Review: Unknown Mortal Orchestra – Multi-Love

Unknown Mortal Orchestra - Multi-Love

Nach einer gewissen Zeit ohne Schlaf erreicht man bekanntlich, ob nun gewollt oder nicht, diesen humoristisch wertvollen, jedoch nur schwer teilbaren Zustand der Schlaftrunkenheit, in dem laut Hans Arndt der Schlaflose die Ereignisse multipliziert; angesichts dessen kann schon allein aus dem Titel Multi-Love herausgelesen werden, auf welchen somnambulen Pfaden Unknown Mortal Orchestra gewandelt sein müssen, um zu diesem Album zu gelangen. Respektive der vergangenen musikalischen Ausflüge Ruban Nielsons wie dem schizophren-schlaftrunken wirkenden, selbstbetitelten Erstlingswerk oder dem Song-orientierteren und interessanter strukturierten II von vor zwei Jahren erschließt sich sein aktuellstes Werk einfacher denn je. Es wirkt weniger verkopft um der Verkopftheit willen, es klingt aufgeräumter – klingt es da etwa nach Pop? Tatsächlich trägt ein Gros der Tracks auf Multi-Love das selbe Banner wie Hot Chip oder andere entwaffnende Pop-Bataillone. Es wirkt im Vergleich zu den Vorgängern vor allem zum Beginn durch die neuartige, weniger auf Lo Fi bedachte Produktion bedrohlich unbedrohlich.

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Review: Leprous – The Congregation

Leprous - The Congregation

Wenn doch nur alle Progressive Metal Größen eine Arbeitsethik wie Leprous hätten. Seit dem Debüt-Album Tall Poppy Syndrome 2009 hat die norwegische Wundertruppe punktgenau alle zwei Jahren ein Album herausgebracht. Vom Debüt über das gefeierte Monument Bilateral bis hin zum reiferen, aber leicht weniger aufsehenerregenden Coal handelt es sich dabei um eine kontinuierlich aufwärtssteigende musikalische Entwicklungsgeschichte, sodass man Leprous zweifelsohne als eine Größe in allem was Progressive oder Avant-Garde Metal ist präsentieren kann. Für das aktuelle Werk The Congregation ist es also eine Ehrensache, die Messlatte oben zu halten oder gar mit weiterer Experimentierfreude noch zu steigern.

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Review: Fabian Römer – Kalenderblätter

Fabian Römer - Kalenderblätter

Schon der Namenswechsel von F.R. zu Fabian Römer und der Titel seines ersten Albums unter diesem, seinem bürgerlichen Namen, Kalenderblätter verraten, wohin es mit dem nunmehr 25-Jährigen Fabi anno 2015 geht: Richtung (Surprise!) erwachsen ein, es gibt leider kein anderes Wort dafür. Man lauscht einem klischeehaften Coming of Age-Drama in all seinen Facetten: Oberflächliche Zweifel an der Welt (Blauwalherz), Sex mit der Ex (Nach Dir (Anna)) und hoffnungsvolles In-die-Welt-hinaus-Latschen (Übersommern). Auf der einen Seite kann man an dieser Stelle Prezident zitieren und von vornherein ablehnend meinen: „Du machst jetzt erwachsene Musik, die vom Erwachsenwerden handeln / Versteh ich nicht so ganz“ und klar, mit politischem Bewusstsein, kritischem Geist oder auch nur Weltbürgertum ist hier nicht viel. Andererseits muss man dem Protagonisten dieses Reviews zugutehalten, dass er in der Zeit und dem Raum, in dem er nun mal lebt, mit solcherlei Fragen und Problemen konfrontiert ist. Wenn einem dann mal in einem schwachen Moment alle wahnsinnig kritische Distanz und Coolness flöten geht, muss man auch zugeben, dass man zu Tracks wie Kalenderblätter oder Stille toll traurig sein kann.

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Review: Rangleklods – Straitjacket

Rangleklods - Straitjacket

Das erste, was am neuen Album „Straitjacket“ von Rangleklods auffällt, ist wohl, dass hinter dem Namen nun nicht mehr ein, sondern zwei Menschen stecken. Konnte man Esben Andersen mit „Beekeeper“, seinem Debütalbum von 2012, noch als Solokünstler wahrnehmen, obwohl seine derzeitige Partnerin in crime Pernille Smith-Silvertsen damals auch schon am Projekt beteiligt war, ist das auf der neuen Platte unmöglich geworden. Viel zu präsent ist die glasklare Stimme von Smith-Silvertsen und viel zu gut harmoniert die Zweierbesetzung abseits von spießiger Duetthaftigkeit. Schön hört sich das an, zwischendurch wie Björk oder Kate Bush, die Erweiterung macht durchaus Sinn.

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Review: Kamasi Washington – The Epic

Kamasi Washington - The Epic

Zeit ist das, was wir nicht haben, und in drei Stunden davon könnte man so einiges schaffen. Man könnte hunderte von halbherzig überflogenen Artikeln, Binsenweisheiten und angeblich lustigen Bildern im Netz finden und sie allesamt in der Tab-Leiste sammeln, um sie dort vor sich hingammeln zu lassen und nie wieder zu beachten; man könnte eine kleine Reise mit dem Zug antreten, um sich von der langweilig vorbeirauschenden Außenwelt berieselt von Punkt A nach Punkt B, der vielleicht sogar in einem anderen Land liegt, befördern zu lassen – oder einfach abenteuerlustig beim Punkt A verbleiben, sich ein 174-minütiges Jazz-Album anhören und die Punkte B bis Z in den eigenen Hirnwindungen und Synapsen ausmachen. Zugegebenermaßen sind heute solche dreistelligen Spielzeiten eher den verführenden Welten des Films zuzutrauen als einem einnehmenden Album und die Anforderungen, die hier vom Künstler gestellt werden, keine niedrigen; doch wahrscheinlich geht es dem Tenorsaxophonisten und Komponisten Kamasi Washington mit The Epic gerade darum. Sah sich derselbe vor wenigen Monaten noch als Sideman dazu berufen, mit seinem musikalischen Know-How moderne Klassiker wie You’re Dead! vom Label-Papa Flying Lotus oder Kendrick Lamars To Pimp A Butterfly um die professionell jazzigen Noten zu bereichern, für die diese Werke einschlägig als bahnbrechend, saugeil oder zumindest als Next Level Shit deklariert wurden, so scheint das Anliegen seines Debüts in nichts Geringerem als der Zerstörung von Hörgewohnheiten mittels Altbewährtem zu liegen. Das „Einmal komplett durchhören“-Prinzip stößt bei The Epic und seinen drei (!) CD’s auf die Grenzen der eigenen Aufnahmefähigkeit; man kann sich natürlich dem Geiste des Gonzos folgend Hals über Kopf in die Exkursionen aus Soul, Funk, Jazz, Bebop und co schmeißen und so verwirrt aus dem Ganzen herausgehen, dass Jazz eben wie das wirkt, was es in Kamasi Washingtons Augen nicht sein müsste; nämlich unnahbar.

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Blog für Musik & Senf