Interview: Veedel Kaztro, Johnny Rakete, Gold Roger

Johnny-Rakete-DJ-Densen-Gold-Roger-Veedel-kaztro

Veedel Kaztro, Gold Roger und Johnny Rakete sind tiefenentspannt, machen ihr eigenes Ding und keinen 0815-Rap. Beim Kölner Qualitätslabel Melting Pot Music, in den Tiefen des MOT oder eben auf einer Tour, die nie jemand veranstalten wollte – Zolin traf die drei, um mit ihnen über politischen Rap, (un-)kritisches Publikum und Konzeptalben zu sprechen. Die drei trafen Zolin allerdings, um über Schimpfworte und Acapella-Battles zu sprechen. Alle hatten Spaß.


Dein Künstlername ist Veedel Kaztro, eure Tour heißt Niemand hat die Absicht auf Tour zu gehen, das sind schon explizit politische Verweise. Im Deutschrap findet ja momentan zum Beispiel mit Zugezogen Maskulin und der Antilopen Gang eine allgemeine Politisierung statt – würdet ihr euch da zuordnen? Wie seht ihr diese Entwicklung?
Veedel Kaztro: Ich finde die Entwicklung gut, aber ich persönlich… also zum Teil würde ich mich da schon zuordnen, aber nicht überwiegend. So’n bisschen, aber nicht so viel (lacht).
Gold Roger: Ich mach sowas schon, jetzt auch auf der neuen Platte, aber ich möchte auch nicht in so eine Ecke gestellt werden. Nicht wie Sookee oder so.
Johnny Rakete: Also ich find das cool, wenn Leute darüber rappen, aber für mich war das noch nie relevant für Texte irgendwie, das sollen andere machen.

Okay. Es gibt ja immer diese ganzen Etiketten, Gangsterrap, Backpackrap, Politrap, fühlt ihr euch da irgendwo zugehörig?
JR: Ich mach Pop!
GR: Poprapper.
VK: Eher in die politische Ecke als Atzenrap zum Beispiel, auch wenn es nicht genau das ist. Ich mach viel Storytelling würde ich sagen.
GR: Ich will das machen, was Veedel Kaztro macht!

Findet ihr diese Kategorisierung denn sinnvoll oder ist das egal?
GR: Ich mein am Ende ist das ja trotzdem alles Rap. Manch einem Menschen bedarf es dann eben größerer Unterteilungen, das hat dann in gewisser Weise wahrscheinlich auch seinen Sinn, um Schubladen aufzumachen und Menschen denken eben gern in Schubladen, also ist es schon okay. Ich bin dann wahrscheinlich der Backpacker von uns dreien oder der Hipsterrapper, ist ja jetzt auch so’n neues Genre.

Veedel, dein Track iPod brennt ist ja an Radio brennt von den Ärzten angelehnt, findest du HipHop kann sich etwas von den Ärzten abgucken?
VK: Ja, würde dem HipHop vielleicht gut tun. Ich mein so gut wie er auch ist, aber die Ärzte sind schon sehr lustig, find ich, und sie haben auch gute Lieder gemacht.
GR: „Paul Würdig, du hast mein Leben zerstört“ ist doch auch angelehnt an Tocotronic?
VK: Ja, das auch. Naja, die Ärzte sind schon geil.

Gold Roger, dein Penis-Interlude ist auch so ein bisschen Ärzte-humorig.
GR: Ich hab früher viel Ärzte gehört, da war ich 13 und dann hab ich viel Terrorgruppe und sowas gehört und dann hab ich irgendwann angefangen zu rappen, weil ich nicht singen kann.
JR: Ich hab nie Ärzte gehört, außer das eine, wo Lara Croft im Video war.
GR: Männer sind Schweine.
JR: Ja, das fand ich cool, aber da war ich auch erst 8 Jahre alt oder so. Und das eine Farin Urlaub Ding, wo die Dusche ihn umbringt.
VK: Besser als die toten Hosen auf jeden Fall.
GR: Auf jeden. Ich find auch Bela B. sollte mal ein Rap-Battle machen.
JR: Digga, Bela B. sollte überhaupt mal eine Rapplatte machen.

Er macht ja zumindest immer was mit K.I.Z.
GR: Deswegen ja.
VK: Der sieht cool aus, auf jeden Fall. Der ist ein cooler Typ, sieht ja auch so ein bisschen wie Johnny Cash aus in seinen jungen Jahren. Das find ich geil, er ist ein sehr swaggy Typ.
GR: Bitte “Don’t let the label label you” Bela B. gegen Campino.
JR: Acapella Rap-Battle.

Oh ja, das wär auf jeden Fall gut. Veedel, es geht auf Tim Taylor um Männlichkeitsgepose und –floskeln im HipHop, inwiefern ist das denn ein Interna und muss im HipHop verhandelt werden?
VK: Naja, das spielt einfach für viele Leute eine große Rolle, weil sie wahrscheinlich aus einem Umfeld kommen, wo man das immer beweisen muss, dass man ein harter Kerl ist oder wie auch immer. Ich muss das Gott sei Dank nicht so oft, deswegen kann ich auch solche Lieder machen. Ich wollte aber auch rein musikalisch mal was anderes machen und das ging leicht von der Hand, wenn man Dinge einfach überspitzt, das ist gar nicht unbedingt ein Statement.

Ich hab das Gefühl, dass ihr alle drei nicht so oft die Worte „behindert“ oder „Spast“ oder etwas in die Richtung benutzt…
GR: Außer er! (meint Johnny Rakete)

…das ist ja so ein ähnliches Phänomen wie dieses Männlichkeitsding, da gibt es ja zwei Positionen quasi: Sookee hat mal vorgeschlagen, dass man statt „Spast“ doch „Spatz“ benutzen könnte, weil es sich ähnlich anhört und daher eine ähnliche Schlagkraft hat und dann gibt es noch die Leute, die sagen, dass es eben zu HipHop gehört.
VK: Ich finde nicht, dass es zu HipHop gehört, aber es ist auch nicht notwendig sich darüber so aufzuregen, weil es schlimmere Sachen gibt, über die man reden könnte und sollte. Ich weiß nicht, das ist bei mir auch seit zehn Jahren in meinem Wortschatz. Ich will damit niemandem was Böses, aber ich find das auch nicht so schlimm.
GR: Ja.
JR: Also ich war ja früher ein bisschen battleraplastiger und hab hier und da mal ein „Schwuchtel“, ein „Fotze“ oder so benutzt. Dann hatte ich ein sehr tiefgreifendes Gespräch mit Gold Roger, in dem er meinte „Ey, das musst du einfach nicht sagen“. Er hat einen guten Punkt gebracht, wo er meinte „Wenn es dich einschränkt in deiner Musik oder deinen Texten, wenn du Wörter wie Schwuchtel oder Fotze nicht benutzen darfst, dann bist du ein schlechter Rapper“, das war ein treffendes Argument und ich hab’s mir jetzt einfach abgewöhnt. Ich sag halt nicht mehr „Spast“ oder „Schwuchtel“ und ich hab gemerkt, ich kann auch ohne ganz gut Texte schreiben, also Gold Roger ist schuld.
VK: Naja, wenn sich auf irgendwas nur „Spast“ reimt, dann muss man das halt machen.
JR: Das stimmt, alles für den Reim!

Was meintest du grade mit wichtigeren Themen, über die man reden muss?
VK: Naja, man sollte sich vielleicht nicht so darüber mockieren, wie Leute reden.

Auch wieder Sookee: Sie macht das ja super krass, weil sie eben sagt: Sprache konstituiert Wirklichkeit.
VK: Das kann ich teilweise nachvollziehen. Ich find Sookee und was sie macht auf jeden Fall cool, sie ist sehr intelligent und steht auch für die richtigen Dinge ein. Aber das muss man vielleicht trotzdem trennen, wenn gesagt wird „Du kleine Schwuchtel“ oder so, das find ich auch nicht cool, muss ich sagen, aber „Spast“… na, ich weiß nicht, wo da die Grenze ist. Ich würde auch nicht sagen „Ihr seid voll die Schwuchteln“, das ist auch nicht mein persönlicher Geschmack, aber „Spast“ find ich irgendwie okay.
GR: Ich find „Schwuchtel“ auch irgendwie schlimmer als „Spast“, obwohl das gar nicht rational ist.
VK: „Hurensohn“ ist ja, wenn man’s so sieht, auch ziemlich diskriminierend.
JR: Was ich aber immer schlimm finde ist diese übertriebene, gezwungene politische Correctness. Es gibt viele, die da zu viel Wert drauf legen und jedes einzelne Wort in einem Text analysieren und gucken, was wen anfeinden könnte und ich glaub es ist einfach so, dass sich immer jemand angepisst fühlt.
VK: „Zigeuner“ sagen zum Beispiel find ich auch nicht cool.

