Review: Wilco – Star Wars

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Eine Band, die sich rechnen, also ihren Mitgliedern mitsamt Crew und Management, Booker etc. ein Auskommen ermöglichen möchte, ist heute oftmals ein kleineres Unternehmen. Ein eigenes Label betreiben, Festivals organisieren, Dokus drehen, Merchandise bis hin zum Kaffee… All das scheint nicht nur möglich, sondern notwendig zu sein. Die Ursachen dafür wie Streaming und ein überlaufener Tour- und Festivalmarkt mit Ticketing-Kartellen sollen hier nur angeschnitten werden, sie sind ja eh omnipräsent und offenbar geeigneter für reißerische Schlagzeilen als die Musik mancher Gruppe selbst.

Ist es da nur konsequent, wenn Wilco, eine der letzten großen Rockbands Amerikas, ihr neues Album mal eben verschenkt, ist eine Platte nur noch Tagesgeschäft, nichts weiter? Oder wissen sie nur, dass die gepresste Version von Star Wars von den Fans eh gekauft oder das Album sowieso gestreamt wird? Warum dann nicht noch wenigstens ein paar Emailadressen für den eigenen Verteiler erhalten?

Denn so läuft es gerade eben, ihr gebt Eure Adresse preis und erhaltet das elfte Album Wilcos, Star Wars. Mit ihm setzt die Band ihre „Weißes Album“-Phase fort. Die Band scheint sich bewusst zu sein, dass sie in der Vergangenheit Vieles probieren durfte, ohne Hörer zu vergraulen und sie noch heute machen kann, was sie will. Beweisen muss sie niemandem etwas, eher zeigen. Und was sie auf Star Wars zeigt, ist vor allem die Liebe zum Song rockiger Herkunft.

Star Wars sollte nicht nur um der Phrase und des Klischees der „wilden“ Rockmusik laut gehört werden, sondern weil es schade wäre, die Gitarren, wie sie zum Beispiel in Your Satellite durch die Gegend schwirren und rauschen, zu verpassen und am Ende gar zu glauben, der Song sei ein „Filler“. Wenn hingegen EKG nicht der erste Track der Platte wäre und somit als Intro oder Opener durchgeht, hätte es diese Bezeichnung verdient. Diese garstige kleine Spielerei scheint die Befürchtung, man habe es angesichts des Covers mit einem etwas seltsamen Geschenk zu tun, erst einmal zu bestätigen.

Eine Katze? Star Wars? „Srsly“? Offenbar, ja. Cover und Titel mögen ironisch auf das Internet verweisen (wo Katzen und Star Wars sehr, sehr populär sind), aber ein Witz ist das Album keinesfalls, eher ein Spaß, auf jeden Fall für die Band. Die elf Songs klingen, als seien sie ohne weitere Umstände eingespielt worden, was zu den gitarrenlastigen Arrangements passt. Diese Schlichtheit kaum bereits in den Anfangstagen der Band vor, und, das kann man mittlerweile sagen, ist eher die Regel als die Ausnahme. Summerteeth, Yankee Hotel Foxtrott und A Ghost Is Born mit ihren Keyboards, Loops und postrockigen, ja krautigen Exkursen haben weniger mit den anderen Alben gemein als untereinander. Das klingt komplizierter, als es ist, und wie immer hilft hier: Reinhören, in die alten Alben, aber jetzt gerade Star Wars, denn das ist ja neu.

Nach dem Intro zelebrieren Wilco auf Random Name Generator melodische Gniedelei an der Grenze zum Fiepen, Gitarren entschwirren in beinahe zu hohe Bereiche, bleiben aber immer ein catchy und formen einen leicht breitbeinig zu spielenden Rocksong. Etwas mehr Americana gibt’s bei The Joke Explained, vorgetragen in lakonischer Dylan-Zitatmanier. Allerdings auch hier dann wieder: Rauschen. Haben wir es am Ende mit dem Noiserock-Album Wilcos zu tun? Pickled Ginger bestätigt die These, das balladesque Taste The Ceiling (wunderhübsch!) widerspricht dem ebenso wenig wie der Closer Magnetized, eine weitere bittersüße Glanztat Wilcos, hier mit Gitarrenchor. Überhaupt und wie gesagt, Gitarren allerorten, jammernd, quietschend, stampfend, schneidend, aber nie ganz von der Leine gelassen, nie selbstvergessen, sondern stets akzentuiert gespielt. Das hier ist kein Jam, und sollte Star Wars in Livesessions entstanden sein, dann zeigen Wilco nur, was für eine famose Liveband sind. Dass wir das vorher schon wussten, ist nicht schlimm, in Ordnung ist auch, dass Wilco mehr Freude am Spiel als Ehrgeiz in Sachen Neuerfindung haben. Hätte es eine solche gegeben, hätten wir eine famose Platte gehört, eine andere als Stars Wars, das aber nicht weniger famos ist… Kurz gesagt: Offenbar können Wilco nichts falsch machen.

1. EKG
2. More…
3. Random Name Generator
4. The Joke Explained
5. You Satellite
6. Taste the Ceiling
7. Pickled Ginger
8. Where Do I Begin
9. Cold Slope
10. King Of You
11. Magnetized

Zolin sagt: 7 von 10

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