Interview: Fatoni

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Fatoni hat in seiner nunmehr knapp zehnjährigen Karriere schon oft bewiesen, dass er einer von den Guten ist. Egal, ob mit der großartigen Kollabo mit Edgar Wasser namens Nocebo, Tracks mit dreifachem Boden wie Tränen oder Pisse oder als langjähriges Drittel von Creme Fresh: Fatoni ist gleichzeitig Studentenrap par excellence, Realkeeper im besten Sinne und für dezidierte Beleidigungen hat der Münchner auch noch ein Händchen. Morgen erscheint sein Album Yo, Picasso, zusammen mit Goldjunge Dexter. Zolin traf ihn in diesem Internet, um über Labels, Politik und über Popstartum an sich zu sprechen, die ganz großen Themen also.

Du setzt dich auf Kann nicht reden, ich esse kritisch mit Majorlabel-A&R’s auseinander, auf dem Track Authitenzität sagst du aber, dass es dir eben nicht um Authentizität als solches geht. Durch die Zusammenarbeit mit Dexter hätte das Album ja sicher auf einem Major platziert werden können, warum ist es auf WSP gelandet?
Wir sind ja sogar mit einem Majorlabel in Kooperation, der Vertrieb wird von Universal übernommen. Naja, aber warum es auf WSP ist, ist eigentlich unspektakulär: Das Label ist eben Dexters Heimat und er hat von Anfang an gesagt, er würde gerne ein Album mit mir machen, es dann aber über sein Label rausbringen. Es gäbe mittlerweile bestimmt andere Möglichkeiten, aber der Majorlabel-Hass… ich weiß nicht. In dem Track geht es eher um Leute, die zu viel labern und da gibt es schon viele in der Musikindustrie tatsächlich. Das ist zwar ein Image, aber es ist auch meiner Erfahrung nach so.

Wie kommt denn Kryptik Joe als einziges Feature auf dem Album zustande? Ich hätte beispielsweise eher an Edgar Wasser, Antilopen oder etwas in die Richtung gedacht.
Das kam zustande durch Fettes Brot. Ich hab mit denen einen Track gemacht für deren Album und da waren mit mir Felix von Kraftklub und eben Kryptik Joe drauf, so haben wir uns kennengelernt. Dann hatte ich das Album fertig und es gab kein Feature, wollte ich auch eigentlich nicht, aber bei dem Track dachte ich, dass ein Feature doch cool wäre. Es sollte aber jemand sein, mit dem niemand rechnet und da hab ich an ihn gedacht und er hat’s direkt gemacht.

Ich hab den Eindruck, du bist mittlerweile ganz gut in anderen Genres vernetzt. Auf Kein Tag singt zwischendurch Mine, die auch auf deiner letzten EP war, und im Video zu Kann nicht reden, ich esse sieht man kurz Dagobert. Wie kommt das und was schätzt du an solchen Zusammenarbeiten?
Ich würde sagen, da bin ich ziemlich offen und verfolge das Geschehen in anderen Genres im Hinblick auf Ideen. Es gibt momentan viel, was ich cool finde. Mit Mine bin ich generell viel in Kontakt, wir haben jetzt auch einen Track für ihr Album zusammen gemacht. Dagobert hab ich an dem Tag erst kennengelernt, aber ich mag seine Musik sehr gerne. Ich glaube der könnte viel erfolgreicher sein, aber viele Leute verstehen seine Musik nicht so. Das ist bei mir auch oft so, dass es nicht oder falsch verstanden wird. Wahrscheinlich nicht so wie bei Dagobert, aber ich denk man kann nicht davon ausgehen, dass man verstanden wird.

Wie stehst du eigentlich zu solchen Nicht-Tagen, die du auf dem Track mit Mine beschreibst?
Es kommt darauf an, in was für einer Phase man aktuell ist. Aber prinzipiell ist es schon sehr gut mal solche Tage zu haben, an denen man nicht immer was machen muss und produktiv sein muss. Ich hatte das schon lange nicht mehr, aber in nicht mal einer Woche kommt mein Album raus, also kann ich mich da nicht beschweren.

