Video der Woche: Joywave – Somebody New

Es liest sich wahrscheinlich noch schlimmer als es sich anfühlt, diese Worte zu schreiben; gerade im Zusammenhang mit der kürzlich in die Hose gegangenen neuen Fanta-Werbekampagne. Aber: In der guten, alten Zeit gab es sie noch, die wunderbar überzogenen Tony Hawk’s Skateboarding Spiele. In denen konnte der Spieler auch die komplexesten, wenn nicht sogar unmöglichsten Moves normal per Knopfdruck ausführen. Im Ausnahmefall, wie bei einer Kollision, kam es dann aber doch manchmal zum Sturz. Bei aller Realitätsfremde hatten die Spiele allerdings manchmal Probleme, den Sturz akkurat darzustellen, sodass die Spielfigur letztlich nur wie ein Aal über die Mattscheibe zitterte.

Auch Joywave werden dieser Zeit zumindest ein bisschen hinterher trauern. Anders lässt es sich nicht erklären, dass sich ihr neues Video zu Somebody New wie eine Hommage an die Spielreihe und vor allen Dingen ihre Stürze sieht. Was nämlich als zugegeben cooles, aber doch recht gewöhnliches Gruppen-Skate-Video startet, entwickelt sich Frame für Frame zu einer wilden CGI-Schlacht mit einigen wunderbar abstrusen Stürzen und Glitches. Der Song Somebody New ist dabei zwar leider nicht ganz so abgefahren sondern bleibt eher in den rein “coolen” Gefilden hängen, lässt sich aber durchaus zum Video hören, ohne dass man selbst zu zittern beginnt.

Review: Archive – Restriction

Archive - Restriction

Wie die meisten von uns verbrachten Archive die ersten zwanzig Jahre ihrer Existenz mit Identitäts- und Selbstfindung. Der Weg, den sie in dieser Zeit zurückgelegt haben, entbehrt nicht manchen Sackgassen, Schlingern und scharfen stilistischen Kurven. Begann der Kern der Gruppe, bestehend aus den ständigen Mitgliedern Darius Keeler und Danny Griffiths, diesen mit ihrem Debut Londinium noch in den Gefilden gefälligen Trip Hops, zerstritten sich ihre Vokalisten während der Aufnahmen dermaßen, dass man doch lieber eine anständige Rockband mit richtigem Frontmann sein wollte. Diverse Sängerwechsel, geplatzte Majordeals sowie eine Reihe von künstlerischen und kommerziellen Achtungserfolgen später, fand man Mitte der 2000er schließlich die Identität als Kollektiv mit wechselnden Mitgliedern, Gästen und Langzeitkollaborateuren statt einer konventionellen frontbemannten Band. Ein Schritt weg von klassischen Strukturen, der auf den nachfolgenden Alben hörbar kreative Kräfte freisetzte. Auf diese Weise etablierte sich die Band, die strenggenommen keine ist, verdientermaßen als gängiger Geheimtipp der kontinentaleuropäischen Indie-Feinschmeckergemeinde.

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Review: José González – Vestiges & Claws

José González - Vestiges & Claws

Spätestens dann, wenn der schwedisch verschlafene Traumtänzer José González in einem Interview behauptet, mit seiner dritten Platte Punk machen zu wollen, bedarf es aber einer deftigen Erklärung. Seit seinem letzten Solo-Album In Our Nature sind schließlich auch schon wieder knapp acht Jahre verstrichen. Acht Jahre, in denen sich eine persönliche Neigung und folglich eine künstlerische Ausdrucksweise zwar bedeutsam verändern kann – aber Punk? Obwohl bekannt ist, dass sich González bereits in seiner Jugend für diverse Punk- und Hardcore-Bands den Bass um den Bauch schnallte, möchte das (wenn auch klischeehafte) Bild des argentinischen Schweden in karierten Hosen, dekoriert mit Iro und einer Sicherheitsnadel in der Lippe, partout nicht funktionieren. Außerdem schmeichelten doch auch die beiden wunderbaren Alben Fields und Junip, die er in der Zwischenzeit mit seinem reaktivierten Band-Projekt Junip veröffentlicht hat, den Ohren mit einer wohltuenden Weichspülung, die im Folk-Pop bis Psychedelic-Rock anzusiedeln ist.

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Review: Father John Misty – I Love You, Honeybear

father john misty i love you honeybear

Gehört Humor in die Musik? Seit der musikalische Hexenmeister Frank Zappa mit seinem ‘86er Live-Album diese recht simple Frage in den Raum warf, scheint sie unbeantwortet geblieben zu sein; viele Musiker halten ihren Sinn für das Gewitzte außerhalb von aufschlussreichen Interviews öfters hinterm Berg –es sei denn, sie sind wirklich nicht humorbegabt-, während ausschließlich humorbelastete Musik wie zum Beispiel der Katalog von Weird Al Yankovic eher den Status von musikalisch umgesetzter Comedy als den von musikalisch relevantem Material mit humoristischem Biss besitzt. Bei Musik scheint es also nicht anders als bei Menschen zu sein; Humor, Tristesse, Elan, Ernst etc. sind nicht die Extreme, in deren Richtung der Geigerzähler der Persönlichkeit ausschwenken soll, sondern vielmehr die einzelnen Komponenten, deren Zusammenspiel einen gesunden Geist ergibt. J. Tillman, besser bekannt als Father John Misty und noch besser bekannt als der Ex-Drummer der zurzeit beim Feuilleton erfolgreichsten Folk-Formation Fleet Foxes, hat eben diesen gesunden Geist auf eines der allgegenwärtigen Themen des Lebens kanalisiert, und zwar die Liebe.

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Video der Woche: Hot Chip – Huarache Lights

Ein bei Tages- bwz. normalem Deckenlicht trister Raum aus kaltem Beton mit einigen Lampen wandelt sich zu einer funkelnden Discokugel, sobald die Musik einsetzt: Eine überaus treffende visuelle Analogie zum Effekt eines Hot Chip-Songs auf dem Dancefloor eines Indieclubs. Akademisch gesprochen gehen Hot Chip mit ihrem Video zu ihrer neuesten Single Huarache Lights aus dem kommenden Album Why Make Sense? von einer narrativen Abstraktion epischer Dancetracks wie in der visuellen Untermalung von Night and Day zurück zum Formalismus etwa des Videos zu Over and Over, das Visuelle entspricht ohne große Verfälschung dem Inhalt, ergo: Es wird wieder Party gemacht.

Eine Flut von Farben ergießt sich über Augen und Ohren des Betrachters und Hörers und erinnern daran, dass Hot Chip unsere Jungs sind, wenn es um die Sicherung der Popfront geht. Verspielt wie eh und je, zugleich durchdacht und wohldosiert abgeschmeckt mit Zutaten aus dem großen Lexikon der Tanzmusik , wie den “Baby!”-Anrufungen im Hintergrund, fordern sie dazu auf, die guten Gamaschen abzustauben und Baby zu sagen, dass es heute eher nichts wird mit dem gemütlichen Filmabend. Ein Hauch Tuckigkeit gehört zu einer Hot Chip-Party, Drogen können, müssen aber nicht, denn das Wichtigste sind sowieso all die bunten Lichter. Die Lichtinstallation des Künstlers Robert Bell, welche für das Video verwendet wurde, erinnert daran, dass man sich dieser Band auf alle möglichen Arten nähern kann und sollte, nur auf eine nicht: Die Akademische.

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