Review: Steven Wilson – Hand. Cannot. Erase.

Steven Wilson - Hand. Cannot. Erase.

Wer von allen heutigen Progressive Rock Virtuosen wäre wohl am besten geeignet, ein bedrückendes modernes Drama über großstädtische Entfremdung und Isolation in Form eines differenzierten Konzeptalbums an den Mann zu bringen? Natürlich kann es nur er sein, der Prog Guru schlechthin unserer Zeit, Steven Wilson. Spätestens seit seinem Solo-Meisterwerk Grace for Drowning schafft es der außergewöhnliche Musiker, gleichermaßen Kritiker wie Normalsterbliche zu begeistern und auch hier beim Zolin kam er über die Jahre stets sehr gut weg – abgesehen vom ein oder anderen Seitenhieb auf dessen nicht allzu kleines Künstler-Ego. An Wilsons Versuch, mit dem neuen Album Hand. Cannot. Erase. den realen, tragischen Todesfall der Engländerin Joyce Carol Vincent zu erzählen, sind demnach wie immer hohe musikalische sowie inhaltliche Ansprüche gestellt.

Beim Fall Vincent handelt es sich um die Geschichte einer attraktiven, durchaus sozial engagierten Frau, die plötzlich in ihrer Wohnung verstarb, aber offenbar von niemandem vermisst wurde, weswegen ihre Leiche ganze drei Jahre lang unbemerkt und unberührt in der Wohnung blieb. Ein schwieriges Thema, doch Wilson steht bereit, um das Scheitern der modernen Gesellschaft zu vertonen. Entsprechend der Thematik fällt auch die Struktur sowie die musikalische Identität des Albums ganz anders aus im Vergleich zur eher surrealen Geschichtensammlung des Vorgängers The Raven That Refused to Sing.

Hand. Cannot. Erase. ist vom Stil her weniger einheitlich prog-rockig und in vielerlei Hinsicht abwechslungsreicher. Allein schon die Spielzeit des Konzeptalbums von 65 Minuten ist sehr unterschiedlich verteilt, da gibt es etwa sehr lange, anspruchsvoll gestrickte Songs, in denen Wilson so richtig ausholen kann, aber auch durchaus eingängige quasi-Pop Songs mit einigen elektronischen Einflüssen . Ein Vertreter der ersten Kategorie folgt direkt nach dem wunderbar aussagekräftigen, verträumt-melancholischen und nichts gutes erahnenden Synthie Intro First Regret, es ist der vielleicht klassischste Wilson Track auf dem Album, 3 Years Older. Vom grundsätzlich nachdenklichen, traurigen Ton, über legerere Upbeat-Passagen, sensiblen Gesang und härtere prog-Rock Ausbrüche sind alle Charakteristika perfekt an Bord.

Als Antwort folgt passenderweise der Titeltrack Hand. Cannot. Erase., der von verkopftem Prog so weit entfernt ist wie möglich. Es handelt sich um einen äußerst zugänglichen modernen Pop-Rock Song, inklusive mitreißendem Refrain. Meisterlich ist an dieser Stelle die musikalische Leichtigkeit, mit der Wilson Emotionen verarbeiten kann, selbst die traurigen bis tragischen. An düsterer Instrumentierung mangelt es allerdings auch nicht, z.B. dei dem Soundtrack-artigen Perfect Life, dessen unheilvolle Beats und weiblicher Sprechgesang der israelischen Sängerin Ninet Tayeb dem Album vor allem inhaltlich die nötige Tiefe geben. Das Thema der städtischen Entfremdung, der erschreckend leichtfüßigen, allgegenwärtigen Anonymität, der ein Individuum so leicht zum Opfer fallen kann, ist ziemlich treffend erfasst.

Über musikalische Highlights zu sprechen, ist bei einem elaborierten Konzeptalbum dieser Art nicht einfach, da es hier wirklich Sinn der Sache ist, sich das gesamte Album anzuhören und die Geschichte als Ganzes zu betrachten. Eine besondere Erwähnung verdient dennoch der herausragende Mammutsong Ancestral, bei dem Wilson kurz vor Ende des Albums noch einmal alles Beste aus sich herausholt. Die besinnlichen Vocals vor minimalistischen Beats, bis hin zu prog-Rock von symphonischer Breite und einem wunderbaren Gitarrensolo, das geradezu an Pink Floyd’sches Pathos von der Intensität heranreicht. Ja, Hand. Cannot. Erase. hat tatsächlich alles in sich, was ein grandioses Konzeptalbum erfordert, auch in den höchsten Wilson Parametern gemessen!

1. First Regret
2. 3 Years Older
3. Hand Cannot Erase
4. Perfect Life
5. Routine
6. Home Invasion
7. Regret #9
8. Transience
9. Ancestral
10. Happy Returns
11. Ascendant Here On…

Zolin sagt: 9 von 10

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