Review: Joanna Newsom – Divers

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Joanna Newsom – die Frau der vielen und großen Worte. Allein ihren grandiosen Song Emily des zweiten Albums Ys bestückte sie mit rund 850 Worten, was vermutlich der Länge dieses Reviews gleichkommen wird. Und wenn die aus Nevada stammende, begnadete Harfenistin nicht gerade dermaßen lange Songs schreibt, dann zumindest unzählige kurze, wie bei dem nachfolgenden, vor gut fünf Jahren erschienenen Triple-Album Have One On Me, das bei 18 Songs und einer stolzen Laufzeit von über zwei Stunden dennoch in keinem Moment an Pathos verliert. Viel zu rätselgebend ist die gewieft verklausulierte Lyrik, beinahe schon ans Absurde grenzend die inbrünstige Liebe zum Detail und unerschöpflich aufregend der Gebrauch von orchestralen Arrangements in völlig neuen Kontexten. Im Rampenlicht steht dabei jedoch stets eines der ältesten und traditionellsten Zupfinstrumente der Menschheitsgeschichte: die Harfe, mit der Newsom sowohl E- als auch U-Kultur charmant zu bezirzen weiß.

Unmittelbar nach der letzten Konzerttour zu Have One On Me schien Joanna Newsom jedoch erst einmal für einige Jahre abgetaucht zu sein – im wahrsten Sinne des Wortes, denn ihr jüngstes, in diesem Zeitraum entstandenes Werk trägt den gebührenden Titel Divers. Zu aller Überraschung offenbart sich hinter dem verträumt verschwommen klingenden Albumtitel das vermutlich poppigste und zugänglichste Album in Newsoms bisherigem Oeuvre. Bei elf Songs und verdächtig normalen Songlängen macht die Platte formal gesehen sogar ausnahmsweise einen nahezu gewöhnlichen Eindruck, ihr inhaltliches Vorhaben dagegen ist umso gewaltiger. Mit Hilfe ihrer großkarätigen Kompositionen versucht sich die junge Kalifornierin letztlich daran, in rund 55 Minuten ‚die Welt zu erklären‘. Und auch wenn sie dabei gerne mal ziemlich am Rad dreht, gelingt es ihr dennoch, dem Geheimnis im ständigen Spannungsgefälle einer liebenswert, kindlichen Naivität durch ihre kieksende Stimme und ihren gewandten, mit größter Sorgfalt ausgeführten Gedanken gebettet in Folk und Klassik bis hin zu Avantgarde-Pop geschickt auf die Schliche zu kommen.

Ausgangspunkt ihres Ansatzes ist dabei das Begreifen von Zeit, einer physikalischen Größenart, die die unverwechselbare Eigenschaft innehat, sich in eine eindeutige, unumkehrbare Richtung zu bewegen. Anhand konkreter Personen, historischer Ereignisse und bedeutender Schauplätze tastet sie sich bedacht an Wesenszüge und Muster der (Menschheits-)Geschichte heran. Sapokanikan, die erste Single und zugleich das apokalyptische Herzstück des Albums, huldigt einem Ort im heutigen Greenwich Village, New York, an dem ein längst vergessenes Dorf amerikanischer Ureinwohner begraben liegt. Erst wurde ein Armenfriedhof daraus, dann eine öffentliche Hinrichtungsstätte, von der wohl nur noch die Hangmen’s Elm in einer Ecke des Parks zeugt. „Look and despair“ wiederholt sie bestürzt und erhebt die Stimme in aller Dringlichkeit während sie über die Vergänglichkeit, Verzerrung und letztlich Auslöschung der eigenen Welt philosophiert.

