Review: Oneohtrix Point Never – Garden Of Delete

CD Booklet OPN GOD - images embeded

Hektik, Überforderung oder gar Resignation gegenüber ihrem Werk sind nun wirklich nicht die Reaktionen, die Musikern den Tag versüßen dürften; wie passend also, dass sich Daniel Lopatin a.k.a. Oneohtrix Point Never als „Nicht-Musiker, der Musik macht“ versteht und sich aus dieser Zwangsbeziehung zu bugsieren weiß. Wäre es also angebrachter, ihn aufgrund seines offensichtlichen elektronischen Schwerpunktes als bloßen Produzenten abzustempeln? Eventuell nicht angebrachter, sondern nur leichter – und zwar auch nur so lange, bis sein neustes Werk, Garden of Delete, die nächste Wortfindungsstörung auslöst. Bar jeglicher Möglichkeiten, Garden of Delete als etwas anderes als die logische, weiterhin MIDI-lastige Weiterführung von R plus Seven zu beschreiben, ist das Album-Artwork zu Beginn das eventuell greifbarste Mittel, um es im Ansatz zu erläutern; ein Totempfahl-ähnliches, stringentes Konstrukt aus weißen Strichen, das den tiefschwarzen Hintergrund durchbricht.

Den Anfang des Klangtotems bildet OPN nach dem klaustrophoben Intro mit Ezra, dem vielleicht hyperaktivsten Album-Opener des Jahres. Zerhackte, Ambient-artige Synthesizer und eine sich ausdehnende Gitarrenmelodie bilden den zunächst harmlosen Einstieg zum abrupten Happy Hardcore-Umschwung, der fast so urplötzlich aufhört, wie er anfängt. Das Wechselspiel aus diesen hektischen Elementen und den versöhnlichen Tönen wie etwa dem plastischen Kontrabass-Sample verstärkt diesen verstörenden „All over the Place“-Effekt; man fühlt sich dem Klang-Design Lopatins hilflos ausgesetzt, und überraschenderweise fühlt es sich mehr als gut an, sich auf passiver Durchreise in seinem Trip zu befinden.

Nach einem kurzen Zwischenstopp beim wabernden, entschleunigenden ECCOJAMC1 -dem heiligen Gral des relativ jungen Vaporwave-Genres, den OPN maßgeblich geformt hat- fordert Sticky Drama weiterhin alles an Aufmerksamkeit seitens der Zuhörer. Was mit Cembalo-Klängen unscheinbar beginnt, mutiert unter Zusatz von gepitchten Vocals und an die 80er anmutenden Synthesizern zu einem fast schon Venetian Snares-artigen, verwirrenden Vergnügen. Gerade, wenn die Vocals den Track zugänglicher, um nicht zu sagen: harmloser klingen lassen, ist es das aufreibende Sound-Design dahinter, was die Belanglosigkeit abwehrt. Nach dem einlullenden Ambient-Zwischenstück SDFK bricht das 8-minütige Mutant Standard über die Ohren her; fast minimalistisch zu Beginn, baut es auf der Staccato-artigen Bassdrum einen Old School-Techno Flair auf, der einen Vergleich mit Größen wie Autechre nicht zu weit entfernt erscheinen lässt. Ab Child of Rage lässt sich eine gewisse Drosselung der Hektik wahrnehmen; als würde ein wütendes, hyperaktives Kind immer wieder mit dem Kopf gegen den Tisch hämmern und daraufhin in musikalisch untermalte Bewusstlosigkeit fallen, so ist ab diesem Track die Ambient-Affinität Lopatins, aber auch seine Songwriter-Qualität – wenn man denn bei ihm davon sprechen kann – spürbarer als zu Beginn des Albums.

So werden die hektischeren Teile von Tracks wie I Bite Through It oder Lift, einem Mutanten aus fast käsiger EDM-Ästhetik und Aphex Twin-artigen Twists wie zu dessen Classics-Zeiten, gekonnt von diesen ruhigeren Passagen und Noise-Elementen umarmt; das heißt jedoch nicht, dass diese Tracks etwa weniger nervenaufreibend seien. Einzig und allein der Closer des Albums, No Good, erscheint im Vergleich zu den vorherigen Sound-Eruptionen durch seine ausschließliche Ambient-Ästhethik harmlos und ungeeignet für den Abgang eines solchen musikalischen Unterfangens, das Garden Of Delete bildet. Gerade durch die fast durchgängig konstante Ästhethik und Sample-Ethik OPNs fließt das Album voller Extreme und Wärme widerstandslos in die Gehörgänge und breitet sich dort vollends aus. Wenn sich Daniel Lopatin nicht als Produzent sehen sollte, so festigt er mit Garden Of Delete vielleicht seinen Ruf als einen der begnadetsten Sound-Architekten.

1. Intro
2. Ezra
3. ECCOJAMC1
4. Sticky Drama
5. SDFK
6. Mutant Standard
7. Child of Rage
8. Animals
9. I Bite Through It
10. Freaky Eyes
11. Lift
12. No Good

Zolin sagt: 8.5 von 10

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