Review: Unknown Mortal Orchestra – Multi-Love

Unknown Mortal Orchestra - Multi-Love

Nach einer gewissen Zeit ohne Schlaf erreicht man bekanntlich, ob nun gewollt oder nicht, diesen humoristisch wertvollen, jedoch nur schwer teilbaren Zustand der Schlaftrunkenheit, in dem laut Hans Arndt der Schlaflose die Ereignisse multipliziert; angesichts dessen kann schon allein aus dem Titel Multi-Love herausgelesen werden, auf welchen somnambulen Pfaden Unknown Mortal Orchestra gewandelt sein müssen, um zu diesem Album zu gelangen. Respektive der vergangenen musikalischen Ausflüge Ruban Nielsons wie dem schizophren-schlaftrunken wirkenden, selbstbetitelten Erstlingswerk oder dem Song-orientierteren und interessanter strukturierten II von vor zwei Jahren erschließt sich sein aktuellstes Werk einfacher denn je. Es wirkt weniger verkopft um der Verkopftheit willen, es klingt aufgeräumter – klingt es da etwa nach Pop? Tatsächlich trägt ein Gros der Tracks auf Multi-Love das selbe Banner wie Hot Chip oder andere entwaffnende Pop-Bataillone. Es wirkt im Vergleich zu den Vorgängern vor allem zum Beginn durch die neuartige, weniger auf Lo Fi bedachte Produktion bedrohlich unbedrohlich.

Der Zweifel ist jedoch nicht gerechtfertigt; wenn man sich vom Titeltrack aus in dieses Unterfangen schmeißt, wird es wahrscheinlich keine 55 Sekunden dauern, bis das Stammhirn Hitzefrei im Kopf ausruft. Die Hip Hop-esquen, angezogenen Drums sind mit den Vocals vordergründiger denn je abgemischt, sowohl das Klangbild als auch seine produktionstechnische Ausführung lehnen sich schon hier an die klar strukturierte Manier eines Ziggy Stardust oder Michael Jacksons zu Off the Wall-Zeiten. Vor allem das dadaistisch wirkende, wie ein Telefonat mit Resümee aufgebaute Can’t Keep Checking My Phone mit seinem 70’s-Groove und den kleinen elektronischen Garnituren obendrüber zeigt, wie gut Unknown Mortal Orchestra diese neue Verwertung des Alten umzusetzen wissen; so gut nämlich, dass sogar Saxophonsoli darin wie der letzte Feinschliff wirken.

Dann gibt es wiederum diese musikalischen Momente wie Like Acid Rain oder Extreme Wealth and Casual Cruelty, wo die fröhliche La-La-La-Attitüde der Musik über zynischen Gedanken, sowohl die des Zuhörers als auch Nielsons, zu helfen wissen, wie im ersteren Track zu hören ist („Jesus doesn’t know my name/He charge me fifty bucks a gram (woowoo)/Snort don’t smoke/Smoke don’t shoot that ope“). Von der eigenen verkopften Vergangenheit haben sich also Unknown Mortal Orchestra zum Glück auch nicht ganz abgewandt; Stage or Screen wird unerwartet von einer befremdlichen Synthesizer-Front wie aus dem Twin Peaks-Soundarchiv durchbrochen, und Puzzles zum Beispiel ist ein gelungener Closer und eine kleine Rückführung in die Garage-Rock-Hemisphäre, in der die Band auf ihrem ersten Album fast verglüht wäre. Hier wird sie jedoch nur vorsichtig berührt, bis der Track Beck-artig in einen der auf Multi-Love zahlreichen, ausgedehnten und zurückgelehnten Slow Jams übergeht.

Unknown Mortal Orchestra haben die Entwicklung, die sich in ihren Werken angedeutet hat, ausgeführt und sogar darüber hinausgebaut, ohne zu übertrieben zu wirken. Statt auf Eigenart zu beharren, präsentieren sie mit Multi-Love ihre eigene Art von Zugänglichkeit, die Message dahinter mag verrückt sein, doch wenigstens ist sie lustig und der Erzähler endlich einmal ausgeschlafen, nicht oder nur leicht verkatert und vor allem fokussiert, wenn er sie erzählt. Das kann sowohl bei der Geschichte als auch beim Zuhörer Wunder bewirken.

1. Multi-Love
2. Like Acid Rain
3. Ur Life One Night
4. Can’t Keep Checking My Phone
5. Extreme Wealth and Casual Cruelty
6. The World Is Crowded
7. Stage or Screen
8. Necessary Evil
9. Puzzles

Zolin sagt: 9 von 10

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