Review: Ahzumjot – Minus

Ahzumjot - Minus

Um die dritte Veröffentlichung Ahzumjots aus dem richtigen Blickwinkel betrachten zu können, sollte man zunächst einen Blick auf die Vergangenheit von Al Julian Asare, kurz Alan, werfen. Das DIY-Debut Monty hievte den Wahlberliner 2011 in Falk Schachts viel diskutierte »Neue Reimgeneration«. Ein halbes Jahr darauf folgte die Crockstahzumjot-Tour, die wie der Name schon erahnen lässt, zusammen mit Rockstah und Cro bestritten wurde. In der Szene konnte Ahzumjot sich langsam einen Namen erspielen und galt als Geheimtipp. Nach der Tour standen die Weichen denkbar gut um das große Album zu veröffentlichen – doch Alan ließ sich Zeit. 2014 war es dann soweit, dass Ahzumjot mit frischen Major-Deal in der Tasche auf großen pathetischen Instrumentalen daher kam und seinen Platz nicht nur in der Szene, sondern auch in den Charts einforderte. Dieser sollte ihm allerdings verwehrt bleiben. Neben guten Ansätzen und vereinzelten starken Songs löste der Geheimtipp aus Hamburg sein Ticket in Richtung Top 10 nicht ein und dümpelte auf #32 herum.

Zu gewollt seien der Sound und die Haltung gewesen, resümiert Ahzumjot heute und besinnt sich im Jahr 2015 zurück auf seine Anfänge. Minus kommt ohne Monate langer Posts aus dem Studio inklusive Vorbestelllink daher, sondern wird kurzfristig angekündigt. Man hält ein schwarzes Digipack in den Händen, blättert durch ein komplett geschwärztes Booklet und blickt auf eine schwarze CD. Lediglich das angedeutete pinke Quadrat auf dem Cover lässt erahnen, dass hier Ahzumjot seine Finger im Spiel haben könnte. Verpackt und auf den Weg gegeben wurde die Minus EP wie auch Monty schon aus dem Wohnzimmer ihres Urhebers.

Produziert wurde der sieben Tracks starke Kurzspieler vom langjährigen Wegbegleiter Levon Supreme und Ahzumjot selbst. »Und wieder mal so ein Neuanfang« – Gleich der Opener Tag Zwei zeigt einen geläuterten Ahzumjot, der wieder eine neue Chance wittert, dieses mal jedoch besser mit ihr umgehen möchte. Die Entscheidung eine EP zu produzieren tut jedenfalls Künstler als auch Zuhörer mehr als gut. Auf wabigen, düsteren Beats, die immer wieder mit Tempobrüchen überraschen, rappt Alan auf seiner gewohnt unkoventionellen Art und bringt mit dem Titelsong Minus einen der besten Deuschtrap-Tracks des Jahres heraus. Im darauffolgenden Song Schwör’s dir wird deutlich, dass auch der Protagonist selbst weiß, dass er sich so manches Mal selbst im Wege stand ohne jedoch den Wunsch nach großen Hallen als Utopie abtun zu wollen.

Komme mir smart vor/tippe jede Weisheit, die mir einfällt, in mein Smartphone/Und sie nennen mich Sprachrohr/stehe ich auf der Bühne, komm’ ich allen wie ein Star vor/ Sitz’ ich beim Amt, sprechen die mir ein Machtwort/Kommen Ihnen all diese Rechnungen bekannt vor?

Der dazugehörige Refrain klingt, als hätte Young Thug heimlich Deutschunterricht genommen um seinem Kumpel Alan eine waschechte Thugger-Hook zu verpassen. Thematisch bricht der nächste Song Nxx verloren etwas aus der EP heraus, in dem sich den Themen Tod, Ewigkeit und Einsamkeit angenommen wird. Geht es in den anderen Songs eher darum der Vergänglichkeit entgegenzuwirken und mit dem zweiten Anlauf der Musikwelt auf lange Sicht erhalten zu bleiben, widmet sich Ahzumjot hier der vollkommenen Isolation.

Merkt es wer, wenn ich irgendjemanden erschieß’?/Merkt man es erst, wenn ein anderer diesen jemand liebt?/Und was ist, wenn es keinen anderen mehr gibt?/Fühlt man sich allein, so allein, so allein.

Auf Platz/Angst wird ein scharfes Bild der Szene gezeichnet, die derzeit ja bekanntlich prächtig miteinander auskommt und gedeiht. Doch auch, wenn er selbst glücklicherweise »trotz seines Styles« in jene aufgenommen wurde, sieht Ahzumjot diese Entwicklung alles andere als rosig. Auf einem von Kanye Wests New Slaves inspirierten Beatgewand inklusive dazugehörigen Querverweisen (»Bist du ein Leader oder ein Follower?«) zeigt sich ein hungriger Ahzumjot genervt von der ständigen Kluft zwischen Röhrenjeans und Rucksackträgern. Das einzige Feature der Platte findet sich ironischerweise auf dem Track Allein in Form von Dissythekid wieder, der einen rotzigen, unkonformen Part bringt. Der Eindruck, dass Yeezus an Ahzumjot und Levon Supreme nicht spurlos vorbeigegangen ist, bestätigt sich auch hier noch einmal – eine Beobachtung, die der Platte allerdings in keinster Weise schadet.

Dass das hiesige Musikbusiness auch nicht beim Privatleben Halt macht, berichtet Ahzumjot im stärksten Song der EP Montag. Unpeinlich und ehrlich erzählt Alan, wie er mit Scheuklappen durch die Welt in Richtung seiner Träume läuft und seine engsten Freunde dabei auf der Strecke bleiben.

Egal, was ich tue, sie nimmt es wieder hin/Egal, mit wem ich rede, es geht immer nur um mich/Egal, mit wem ich rede, es geht selten mal um dich/Egal, was ich erzähle, sogar wenn ich von dir rede/Oder mit dir alles dreht sich wieder immer nur um mich

Passend zum Grundtenor der Platte möchte sich Alan auf das von Prinz Pi beschworene Minimum reduzieren, noch einmal von vorne anfangen und seinen Freunden den alten Alan, den von vor vier Jahren, zurückbringen. Wenn ihm das gelingt, darf man sich definitiv auf einen Langspieler freuen, denn Minus macht Spaß und bringt den einstigen Geheimtipp in eine Ausgangslage, in der ein überlegter Ahzumjot alle Fäden selbst in den Händen hält.

1. Tag zwei
2. Minus
3. Schwör’s dir
4. Nxx verloren
5. Platz / Angst
6. Allein feat. Dissythekid
7. Montag

Zolin sagt: 8 von 10

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