Review: Jamie xx – In Colour

Jamie XX - In Colour

So wie man nicht zweifelsfrei von einem Text auf dessen Autor schließen kann, so ist der Bezug zwischen dem Solo- und dem Bandmaterial eines Musikers schwer handzuhaben. Eigentlich sollte man diese beiden Herzensangelegenheiten differenziert betrachten und bewerten, Ausnahmen wie Jamie Smith a. k. a. Jamie xx jedoch beschädigen die Regel. Das Albumcover in Anlehnung an Vorgängerwerke wie den äußerst gelungenen Gil Scott-Heron-Tributen zu I’m New Here oder der mehr als eindeutige Verweis im Künstlernamen – sowohl inhaltlich als auch im Kontext betrachtet führt uns alles an In Colour vor Augen, dass hier der Herr an den Reglern sitzt, der The xx mit seinem offensichtlichen elektronischen Einflüssen davor bewahrt, zu einer einzigen schwerfälligen Geister-Orgie aus Gesängen wie geheuchelten Orgasmen und gehauchten Gitarren zu mutieren.

Dessen musikalisches Vokabular wiederum orientiert sich an den verschiedensten Facetten der alten neuen Welt der Elektronik; der Opener und Drum n’ Bass-Mutant Gosh mit seiner fast schon Industrial-artigen Schwere zu Beginn, die sich mit den oft vertretenen verschrobenen Vocal-Samples marathonartig in Richtung von etwas bewegt, was man bisher hinter The xx nur erahnen konnte, nämlich Freude und Entwicklung. Bei diesem wie auch bei den meisten anderen Tracks sei ein Gedankenspiel wie die Suche nach der thematischen Verkettung eines Gesprächs ans Herz gelegt; wie klingt der Track am Ende im Vergleich zu seinem Anfang? Sleep Sound ist ein perfektes Beispiel hierfür. Was zunächst wie eine außer Kontrolle geratene Spieluhr in alle Richtungen zu zerspringen scheint, wird von einem House-artigen Beatkonstrukt so weit getragen, bis es von Gospelgesängen auf die nächste Ebene katapultiert wird. Auch Obvs mit seinen gewagt simplen Steeldrum-Einschlägen wirkt zunächst wie ein Jingle aus der Fernsehwerbung für den nächsten Karibik-Urlaub, bis eben diese Einschläge mit Bass und schlängelnden Gitarren-Licks unterfüttert werden, sodass die angedeutete Lethargie zum Glück nicht eintritt.

Die DJ-Qualitäten Jamies sind mit konventionellen, housig gehaltenen Club-Attitüden vertreten, so wie mit Hold Tight und dessen makaber-redundanten „Go to sleep/Party hard!“-Vocalsamples oder The Rest Is Noise, einem Jon Hopkins-artigen melancholischen Tanztrip mit Klaviereinschlag. I Know There’s Gonna Be (Good Times) mit Trap-Repräsentant Young Thug und dem Dancehall-Sänger Popcaan spannt den Bogen der Experimentierfreude, der sich eher hintergründig hält, vollkommen; mit dem Autotune-Einschlag und einer fast schon übertriebenen Lebensfreude hinter Gesang und Beat wird hier das absolute Gegenstück der emotionalen Blaupause geboten, die The xx mit ihren Fingern in die Luft gemalt haben – der einzige Nenner zwischen beiden Stilen ist Jamie xx allein. Interessanterweise sind ausgerechnet die Tracks, in denen er nach den Geistern der Vergangenheit in Form von Romy Croft und Oliver Sim ruft, auch die, die den Stillstand in In Colours bringen.

Während dieser bei Loud Places mit seinem dramatischen Aufbau, der die stimmliche Entfaltung Romys zu unterstützen weiß, und dem Gospel-Einschub zum Ende hin noch angenehm wirkt, ist Seesaw ein einziger Kampf zwischen den energiegeladenen Synthesizern und den bornierten Stimme, den zum Glück die Stimme verliert.
Stranger In a Room ist sowohl beat- als auch gesangstechnisch einfallslos gehalten, wenn jedoch beide Facetten sich gegenseitig zu ergänzen versuchen, kommt ein gewisser Moment auf, in dem man Jamie xx am liebsten Schnurtelefon-artig per Kopfhörer anfahren will, was denn das Ganze hier werden solle außer reine Vergangenheitsbewältigung.

Jamie xx represented die Gang im Namen, lässt ihr Raum auf seinem Solo, doch beansprucht den Titel des Hipster-Pop-Lords im Endeffekt für sich. Er emanzipiert sich, ohne xx-Fans zu entfremden. Letzten Endes gelingt ihm ein gefälliges Popalbum, jedoch nicht, sein Y-Chromosom als unverwechselbares Merkmal seiner Musik zu etablieren.

1. Gosh
2. Sleep Sound
3. SeeSaw (featuring Romy)
4. Obvs
5. Just Saying
6. Stranger In A Room (featuring Oliver Sim)
7. Hold Tight
8. Loud Places (featuring Romy)
9. I Know There’s Gonna Be (Good Times) (featuring Young Thug & Popcaan)
10. The Rest Is Noise
11. Girl

Zolin sagt: 7 von 10

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