Review: Fabian Römer – Kalenderblätter

Fabian Römer - Kalenderblätter

Schon der Namenswechsel von F.R. zu Fabian Römer und der Titel seines ersten Albums unter diesem, seinem bürgerlichen Namen, Kalenderblätter verraten, wohin es mit dem nunmehr 25-Jährigen Fabi anno 2015 geht: Richtung (Surprise!) erwachsen ein, es gibt leider kein anderes Wort dafür. Man lauscht einem klischeehaften Coming of Age-Drama in all seinen Facetten: Oberflächliche Zweifel an der Welt (Blauwalherz), Sex mit der Ex (Nach Dir (Anna)) und hoffnungsvolles In-die-Welt-hinaus-Latschen (Übersommern). Auf der einen Seite kann man an dieser Stelle Prezident zitieren und von vornherein ablehnend meinen: „Du machst jetzt erwachsene Musik, die vom Erwachsenwerden handeln / Versteh ich nicht so ganz“ und klar, mit politischem Bewusstsein, kritischem Geist oder auch nur Weltbürgertum ist hier nicht viel. Andererseits muss man dem Protagonisten dieses Reviews zugutehalten, dass er in der Zeit und dem Raum, in dem er nun mal lebt, mit solcherlei Fragen und Problemen konfrontiert ist. Wenn einem dann mal in einem schwachen Moment alle wahnsinnig kritische Distanz und Coolness flöten geht, muss man auch zugeben, dass man zu Tracks wie Kalenderblätter oder Stille toll traurig sein kann.

Wenn man sich die Diskografie des ehemaligen Rap-Nesthäkchens anschaut, wird außerdem deutlich, dass Kalenderblätter eine stringente Entwicklung darstellt: Von Das Mundwerk (2004) bis Ganz normaler Wahnsinn (2011) wird F.R.s Musik immer persönlicher, es gibt immer weniger Geflexe zu hören und die melancholischen Töne nehmen zu. Melancholie, dieses seit Casper geflügelte Wort, war Fabian wohl schon immer eine Herzensangelegenheit, ist die Stimmung doch auf Tracks von 2006, wie beispielsweise Abstand, auch schon ziemlich drückend. Hier ist Fabian auch nach wie vor ein ziemlich guter Songwriter, was Songs wie Zimmer ohne Zeit und Kalenderblätter (jaja, mit MoTrip-Feature, gönnt euch doch mal!) beweisen. Der Typ kann ohne Frage schreiben und bringt Deutschrap ab und zu mit seinem Gespür für schöne Bilder („Und mit eisblauen Lippen nennst du mich unterkühlt“) tatsächlich einen Mehrwert.

Letzten Endes überwiegen in der dreiviertel Stunde Braunschweighaftigkeit aber doch die Kalendersprüche und zwar aus dem Kalender deiner steuerberatenden Tante, von Rossmann. Ein Beispiel, das dem Hörer die Tränen der schlechten Sorte in die Augen treibt, ist Dreh den Nebel um. Der Track strotzt nur so vor klebrigem Pathos und wirklich platter Phrasendrescherei:

Und ich weiß es klingt, wie das größte Klischee
Wenn der Chinamann vom Imbissstand
Auch bei strömendem Regen noch lächeln kann
Er grinst, du grinst
Dreh den Nebel um, dann steht da das Leben, rückwärts gelesen

Ja, danke für die Erklärung, Mensch! Falls sich der aufmerksame Leser fragen sollte, warum niemand dieses doofe Anagramm aus dem Munde Testos von ZM angekreidete: Zolin tat es!

Das Album wird traditionsbewusst von den Beatgees instrumentiert, die ebenfalls traditionsbewusst mit ihren Soundentwürfen ungefähr drei Jahre im Popgeschehen zurück liegen. Die Beats schielen teilweise mit (zu) vielen, (zu) drängenden Claps und dramatischen Aufbrüchen Richtung Refrain sehr offensichtlich auf eine gute Chartpositionierung, was einem als Verfechter von Kreativität statt Kapitalismus eben doch immer etwas sauer aufstößt.

Kalenderblätter ist für ein wahrscheinlich jüngeres, der Welt gegenüber eher uninteressiertes, abseits von Selbstdarstellung nicht zu Gefühlsausbrücken neigendes Publikum gemacht – als solches solide. Darüber hinaus hat es tatsächlich seine guten Momente, eben immer dann, wenn Fabian Römers lyrisches Talent mitunter beeindruckende Lines hervor bringt. Spannend ist das Ganze aber nicht.

1. Nachtluft
2. Blauwalherz
3. Zimmer ohne Zeit
4. Dreh den Nebel um
5. Nur für uns
6. Übersommern
7. Kalenderblätter feat. MoTrip
8. Kein Mensch mehr
9.Dominoleben
10. Stille
11. Nach dir (Anna)

Zolin sagt: 4 von 10

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