Review: Scott Walker & Sunn O))) – Soused

Scott Walker & Sunn O))) - Soused

Wenn zwei exzentrische Künstler aus unterschiedlichen musikalischen Richtungen gemeinsam ein Album herausbringen, erwartet man etwas in positivem Sinne bizarres. Im Falle von Soused, der Erfüllung von Scott Walkers Verlangen, mit den kultigen Drone Meistern Sunn O))) zu kollaborieren, liegt diese Erwartungshaltung zweifellos hoch, insbesondere wenn man an Sunns nicht lange zurückliegenden Kollabo-Geniestreich mit Ulver, Terrestrials, denkt. Wozu die Kuttenträger unter der artistischen Direktion des Scott Walker wohl fähig sind?

Der Opener Brando zeigt direkt, dass die Zusammenarbeit von Walker und Sunn prinzipiell eine sehr gute Idee ist. Walkers gebrochene, halb-opernhafte Vocal Performance im Einklang mit überlebensgroßen Gitarrensphären der Marke Sunn O))) sowie interessante Nebeneffekte wie z.B. das Händeklatschen, welches in Wahrheit eine von Walker geschwungene Peitsche ist etc. formen eine gewaltige Experimental-Ballade, eine Art bombastischen Nihilismus, dem die Lyrics noch einen schwarzhumorigen Unterton verleihen – das Lied handelt von den Schlägen, die Marlon Brando in seinen Filmen abgekriegt hat.

Leider gelingt es Souse über weite Strecken nicht, den selben bleibenden Eindruck wie Brando im Gedächtnis zu hinterlassen. Gleich den zweiten Track, Herold 2014, könnte man als höchsten Ausdruck der Ernüchterung betrachten. Dieser elfminütige Track ist länger und zugleich stilistisch weniger überzeugend im Vergleich zum Opener, da Sunn O))) mehr und mehr zur Hintergrundmusik verfällt und an Walkers Klagegesang eher vorbeigeht, anstatt ihn zu ergänzen. Auch beim folgenden Bull wird man das Gefühl nicht los, dass Walker und Sunn O))) trotz der gemeinsamen Neigung zum Düsteren und Unorthodoxen rein musikalisch doch nicht so sehr zusammenpassen wie etwa Sunn und Ulver.

Erst bei Fetish, dem vierten und vorletzten Song, wird man sich wieder des vollen Potenzials dieser Kollaboration bewusst. Es bleibt auch nicht nur beim Potential, da Fetish weniger vorhersehbar komponiert ist, am ehesten die beiden Welten Scott Walker und Sunn O))) verschmelzen lässt und kreative sowie innovative Elemente beider Seiten an den Tag legt. Das abschließende Lullaby hat ebenfalls seine Stärken, wobei hier erneut eher Scott Walker im Vordergrund steht, dessen intensive Stimme und die experimentellen Soundspielereien mehr zu den Höhepunkten beitragen als Sunns umgebendes Drone Gewand. Auch in seiner Gesamtheit bietet Souse zwar einiges an separater Qualität, lässt allerdings oft die Harmonie vermissen – zugegebenermaßen ist hier nach Harmonie zu suchen sowieso nicht wirklich angebracht. Bizarr ist das Album allemal.

1. Brando
2. Bull
3. Herod 2014
4. Fetish
5. Lullaby

Zolin sagt: 6,5 von 10

Review-Runde: Tinashe, Tosca, Jessie Ware, T.I.

20

Siehe mal da, die Review-Runde wird langsam alt und ist schon längst kein kleines Ründchen mehr. Die diesmalige Ausgabe ist mittlerweile schon die 20ste. Ob die Themen dadurch reifer werden, ist zwar sicherlich Ansichtssache, aber auf dem Papier sieht es schon mal ganz danach aus: So wären da beispielsweise die neuen Alben der beiden Soul-Damen Tinashe und Jessie Ware, die besonders Connaisseuren des Genres zu empfehlen sind. Weiterhin veröffentlichen Tosca nach dem recht dunklen Odeon aus dem letzten Jahr ein reines Pop-Album. T.I. dagegen versucht einmal mehr der Rolle als King des Dirty South gerecht zu werden und hat sich dafür die Hilfe von Pharrell Williams geholt.

