Review: Kamasi Washington – The Epic

Kamasi Washington - The Epic

Zeit ist das, was wir nicht haben, und in drei Stunden davon könnte man so einiges schaffen. Man könnte hunderte von halbherzig überflogenen Artikeln, Binsenweisheiten und angeblich lustigen Bildern im Netz finden und sie allesamt in der Tab-Leiste sammeln, um sie dort vor sich hingammeln zu lassen und nie wieder zu beachten; man könnte eine kleine Reise mit dem Zug antreten, um sich von der langweilig vorbeirauschenden Außenwelt berieselt von Punkt A nach Punkt B, der vielleicht sogar in einem anderen Land liegt, befördern zu lassen – oder einfach abenteuerlustig beim Punkt A verbleiben, sich ein 174-minütiges Jazz-Album anhören und die Punkte B bis Z in den eigenen Hirnwindungen und Synapsen ausmachen. Zugegebenermaßen sind heute solche dreistelligen Spielzeiten eher den verführenden Welten des Films zuzutrauen als einem einnehmenden Album und die Anforderungen, die hier vom Künstler gestellt werden, keine niedrigen; doch wahrscheinlich geht es dem Tenorsaxophonisten und Komponisten Kamasi Washington mit The Epic gerade darum. Sah sich derselbe vor wenigen Monaten noch als Sideman dazu berufen, mit seinem musikalischen Know-How moderne Klassiker wie You’re Dead! vom Label-Papa Flying Lotus oder Kendrick Lamars To Pimp A Butterfly um die professionell jazzigen Noten zu bereichern, für die diese Werke einschlägig als bahnbrechend, saugeil oder zumindest als Next Level Shit deklariert wurden, so scheint das Anliegen seines Debüts in nichts Geringerem als der Zerstörung von Hörgewohnheiten mittels Altbewährtem zu liegen. Das „Einmal komplett durchhören“-Prinzip stößt bei The Epic und seinen drei (!) CD’s auf die Grenzen der eigenen Aufnahmefähigkeit; man kann sich natürlich dem Geiste des Gonzos folgend Hals über Kopf in die Exkursionen aus Soul, Funk, Jazz, Bebop und co schmeißen und so verwirrt aus dem Ganzen herausgehen, dass Jazz eben wie das wirkt, was es in Kamasi Washingtons Augen nicht sein müsste; nämlich unnahbar.

Das würde dem musikalischen Anspruch und der liebevollen orchestralen Arrangements dahinter – bestehend aus einem 32-köpfigen Orchester, einem zehnköpfigen Chor und der virtuosen, zehnköpfigen Jazz-Formation The Next Step mit Mitgliedern wie dem Bass-Mephisto Stephen Bruner a.k.a. Thundercat oder dessen drummendem Bruder Ronald Bruner Jr.-, auch nicht gerecht. Ein Begriff wie Hektik mag in den Maßstäben von uns Normalsterblichen, die keine musikalische Ausbildung auf dem Saturn oder dem Sirius genießen durften, negativ konnotiert sein – auf The Epic ist er nichts anderes als eine Umschreibung für die pure Spielfreude, die einen Großteil des Albums und sein Hörerlebnis so unverkennbar bestimmen.

Mit musikalischen Vorbildern wie John Coltrane oder Gerard Wilson im Visier lässt schon der zwölfminütige Opener Change of The Guard erkennen, dass es sich hier nicht um halbgare Lounge-Attitüden zum nebenbei hören handelt, sondern um die geballte Ausdruckskraft des Jazz, für die Kamasi seine Hand in sein eigenes feuriges Spiel legt; die Streicher schlängeln sich elegant zwischen ausufernden Chorgesängen und einem hektischen Klavier, bis sie unter der Leitung des stetig formweisenden Schlagzeugspiels den musikalischen Staffelstab an sein mal verspieltes, mal verzweifelt kreischendes Saxophonspiel weiterreichen. Innovativ klingt das nicht auf dem Blatt, als Stück jedoch umso mehr; so zum Beispiel auch bei den beiden smoothen Jazz-Standardinterpretationen auf diesem Album, Cherokee und Claire de Lune. Die Performance der Band fokussiert sich hier mehr auf das stimmige, legere Zusammenspiel, das mal von der stärker präsenten Orgel, dem zurückhaltenden Schlagzeug oder der stimmlichen Darbietung Patrice Quinns umrahmt weniger überbordend oder hektisch als der Anfang des Albums anmutet.

Kernstücke auf diesem Album sind unter anderem Re Run und sein Konterpart Re Run Home, die sowohl in ihrer Percussion-orientierteren Afrobeat-Ästhetik wie auch dem gekonnten Wechsel zwischen Kind of Blue-artigem, tiefenentspanntem Bläserspiel und der „Zu viel ist gerade genug“-Attitüde eines Sun Ras zu Space Is The Place-Zeiten von einer inneren Verwandtschaft zeugen. Der Bass hüpft gurgelnd und prägnanter als bei vielen Stellen auf The Epic und verleiht den beiden Tracks, vor allem aber Re Run Home den unkomplizierten, jedoch nicht weniger aufregenden Groove für Jedermann, auf dessen Geschmack uns schon Tony Allen oder Fela Kuti zu bringen versucht haben. Miss Understanding ist im Gegensatz dazu genau die Art von Jam, die trotz oder gerade wegen ihrer energiegeladenen Hektik zu bestechen weiß. Das angezogene, minuziöse Schlagzeugspiel, nach dem man Uhren stimmen könnte, in Verbindung mit den flächendeckenden Chorgesängen und einem virtuosen Kontrabasssolo prägen dieses Stück so cineastisch und mitreißend wie manche musikalisch untermalten Kamerafahrten aus Whiplash; der einzige Unterschied zu ihnen ist wohl, dass die Figur des von J.K. Simmons verkörperten, sadistisch-dauernörgelnden Big Band-Leaders hier absolut fehl am Platz wäre, weil die Performance aller Beteiligten so nahtlos vonstatten zu gehen scheint.

Die Frage, ob man dieses Zusammenspiel als womöglicher Jazz-Laie überhaupt angemessen bewerten kann, ohne sich von der neuen kontemporären Faszination gegenüber allem, was auch nur im Ansatz nach Jazz klingt, blindlings mitreißen zu lassen, ist angesichts der Vielschichtigkeit und des musikalischen Umfangs auf The Epic nur schwer mit Nein zu beantworten. Auch die Bewertung des Saxophonspiels Kamasis gehört wohl unter Ausschluss der öffentlichen Meinung vor dem Schiedsgericht des Jazz diskutiert; das Können ist nach seiner professionellen musikalischen Ausbildung zweifellos vorhanden, und doch zieht er einzelne Ideen auf seinem Instrument in eine Länge, die dem Gehalt dahinter unangemessen scheint. Beeinflussen diese Momente wiederum die Aussagekraft des Albums negativ? Mitnichten. Dafür ist es einfach ein zu massives, ambitioniertes Werk, als dass es sich von einer einzelnen Facette negativ beeinflussen lassen könnte – dort, wo Kamasis Talent als Saxophonist mal nicht in den Vordergrund rückt, verbrennt seine Brillanz als Komponist beinahe alle Mankos, bevor man sich überhaupt traut, sie zu bemerken. Ein Album, bei dem das Einzige, das anfänglich zu abgehoben oder zu eigenartig klingt, seine Spielzeit ist – wenn man bemerkt, dass jede Minute davon eine Belohnung für jede darin investierte Minute ist, erscheint sie vollends nachvollziehbar.

The Epic Vol.1: The Plan
1.1 Change of the Guard
1.2 Askim
1.3 Isabelle
1.4 Final Thought
1.5 The Next Step
1.6 The Rhythm Changes

The Epic Vol.2: The Glorious Tale
2.1 Miss Understanding
2.2 Leroy and Lanisha
2.3 Re Run
2.4 Seven Prayers
2.5 Henrietta Our Hero
2.6 The Magnificent 7

The Epic Vol.3: The Historic Repetition
3.1 Re Run Home
3.2 Cherokee
3.3 Clair de Lune
3.4 Malcolm’s Theme
3.5 The Message

Zolin sagt: 9.5 von 10

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