Review: Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

Sufjan Stevens - Carrie & Lowell

Vor fünf Jahren schien der Pop-Individualist Sufjan Stevens endlich auf den Zielgeraden zu sprinten – wir schrieben das Age Of Adz. Nachdem er sich mit den Alben Michigan und Illionois zur Aufgabe machte, die zwei US-Bundesstaaten zu besingen, zwei kuschelige Weihnachtscompilations (Songs for Christmas, vol. 1-5 and Silver & Gold, vol. 6-10) veröffentlichte und dem Express Way in Brooklyn das Instrumental-Album The BQE widmete, entschloss sich Stevens in die Vollen zu gehen. Er entwarf eine pompöse Retrospektive, welche letztlich alles irgendwie miteinander versöhnte. Während er als Künstler endlich seinen Platz zwischen den Stühlen gefunden zu haben schien, konfrontierte Stevens das allgemein gültige Pop-Verständnis mit seiner hochgradig experimentellen, ungewohnt elektronisch überladenen Auffassung, die ihrerzeit wenig Vergleiche hergab.

Doch Sufjan Stevens wäre nicht Sufjan Stevens, wenn er nicht genau da weiter machen würde, wo man es am wenigsten vermutet. Carrie & Lowell, sein nun schon siebtes Studioalbum, fährt somit sämtliche groß angelegten Erfolgsmaschinerien von Age Of Adz radikal herunter und besinnt sich zurück auf die fundamentalen Stärken des Folks. Im ersten Moment mag man Carrie & Lowell daher für eine vergleichsweise bescheiden und verträumt inszenierte Platte halten. Stevens scheint die Texte weniger zu singen, als eher zu hauchen, die bespielten Saiten- und Tasteninstrumente (des eigentlichen Multi-Instrumentalisten) lassen sich an einer Hand abzählen und er kommt meistens komplett ohne Percussions aus, sodass man sich unweigerlich an die folkigen Tracks von Seven Swans erinnert fühlt. Er selber sagt ganz bestimmt über seinen ’neuen alten‘ Sound: „It feels artless, which is a good thing. This is not my art project; this is my life”.

Und genau damit spricht er den Knackpunkt des Albums an, nämlich die wundervollen und doch schrecklich zerrütteten Texte, die Carrie & Lowell auszeichnen. Der zarte Opener Death with Dignity dient als Exposition in ein verstörend persönliches Konzept-Album, eine Art Nachruf, in dem er die Beziehung zu seiner drogenabhängigen, psychisch kranken Mutter Carrie, vor allem aber ihren Tod aufzuarbeiten versucht („I forgive you, mother, I can hear you/And I long to be near you/But every road leads to an end/…/You’ll never see us again”). Auf halber Strecke zwischen Wut und Tribut möchte er ihr behutsam gedenken. In Fourth Of July gibt er ihr diese vertraut liebevollen Kosenamen („my little hawk“, „my firefly“, „my little dove“) und fragt sich immer wieder, wie er sie von den Toten auferstehen lassen kann – doch muss er schmerzlich feststellen: „We’re all gonna die“. Stevens philosophiert im größeren Rahmen über Leben und Tod, die Schönheit und Hässlichkeit von Liebe und Trauer und das Streben nach dem höheren Glück. Dafür macht er auch Gebrauch von mythologischen, ja sogar biblischen Referenzen, wenn er in Drawn to the Blood schließlich die alttestamentarische Verräterin Delila und den Propheten Elias in seine verzweifelten Gebete einschließt.

So abstrakt jene Themen zunächst erscheinen, letztlich fußen sie allesamt stets auf Erinnerungen an seine Familie, kurzen Episoden aus seiner Kindheit, die er sich heute in alten, verstaubten Fotoalben ansieht. Schon als er ein Jahr alt war, verließ seine Mutter die Familie; Sufjan Stevens verbrachte seine Kindheit bei seinem Vater. Er erinnert sich zurück an die Ferien, in denen er sie und seinen geliebten Stiefvater Lowell, der trotzdem einen prägenden Einfluss auf ihn hatte, besuchte. In einigen Songs (Carrie & Lowell, Eugene, All of Me Wants All of You) erzählt er von den Sommertrips nach Oregon und erwähnt typische Orte wie die Spencer Butte, The Lost Blue Bucket Mine oder die Tillamook Burn forest fires. Einige der Tracks von Carrie & Lowell soll Stevens deswegen sogar mit seinem Handy in einem Hotelzimmer in Klamath Falls, Oregon aufgezeichnet haben, um jene Momente vor Ort so gut wie möglich rekonstruieren zu können. Doch an einigen Stellen scheint er nahezu besessen von diesen Erinnerungen und dem Geist seiner Mutter zu sein und kopiert sogar ihre selbstzerstörerischen Gewohnheiten in The Only Thing: „Should I tear my eyes out now / before I see too much? / Should I tear my arms out now? / I want to feel your touch”.

So tragisch intim, dringlich und doch irgendwie unergründlich war Sufjan Stevens bislang selten. Allerdings funktioniert Carrie & Lowell gerade deswegen mehr als jede bisherige Platte Stevens auch nur in der richtigen Stimmung und mit dem nötigen Quäntchen an Aufmerksamkeit. Viel zu unaufgeregt und nahtlos sind die Gitarrenpickings, als dass sie so sehr bannen könnten, wie es der subtile Eigenwille von Age Of Adz noch tat. Doch damit hat man sich rasch abgefunden, denn Carrie & Lowell besitzt diese stete Anziehungskraft, geht förmlich unter die Haut. Es tut beinahe weh, ihm dabei zuzuhören, wie Stevens vergeblich versucht, die große Leere zu bewältigen. Spätestens nach den verzweifelten Zeilen von Eugene, “What’s left is only bittersweet/For the rest of my life, admitting the best is behind me/Now I’m drunk and afraid, wishing the world would go away/What’s the point of singing songs/ If they’ll never even hear you?”, möchte man den 39-jährigen nur noch in den Arm nehmen und ihm die Tränen von der Wange wischen.

1. Death With Dignity
2. Should Have Known Better
3. All of Me Wants All of You
4. Drawn to the Blood
5. Fourth of July
6. The Only Thing
7. Carrie & Lowell
8. Eugene
9. John My Beloved
10. No Shade in the Shadow of the Cross
11. Blue Bucket of Gold

Zolin sagt: 8.5 von 10

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