Heißer Scheiß: Billion One

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„SamplEmotionalStep“ nennt sich das Wortamalgam, das einem der Pressetext hinwirft, um für den Sound von Billion One eine Schublade zu erschaffen. Dabei hat er eine solche gar nicht nötig, und wollte man unbedingt eine finden, so müsste man sie, um bei Kraftwerk zu bleiben, „Morgenspaziergangsmusik“ nennen. Das Szenario ist bekannt: Der von der Nacht und ihrem Trubel gezeichnete Heimkehrer ist erschöpft, fußmüde und noch ziemlich zugedröhnt, aber auch ziemlich glücklich und gibt sich ganz dem sanften Gewaber im Innern seines strapazierten Gehirns hin. Der Elektroniker und Beatbastler aus Oldenburg fängt mit seinen Klängen jenes spezifische introspektive Gefühl, das sich am ehesten während eines Sonnenaufgangs um halb 6 Uhr Sonntagmorgens einstellt, gekonnt ein. Die anfangs erwähnten Emotionen schlagen sich in den Tracks von Sven Strohschnieder, so der bürgerliche Name des Produzenten aus Oldenburg, in einer Weise nieder, die sich der Melancholie annähert, ohne jedoch in die latent drohende Wehleidigkeit etwa eines James Blake abzudriften. Anstatt dass der Nachtschwärmer darüber grübelt, wie er das Mädchen schon wieder nicht geküsst hat, genießt er den Sonnenaufgang an sich und die Wärme, die er bringt. Eine Wärme, die auch Billion Ones Produktionen jederzeit umgibt.

Diese sind keine erdrückenden, verschachtelten Beatungeheuer, sondern funkelnde Kleinode, wie er sie auch auf seinem letzten Output, dem Album Noose, welches Billion One komplett mit der App iMaschine aufnahm, platziert. Was er aus den vier Spuren herausholt, die ihm das Programm bietet, ist durchaus bemerkenswert. Nur ein einziges Mal überschreitet die Spielzeit der Tracks die drei-Minuten-Marke, allen wohnt ein skizzenhafter Charakter inne: So weit zurückgenommen in Struktur und Länge, dass der Hörer zu keinem Zeitpunkt überfordert wird, aber auch stets so weit ausformuliert, dass sie für sich stehend Sinn ergeben. Mal formuliert Billion One eine Melodie aus und lässt sie enden, bevor man Gelegenheit hat, ihrer Überdrüssig zu werden, mal begnügt er sich damit, für eine Minute oder weniger kurze Akkordabfolgen oder Geräuschkulissen zu arrangieren, eben so weit, wie es für ihn und den Hörer interessant ist. Seinen offensichtlich digital entstandenen Tracks mengt er Field Recordings von zwitschernden Vögeln oder Kinderstimmen bei, welche verhindern, dass das iPad zu sehr in den Vordergrund tritt.

Billion One hat, genau wie der Nachtschwärmer, der mittlerweile zu Hause angekommen ist, mit seinen bisherigen Produktionen einen Fuß in der Tür, wie beispielsweise ein Auftritt auf dem Dockville belegt. Das Interesse des Beat-Aficionados mit Affinität zu ruhigen und durchdachten, aber nie eintönigen Sounds ist geweckt. Aber wer weiß schon, wie lange es bei Sven Strohschnieder noch so ruhig zugeht. Am Ende kommt jemand noch auf die Idee, ihm das iPad wegzunehmen und ihm stattdessen einen ganzen Fuhrpark an elektronischem Spielzeug in die Hand zu drücken. In seinem und unserem Sinne sollte man das einfordern. Aber sollte es so kommen, wird sich Nachtschwärmer dabei ertappen, wie er sich immer weiter von zu Hause entfernt, um sich vollends im Funkeln in Billion Ones Diamanten zu verlieren.

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