Review: Fatoni & Dexter – Yo, Picasso

Fatoni & Dexter - Yo, Picasso

Fatoni flexte sich in den letzten Jahren langsam, aber stetig an die Spitze des hiesigen Undergrounds – egal, ob als langjähriger Teil von Creme Fresh, in Kollabo mit Edgar Wasser und Konsorten oder auf etlichen schlauen, unterhaltsamen EPs, sowieso seinem Solo-Debüt Solange Früher alles besser war: Der Mann hat Liebe für HipHop. Gemeinsam mit Dexter, der neben seinen bekannten Arbeiten für Cro und Casper beispielsweise auch Morlockk Dilemma zu einem ungeahnten Hoch verhalf, legt er nun sein bislang wohl bestes Werk vor. Und führt – mit Ankündigung – den musikalischen Klischee-Gedanken „Früher war alles besser“ ad absurdum.

Schon bei der Eröffnung des Albums Benjamin Button teasert er an, was das gesamte Album auszeichnet: Ein gekonnter Spagat zwischen persönlichen Befindlichkeiten abseits von hierzulande oft waschlappig vorgetragenen Coming of Age-Dramen und der Einordnung dieser in größere Bezugsrahmen, sei es Deutschrap, Popkultur allgemein oder auch schon mal die weltpolitische Lage. Das alles könnte ein bisschen anstrengend sein, wenn nicht Fatoni so ein lässiger Erzähler wäre und Dexter weniger smoothe Beats bauen würde. Und so kommt es auch, dass eigentlich recht klassische Storyteller Tracks wie Stalingrad trotz Vorhersehbarkeit durch kleine aber feine Twists aufgelockert und dadurch richtig interessant werden. Man hängt quasi an Fatonis Lippen. Auch dann wenn er in aller Bescheidenheit über seine Mittelmäßigkeit im Vergleich zu The Streets‘ Mike Skinner rappt, und dabei näher an ihn dran kommt als jeder andere deutschsprachige Rapper.

Zugegebenermaßen könnte man den beiden vorwerfen, dass das Album um ein, zwei Tracks zu lang geraten ist, doch bevor sich so etwas wie tatsächliche Monotonie einstellen kann, kommt Yo, Picasso! mit hübschen Spielereien wie Vocal-Samples, die in punkto Ekelhaftigkeit an K.I.Z.s Ariane anknüpfen oder Scratches von einem anderen Ekelhaften, dem vierten Antilopen Gang-Mitglied NMZS, um die Ecke. Spannende Highlights des Ganzen, die man von Fatoni bisher nicht kannte, sind definitiv in der zweiten Hälfte der Platte zu finden. Hier weht zeitweise ein Hauch von Düsternis, etwa wenn Fatoni mit Mine, die mittlerweile eine Garantie für schöne Rap-Indie-Kollabos ist, wortgewandt über Nicht-Tage philosophiert. Aber auch das fast zum Partytrack taugende ADHS mit (erneut) ziemlich zerfickendem Dexi-Part und einem Beat, der auch gut auf Funkhaus Europa untergebracht wäre, ist ein Hit:

Wirf eine Kusshand an dein Spiegelbild und fang sie wieder auf
Wenn du jemand lieben willst, dann fang bei dir an, jau
Hier geht es um uns, wir sind alle nur Narzissten
All die andern steh’n nur rum, das sind alles nur Statisten

Wenn man denn mit Fatoni mitgehen möchte und ihn tatsächlich als den Benjamin Button der HipHop Szene sehen möchte, so ist  Yo, Picasso!, stets zwischen humoriger Lässigkeit, abgefuckt und super sympathisch, die Blüte seines Schaffens. Bleibt zu hoffen, dass nun nicht eine Kleinkindphase folgt, sondern er auch weiterhin Alben liefert, die die Bestenlisten um grandiose Deutschrap-Alben bereichern. Denn genau das wird zumindest Yo, Picasso! tun.

1. Benjamin Button
2. Authitenzität
3. 32 Grad
4. Semmelweisreflex
5. Kann Nicht Reden Ich Esse
6. Ein Schlechter Mensch
7. Stalingrad
8. Mike
9. Kein Tag
10. Dienstag Nacht
11. Adhs
12. Schauspielführer
13. Ice Abteil

Zolin sagt: 8.5 von 10

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