Review: Flying Lotus – You’re Dead!

Flying Lotus - You're Dead

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“, lautet ein bekanntes Bonmot von Deutschlands beliebtestem Kettenraucher Helmut Schmidt, „…oder anfangen Beats zu machen!“, möchte man im Hinblick auf Flying Lotus hinzufügen. Mindestens seit seinem Album Los Angeles von 2008 beeinflusst er alles und jeden von Hongkong bis Hamburg, was einen Laptop und eine Drummachine besitzt und sich „Producer“ schimpft. Ob Flume, der FlyLos verstolperte Beats und ungerade Rhythmen in den Mainstream schmuggelt, Gaslamp Killer, welcher dessen Psychedelik eine gehörige Portion Wahnsinn beimischt oder jeder beliebige Heimproduzent mit Soundcloud-Profil: Alle gingen sie bei ihm auf die eine oder andere Weise in die Lehre. Dennoch ist er ihnen allen stets drei Schritte vorraus. Denn jedem seiner Alben liegt eine der angesprochenen Visionen zugrunde, sei es die instrumentale Beschreibung seiner Heimatstadt auf Los Angeles, die Entschlüsselung der „Grammatik des Kosmos“ auf Cosmogramma oder der Umsetzung eines Tagtraums auf Until The Quiet Comes. Seine oft skizzenhaften Produktionen sind nie Selbstzweck, sondern fügen sich stets in ein übergeordnetes Konzept ein.

Auf seinem jüngsten Album You’re Dead! ist dieses Konzept – der Titel deutet es an – der Tod des Individuums und dessen darauf folgende Reise in ein unbestimmtes Jenseits, ins „Afterlife“. In Interviews betonte Flying Lotus, dass das Ableben ihm nahestehender Personen Wendepunkte in seinem Leben darstellten, die ihn dazu brachten, sich selbst als Musiker und Mensch zu überdenken. Nun schien die Zeit reif, dieses unfassbare und doch allzu menschliche Phänomen namens Tod zu erforschen und auf Albumlänge zu beschreiben, natürlich mit Hilfe von Flying Lotus’ ureigenen Werkzeugen. So bedient er sich zunächst Free-Jazz und Fusion, um in den ersten vier Tracks das letzte verwirrte Zucken und Aufbäumen eines sterbenden Geistes darzustellen. So radikal umgesetzt und prominent im Vordergrund platziert wie hier fanden sich diese Elemente noch nie auf einem Flying Lotus-Album wieder. Das sanfte Abdriften in die Klangwelten von etwa Until the Quiet Comes findet nicht statt, die Aufmerksamkeit des Hörers wird intensiv gefordert. Saxofon und angedeutete Klavierthemen leiten zur ersten inhaltlichen Zäsur des Albums, dem Track Never Catch Me. Kendrick Lamar beantwortet mit einem virtuosen Part die lange offene Frage „Kann man auf sowas rappen?“. Ab hier wird es dunkler. Flying Lotus stößt die Pforten ins Jenseits auf.

Der Jazz bleibt als dominierendes Element des Albums präsent, verschiebt sich aber ins sphärische, schleppende, ohne abzustumpfen. Den wie Zahnrädchen im Getriebe ineinandergreifenden Soundscapes und Beats stellt Flying Lotus einerseits, wie aus den Vorgängeralben bereits bekannt, entrückte Frauenstimmen entgegen, die Tracks wie Coronus, the Terminator oder Siren Song zu jenseitigen Gospels wandeln. Düster und lichtdurchflutet zugleich, sanft, detailreich, aber auch auf den Punkt produziert machen sie das Abgleiten des Bewusstseins ins Außerkörperliche akustisch erfahrbar. Andererseits ruft der Hexenmeister die beiden Dämonen Thundercat am Bass und Deantoni Parks am Schlagzeug an seine Seite. Ersterer ist als Langzeitkollaborateur und Labelgenosse auf Brainfeeder kein Unbekannter unter Flying Lotus-Fans und hatte maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Albumkonzepts. Letzterer stellte seine übermenschlichen Fähigkeiten in Sachen Timing, Rhytmusgefühl und Präzision bereits bei den Prog-Rock-Heroen The Mars Volta unter Beweis und hat mutmaßlich einen Quadcore-Prozessor an der Stelle, an welcher sich bei Normalsterblichen das Koordinative Zentrum befindet, wie er etwa in Turkey Dog Coma zeigt. Sie führen ein festes Bandgefüge und instrumentale Virtuosität als Novum in Flying Lotus‚ Kosmos ein und sind das Schmieröl in der psychedelischen Maschinerie von You’re Dead!.

Psychedelik und Virtuosität waren stets Eckpfeiler in Flying Lotus‚ Schaffen, genauso wie die traumhafte, entrückte Atmosphäre und die Verbindung von verschrobenen Hip-Hop-Elementen und Jazz-Exzentrik. Unterm Strich betrachtet überwiegt letzteres auf You’re Dead! im Gegensatz zum Vorgänger, dem stärker Hip-Hop-geprägten Until The Quiet Comes und gewinnt damit seinem Schaffen neue Facetten ab, ohne einen großen Durchbruch zu unternehmen. Letztlich lässt sich Flying Lotus nur an sich selbst messen, und so würden besonders kritische Hörer You’re Dead! vielleicht als Stagnation auf hohem Niveau wahrnehmen. Anders formuliert ließe sich das Album als Beschreiten neuer thematischer Wege in altbekanntem Schuhwerk beschreiben. Steven Ellison bewegt sich selbstsicher in seinem ureigenen Universum und drückt die Pforten der Wahrnehmung sanft, aber bestimmt auf, anstatt sie zu sprengen und führt sein Gesamtwerk schlüssig fort. Sollte sich so der finale DMT-Ausstoß im Moment des Todes anfühlen, steht uns zu Lebzeiten wahrlich Schlimmeres bevor.

1. Theme
2. Tesla [ft. Herbie Hancock]
3. Cold Dead
4. Fkn Dead
5. Never Catch Me [ft. Kendrick Lamar]
6. Dead Man’s Tetris [ft. Snoop Dogg and Captain Murphy]
7. Turkey Dog Coma
8. Stirring
9. Coronus, the Terminator
10. Siren Song [ft. Angel Deradoorian]
11. Turtles
12. Ready Err Not
13. Eyes Above
14. Moment of Hesitation [ft. Herbie Hancock]
15. Descent Into Madness [ft. Thundercat]
16. The Boys Who Died in Their Sleep [ft. Captain Murphy]
17. Obligatory Cadence
18. Your Potential / The Beyond [ft. Niki Randa]
19. The Protest

Zolin sagt: 8 von 10

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