In Semelweisreflex gibt es ein NMZS-Sample aus So ungefähr vom Aschenbecher-Album mit Danger Dan. Wer hat das Sample ausgesucht, warum ist es gerade in dem Track und hat es für dich persönlich eine Bedeutung?
Naja, ich sag in dem Track ja ziemlich das gleiche wie NMZS, daher passte es thematisch gut. Obwohl er „die Krone der Schöpfung“ sagt und ich „die Krönung der Schöpfung“, dabei ist meins glaub ich falsch (lacht). Das hat tatsächlich eine etwas abwegige Geschichte: Der Song war eigentlich schon fertig, sogar schon gemastert und ich habe aber drauf bestanden, dass die Scratches noch drauf kommen. Ich fand generell, dass es wenig Scratches gab auf dem Album und klar ist NMZS nochmal etwas anderes… erst einmal, weil die Antilopen Gang eh meine Freunde sind und natürlich, weil er tot ist. Ich finde Scratches sind eh immer richtig krasse Props und in dem Fall ist es wirklich eine Huldigung an ihn.

Es gibt auf dem Album relativ viele Vocal-Samples, zum Beispiel am Ende von Kann nicht reden, ich esse eine Männerhorde, die Von den blauen Bergen kommen wir ziemlich abartig umdichtet. Da hatte ich das Gefühl, das wurde heimlich aufgenommen, stimmt das?
Ja, genau, im Zug war das.

Was bewegt dich dazu, sowas einzubauen, wie wählst du solche Samples aus?
Also ich nehme unglaublich viel auf, ich find das einfach cool. So wie andere Leute Fotos machen, sammle ich Töne. Das passiert schon immer mit dem Gedanken, dass man davon was verwenden könnte. Dieses Spezielle hab ich ausgesucht wegen dem Übergang zum nächsten Track, wo es in der ersten Strophe darum geht, dass nur so Fußballfans und Junggesellenabschiede im Zug sind und mich deshalb zwingen, ganz nicht-umweltbewusst mit dem Auto zu fahren. Deshalb hat es gut gepasst. Die waren halt zu krass, um sie nicht aufzunehmen.

Auf Mike Skinner redest du davon, dass dich Mike Skinner demotiviert, weil du im Gegensatz zu ihm immer mittelmäßig sein wirst. Funktioniert dieser Effekt auch andersrum?
Also, dass ich Leute so beschissen finde, dass es ein Antrieb ist? Ja, ist glaub ich schon so. Deutschrap ist oft schwierig… Aber ich mache es ja eh die ganze Zeit. Im letzten Jahr hatte ich für meine Verhältnisse sehr viel Output und wenn man es als Kampf gegen die Whackness sehen will, gibt es den ja schon. Leider sind die whacken Leute immer erfolgreicher als ich (lacht).

Ja, ich weiß nicht, woran das immer liegt. Hast du eine Idee dazu?
Ich glaub der Massengeschmack ist einfach kacke (Gelächter). Ich hab da schon viel drüber nachgedacht, ich find keine andere Lösung dafür. Es ist ja nicht so, dass in den Mainstream-Medien sag ich jetzt mal, Abweichendes oder Schwierigeres stattfindet. Von daher sind die Strukturen einfach so, dass der Massengeschmack kacke bleibt. Man wird da nicht präsentiert.

Wobei ich schon das Gefühl hab, dass das Album jetzt auf anderen Kanälen supportet wird, als deine vorherigen Sachen.
Ja, das stimmt. Aber es ist trotzdem so: Meine Musik wird niemals auf Energy oder so laufen. Ich merke momentan aber auch immer wieder, dass ich die „Massen“ gar nicht will, deshalb ist das ganz gut so, alles entspannt.

Du trägst im Snippet zum Album ein Beatles Shirt, magst du die Band wirklich oder ist das eine Pose?
Nee, ich bin wirklich Beatles Fan, ich hab meine ganze Kindheit nur Beatles gehört.

