Review: Deerhunter – Fading Frontier

Deerhunter - Fading Frontier

Die Faustregel des Jägers, dass ein verwundetes Tier ein gefährliches Tier ist, scheint auch für den Jäger selbst zu gelten. Vor allem nach dem schweren Autounfall Bradford Coxs und dem darauf folgenden mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt, aber auch nach der vergleichsweise nervenaufreibend verzerrten Kakophonie auf Monomania hätte man von Deerhunter erwarten können, dass das Folgewerk der Psych-Pop-Formation verstärkt die Abgründe des Noise-Rock im Scheinwerferlicht ihres immer wieder bewiesenen, genialen Songwritings erkunden würde. Doch stattdessen legt die Truppe um Cox a.k.a. Atlas Sound, Moses Archuleta, Lockett Pundt a.k.a. Lotus Plaza, Josh McKay und Frankie Broyles einen (un-)erwarteten linken Haken vor – Fading Frontier zeigt den brachialen Pop Chop, den sie bisher unterschwellig hinter Noise, Shoegaze oder punkigen Ausfällen versteckt hielten, mehr denn je.

Allein schon die Single-Auskopplung Snakeskin mit seinem INXS-Vibe, prägnanteren bis effektärmeren Gitarren und einem infektiösen Groove überraschte die Gemüter. Waren Deerhunters ersten musikalischen Ausflüge stärker dem effektgeschwängerten Shoegaze hingewandt, so klangen ihre Instrumente auch so, als würden sie zu keinem Zeitpunkt ihres Spiels ihre Blicke von ihren Effektpedalen heben – Snakeskin ist im Gegensatz zu jener Ära schon fast ein überaus starker Händedruck mit gehobenem Kopf. Jegliche Kanten und Ecken der vergangenen Tage scheinen sie hinter sich gelassen und gemäß dem Cover-Artwork mit dem Weichzeichner durchbrochen zu haben. Die anderen acht Tracks auf Fading Frontier leihen sich nämlich ihre Stärken von allen vergangenen Alben außer Monomania mit seiner angepissten Grundattitüde.

So beginnt Deerhunters neuestes Werk mit einer leicht punkigen, psychedelischen Nummer, wie man sie auf Weird Era Continued gefunden hätte – passenderweise heißt sie All The Same. Lyrisch wird dieser Track von Coxs ungewöhnlich deutlichen Zeilen über Neuanfänge im Leben (change his sex and have no more/ no more wife/ no more kids/ nothing left to live with) begleitet. Youth Lagoon-artiger, sphärisch ausufernder Pop ist auf Fading Frontier mit Tracks wie dem urigen Leather And Wood mit seinen verfremdeten und zerstreuten Cembalo-Samples, der Lotus Plaza-Ausgeburt Ad Astra oder Living My Life vertreten. Gerade der letztere, zweischneidige Track ist im Vergleich zur vergangenen Geisteswelt Deerhunters – man erinnere sich etwa an Basement Scene mit seinen „I don’t want to wake up/ I don’t want to get old“-Gesängen – gleichermaßen voller Lebensfreude wie auch gut verpackter Resignation. Angesichts der Tatsache, dass mit Ben H. Allen derselbe Produzent wie eben bei Halcyon Digest an den Reglern saß, erkennt man die rasante Entwicklung, die die Band seitdem durchgemacht hat.

Wenn die Physis streikt, scheint die Psyche alle Kräfte der Band zu mobilisieren – so geschehen in Duplex Planet, zweifellos einem der Höhepunkte des Albums sowie der Diskographie Deerhunters. Fast Oxymoron-artig tragen die eher optimistischen Lyrics über Vergänglichkeit, welche in Coxs Zeit im verhassten Krankenhaus verwurzelt zu sein scheinen (I don’t ever want to go/ Back again to the old folks home), ihren Kampf gegen die musikalisch umgesetzte Melancholie aus – die schrillen Gitarrenspuren umschließen sich mit der Zeit immer fester, bis auch hier eine nach einem Cembalo anmutende, Kopfkino-induzierende Melodie uns weismacht, wie bewandert Deerhunter darin sind, hypnotische Klangwelten aus dem Nichts zu stampfen. Breaker mit seinem Kurt Vile-Vibe ist ein anderer Höhepunkt auf Fading Frontier, zeigt er uns doch, wie leichtfertig es Deerhunter gelingt, einen Standard-Pop-Sound so eigen und eigenartig zu machen. Zwar ist mit dem zuvor erwähnten Ad Astra ein Filler-artiger Track vorhanden, der einzig und allein durch kleinere Noise-Elemente Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen weiß. Doch ist dieser Track auch das einzige Momentum auf Fading Frontier, in dem man Deerhunter eine gewisse Orientierungslosigkeit vorwerfen kann – ansonsten legen sie mit ihrem neusten Album das kohärenteste, optimistischste und zugänglichste Werk bis dato vor, das Pop-Afficionados wie auch alteingesessene Deerhunter-Hörer auf der Suche nach melancholischem Bombast erst verwundern, dann überraschen und letztendlich nicht mehr loslassen wird.

1. All The Same
2. Living My Life
3. Breaker
4. Duplex Planet
5. Take Care
6. Leather and Wood
7. Snakeskin
8. Ad Astra
9. Carrion

Zolin sagt: 9 von 10

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