Review: Touchy Mob – Let My Wild Boys Shine in the Boomers

Touchy Mob – Let My Wild Boys Shine in the Boomers

Ein kurzes, nicht zur Nachahmung oder akademischen Verwertung geeignetes Gedankenexperiment; man nehme einen faustgroßen Stein und werfe ihn zur Berliner Prime-Time, ob nun Montag mittags oder Samstags gegen 4 Uhr am Morgen, in eine nicht näher definierte Menschenmenge. Wie viele Musiker hat man wohl mit diesem einen beherzten Wurf verletzt oder dahingerafft? Drei? Vier? Und wie viel mehr Musiker würden an den Ort des Verbrechens eilen, um den dumpfen Aufprall des Wurfgeschosses aufzunehmen und diesen zu samplen? 30? Unter diesem musischen Mob wäre Ludwig Plath, a.k.a. Touchy Mob, wahrscheinlich der Einzige, der zumindest die (musikalische) Intimität dazu besäße, nach der Aufnahme die Verletzten händehaltend bis ins Krankenhaus zu begleiten und dort eine Ode für sie zu schreiben, sei es um ihrer Genesung oder der trauernden Angehörigen willen.

Von derselben Intimität und Zweigleisigkeit zwischen Aufbau und Entschleunigung zeugt auch sein neustes Werk, Let My Wild Boys Shine in the Boomers, das der von Plath bisher angedeuteten Tendenz zur verträumten Schlafzimmer-Ästhetik getreu bleibt und gleichzeitig mit einem Hauch von Energie und Puls versucht, derselben eine brutale Kissenschlacht anzuzetteln– wenn sich die schweißgetränkten Federn wie Schnee auf die durchgetretene Matratze fallen lassen, könnte dieses Album getreu seinem Cover-Motiv die sonare Momentaufnahme dazu bilden. Das liegt besonders an der sorgfältigen Produktion hinter dem zwölf Tracks umspannenden Werk, das diese im Vergleich zu seinem Vorgänger – der Cake Split EP mit Partner-in-Crime, Tellavision – auch nötig macht. Verirrte sich auf der EP noch des Öfteren Plaths bärtig-folkiges Selbstbild in Form einer elektrischen Gitarre, die das besagte Bild eines Schlafzimmers unausweichlich und gelegentliche soundästhetische Abstriche als nötig erscheinen ließ, so ist es auf Let My Wild Boys Shine in the Boomers weiter in den Hintergrund geraten und von einer Bodi Bill-artigen, noch stärker elektronischen Note durchsetzt, sprich; körperlich noch nicht im Bett angelangt, aber im Geiste schon dorthin stampfend.

Beispielhaft für diesen gekonnten Spagat sind der Opener Black Ostsee und vor allem der dritte Track auf dem Album, Lushly Speaking of a Love. Zwischen den stotternden Synthesizern und den epileptischen HiHats sickern die akustische Gitarre und die lasche Gesangsstimme Plaths derart nahtlos in die Ohren, sodass Vergleiche mit Bon Iver direkt in den Kopf schießen, bevor man überhaupt die vorausgegangenen Mount Kimbie-Elemente zu Ende verdauen kann. Diese werden im ersten Teil des dichotomen Konstrukts aus Say– einem atmosphärischen, How To Dress Well-artigen Loop-Fest aus fast gehauchten Vocals- gedrosselt, bis sie mit Bye einen etwas housigeren Turn erfahren und weiter ausgearbeitet werden. Auch hier scheint die Devise zu gelten; unterfüttern, was mager werden könnte. Denn sobald sich eine gewisse Art Stillstand in der elektronischen Facette andeutet und das Beatkonstrukt Bulimie-artig die hineingesteckte Liebe am Detail auszukotzen droht, wird es mit der Gitarre im Hintergrund dermaßen gekonnt zwangsgefüttert, dass die Ohren der Zuhörer aus der bequemlichen Stasis des „Ich weiß schon, was jetzt kommt“-Moments bugsiert werden. Man kann bei Touchy Mob nur erahnen, was folgt, ohne dass das tatsächliche Konstrukt zu sehr vom Pfad abdriftet. Skip You beispielsweise implodiert förmlich zu Beginn wie Sleep Sound von Jamie xx, bevor es sich unter dem Einfluss mehrerer Gesangsspuren und klaren, simplen Gitarrenpassagen in Seekae-artigen Pop unter Strom verwandelt, ohne die belanglose Monotonie der besagten Band zu erreichen. Selbst die Ausflüchte in die einzelnen Elemente, die Touchy Mobs musikalischen Hintergrund ausmachen, wirken nicht forciert oder gewollt – so vermag das vergleichsweise kurze Wedding Band, eine eindeutig folkig gehaltene Nummer, durch kleine Sound- und Produktionspielereien im Hintergrund die Tiefe eines Animal Collective-Tracks zu Campfire Songs-Zeiten aufleben zu lassen.

Insgesamt findet Touchy Mob auf Let My Wild Boys Shine in the Boomers seine eigene Nische und führt diese logisch aus; fast könnte man das dem Album auch vorwerfen, da die Comfort Zone –zwar großräumig und viele Flächen abdeckend, aber eben immer noch eine eigens auferlegte Begrenzung – nur selten oder widerwillig verlassen wird. Auch kann man in den fast 45 Minuten Spielzeit kaum Tracks ausmachen, die ästhetisch besonders aus der Masse herausstechen und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Bei einem Album, das zum Großteil seine sehr hohe Qualität von Anfang an beizubehalten weiß, ist der Vorwurf allerdings eher nichtig oder zumindest unwichtig -gemäß dem Stein aus dem Gedankenexperiment ist Let My Wild Boys Shine in the Boomers eben nicht der größte musikalische Wurf, und doch wird er vieler Leute Blut in Wallung bringen.

1. Black Ostsee
2. Boat of Straw
3. Lushly Speaking of a Love
4. Say
5. Bye
6. Skip You
7. Marcin
8. Wedding Band
9. So Small
10. You Got Me in Chains Tonight
11. Holiday
12. High Volksbühne

Zolin sagt: 8 von 10

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