Okay, da bin ich beruhigt. Wen würdest du, neben den Beatles und Mike Skinner, als deinen persönlich wichtigsten Pop- oder Rockstar bezeichnen und warum?
Hmm… (überlegt). Tom Waits denk ich. Ja, Tom Waits ist einfach geil! Weil er ein krasses, musikalisches Genie ist. Er hat einen richtig guten Style, hat sehr viele verschiedene Phasen durchgemacht. Ich weiß nicht, der ist in allem geil, was er macht. Was ich auch so cool finde ist so ein bisschen Edgar Wasser-mäßig eigentlich, dass er aus seinem ganzen Leben ein Mysterium macht und immer boykottiert, wenn jemand eine Biographie über ihn schreiben will. Von ihm hatte ich auch mal ein Shirt an irgendwo.

Auf den vorangegangenen Releases hab ich dich zwar schon immer als Mensch wahrgenommen, der seine Meinung vertritt – das hat mit 32 Grad ein neues Level erreicht, weil der Track in den Aussagen sehr klar ist. Was hat dich dazu bewegt, dein politisches Bewusstsein jetzt noch klarer zu formulieren?
Ich hab den vor circa 1 ½ Jahren geschrieben und da hatte ich das Gefühl, diese ganze Flüchtlingsthematik ist gar kein Thema, es war nicht präsent genug. Eigentlich war es klar, dass es so ein großes Thema werden würde, wie es eben heute ist, aber mir war es damals nicht klar. Und ich hatte einfach das Gefühl, ich will dazu was sagen. Nicht in dem Sinne von „Ich muss jetzt unbedingt was tun, damit die Welt sich ändert“, so denk ich gar nicht, aber es ging mir einfach auf die Nerven. Die Nachrichten haben jeden Tag von neuen ertrunkenen Geflüchteten berichtet und es ist ein so großes Thema unserer Zeit… Es gab diese Zeit, in der die EU aufgehört hat, Leute zu retten und sie hat ertrinken lassen, um die anderen abzuschrecken und gefühlsmäßig hat niemand was gemacht. Zu der Zeit gab es auch meines Wissens noch keinen Song darüber und ich dachte, wenn ich jetzt nichts dazu sage, werde ich mir das später vorwerfen. Deshalb hab ich auch die Art gewählt den Song zu schreiben, dass man die Thematik eben wegignoriert hat.

Glaubst du Musik kann Menschen politisieren oder auf eine bestimmte Art beeinflussen?
Ja, denk ich auf jeden Fall. Ich glaube nicht, dass Musik der Weg ist, um die Welt krass zu revolutionieren, aber so im Kleinen schon. Ich kenn es ja auch von mir, dass Musik sehr wichtig ist und dass man den Leuten, die sie machen, schon zuhört. Also beispielsweise Max Herre auf dem ersten Freundeskreis-Album, das war für mich krass.

Du sagst auf dem Album „Kids, wollt ihr mal richtig rebellieren und was verrücktes probieren? Lasst euch nicht tätowieren“. Es wird ja definitiv immer mehr, dass Leute tätowiert sind und auch Fan-Tattoos werden mehr, besonders bei Künstlern, die sich gut zitieren lassen. Gibt es sowas bei dir schon?
Ich hoffe nicht!

Wie würdest du denn reagieren, wenn es irgendwann so kommt?
Neulich hat mir jemand ein Foto geschickt und man sah einen dicken Typ mit ‚nem Sixpack auf den Bauch tätowiert und er hat gemeint es ist wegen mir. Ich war grad auf Tour, ich war voll schockiert, hab’s den Leuten gezeigt und alle meinten nur „Waaas?“. 3Plusss kam zu mir und meinte „Ey, es ist nicht deine Schuld, alles ist gut“. Dann hab ich aber gecheckt, dass es nicht der Typ war. Also ich hab das echt geglaubt, dann hab ich aber auf sein Profil geklickt und es war irgendein 16-Jähriger. Da war ich sehr erleichtert. Mit so Lines… ich weiß nicht. Selbst bei Leuten, die ich voll mag, ich find das immer ein bisschen schwierig. Ich würde mich aber vielleicht doch ein bisschen freuen, wenn es etwas Liebevolles ist und kein Sixpack Bier. Hoffentlich passiert das auch irgendwann, sonst bin ich kein echter Rapstar.

Geht ihr eigentlich noch auf Tour?
Ja, nächstes Jahr. Dieses Jahr bin ich als Support mit Fettes Brot auf Tour, dann im Dezember noch mit der Antilopen Gang und nächstes Jahr ist dann die eigene Tour.

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