Was ist denn euer Lieblingsschimpfwort?
JR: Fotze.
VK: Pisser.. ja, Pisser find ich am besten.
JR: Aber ich muss schon sagen, „Spast“ ist einfach von der Betonung her geil.
GR: „Fotze“ hat das aber auch, vom Klang her.
JR: „Nutte“ find ich auch ganz gut.
GR: „Du Drecksfotze“, das ist schon gut.
JR: Ich mag aber auch „Du Missgeburt“ gerne.

Oh, Missgeburt find ich richtig schlimm, das ist so krass verachtend und ekelhaft.
JR: Ja, genau, das hat halt so einen schönen bösen Unterton. Wenn du jemanden richtig beleidigen willst, „Du Missgeburt“, hat schon was.
GR: So ein gutes, altes „Arschloch“ ist eigentlich auch geil, das ist auf jeden Fall auch politisch korrekt. „Ficker“ und so, das ist ja alles inflationär mittlerweile, ich find das ziemlich geil, wenn man so ein oldschooliges „Du Arschloch“ raushaut.
JR: Du Schlawiner!

Okay, nächste Frage (lachend). Es gibt auf der Büdchen LP eine Line: „Warum wirft die Crowd nicht mit Bechern?“ – findet ihr, dass das HipHop-Publikum zu unkritisch ist?
VK: Nee, das hab ich mir dabei nicht gedacht. Ich finde nur, wenn’s echt beschissen ist, kann man auch mit Bechern schmeißen, wenn es die Situation praktisch erfordert.

Also gibt es schon genug kritische Stimmen?
VK: Mittlerweile ja schon. Wie du eben gesagt hast, ZM und Antilopen Gang, Grüße auch an die, die haben ja mittlerweile einen krassen Hype und das ist auch gut so, die haben Kritik in den Mainstream gebracht. Es gibt auf jeden Fall viel, was ignorant und unkritisch ist. So viel wie möglich Kritik zu üben kann ja aber nur gut sein, davon kann es nie zu viel geben.

Ich glaub man überschätzt das aber auch etwas, wenn man sich so viel mit der Szene beschäftigt. Wenn man nicht so drin ist, kriegt man das vielleicht gar nicht mit, dass es ZM überhaupt gibt.
GR: Meinst du? Elyas M’Barek trägt ein ZM-Shirt und hat das bei Instagram gepostet, ich glaub das hat jetzt jedes kleine Mädchen mitbekommen.

Oh, okay! Das hab ich nicht mitbekommen, ich nehm alles zurück. Mal zum Label, ihr seid ja alle auf MPM, was ja eigentlich ein Beatlabel ist, wie fügt ihr euch da so ein?
JR: Wir haben das einfach übernommen (lacht).
VK: Mhm… Also MPM hat durch uns expandiert, wie du sagst, es war mal ein Beatlabel. Aphroe ist auch noch am Start, bringt leider nicht so viel raus, Dramadigs auch? Ja, doch. Naja, war auf jeden Fall ein schlauer Move von Olski (Oliver von Felbert, Founder Melting Pot Music) zu expandieren und auch jetzt Rap zu machen. Das Repertoire ist einfach größer und das kann ja nicht schaden. Ist ja doch konform auch mit dem, was da vorher war, find ich.

Vom Sound her ist es auch relativ deutlich, dass es Melting Pot ist. Legt ihr viel Wert auf Sounddesign?
GR: Wir machen alles. Das ist ja auch das coole bei MPM, wenn du dir mal anguckst, die bringen ja nicht nur irgendwelche Beatplatten raus, es kamen ja auch andere Sachen raus, Sola Rosa zum Beispiel.
VK: Twit Ones ja auch, das war auch nicht nur Beat auf der neuen Platte, die ist ganz breit aufgestellt.
GR: Aber um die Frage zu beantworten, wir legen viel Wert auf gute Beats. Es kommen halt auch Bands, die einfach instrumentale Musik machen über MPM, das ist nicht nur Beat, das ist gute Musik.
VK: MPM ist auch die Abkürzung für „Gute Musik“.

Die Büdchen LP kam ja nur auf Kassette und auf Vinyl raus, richtig?
VK: Und als Internet-Download.

Ja, na gut. Das neue Video jetzt zur Tour ist ja auch in einem Plattenladen, wieso feiert ihr diese Vinyl-Vintage-Ästhetik?
GR: Weil wir Hipster sind.
JR: Also ich renn nur den Trends hinterher und bin ein blöder Hipster, ich hab nicht mal einen Plattenspieler, aber ich find es sieht trotzdem cool aus.

