Review: Thom Yorke – Tomorrow’s Modern Boxes

Thom Yorke - Tomorrow's Modern Boxes

„Oh why hast thou forsaken us?“, fragt die fragile Falsetto-Stimme Thom Yorks in den ersten Sequenzen seines neuen Albums, und passender könnte die Frage nicht lauten. Seines Zeichens Mitglied in der experimentellen Kult-Rockband Radiohead, scheint sich der Sänger und Songwriter von seiner Vergangenheit als blondierter Frontmann mit Gitarre vor der Brust verabschiedet zu haben. Während er in diversen Interviews sowohl sein wachsendes Desinteresse am Saiteninstrument als auch seine Faszination gegenüber elektronischer Musik bekundet hat, war der Einfluss dieses Wandels vor allem in seinen letzten Veröffentlichungen stets spürbar; während Radiohead im Jahre 2011 mit The King of Limbs ihr statischstes und synthetischstes Album seit ihrem modernen Klassiker Kid A vorlegten, klang vor allem Atoms for Peaces AMOK nicht mehr nach einer Liveband mit Computern, sondern einer Band aus Computern. Gerade der Sound auf diesem Album, der durch seine robotisch minuziösen Klangbilder mit dunkler Atmosphäre bestach, ist im Nachhinein ein mehr als deutlicher Fingerzeig auf den Weg gewesen, den Thom Yorke nun mit Tomorrow’s Modern Boxes bestreiten will.

Das neue Album, das mit acht Tracks und etwa 38 Minuten Spielzeit vergleichsweise sehr kurz ausfällt, signalisiert einen neuen Abschnitt in seinem Sound. Während auf dem Solo-Debüt The Eraser gelegentliche Einschläge mit der Gitarre das beatlastige Konstrukt auflockerten, verzichtet Thom Yorke nun vollends darauf, oder zumindest kann man die Gitarre als solche nicht ausfindig machen. Tragende Elemente im Computer-Blues auf Tomorrow’s Modern Boxes sind warm vibrierende Bässe unter Glitch-artig ausgelegten, minimalistischen Beats und verhallenden Klavierpassagen. Gemeinsam tragen sie alle die ungreifbare Gesangsstimme Yorkes, die manchmal durch die akustische Wand wie ein Geist hindurch zu schweben scheint – die einzige Ausnahme für dieses Phänomen bildet There Is No Ice (For My Drink), ein sieben Minuten langer Ausflug in die Sphären vom Techno der Marke Thom. In ihnen halten sich klaustrophobische, geloopte Vocalsamples mit Xylophon-ähnlichen Sounds, die durch ihren hallenden Klang wie Signale vom anderen Ende des Universums klingen, die Waage.

Während die Atmosphäre, die hier induziert wird, sehr detailreich, verträumt und interessant klingt, bleibt die Progression des Tracks leider stehen und hier offenbart sich auch die generelle Schwäche von den meisten Tracks auf diesem Album; denn getreu dem Begriff „Boxes“ im Albumtitel wirken sie verschachtelt, oft engstirnig und im Regelfall so, als würde Thom Yorke auf biegen und brechen versuchen, mehr auf seine Qualitäten als Produzent zu setzen. Dabei hätten der Entwicklung von einigen Tracks die Songwriter-Qualitäten mehr genützt. Da wäre zum Beispiel der Opener des Albums, Brain In A Bottle. Mit seinem gähnendem Bass, der wie ein Pacman-Geist in Zeitlupe foranschreitet, und dem pulsierenden Beat ist der Track einer der energischsten auf Tomorrow’s Modern Boxes – das muss jedoch angesichts der restlichen Tracks nichts heißen; denn auch hier verfällt die Progression langsam in eine Art Stillstand, aus der sie sich auch nicht heraus zu manövrieren versucht. Guess Again! mit seinen schwerelosen Klavierakkorden, die im Klangbild an den Soundtrack von Moon erinnern, besitzt von den acht Tracks am ehesten das, was man ein Eigenleben nennen könnte.

Im Direktvergleich mit den beiden Ambient-lastigeren Tracks, Interference oder Truth Ray, wird das vor allem deutlich: während in beiden Tracks der Reichtum an Details und das Klanggefühl eines Unter-Wasser-Konzerts bestechen, bewegen sie sich nicht von der Stelle, sondern plätschern gemächlich vor sich her. The Mother Lode, der zweitlängste Track auf dem Album, bricht die Schockfrost-Atmosphäre angenehm mit Upbeat-Tempo, hypnotisch geloopten Vocal- und Klavierspuren, während sich Nose Grows Some mit der nebligen Eleganz eines Boards of Canada-Beats jeden Millimeter Kopfraum einfordert. Dass auf diesem Album manche der subtilsten, aber auch einfühlsamsten Tracks in Thom Yorkes Diskographie zu finden sind, soll nicht bestritten werden – allerdings ist es schwer, diese in einem so nebeligen, konturlosen Raum wie in Tomorrow’s Modern Boxes zu finden.

1. A Brain in a Bottle
2. Guess Again!
3. Interference
4. The Mother Lode
5. Truth Ray
6. There Is No Ice (For My Drink)
7. Pink Section
8. Nose Grows Some

Zolin sagt: 6.5 von 10

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