Review: Binoculers – Adapted To Both Shade And Sun

Binoculers - Adapted To Both Shade And Sun

“…but the stars are the brightest where the water is black“. Eine schlichte Zeile, die sowohl die charmant-absurde Logik als auch die kosmisch-romantische bis düstere Szenerie und Bildsprache des neuen Albums Binoculers‘ auf den Punkt zu bringen vermag. Unter den anmutig gehauchten Zeilen der Sängerin Nadja Rüdebusch schreitet unterdessen ein stattliches Klavier, das zum Ende des Tracks in den entzückend hymnischen, scheinbar unendlichen Refrain versinkt. Auch der Albumtitel Adapted To Both Shade And Sun spielt mit jener Kontrastmetapher, die auf jeglicher ihrer zu interpretierenden Ebenen zum zentralen Thema des Albums wird. Nachdem das Hamburger Duo nämlich 2013 mit dem wundervollen, äußerst folklastigen Zweitlingswerk feststellen musste, There Is Not Enough Space in the Dark, scheinen sich die seit jeher beengten Binoculers aus dem lauschigen Schatten des Kammerfolks heraus ins Licht, vielmehr ins Rampenlicht, gewagt zu haben – denn bühnenreif ist ihre neue Scheibe allemal.

Der Klangkosmos scheint auf Binoculers‘ drittem Album wesentlich weiträumiger, abenteuerlicher angelegt zu sein – vielleicht darf man in diesem Falle aber auch schlichtweg von „poppiger“ sprechen? Sicherlich ist dies nicht zu knapp der Tatsache zu verschulden, dass Adapted To Both Shade And Sun erneut in vollkommener künstlerischer Freiheit entstanden ist: Selbst geschrieben, arrangiert, produziert und gemixt präsentieren Binoculers ihr neues Album stolz auf dem eigenen, vor drei Jahren gegründeten Label Insular. Doch schon der märchenhafte Opener Repeller Boat verrät vorab, dass dies dennoch und glücklicherweise kein Stück der schwelgerischen, herrlich verwunschenen Traum-Atmosphäre einbüßt, die schon die Vorgängeralben so liebenswürdig schmückte. Ganz im Gegenteil sogar, sonderbar uneindeutige, übereinandergelegte, teils verfremdete Klangelemente lassen Binoculers in gemächlichen Nummern wie Moonbeams oder Souvenir psychedelischer und geradezu geheimnisvoll wirken. Denn stets behutsam und unheimlich geduldig heißen Binoculers ihre Instrumentalschichten und zarten Harmoniestimmen nach und nach im schummrigen Soundkontext willkommen, bis sie letztlich in Tracks wie Islands oder Agravic gemeinsam die deftig dreampoppige Coda im Wiederhall des alten Bauernhauses zelebrieren, in dem sie allesamt aufgenommen worden sind.

Doch es sind nicht nur die charmanten Melodien, die hängen bleiben, sondern auch – oder vor allem – die Bilder, die Nadja Rüdebusch mit schlicht intuitiven, dennoch lyrischen Worten in den Raum wirft. Man würde wahrscheinlich glatt mit Agravics verlorenem Astronauten schwerelos im All kleben bleiben, wäre da nicht Daniel Gädicke, der Mann an den Reglern und den Drums, der Adapted To Both Shade And Sun zu unheimlich schnittigen Songs verwurstet und den Hörer an genau den richtigen Stellen aus den Träumen zu reißen versteht. Ein potentieller Ohrwurmkandidat wäre daher beispielsweise die flotte Nummer Contrails, der Gädicke mit jenem angezogenen, latent HipHop-esquen Beat die nötige Würze verpasst. Der Minimalist Bow and Arrow dagegen klingt gerade dann am größten, wenn man am wenigsten hört, denn lediglich die verblassten Orgelakkorde und die fragilen Percussions tragen den beinahe schwerelosen Refrain davon. Es sind eben die kleinen, unscheinbaren Dinge, denen Binoculers Beachtung schenken wollen. Ihr Selbstverständnis haben die zwei Hamburger schon im Bandnamen, der Personifizierung des englischen Wortes für Fernglas, manifestiert. Sie wollen die Dinge vergrößern, die ganz fern sind und so Details entdecken, die anderen verborgen bleiben. Hoffen wir mal, dass Binoculers auch zukünftig noch allerlei wundervollen Krimskrams erspähen.

1. Repeller Boat
2. Where The Water Is Black
3. Islands
4. Contrails
5. Moonbeams
6. Shine And Then Gone
7. Agravic
8. Bow And Arrow
9. Souvenir
10. Black/White Bird
11. My Shouts

Zolin sagt: 8 von 10

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