Aber kaufst dir trotzdem Vinyl?
GR: Er releast auf Vinyl.
JR: Ich release auf Vinyl und hab keinen Plattenspieler, ja.
GR: Wie kannst du das im Interview sagen?
JR: Weiß nicht, ich bin ehrlich.
VK: Also ich kauf am liebsten Platten tatsächlich, ich mag das als Ritual. Wenn man was zu essen macht oder die Bude aufräumt, dann kann man eine Platte immer ganz schön auflegen und das entschleunigt alles ein bisschen. Ich hör auch viel Mucke auf Soundcloud, aber ich hab auf jeden Fall meine Lieblingsalben für immer und die wollte ich mir alle mal auf Vinyl kaufen und find das schön. Das geht auch nach Stimmung, es wird eher der Musik gerecht würde ich sagen.
GR: CDs hört man sich halt nicht an, die zieht man sich auf den Rechner. Also ich mach mir eine Spotify-Playlist oder leg eine Platte auf, aber ich denk nie „Boah, jetzt eine schöne CD“, in ihrem Scheiß-Plastikcover, das immer wegen irgendwas einen Bruch hat. Also ich hab CD’s immer gehasst und ich bin froh, dass die in zehn Jahren keiner mehr hat, die Dinger.
JR: Weiter!

Okay, weiter: Zu Per Anhalter durch die Galaxis, bist du Fan von Konzept-Alben?
JR: Also ich bin schon Fan von Konzepten beziehungsweise roten Fäden, ob das jetzt inhaltlich ist oder vom Sound oder die Filmschnipsel, die ich für die Platte benutz. Ich brauch einen roten Faden auf irgendeine Art, das liegt aber daran auch, wie ich Musik hör. Ich hab früher immer am Stück gehört und ich find wichtig, dass man sich ein Release am Stück anhören kann und ein roter Faden macht das leichter. Das ist bei der neuen EP auch so, da hat Hawk One nur den Soundtrack von „Legend of Zelda“ für den Super Nintendo gesamplet. Konzepte sind mir schon wichtig, das muss jetzt nicht krass offensichtlich sein, aber ich brauch irgendwas, wo ich mich entlang hangeln kann.

Du siehst ja ganz offensichtlich nicht aus wie ein Rapper, ist das ein bewusster Stilbruch?
JR: Das ist einfach so. Ich hab meine Haare schon nicht mehr geschnitten, als ich noch ganz unbekannt war. Ich trag auch, seit ich kein pubertierender Vollspasti mehr bin – oh, ich hab das böse Wort gesagt – keine Baggys mehr.

Aber hast du mal?
JR: Ey, mit 15, 16 nur 3XL-Shirts, Baggys, alles. Ich hab meine Airforce noch zu Hause und die Caps mit Aufklebern drauf, ich hab auch noch so billiges Bling-Bling zu Hause.
GR: Hattest du auch Grillz?
JR: Ich hab sogar ein paar Fake-Grillz, aber die Phase geht auch vorbei. Also klar macht es auch was aus, dass die Leute erstmal überrascht sind, dass einer wie ich Mucke macht, die sie dann am Ende vielleicht auch noch cool finden. Das ist auch die Hälfte meiner Youtube-Kommentare „Boah, der sieht scheiße aus, aber die Mucke ist geil“.

Du bist doch auch auf Facebook so aktiv in dieser Deutschrap-Gruppe, ist dir das wichtig im Sinne von Fankontakt?
JR: Nee, aber ich seh nicht ein, dass ich, nur weil ich jetzt einer Person der Öffentlichkeit bin, meine Aktivität da einschränken sollte. Sagen wir es mal so: Sobald du anfängst, dich selber abzuheben oder abzukapseln von den Menschen allgemein, machst du dir auch deine eigene Blase. Sobald ich selbst verständlich mach, dass ich trotzdem auf Facebook meinen Scheiß mach, wie vorher auch oder beim splash! trotzdem wie jedes Jahr auf dem Zeltplatz rumhäng, kratzt es die Leute nicht mehr. Es ist nicht so, dass ich das bewusst mach.

Letzte Frage an Veedel: Warum hast du deine Haare abgeschnitten?
GR: Ja, man, wieso machst du das?
VK: Keine Ahnung, wollte ich… inzwischen sieht es nicht mehr so gut aus, aber jetzt warten wir erstmal ab und dann sind die wieder da, dann ist alles okay.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *