Review: Machinedrum – Vapor City

Wie ein so unglaublich versierter Top-Produzent wie Travis Stewart es geschafft hat, nach mehr als einer Dekade Arbeit in verschiedensten elektronischen Projekten so vergleichsweise wenig öffentliche Anerkennung zu erfahren, ist erstaunlich. Sicher, EDM-Heads allerorts schätzen ihn vor allem als Hälfte des elektronischen Super-Duos Sepalcure. Der gebürtige US-Amerikaner aus North Carolina kam bereits früh durch seine Großeltern zu musikalischer Bildung und Interesse. Später sollte er unter anderem in zwei lokalen Alternativ-Bands und als Djembe-Spieler in einem afrikanischen Ensemble mitwirken, bevor er erstmals einen Alleingang bestritt. Bei seinem ersten handfesten Release unter Merck Records mit dem Titel Now You Know ist Stewart gerade einmal 19. Mit Beginn des Colleges zieht es ihn nach New York, hier kann er z.B. auf Kollaborationen mit Azealia Banks, Theophilus London oder Mickey Factz zurückblicken. Auch die unermüdliche Arbeitsethik als Eigenbrötler zahlt sich sichtlich aus: unter seinem bekanntesten Solo-Pseudonym Machinedrum veröffentlichte er immerhin knapp zehn vollständige LPs auf verschiedensten Labels, viele davon zählen zum guten Ton im verkopften Genre des Glitch-Hop. Die größten kommerziellen Erfolge feierte er jedoch zusammen mit Partner Praveen Sharma als Sepalcure.

Der nächste vielversprechende Schritt wurde Anfang 2013 getan: Stewart unterzeichnete den Vertrag bei Ninja Tune, unter anderem Heimat von Bonobo, Amon Tobin, The Cinematic Orchestra und The Herbaliser. Das damit einhergehende Mammut-Projekt von Travis Stewart, das durch Ninja Tune erst einen realistischen Rahmen bekommt, klingt nicht minder spektakulär: Machinedrum baut eine Stadt. Vapor City bildet dabei in LP-Form das Fundament dieser audiovisuellen Traumstadt, die sich im Laufe der nächsten Jahre durch sogenannte District EPs detailliert entwickeln wird. Wie vermutet beschreibt jede District EP so ein spezielles Viertel von Vapor City, einem Ort, den sich Travis Stewart in immer wiederkehrenden Träumen auf Tour nach und nach unterbewusst ausgemalt hat. Auf der offiziellen Website von Machinedrum findet sich die dazugehörige Stadtkarte, Großstadtlärm inklusive und in schwarz-weiß gehaltener Skizzenoptik. Insgesamt zehn Stadtviertel werden letztlich erforschbar sein, sieben davon sind jedoch derzeit noch in Arbeit, die Baustellen werden zu verschiedenen Zeitpunkten im Laufe 2014 fertiggestellt. All das mag großspurig inszeniert klingen, doch mit der Konstanz und dem unermüdlichen Einsatz eines Travis Stewart sowie dem umfangreichen, wachsenden Team aus Visual Artists darf man gespannt sein. Ihm selbst geht es dabei in erster Linie auch nicht um präzise audiovisuelle Wiedergabe seines Unterbewusstseins, sondern um einen interessanten Projekt-Ansatz, an dem Erschaffer wie Hörer gleichermaßen Teil haben können.

Ein wichtiger Punkt ist für Travis Stewart, dass die Musik trotzdem für sich selbst steht. Wer will, kann sich auf die zusätzlich verfügbare Reise in das Gesamtprojekt begeben, doch Vapor City ist auch jenseits dessen genießbar. Krönte Machinedrum mit seiner Want To 1 2 LP 2009 noch seine frickelige Detailverliebtheit in ihm vertrauten Glitch-Hop Gefilden, nahm seine Klangästhetik mit Room(s) 2011 eine deutliche Wendung. Aus MC Sampling wurden melancholisch hallende RnB-Ausschnitte, aus pointierten, knurrigen Synthies wurden weitflächigere, warme Felder. Der mittlerweile in Kreuzberg residierende Stewart wandte sich den polyrhythmischen Merkmalen der UK Bass Music à la Jungle, Drum’n’Bass und Future Garage zu. All das passiert nun auch auf Vapor City. Selbstverständlich hantiert Machinedrum trotz den typischen Einflüssen besagter Genres auf ganz eigene, verkopfte Weise. Da ist zunächst einmal der Opener Gunshotta, der Vapor City gleich mit immensem Hit-Potenzial einzuleiten weiß. Skippend und swingend mit jeder Menge Soundschichten, komplex arrangierten 2-Step Drums und einem äußerst kraftvollen Soundboy-Sampleloop bewegt sich der Track mit gewohnter Liebe zum Detail fort. Nach dem hektischen Herzpumpen dann Infinite Us, das mit gefühlvollen, leicht verzerrten Piano-Akkorden und dumpf klopfendem Bass in das nach und nach aufblühende IDM-Feingerüst aus Drums fließt.

Auch bei Don’t 1 2 Lose U fliegen einem die Sequencer-Drums nur so um die Ohren, dahinter breitet sich jedoch im Gegenzug ein endlos gezogenes, warmes Synth-Feld auf geschmeidigem Bass aus, das dem wehleidigen RnB-Sample nach Burial-Konzept optimalen Raum zum Ausweinen bietet. Eyesdontlie brettert nach stimmigem Einstieg aus schmalen Percussions und dem langsam auftauchenden Refrain-Loop „Eyes don’t lie“ einen überraschend kräftigen Bruch: Nach anderthalb Minuten reduziert sich der Track mit einem Schlag auf wuchtig stampfende Bassschläge und das stimmungsvoll hin und her pitchende Vocal-Sample, nur um dann in einen komplexen Breakbeat mit Tanzflächen-Potenzial überzugehen. Die meisten Tracks gewichten ihren harmonischen Aspekt vor allem auf sehr kurze, flächenhaft geloopte Samples, die von warmen, originellen Synthies und den zahlreichen perkussiven Elementen umrahmt werden. So auch bei SeeSea, das, anstatt sich auf ein oder zwei gelungenen Neuinterpretationen eines Samples auszuruhen, über 4 Minuten unglaublich dynamisch mit den nostalgisch klingenden Stimmchen umgeht. U Still Lie stützt sich auf 80er-Ästhetik und lässt in einem endlos räumlich erscheinenden Klanggefäß mit 808-Bass einen atmosphärisch ausgewaschenen Schlepp-Rhythmus entstehen. Mit gerade mal 11 Stücken fühlt sich Vapor City definitiv alles andere als kurzweilig an. Es ist feinfühlig, höchst komplex arrangiert und in gewisser Weise sehr romantisch. Jedes Stück verdient seinen Platz – Stewart wählte immerhin aus über 50 Songs – und wird mit der überragenden Produktion dem audiovisuellen Gigant-Projekt der Traumstadt Vapor City gerecht.

1. Gunshotta
2. Infinite Us
3. Dont 1 2 Lose U
4. Center Your Love
5. Vizion
6. Rise N Fall
7. SeeSea
8. U Still Lie
9. Eyesdontlie
10. Baby Its U

Zolin sagt: 9 von 10


Machinedrum – Gunshotta from Institute For Eyes on Vimeo.

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