkeit kaum stört, kann man getrost von einem guten, abwechslungsreichen Album sprechen. Wenn ein solches Album ausgerechnet im oft redundanten und versteiften Genre des Hard Rock/ Sludge-Metals einschlägt, sprechen wir von Mutoid Man; einer Band, die ihrem Supergroup-Status und der damit einhergegangenen medialen Aufmerksamkeit mit ihrer Debüt-LP Bleeder mehr als gerecht wird. Endlich ein Metal-Album, das sich trotz Verzerrung und mächtiger Machart auch einem Metal-Abstinenzler erschließen dürfte.

Zugezogen Maskulin – Alles Brennt

Zugezogen Maskulin - Alles Brennt
Zugezogen Maskulin haben 2015 zweifelsohne eine der wichtigsten deutschen Platten des Jahres abgeliefert. In Zeiten, in denen Rap (wieder) politisch sein darf und stellenweise sogar sein muss, wissen die beiden Wahlberliner sehr gut, einen Spagat zwischen Guccibauch und Oranienplatz zu machen. Doch nicht nur aus politischen Gründen weiß das Album der beiden Buback-Schützlinge zu überzeugen. Vielmehr sind es der wunderbare Humor und die modernen Produktionen, die den Hörer packen und dafür sorgen, dass der Staub deines Lieblingsfestivals im zurückliegenden Sommer gewaltig aufgewirbelt wurde. Spannend bleibt einzig die Frage, wie das nächste Album der beiden aussehen soll. Denn wenn man dem Internet glauben darf, wurde Deutschrap mit der Neuauflage von Füchse in Zusammenarbeit mit Enaka und LGoony kaputt gemacht. Aber im Internet steht ja viel und zumindest Grim104 sollte auch mit holländischen Gabba-Einflüssen oder Oi-Punk keine Probleme haben.

Panda Bear – Panda Bear Meets The Grim Reaper

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Im Schatten der Mitteilung, dass uns im nächsten Jahr die Freakpop-Pioniere Animal Collective mit Painting With ihr inzwischen elftes Studioalbum in die Köpfe gießen werden, gerät der einzige diesjährige Lichtblick aus dem Kollektiv womöglich in Vergessenheit. Dabei hat Noah Lennox a.k.a. Panda Bear mit dem kaleidoskopischen Panda Bear Meets The Grim Reaper alles richtig gemacht, was seine Hauptformation auf ihrer bislang am meisten verwirrenden LP, Centipede Hz, versäumt hat; die repetitiven Melodien leiden hier nicht unter der wabernden Ästhetik, sondern entfalten durch diese ihre feinfühlige Psychedelic-Pop-Sensibilität mit Hip Hop-Andacht. Hörern, denen es dieses Jahr aus welchen Gründen auch immer an Synästhesie oder Brian Wilson-Momenten im Pop gefehlt hat, sei in alljährlicher Retrospektive dieses Album ans Herz gelegt – und zwar nicht nur, um die Wartezeit bis Painting With zu überbrücken.

Holly Herndon – Platform

Holly Herndon - Platform
Wenn man an Cyborgs denkt, so assoziiert man damit wahrscheinlich am ehesten Terminatoren, Dr. Geros Mutanten aus Dragon Ball Z oder die Replikanten aus Blade Runner, Musik eher weniger. Doch als eine Art Cyborg, halb Maschine, halb Mensch, könnte man die Musik von Holly Herndon aus Tennessee bezeichnen. Auf ihrem Album Platform beschäftigt sie sich fortwährend mit der Computer-Mensch-Interaktion sowie dem großen Feld des „Big Data“. Klangteppiche, Vokalfetzen und unruhige Beatgewitter ergeben die be(un)ruhigende Symbiose zwischen Mensch und Maschine, die Platform ist. Computerliebe im 21. Jahrhundert.

A$AP Rocky – At.Long.Last.A$AP


Kendrick Lamar und Vince Staples waren in diesem Jahr nicht die einzigen Rapper, die sich mit ihrem jeweiligen Album in experimentelle Gefilde begeben haben. Auch der eigentlich eher als Chef-Swagger bekannte A$AP Rocky hat mit At.Long.Last.A$AP ein Album ohne sichere Hitsingles, dafür aber mit Konzept und stark von den späten 60ern beeinflussten, introvertierten Songs veröffentlicht. Dass während der Aufnahmen, bzw. kurz zuvor Rockys enger Freund und jahrelanger Förderes A$AP Yams verstorben ist, hat ebenfalls einen sehr düsteren Einfluss auf das zu Hörende. Und was in den späten 60ern galt, gilt auch hier: Schlecht für den Künstler, gut für uns.

Balbina – Über das Grübeln

Balbina - Über das Grübeln
Über das Grübeln ist wahrscheinlich das interessanteste deutschsprachige Pop-Album seit Dagoberts selbstbetiteltem Debüt. Dabei ist es nicht unbedingt ihre Deutschrap Vergangenheit oder die Instrumentiertung. Letztere ist zwar überaus gelungen und hält bisweilen internationalen Vergleichen stand, die wahre Stärke von Balbina ist aber Balbina selbst. Ihre fantastische, tendenziell eher dunklere Stimmfarbe in Kombination mit unverschnörkelten, nahezu an Stream of Consciousness erinnernden Texten, die einem das Gefühl vermitteln, direkt in Balbinas Herz blicken zu können. Der letzte, der das vermocht hat, war Blumfelds Jochen Distelmeyer.

Ezra Furman – Perpetual Motion People

Ezra Furman - Perpetual Motion People
Bärtige Menschen mit Gitarre sind oft ein Klischee im Klischee. Selten findet man Musiker im Folk, die ihre Musik dahin treiben wollen, wo sie den Hörer nahezu schmerzt. Die einzig besungenen Schmerzen sind oft gebrochene Herzen. Noch seltener findet man im übrigen solche Musiker, die es schaffen, diesem Schmerz noch eine komische Komponente hinzuzufügen, um die festgefahrenen Klischees und Stigmata aufzulösen und Infrage zu stellen. Dass Ezra Furman dabei gerne Kleider trägt und sich schminkt? Alles Teil des Plans. Was Perpetual Motion People so angenehm und zugleich herzzerreißend macht, ist aber vor allem die Kombination melancholischer, den Weltschmerz besingender Texte und Beat- und Rockelementen der 60er Jahre. Als ob man bei all den Problemen des Lebens einfach nur noch entgegen tanzen wollen würde: „If the turntable still starts / you can teach me how to waltz / and I will teach you how to feel really bad“.

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