Die Sprache ist ihren Augen das entscheidende Werkzeug, um jene historischen Momente unverfälscht fixieren zu können. Joanna Newsom hat ein gar religiöses Verhältnis zu Worten entwickelt, wie sie in einem Interview offenbart: „Wenn man richtig mit ihnen umgeht, vergrößert sich ihre Macht exponentiell. Und ich glaube daran, dass es immer das eine richtige Wort gibt.“ Auf ihrer spirituellen Suche nach der einen richtigen Vokabel schreibt sie schließlich jene ambitioniert referenzbeladenen, fast aggressiv-poetischen und unsäglich formverliebten Meisterwerke, die nach mehrmaligem Hören womöglich immer noch nicht auf allen ihren Bedeutungsebenen ergründet sind. In Leaving The City gibt es beispielsweise diesen gnadenlos wuchtigen Kate Bush’gen Rappart, bei dem sie mit mehreren, aufwendig übereinandergelegten Reimschemata sowie altertümlichen Worten und Satzstellungen ohne Punkt und Komma wie Butter über der Harfe flowt. Solche großen, schillernden Momente gibt es viele auf Divers, doch die Medaille hat ja bekanntlich immer zwei Seiten. Jeder noch so schöne Augenblick ist mit Vorsicht zu genießen, denn Newsoms scharfe Zunge wird stets eine brutale Quittung entgegenspucken. Mit dem zartgliedrigen Opener Anecdotes und dem zunächst vergnügt unschuldig anmutenden Waltz of the 101st Lightborne hat sie beispielsweise explizite Texte über Krieg und Verderben geschrieben, die teilweise jedoch wie traditionelle Volksmusik oder gar Seemannsmusik arrangiert zu sein scheinen, sobald ein beschwipstes Akkordeon einsteigt und gemächlich im ¾ Takt schunkelt.

Das Akkordeon ist dabei jedoch nur eines unter unzählig vielen Instrumenten im großzügig angelegten Repertoire Divers. Joanna Newsom selbst bediente 16 Instrumente davon und ließ eine drei Fußballmannschaften starke Truppe aus Kollaborateuren sowie obendrein das Sinfonieorchester aus Prag bei acht von elf Stücken assistieren. Mein lieber Mann. Bei so einem starken Instrumentarium blieb der Harfe wohl gar nichts anderes mehr übrig, als ihr Machthaber Amt vorübergehend niederzulegen. Bei dem unglaublich schrägen Flickenteppich-Track Goose Eggs räumt sie den Thron frei für weitere Instrumente ihrer traditionellen Riege wie dem stark vertretenen Klavier, der klimpernden Celesta und einem Klavichord, als auch – und hier wird’s interessant – für einen ganzen Stab elektronischer Instrumente wie einer E-Gitarre und unzähligen Synthesizern. Zudem entdeckt man unheimlich viele Samples auf Divers, so nahm sie für den aquatischen Titeltrack beispielsweile den Anstoß von verschieden gefüllten Weingläsern auf und fügte diese Samples auf den Tasten eines Mellotrons zu harmonierenden Akkordblöcken zusammen. Den letzten Akt ihres Albums lässt sie wiederum zunächst mit den simplen Vogelsamples von Time, As A Symptom einläuten. Aus dem anfänglich gedämpften Klavier erhebt sich ein dramatisch-beschwingtes, orchestrales Feuer, das sobald die Drums einsetzen schließlich in einem derart hypnotisch ekstatischen Rausch ausartet und Divers somit das gebührend große Finale liefert, das es verdient. Und vielleicht gewinnt Joanna Newsom in diesem Moment völliger Katharsis sogar die Schlüsselerkenntnis, die Antwort auf all ihre Fragen „And it pains me to say, I was wrong / Love is not a symptom of time / Time is just a symptom of love“.

1. Anecdotes
2. Sapokanikan
3. Leaving the City
4. Goose Eggs
5. Waltz of the 101st Lightborne
6. The Things I Say
7. Divers
8. Same Old Man
9. You Will Not Take My Heart Alive
10. A Pin-Light Bent
11. Time, As a Symptom

Zolin sagt: 9 von 10

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