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Review: Iceage – Plowing Into the Field of Love

Iceage - Plowing Into the Field of Love

Sanfte Klaviereinschläge, gezupfte Violinen, schwerelose Passagen voller Bläser und eine gewaltige Prise Gemächlichkeit; was sich zunächst wie die Rezeptur für ein x-beliebiges, unter Umständen belangloses Album aus dem Sommerloch lesen lässt, verwundert umso mehr, wenn diese formlose Brühe bei den gefühlten 2000 Grad Umlufthitze, die Iceage von sich strahlen, eine Köstlichkeit ohnegleichen ergibt . Seitdem die vier Herren aus Kopenhagen vor drei Jahren mit ihrem explosiven, kratzig gehaltenen Punk-Sound auf dem gerade einmal 24 Minuten umfassenden New Brigade von sich reden machten, war man ihren rotzigen Sound darauf erst gewohnt, als mit dem Nachfolgewerk You’re Nothing schon der nächste Schritt der Band anstand. Während New Brigade in manchen seiner Momente wie ein typisches DIY-Punk-Album vom Blatt klang, besaß You’re Nothing die Dichte und Härte desselben Stück Papiers nach hundertfachem Falten; die Musik wirkte teils noch chaotischer, mal klaustrophobischer, doch noch immer waren die eindeutigen Punk-Attitüden vordergründig – es klang so, als würden Iceage versuchen, ihre Definition von Chaos, die sie mit dem Vorgänger-Album aufgestellt hatten, zu aktualisieren, wenn nicht sogar revidieren; im Angesicht dieser Maxime mag es zunächst nicht verwunderlich wirken, dass man sich mit den beiden Single-Auskopplungen, The Lord’s Favorite und Forever erst einmal anfreunden muss. Country-Licks? Gesangsmelodien zum Mitgröhlen? Sind das noch die vier Dänen, oder hat sich da jemand einen Copyright-Verstoß mit ihrem Namen erlaubt?

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Heißer Scheiß: Billion One

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„SamplEmotionalStep“ nennt sich das Wortamalgam, das einem der Pressetext hinwirft, um für den Sound von Billion One eine Schublade zu erschaffen. Dabei hat er eine solche gar nicht nötig, und wollte man unbedingt eine finden, so müsste man sie, um bei Kraftwerk zu bleiben, „Morgenspaziergangsmusik“ nennen. Das Szenario ist bekannt: Der von der Nacht und ihrem Trubel gezeichnete Heimkehrer ist erschöpft, fußmüde und noch ziemlich zugedröhnt, aber auch ziemlich glücklich und gibt sich ganz dem sanften Gewaber im Innern seines strapazierten Gehirns hin. Der Elektroniker und Beatbastler aus Oldenburg fängt mit seinen Klängen jenes spezifische introspektive Gefühl, das sich am ehesten während eines Sonnenaufgangs um halb 6 Uhr Sonntagmorgens einstellt, gekonnt ein. Die anfangs erwähnten Emotionen schlagen sich in den Tracks von Sven Strohschnieder, so der bürgerliche Name des Produzenten aus Oldenburg, in einer Weise nieder, die sich der Melancholie annähert, ohne jedoch in die latent drohende Wehleidigkeit etwa eines James Blake abzudriften. Anstatt dass der Nachtschwärmer darüber grübelt, wie er das Mädchen schon wieder nicht geküsst hat, genießt er den Sonnenaufgang an sich und die Wärme, die er bringt. Eine Wärme, die auch Billion Ones Produktionen jederzeit umgibt.

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Video der Woche: Pissed Jeans – Boring Girls

Wo steht eigentlich geschrieben, dass der zu einem Video passende Song unbedingt neu oder zumindest halbwegs aktuell sein muss? Das werden sich bestimmt auch Pissed Jeans gefragt haben, die mit Boring Girls einen bereits neun Jahre alten Song aus ihrem 2005 erschienenen Debüt Shallow auskoppeln. Ok, zugegebenermaßen ist das Erscheinen des Videos angesichts der kürzlich geschehenen Neuveröffentlichung des Debüts nicht so mysteriös, wie es zunächst scheinen mag, dennoch ist es wahrlich kein typischer Vorgang.

Aber auch das Video ist – zumindest das ist für Pissed Jeans typisch – natürlich sehr verschroben. Wie auch schon beim Video-Vorgänger Bathroom Laughter werden TV-Stereotypen persifliert. Nach den Teleshopping Sendungen sind dieses Mal die Sitcoms an der Reihe und wir sehen einen Otto Normal, gespielt von Clay Tatum, wie er von seiner Traumfrau, nun ja, träumt und sie datet. Das ganze läuft natürlich schief. Und woran liegt’s? Selbstverständlich am Gebissschutz! Versteht sich ja von selbst.

Blog für Musik & Senf