Review: Tame Impala – Currents

Tame Impala - Currents

Da batikt man sich sein ausgewaschenes T-Shirt in alle Farben des Regenbogens, um sein Äußeres dem Inneren anzupassen und auf dem Konzert den ungeduschten Speck zu schütteln – letzten Endes führt der Weg dann doch in die kuscheligen, da anonymen und gesichtslosen Sphären der Disko. Auch ein Kevin Parker kann sich diesem Sog nicht vollends entzogen haben, umso weniger auch seine Kopfgeburt Tame Impala; zeugte zum Beispiel Solitude is Bliss auf seinem Debütalbum Innerspeaker mit Zeilen wie „There’s a party in my head/ and no one is invited“ von einer gewissen soziophoben Ader, die bis ins Zweitwerk Lonerism hinein immer wieder auf seiner musikalischen Stirn pochte, so ist sein neuestes Werk, Currents, die reichlich verspätete Einladung zur selbigen Party. Parkers mehrfach bekundete Faszination gegenüber der Atmosphäre in Clubs und auf Raves bringt einen auf den ersten Blick radikalen Bruch mit dem Vergangenen, der Sensationsgeilen wie alteingesessenen Fans zu knabbern gibt.

Disco-Groove, funkige Basslines, ausufernde Synthesizer? All die Elemente, denen zuvor in den Vorgängerwerken weniger Platz und Tragkraft eingeräumt wurde, gelangen mit den vordergründiger abgemischten Vocals in die Position der Stützpfeiler, die bisher eher vom klassischen Rockband-Vokabular eingenommen worden waren. Haben wir nach Thom Yorke also mit Kevin Parker den nächsten Delinquenten, der seine musikalische Vergangenheit in einem (Fast-)Band-Konstrukt mit seinem gegenwärtigen und künftigen Material zu verneinen versucht? Im Hinblick auf seine offenkundige Abscheu gegenüber dem Erfolg des verzerrten Psych-Faustschlags namens Elephant erscheint der Vorwurf zunächst gerechtfertigt, wenn man denn oberflächlich an die Angelegenheit tritt. Tatsache ist nämlich, dass der Schritt vom Psych-Pop auf Lonerism zum Groove-Pop zwar unerwartet, jedoch nicht gänzlich abwegig war. Schon lange war das Schlagzeugspiel des Multiinstrumentalisten Parker minimalistisch, seine Produktion sphärisch und ausgetüftelt. Diese Eigenschaften führt er auf Currents derart logisch aus, dass hier das „Tame“ im Bandnamen zutreffender denn je wirkt.

Der Opener des Albums, Let it Happen, setzt die Messlatte des neuen Stils schon zu Beginn derart hoch, dass man den Stilwechsel fast mit Kusshänden empfangen möchte; eine hintergründige Synthesizer-Welle ergießt sich überraschend angenehm und treibend unter die angezogenen, marschkapellenartigen Drums, während entweder ein weiterer Synthesizer oder eine bis in die Unkenntlichkeit verfremdete Gitarre das Konstrukt kontrapunktiert. Parkers gewohnt introspektive Lyrics über Entfremdung und Zuversicht schmiegen sich in ihrer auf Albumlänge überstrapazierten Nasaltenor-Darbietung auf den Groove, bis der Track zur Mitte hin fast implodiert. Die Melodie wird abrupt gehackt oder geloopt, sodass hier zum ersten Mal der Eindruck einer Studio-Spielerei die Ästhetik einer eingespielten (Ein-Mann-)Band ablöst, ohne dass er zu verwirrend wirkt. The Less I Know The Better lebt vom selbigen Groove, auch wenn er hier mehr vom prägnanteren Bass zehrt und sich dem öfters aufgegriffenen Pop-Gefilde hinwendet, ohne belanglos zu wirken. The Moment mit seinem Drum-PC-Beat, auf dem sich wabernde Synthesizer und die hallenden Gesänge Parkers die Ehre erweisen, klingt mitunter nach den Bee Gees, die aus den Weiten des Weltalls ihren Disco-Pop gen Erde senden.

Diese drei Tracks sind die energischsten auf Currents, da die Energie dahinter vom tempogeladenen Groove lebt; nimmt man diesen aus dem Prinzip heraus, so entstehen die Slow Jams wie ‚Cause I’m a Man oder Eventually, die dem Album unter keinen Umständen einen qualitativen Abbruch tun, dieses jedoch auch nicht musikalisch bereichern oder in eine ungeahnte Richtung bugsieren. Vor allem das Songwriting, mit dem Kevin Parker bisher brilliert hat, scheint für das viel beschworene Club-Prinzip einen Schritt zurückgesetzt worden zu sein. Dies führt dann wiederum so weit, dass ein überaus unerwarteter Move seinerseits auf Currents dominiert – Kevin Parker baut leider Tracks wie Disciples ein, die offensichtlich nur als Filler gedeutet werden könnten. Natürlich ist der wabernde Synthesizer-Effekt auf Nangs interessant, doch ob er dem Stillstand in diesem Track entgegenwirken kann, sei in Frage gestellt. Auch Past Life kann mit seinen gepitchten Spoken Word-Passagen, die vom Synthesizer und dem Nasalgesang durchbrochen werden, nicht den Eindruck eines durchdachten Songs erwecken; fast scheint es so, als würde der bahnbrechende Stilwechsel, der mit der neuartigen Instrumentierung einhergeht, in äußerst vorhersehbaren Bahnen stattfinden. Currents ist somit als Gesamtwerk durchsetzt von starken Tracks, die jedoch in der homogenen Welle aus Tracks mit viel zu ähnlicher Soundästhetik unterzugehen drohen wie eben der Einzelne im Club. Ob das der erwünschte Effekt Kevin Parkers ist, sei dahingestellt; am besten ließe sich wohl darüber sinnieren, indem man sein Werk in dem Kontext erlebt, der diesem vorgesehen wurde.

1. Let It Happen
2. Nangs
3. The Moment
4. Yes I’m Changing
5. Eventually
6. Gossip
7. The Less I Know The Better
8. Past Life
9. Disciples
10. ‘Cause I’m A Man
11. Reality In Motion
12. Love/Paranoia
13. New Person, Same Old Mistakes

Zolin sagt: 6.5 von 10

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *